September  1908.  325

bewiesen  werden  wird,  kann  aber  nur  praktisch  werden  ohne  Schaden  für
seine  Würde  als  Großmacht.  Das  bedentet:  wenn  das  gegenwärtige  Flottenprogramm,
  das  unbedingt,  weil  gesetzlich  festgelegt,  durchgeführt  werden
muß,  vollständig  ausgeführt  ist,  also  im  Jahr  1913.  Das  ist  auch  schon  in
den  offiziellen  Kreisen  Englands  wohl  bekannt  oder  sollte  es  wenigstens  sein.

In  der  Antwort  auf  meine  Frage,  wic  die  Dinge  in  Marokko  gingen,
versicherte  der  Kanzler,  daß  kein  Grund  wäre,  anzunehmen,  als  würde
Frankreich  nicht  loyal  die  in  Algeciras  übernommenen  Verpflichtungen
erfüllen,  und  dies,  obwohl  in  bestimmten  französischen  Kreisen  ein  leichtes
Mißverständnis  gegenüber  den  deutschen  Absichten  zu  herrschen  scheint.
Vor  einigen  Jahren  traute  die  öffentliche  Meinung  Frankreichs  Deutschland
  kriegerische  Absichten  zu,  was  seitdem  als  grundlos  erkannt  worden  ist.
Neulich  dagegen  überwog  anscheinend  die  extrem  entgegengesetzte  Anschaunng
  an  manchen  Stellen,  daß  die  Deutschen  nämlich  seien,  wie  die
Franzosen  sagen,  „Pazifizisten“,  oder  Leute,  die  für  Frieden  um  jeden
Preis  sind.  Diese  Ansicht,  abgesehen  davon,  daß  sie  irrig  ist,  schließt  gewisse
Gefahren  ein,  zu  deren  Beleuchtung  der  Kanzler  folgende  historische
Reminiszenz  erzählte:  Bekanntlich  erlitt,  aus  Mangel  an  Entschlossenheit
seiner  Minister,  König  Friedrich  Wilhelm  IV.,  dieser  sonst  so  hochbegabte
  Monarch,  eine  grausame  Demütigung  vor  den  Berliner  Insurgenten
in  der  Revolution  von  1848.  Der  Pöbel  brachte  die  Leichen  seiner  auf  den
Barrikaden  gefallenen  Kameraden  vor  das  Tor  des  Schlosses  und  zwang
den  König,  sie  zu  grüßen.  Schwer  gedrückt  von  dieser  Demütigung,  zu  der
er  gezwungen  worden  war,  giug  der  König  ein  paar  Tage  später  nach
Potsdam  und  versammelte  eine  Anzahl  der  Offiziere  der  Garnison  um  sich.
Er  war  dabei,  ihnen  die  Sache  auseinanderzusetzen,  als  sie  mit  den  Säbelscheiden
  so  heftig  auf  den  Boden  stießen,  daß  man  seine  Stimme  nicht
hören  konnte.  Diese  neue  Beleidigung  regte  den  König  so  auf,  daß  er  in
Tränen  ausbrach.  Man  sagt  sogar,  die  Geisteskrankheit,  der  er  schließlich
erlag,  nahm  erst  seit  dieser  Gelegenheit  eine  schwerere  Gestalt  au.

Fürst  Bülow  gab  mir  zu  verstehen,  daß  diese  Geschichte  eine  gute
Illustration  gewähre  für  die  großen  Pflichten,  die  der  Stellung  eines
Monarchen  anhaften  und  denen  er  sich  nicht  entzichen  kann.  Was  auch  seine
persönlichen  Neigungen  sein  mögen,  er  dürfe  niemals  seine  Würdo  bloßstellen
lassen,  nicht  durch  innere,  geschweige  denn  äußere  Einflüsse,  besonders  wenn.
letztere  die  Ehre  der  Nation  vor  der  ganzen  Welt  berühren.  Der  Fürst
bemerkte,  daß  manche  Leute  zu  denfen  scheinen,  sie  könnten  in  Deutschland
Dinge  tun,  die  unter  aualogen  Umständen  in  anderen  Ländern  schwer
empfunden  werden  würden.  Der  Kanzler  bezog  sich  hier  auf  einen  Artikel