Oktober  1908.  337

Dynastien“  —  das  Vertrauen  in  den  nationalen  Sinn  der  Dynastien,  dem
die  sorgsame  Achtung  ihrer  Rechte  entspricht.  Kein  Kanzler  des  Deutschen
Reichs  wird  sich  hier  jemals  von  den  Bahnen  entfernen  dürfen,  die  Fürst
Bismarck  vorgeschrieben  hat.  Und  mir  persönlich  ist  es  ein  Bedürfnis,
Zeugnis  dafür  abzulegen,  daß  ich  die  Achtung  vor  diesen  Rechten  als  gleich—
bedeutend  betrachte  mit  der  Achtung  vor  den  föderativen  Grundlagen  des
Reiches.  Die  deutschen  Dynastien  und  die  deutschen  Stämme,  durch  gleiche
Vaterlandsliebe  und  gemeinsame  nationale  Gesinnung  in  unlöslicher
Einheit  miteinander  verbunden,  sie  können  doch  sicher  sein,  daß  die
Ansprüche  der  Gesamtheit  niemals  das  Opfer  ihrer  Eigenart  ver—
langen,  mit  deren  Verschwinden  das  Deutsche  Reich  um  ein  wesent—
liches  Gut  verarmen  würde,  jene  Eigenart,  die  sich  erst  recht  zu  entfalten
vermag  im  Schirm  und  Frieden  des  Deutschen  Reichs,  wie  es  der
Dichter  besingt:

Eins  nach  außen,  schwertgewaltig,

Um  ein  hoch  Panier  geschart,

Doch  im  Innern  vielgestaltig,

Jeder  Stamm  nach  seiner  Art.

Meine  Herren,  es  ist  eine  denkwürdige  Stunde,  wo  an  dieser  durch  den
zatriotismus  und  den  Kunstsinn  des  bayerischen  Herrscherhauses  geschaffenen
Stätte  das  Denkmal  des  ersten  Reichskanzlers  eingeweiht  wird.  Und  es
sind  Gefühle  tiefer  Dankbarkeit,  mit  denen  wir  rufen:  Gott  schütze  und
erhalte  das  Haus  Wittelsbach!

Danach  begaben  sich  der  Reichskanzler  und  die  anderen  Ehrengäste  nach  dem  Rat—
haus,  um  einer  Einladung  der  Stadt  Regensburg  zum  Frühstück  in  dem  alten  Kurfürsten—
zimmer  zu  entsprechen.  Oberbürgermeister  Geib  hieß  namens  der  städtischen  Behörden
die  Gäste  und  besonders  den  Reichskanzler  an  historischer  Stätte  herzlich  willkommen.
Der  Reichskanzler  erwiderte  mit  folgender  Ansprache:

Verehrter  Herr  Oberbürgermeister!  Gestatten  Sie  mir,  Ihnen  und
den  anwesenden  Vertretern  und  Bürgern  der  Stadt  Regensburg  meinen
herzlichsten  Dank  zu  sagen  für  Ihre  freundliche  Einladung.  Ich  bin  gerne
nach  Regensburg  gekommen,  und  ich  bedauere  nur,  daß  es  mir  nicht  möglich
ist,  länger  im  Schatten  Ihres  herrlichen  Doms,  in  den  Mauern  Ihrer  Stadt
zu  weilen,  die  bald  zwei  Jahrtausende  an  sich  hat  vorüberziehen  lassen  und
die  so  reich  ist  an  Erinnerungen  aus  unserer  Geschichte  in  guten  und  in
trüben  Zeiten.  Und  ich  bin  gewiß,  Sie  werden  mit  mir  Sr.  Königlichen
Hoheit  dem  Prinzregenten  dankbar  sein,  daß  er  in  gewohnter  und  zartsinniger
  Güte  zu  der  Feier  des  heutigen  Tages  auch  den  Enkel  des  Fürsten
Bismarck  eingeladen  hat.  Kein  Deutscher  kann  ohne  Bewegung  auf  diesen

Hötssch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  22