September  1908.  323

eigenen  Worten.  Sie  nimmt  Bezug  auf  die  Bemerkung  des  anonymen
Schreibers,  daß  ein  unbesonnener  Chauvinismus  England  nichts  nützen
würde.  „In  dem  ganzen  Lügengewebe  und  Chaos  von  Blödsinn  das  einzige
Richtige.“

Aber  auch  ein  deutscher  Kanzler  ist  nur  ein  Mensch  und  will  schließlich
wie  die  Schraube  im  Sprichwort  sich  ausdrehen.  Ouousque  tandem.
o  Catilina!

So  hatte  auch  Fürst  Bülow  genug  von  der  „Quarterly  Review“  und
seinen  eigenen  125  Bemerkungen,  auch  von  dem  ganzen  Gegeustand  der
Beziehungen  zwischen  Eugland  und  Deutschland.  Ein  hübsches  lustiges
Zwinkern  leuchtete  in  seinen  Augen,  als  er  ein  großes  Album  von  Photographien
  seines  neulich  erworbenen  Wohnsitzes  in  Rom,  der  Villa  Malta,
aufschlug,  und  er  sagte:  „Sehen  Sie  da  meine  Villa,  Sie  müssen  uns  dort
besuchen,  wenn  ich  mich  von  den  Geschäften  zurückgezogen  habe“.  —

Meine  persönliche  Bekanntschaft  mit  dem  Fürsten  Bülow  dauert  jetzt  über
10  Jahre.  Sic  war  eine  Erbschaft,  die  ich  vom  Fürsten  Bismarck  übernahm,
und  hat  mir  verschiedene  vertrauliche  Mitteilungen  gegeben,  über  Gegenstände
von  großer  Bedeutung  —  manche  davon  zu  Zeiten  einer  akuten  Krisis.
Wenn  ich  das  alles  überdenke,  so  komme  ich  allmählich,  aber  unwiderstehlich
zu  dem  Schlusse,  daß  die  Außenwelt  seltsam  die  starke  Hand  unterschätzt
hat,  die  hier  unter  einem  sehr  weichen  Samthaudschuh  verborgen  ist.

Die  Stellung  des  deutschen  Kanzlers  ist  eine  schwierige  auch  im  besten
Falle,  auch  wenn  man  seine  sekundären  Funktionen  als  Präsident  des
Bundesrats  und  preußischer  Premierminister  nicht  in  Rechnung  zieht.
Wennman  ihn  an  seinem  Schreibtisch  sitzen  sieht,  mit  mehreren  feingespitzten
Bleistiften  neben  sich,  mit  zierlichen  Häuschen  glatten  weißen  Notizpapiers
und  Kuverts  von  verschiedener  Größe,  sorgfältig  daneben  angeordnet  auf
einem  kleinen  Taburett,  aber  sonst  ohne  ein  Stück  oder  Spur  von  Papier,
Manuskripten  oder  Briefen  in  dem  ganzen  Zimmer,  so  hat  man  einen
Eindruck  von  der  außerordentlichen  Ordnung  und  Selbstkontrolle  und
schließlich  die  Überzeugung,  daß  nur  ein  Mann  mit  dem  feinsten  Gleichgewicht
  der  Nerven,  einer,  der  mit  Erfolg  das  Horazische  „compesce  mentem
durch  sein  Leben  hindurch  erprobt  hat,  den  Aufgaben  gewachsen  sein  kann,
die  täglich  vor  ihn  treten.

Wenn  ich  zum  Schluß  wage,  eine  Zusammenfassung  zu  geben  über
das,  was  meiner  Meinung  nach  des  Kanzlers  deutliche  Ansicht  über  die
Hauptfragen  des  Augenblicks  ist,  so  würde  es  das  folgende  sein.  Wenn  die
von  der  „Quarterly  Review“  vorgebrachten  Argumente  eine  Furcht  vor
Deutschland  rechtfertigen,  dann  müßte  jedes  Land  der  Welt  in  fortwährender

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