September  1908.  329

LI.  Interparlamentarische  Konterenz.

Am  17.  September  1908  hielt  die  Interparlamentarische  Union  im  Deutschen  Reichstag
ihrc  15.  Jahresversammlung  ab.  Die  Union  will  durch  Schaffung  von  persönlichen  Beziechungen
  zwischen  den  Parlamentariern  der  Kulturländer  dazu  beitragen,  die  Friedensbestrebungen
  zu  verwirklichen.  Nach  der  einleitenden  Ansprache  des  Prinzen  Schönaich-Carolath
  hielt  der  Rcichskanzler  —  wegen  des  internationalen  Charakters  der  Versammlung
  und  nach  den  Vorgängen  in  anderen  Hauptstädten  in  französischer  Sprache  —
folgende  hier  in  deutscher  Ubersetzung  wiedergegebene  Rede  im:

Meine  Herren!  Im  Namen  der  Kaiserlichen  Regierung  habe  ich  die
Ehre,  Sie  willkommen  zu  heißen.  Sie  werden,  meine  Herren,  in  Deutschland
  die  Sympathien  finden,  die  Sie  zu  erwarten  berechtigt  sind.  Die
interparlamentarische  Vereinigung  tagt  zum  ersten  Male  auf  deutschem
Boden,  aber  Sie  sind  bei  uns  nicht  unbekannt.  Mit  der  zivilisierten  Welt
weiß  Deutschland  die  Dienste  zu  würdigen,  die  Sie  einer  edlen  Sache  leisten.
Indem  ich  meinen  Blick  auf  diese  glänzende  Versammlung  richte,  sehe
ich  in  ihr  alle  Altersstufen  vertreten,  und  das  erscheint  mir  natürlich,  denn
in  Ihrem  Wirken  vereinigen  Sie  den  Schwung  der  Jugend  mit  der  Erfahrung
  des  gereiften  Alters.  So  kämpfen  Sie  gegen  die  Zweifel  und  die
Schwierigkeiten,  die  sich  jedem  schönen  Werke  entgegenstellen.  So  haben
Sie  mehr  erreicht,  als  anfänglich  angenommen  wurde.  Von  ausgezeichneten
  Männern  geleitet  —  ich  will  nur  Ihren  Senior  neunen,  Herrn  Frederic
Passy,  den  wir  zu  unserer  Freude  unter  uns  sehen,  Herrn  Passy,  den  ich
mich  erinnerc,  vor  etwa  dreißig  Jahren  in  Paris  gesehen  zu  haben,  und
den  wir  alle  so  hochherzig,  feurig  und  jung  wie  in  der  Vergangenheit  hier
wiederfinden  —  haben  Sie  ihre  Aufgabe  verfolgt,  Bürgschaften  für  den
Frieden  und  die  Eintracht  unter  den  Völkern  zu  erlangen.  Eine  schwierige
Aufgabe,  eine  mühselige  Aufgabe,  denn  manche  Leidenschaften  und  Vorurteile
  stellen  sich  ihr  entgegen,  aber  auch  eine  wohltätige  Aufgabe.  Ich
kann  es  ohne  Ubertreibung  sagen:  Von  Jahr  zu  Jahr  hat  Ihr  Erfolg  zugenommen.
  Sie  sind  Abgeordnete,  meine  Herren,  und  ich  bin  Minister,  ein
Minister,  der  sich  seit  elf  Jahren  in  diesem  Saal  oft  an  die  Vertreter  seines
Landes  gewendet  hat.  Wenn  ich  auch  kein  parlamentarischer  Minister
in  des  Wortes  verwegenster  Bedeutung  bin,  so  bin  ich  doch  ein  streng
und  ehrlich  konstitutioneller  Reichskanzler.  Jch
hoffe  sehr,  daß  Ihre  deutschen  Kollegen  mir  nicht  widersprechen  werden.
Als  konstitutioneller  Minister  weiß  ich,  daß  Sie,  als  Volksvertreter,  die
Gefühle  Ihrer  Mitbürger  ausdrücken.  Was  man  auch  sagen  mag,  deren
Wünsche  sind  der  Mehrzahl  nach  der  Eintracht,  dem  Fortschritt  und  dem

1)  Berliner  Lokalanzeiger  17.  September  1908.