324  L.  S.  Whitman.

Furcht  vor  seinen  Nachbarn  leben,  vor  England  nicht  weniger  als  vor
anderen,  besonders  angesichts  der  früheren  englischen  Geschichte.  In  solchem
Falle  gäbe  es  für  niemanden  Sicherheit  außer  für  den  Troglodyten.  Der
Schwächere  würde  in  der  Hand  des  Starken  sein  und  der  Starke  wieder  in  der
Hand  einer  Kombination  der  Schwächeren.  Die  Tage  des  Faustrechts  aus
dem  Mittelalter  wären  wieder  gekommen.  Aber  Fürst  Bülow  hat  eine
andere  Theorie  von  den  politischen  Dingen,  bei  der  ich  verweilen  moöchte,
weil  sie  wenigstens  etwas  mit  den  Besorgnissen  in  bezug  auf  Deutschland
aufräumt,  die  in  diesem  Artikel  zum  Ausdruck  kommen.  Er  meint,  daß
der  herrschende  Einfluß  in  der  Welt  weder  englisch  noch  deutsch  ist,  viel
weniger  der  einer  einzelnen  Person  in  einem  dieser  Länder,  sondern  das
Gewissen  der  Welt,  das  oft,  aber  nicht  immer  korrekt  in  der  öffentlichen
Meinung  ausgedrückt  ist.  Vor  diesem  höchsten  Einfluß  schämt  sich  Fürst
Bülow  so  wenig  wic  sein  großer  Vorgänger  sich  zu  beugen  und  ihm
zu  huldigen.  Bismarck  hatte  das  im  Sinn,  als  er  sagte,  die  Deutschen
fürchteten  nur  Gott,  den  großen  unbekannten  Weltgeist  1),  die  Manifestation
des  Göttlichen,  die  hinter  jedem  Throne  steht  und  der  eben  gestern  ein
autokratischer  Sultan  hastig  huldigte.

Während  meines  Aufenthaltes  in  Norderney  gewann  ich  den  Eindruck,
daß,  sollten  andere  Nationen  dreister  sein  als  Deutschland  und  Lust  haben,
das  Gefühl  der  Welt  für  gut  und  böse  herauszufordern,  daß  dann  Deutschland
vor  dem  Gottesurteil  nicht  zurückschrecken  würde,  trotz  der  Gewißheit,  daß
seine  Flotte  dabei  vernichtet  werden  würde.  Selbst  solch  eine  Katastrophe
wäre  an  Größe  nicht  zu  vergleichen  mit  dem  Unglück,  das  Deutschland  in
cinem  einzigen  Feldzuge  gegen  den  ersten  Napoleon  erlitt  und  demgegenüber
es  sich  schließlich  doch  triumphierend  erhob,  denn  wie  Fürst  Bülow  nachdrücklich
  darüber  zu  mir  sagte:  „Deutschland  hat  sich  immer  im  Unglück
größer  gezeigt  als  im  Glück.“  Der  Verlust  seiner  Flotte  würde  es  nicht
notwendigerweise  der  Eigenschaften  berauben,  die  es  in  den  Stand  gesetzt
haben,  sie  zu  bauen,  und  würde  Deutschland  noch  unvergleichlich  mächtiger
dastehen  lassen,  als  es  je  in  der  Neuzeit  seit  1871  gewesen  ist.  Sollte  ihm
aber  eine  so  schreckliche  Alternative  erspart  bleiben,  so  hat  man  Grund
anzunehmen,  daß  die  deutsche  Regierung  eine  baldige  Gelegenheit  ergreifen
wird,  um  der  Welt  weithin  darzutun,  daß  Deutschland  keine  kriegerischen
Absichten  hat,  vor  allem  nicht  gegen  Großbritannien,  sondern  daß  es  nach
allen  Seiten  zu  Ausgleich  und  Versöhnung  geneigt  ist.  Diese  glückliche
Gemütsstimmung,  die  wahrscheinlich  bald  in  unmißverständlicher  Art

1)  S.  Whitman  braucht  das  deutsche  Wort.