Januar,  Februar  1909.  343

LX.  Staatsbürgerliche  Erziehung  der  Ingend.

Im  Anschluß  an  einen  Vortrag,  den  Regierungsrat  Dr  Negenborn  in  Düsseldorf
über  die  Notwendigkeit  staatsbürgerlicher  Erziehung  der  deutschen  Jugend  gehalten  hatte,
richtete  Oberbürgermeister  Marx  in  Düsseldorf  im  Auftrage  der  Versammlung  gleichlautende
  Eingaben  an  den  Reichskanzler  und  an  sämtliche  preußischen  Minister.  Vom
Reichskanzler  ging  ihm  darauf  ein  Schreiben  zu,  in  dem  es  hieß  19

Ich  halte  mit  Ihnen  die  Bestrebungen,  die  sich  eine  höhere  politische
Schulung  unseres  Volkes  zum  Ziel  setzen,  für  sehr  bedeutungsvoll.  Denn
ich  glaube,  daß  nichts  mehr  geeignet  ist,  die  Freude  am  Vaterlande  und  die
Bereitwilligkeit,  ihm  Opfer  an  Freiheit,  Gut  und  Blut  zu  bringen,  in  den
Deutschen  wachzuhalten  und  zu  stärken,  als  die  wachsende  Erkenntnis  des
Wesens  und  der  hohen  Aufgaben  des  Staates  und  die  Einsicht,  welche
Wohltaten  ihm  der  einzelne  verdankt.  Ich  habe  eine  Prüfung  der  Frage
veranlaßt,  inwieweit  der  Anregung,  an  Fortbildungs=  und  Fachschulen,
au  mittleren  und  höheren  Schulen  und  an  den  Hochschulen  einen  besonderen
Unterricht  in  Bürgerkunde,  die  ja  schon  in  das  Programm  für  die  Umbildung
des  Schulwesens  aus  dem  Jahre  1889  aufgenommen  war  und  in  Seminaren,
sowie  auch  in  höheren  Knaben=  und  Mädchenschulen  seit  Jahren  im  Rahmen
des  Geschichts=  und  Geographieunterrichts  gelehrt  wird,  einzuführen,  Folge
gegeben  werden  kann.

LXI.  Im  Deutschen  Landwirtschaftsral.

Am  17.  Febrnar  1909  nahm  der  Reichskanzler  wiederum  teil  am  Festessen  des
Deutschen  Landwirtschaftsrats  und  hielt  dabei  folgende  Rede:

Euere  Hoheiten,  meine  Herren!  Alljährlich  einige  festliche  Stunden
mit  den  berufenen  Vertretern  der  deutschen  Landwirtschaft  zu  verleben,
ist  mir  zu  einer  lieben  Gewohnheit  geworden.  Ich  habe  es  schmerzlich  bedauert,
  im  vergangenen  Jahre  wegen  einer  Unpäßlichkeit  hiervon  abweichen
zu  müssen.  Acht  Jahre  sind  verflossen,  seitdem  ich  zum  ersten  Male  als
Reichskanzler  vor  Ihnen  stand.  Eine  ereignisreiche  Zeit,  eine  Zeit,  erfüllt
von  Kampf  und  Sieg,  von  Sturm  und  Sonnenschein  liegt  dazwischen.
Bei  dem  ersten  Vortrage,  den  ich  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  als  Reichskanzler
gehalten  habe,  es  war  in  Homburg  vor  der  Höhe  im  Herbst  1900,  erbat
und  erhielt  ich  die  Allerhöchste  Zustimmung  zu  meinem  wohlerwogenen
laudwirtschaftlichen  Programm:  verstärkter  Schutz,  Erhöhung  und  Bindung

1)  Nordd.  Allg.  Ztg.  14.  Februar  1909.