Februar  1909.  345

schaftsrats  soeben  gespendet  hat,  die  hat  mich  gefreut.  Immer  kann  man
ja  als  leitender  Minister  auch  nicht  den  Beifall  seiner  Freunde  haben.
(Heiterkeit.)
Ich  bin  auch  gar  nicht  empfindlich  gegen  Tadel,  wenn  er  sachlich  und  ernst
vorgebracht  wird.  Als  der  Bundesrat  seine  Vorschläge  zur  Reichsfinanz—
reform  einbrachte,  war  er  sich  wohl  bewußt,  daß  er  auf  allgemeine  Zu—
stimmung  sicher  nicht  zu  rechnen  habe,  daß  einzelne  Projekte  rechts,  einzelne
links  nicht  gefallen  würden.  Aber,  meine  Herren,  wir  sollen  auch  aus  der
Geschichte  lernen.  Große  Reiche  sind  zugrunde  gegangen  an
der  Unfähigkeit,  ihre  Finanzen  zu  ordnen.  Insbesondere
ist  unser  altes  deutsches  Reich,  Graf  Schwerin  hat  soeben
darauf  hingewiesen,  zugrunde  gegangen  an  Uneinigkeit
und  mangelnder  Opferwilligkeit,  die  eine  Ordnung
unseres  Finanzwesens  vereitelten  in  derselben  Zeit,  wo
England  und  Frankreich  sich  zu  geordneten  Finanzen  und
damit  zu  starken  Staatswesen  durchrangen.  Wir  sind
gottlob  noch  in  der  Lage,  aus  der  ganzen  Misere  glatt  und
völlig  herauszukommen,  wenn  wir  nur  wollen,  wenn  wir
uns  so  zusammenfinden,  wie  die  Größe  der  Aufgabe  es
unbedingt  erfordert.
(Zustimmung.)

Von  der  Lösung  der  Finanzreform  hängt  die  Ehre,  die
Wohlfahrt,  die  Macht,  die  Sicherheit  des  Landes  ab.

Graf  Schwerin  hat  mit  Recht  die  Verdienste  unseres  Kaisers  um
die  Erhaltung  des  Friedens  hervorgehoben.  Mit  voller  Befriedigung
hebe  ich  hier  in  erster  Linie  den  Besuch  des  englischen  Königspaares  hervor,
dessen  würdiger  und  schöner  Verlauf  nicht  nur  bewiesen  hat,  wie  sehr  den
beiden  Herrschern  ein  gutes  Verhältnis  zwischen  ihren  Reichen  am  Herzen
liegt,  sondern  der  auch  den  beiden  Völkern  Gelegenheit  bot  zu  zeigen,  daß
sic  freundliche  und  gute  Beziehungen  zu  einander  zu  unterhalten  wünschen.
Dieser  Besuch  und  ferner  das  Abkommen  mit  der  französischen  Regierung
über  Marofko  1),  für  das  ich  mit  dem  ausgezeichneten  Vertreter  der  französischen
  Republik  an  unserem  Hofe,  Herrn  Cambon,  eine  wie  ich  glaube,
für  beide  Teile  ehrenhafte  und  praktische  Form  gefunden  habe,  haben  im
Westen  den  Horizont  geklärt.  Wir  haben  Grund  zu  der  Annahme,  daß  es
der  friedlichen  Gesinnung  und  den  friedlichen  Bemühungen  aller  Mächte
gelingen  wird,  auch  im  Osten  die  Wolken  zu  zerstreuen.  Aber  um  den

1)  S.  oben  die  Rede  vom  29.  März  1909,  S.  181ff.