328  L.  S.  Whitman.  —  LI.  Interparlam.  Konferenz.

als  die  im  Amt  befindlichen  und  so  geneigt,  wertvolle  Informationen,
die  sie  sonst  für  sich  behalten  hätten,  von  sich  zu  geben.  Dann  aber  könnte
man  nicht  wissen,  wie  bald  sie  wieder  in  Amt  und  Würden  kommen
würden,  in  welchem  Falle  sie  natürlich  einem  Botschafter  wohlgesinnt
gezeigt  hatte.

Ich  zögerte  noch,  nach  direkter  Information  über  die  vermutliche
Ansicht  des  Kanzlers  über  die  deutsche  Politik  im  nahen  Osten  zu  fragen,
um  so  mehr,  als  er  mir  bei  verschiedenen  früheren  Gelegenheiten  versichert
hatte,  daß  ihre  Absichten  hier  wie  anderswo  hauptsächlich  darauf  gingen,
dem  deutschen  Handel  ein  weites  Feld  zu  eröffnen.  Die  sensationelle  Entwicklung,
  die  in  der  Türkei  von  Tag  zu  Tag  Platz  greift,  bildete  natürlich
einen  Gegenstand  des  Interesses.  Der  Kanzler  sagte,  Deutschland  wünsche
die  Entwicklung  der  Türkei  unter  einer  starken  und  freien  Regierung  mit
einem  erleuchteten  Souverän,  als  der  der  jetzige  Sultan  der  Türkei  wohl
bekannt  wäre.  „Ununsere  Informationen  veranlassen  uns,  zu  glauben,  daß
die  besten  Elemente  der  Türkei  die  neue  Bewegung  begünstigen,  und  ich
bin  für  meine  Person  zu  liberal  gesinnt,  um  es  für  möglich  zu  halten,  daß
man  heute  durch  eine  Autokratie,  gestützt  auf  ein  organisiertes  Spionagesystem,
  regieren  könne.  Ein  angesehener  fremder  Besucher  in  Konstautinopel
  hatte  vor  ein  paar  Monaten  mit  dem  Sultan  eine  Unterhaltung,
in  der  Se.  Majestät  klar  die  Bahn  andeutete,  die  er  seitdem  eingehalten  hat.
Er  sagte  zu  seinem  Besucher,  daß  er  weit  davon  entfernt,  grundsätzlicher
Gegner  eines  repräsentativen  Regimes  zu  sein,  er  sich  vielmehr  überzeugt
habe,  daß  unter  einer  parlamentarischen  Regierung  es  viel  schwieriger
für  die  Großmächte  sein  würde,  auf  die  Türkei  einen  Druck  auszuüben,
als  es  bisher  der  Fall  war“.  Der  Sultan  hatte  sicherlich  einige  frische  Beispiele
  im  Sinn,  da  er  gezwungen  gewesen  war,  Forderungen  nachzugeben,
die  er  nur  für  ungerecht  halten  konnte.

Der  Kanzler  versicherte  mir,  es  sei  nicht  wahr,  wie  es  in  der  Presse
behauptet  worden  sei,  daß  Deutschland  vom  Sultan  bei  seinem  letzten  Vorgehen
  um  Rat  gefragt  worden  sei.  Aber  der  Ausdruck  freundschaftlicher
Sympathie  für  den  so  glücklich  und  ohne  Blutvergießen  durchgeführten
Umschwung  sei  seitens  der  deutschen  Regierung  nicht  vorenthalten
worden.