326  L.  Z.  Whitman.

aus  dem  Juliheft  der  „Contemporary  Review“,  der  zugleich  auch  in  einer
Pariser  Zeitschrift  erschienen  war,  von  dem  polnischen  Parlamentarier
von  Koscielski.  Der  Fürst  bezeichnete  es  als  ungeheuerlich,  daß  ein  Mitglied
des  preußischen  Herrenhauses  und  deutschen  Reichstages  es  über  sich  brächte,
in  einer  Zeitschrift  des  Auslandes  seine  Beschwerden  gegen  die  Regierung
seines  eigenen  Landes  auszusprechen,  und  dazu  in  schädlichen  irrigen  Dar—
legungen,  von  denen  der  Artikel  wimmele.  Er  meinte,  es  wäre  unmöglich,
sich  einen  englischen  oder  französischen  Parteiführer  vorzustellen,  der  so
handelte.  Aber  über  deutsche  innere  Angelegenheiten  zu  reden  und  zu
handeln  nach  eigenem  freien  Belieben,  hielte  man  für  jedem  Außenseiter
erlaubt.

Deutschland  wünschte  nur,  in  Ruhe  gelassen  zu  werden  und  in  der
Sorge  für  seine  eigenen  Sachen  sein  Heil  zu  suchen,  wobei  es  natürlich
eine  nicht  überschreitbare  Grenze  gibt,  nämlich  die  nationale  Ehre.  Wenn
irgend  eine  Gefahr  drohe,  so  würde  sie  nicht  aus  dem  Wunsch  Deutschlands,
den  Frieden  zu  brechen,  entstehen,  sondern  aus  dem  Glauben,  es  existiere
ein  abgemachter  Plan,  es  in  Schranken  zu  halten  und  zu  demütigen.  Der
Gedanke,  die  deutsche  Regierung  verantwortlich  zu  machen  für  die  deutsche
Zeitungskritik  an  fremden  Angelegenheiten  —  als  wenn  die  deutsche  Presse
von  Berlin  aus  kontrolliert  würde  —,  ist  lächerlich  und  als  solcher  unendlich
oft  bezeichnet  worden.  Kaum  irgendwo  gibt  es  weniger  Zentralisation
und  Kontrolle  im  Zeitungswesen  als  in  Deutschland.  Das  ist  klar  erwiesen
durch  die  fortwährenden  Preßangriffe  auf  die  Regierung,  die  nicht  einmal
vor  dem  Angriff  auf  den  deutschen  Kaiser  haltmachen.

Bei  Erwähnung  der  Frage  der  englischen  Tarifreform  und  wie  sie
Deutschland  berühren  würde,  sagte  Fürst  Bülow,  er  wolle  nicht  mißverstanden
  sein,  wenn  er  einen  solchen  Gegenstand  berühre.  Seine  Ansichten
darüber  seien  rein  akademisch,  ja  platonisch,  da  er  meine,  die  englische  Tarifund
  Handelspolitik  gingen  allein  Eugland  an.  Aber  er  müsse  doch  sagen,
daß  er  die  Chamberlainsche  Idee  des  Reichsbundes  verstehen  könne.  Aber
in  Ubereinstimmung  mit  vielen  Engländern  könne  er  nicht  sehen,  wie  die
Tarifreform,  die  eine  Conditio  sine  qua  non  für  den  Erfolg  jenes  Gedankens
sein  solle,  durchgeführt  werden  könne,  solange  die  englischen  Kolonien
ihren  Zollschutz  gegen  das  Mutterland  richten  können.  Daß  die  Besteuerung
von  Rohmaterial,  besonders  Nahrungsmitteln  gemeint  ist,  hat  Chamberlain
solbst  offen  zugegeben.  Sollte  die  Tarifreform  dann  auch  den  Zoll  auf
fremde  Industrieprodukte  noch  dazu  nehmen,  so  würden  die  Engländer
wohl  bedenken,  daß  das  ihren  Handel  mit  den  Vereinigten  Staaten  wahrscheinlich
  mehr  berühren  würde  als  den  mit  Deutschland.  Denn  die  Ver-