334  LII.  Pressekongreß.  —  LIII.  Rede  in  der  Walhalla.

es  500  oder  5000  Leser.  Der  Angegriffene  verfaßte  seine  Gegenschrift,
die  ebenso  viele  Leser  fand,  womöglich  dieselben,  und  die  Sache  war  aus—
gestanden.  So  war  es  noch  in  der  Zeit  der  holländischen  Pamphlete,  über
die  Ludwig  XIV.  sich  ärgerte,  und  der  Gazetten,  die  Friedrich  der  Große
nicht  genieren  wollte.  Wenn  aber  heute  ein  Blatt  einem  Mann  der  Offent—
lichkeit  etwas  anhängt,  so  läuft  das  weiter,  wie  der  elektrische  Funke  längs
dem  Telegraphendraht,  und  ehe  der  betroffene  die  Zeit  findet,  die  Sache
gründlich  richtigzustellen,  hat  sich  die  Vorstellung  in  den  Köpfen  von
hunderttausend,  ja  Millionen,  festgesetzt,  sie  ist  oft  unausrottbar  geworden.
—  Ich  will  Ihnen  ein  Beispiel  nennen,  ein  ganz  unschuldiges  Beispiel.
Ich  bin  überzeugt,  daß  es  wirklich  Leute  gibt,  die  glauben,  daß  ich  mich  auf
meine  Reden  vorbereite  mit  dem  Büchmann  in  der  Hand.
(Heiterkeit.)

Derharmlose  Scherz  eines  Journalisten,  noch  dazu  eines  mir  befreundeten
Journalisten,  —  on  n'est  trahi  que  par  les  siens  —  brachte  die  Vorstellung
in  Umlauf  und  nun  sitzt  sie  fest.  In  Wirklichkeit  habe  ich  den  Büchmann,  der
übrigens  ein  gutes  Buch  ist,  ein  mit  Liebe  zusammengestelltes  Buch,  erst  vor
wenigen  Jahren  in  die  Hand  bekommen,  als  es  mir  ein  leider  seither  verstorbener
  Parlamentarier  zum  Geschenk  machte,  als  Aprilscherz.  Zitiert
habe  ich  immer.  Ich  erinnere  mich,  schon  als  Sekundaner,  auf  dem  Gymnasium
  Carolinum  in  Neustrelitz,  wurde  ich  von  dem  würdigen  Rektor
Schmidt  ermahnt,  nicht  soviel  zu  zitieren.  Aber  ich  habe  immer  aus  dem
Gedächtnis  zitiert.  Das  ist  ein  ganz  unschuldiges  Beispiel.  Ich  freuc  mich
immer,  wenn  ich  mich  in  den  Witzblättern  abgebildet  finde  mit  dem  Büchmann
  in  der  Hand  und  mit  meinem  braven  Pudel  neben  mir.

Aber  ich  kenne  auch  Beispiele,  wo  gehässige  Vorurteile  genährt,  wo
wirkliche  Verdienste  geschmälert,  wo  Gerade  in  Ungerade  und  Ungerade
in  Gerade  verwandelt  wurde,  wo  Unrecht,  Ungerechtigkeit  und  Unwahrheit
gefördert  wurden  durch  die  Macht  der  Presse.  Jogrößer  diese  Macht  geworden
ist,  um  so  gewissenhafter  mußsie  gehandhabt  werden.  Nun  willich  mal  wieder
zitieren:  Der  Menschheit  Würde  ist  in  Eure  Hand  gegeben,  bewahret  sie!

(Beifall.)

Und,  meine  Herren,  nicht  allein  der  Menschheit  Würde!  Nehmen  Sie
als  politisch  denkende  und  an  Ihrem  Teil  auch  vor  der  Geschichte  verantwortliche
  Männer  ein  ernstes  Wort  von  mir  mit.  Ich  spreche  zu  Journalisten
  aller  Länder,  und  ich  möchte,  daß  meine  Worte  auch  über  Ihren
Kreis  hinaus  gehört  würden:  Ich  glaube,  daß  der  Journalist  Patriot  sein
soll.  Aber  Patriotismus  heißt  nicht  Ungerechtigkeit  gegen  andere.

(Beifall.)