350  LXIV.  Die  Bülows  in  der  Geschichte.  —  LXV.  LXVI.  Reichsfinanzreform.

An  Homers  Wort  anknüpfend,  der  als  das  Bleibende  in  der  Familie  deren  charakteristische
Eigenschaften  bezeichnete,  schilderte  er,  wie  nicht  wenige  Bülows  Arbeitsfreudigkeit,
Leistungsfähigkeit  und  tüchtiges  Vorwärtsstreben  betätigten,  seit  sie  im  12.  Jahrhundert
dort,  wo  das  Kloster  Rehna  stand,  wo  Meckleuburg,  Lübeck  und  Holstein  ancinandergrenzen,
aus  dem  Dunkel  der  Vergangenheit  ins  Licht  der  Geschichte  traten.

Diesen  Eigenschaften  verdanken  wir  es,  daß  manche  Mitglieder
unserer  Familie  sich  einen  Namen  gemacht  haben.  Als  ich  ein  junger
Mensch  war  —  ich  weiß  nicht  mehr,  war  es  in  Bonn,  wo  ich  als
Leutnant  stand,  oder  in  Metz,  wo  ich  als  Referendar  tätig  war  —,  legte
ich  mir  ein  Verzeichnis  aller  Bülows  an,  die  sich  in  den  700  Jahren
hervorgetan  hatten.  Unter  diesen  bewunderte  ich  namentlich  zwei,  den
Sieger  von  Dennewitz  und  den  großen  Künstler  Hans  von  Bülow.  Schließlich
  bin  ich  weder  Stratege  noch  Musiker,  sondern  Minister  geworden  und
muß  mich  dahineinfinden.  Ich  kann  aber  nur  jedem  jungen  Bülow  raten,
sich  auch  solch  ein  Verzeichnis  anzulegen  wie  ich  und  dann  zuzusehen,  wie
weit  er  es  bringt.  Die  Eigenschaft  aber,  die  wir,  wie  nusere  Vorfahren,
vor  allem  hochhalten  wollen,  das  ist  die  Treue,  die  Treue  zum  Fürsten
und  die  Treue  zum  Lande,  die  echte  Treue,  die  immer,  und  auch  in
schwierigen  Verhältnissen,  das  wahre  Wohl  des  Fürsten  und
des  Landes  vor  Augen  hat.

LXV.  Reichsfinanzreform.
In  einem  Gespräche  darüber  sagte  Fürst  Bülow  #):

Es  sei  gänzlich  gleichgültig,  ob  die  Position  des  Kanzlers  durch  Zustandekommen
  oder  Fallen  der  Finanzreform  gestärkt  oder  erschwert  werde.
Er  (der  Kanzler)  könne  in  jedem  Falle  ohne  die  Reichsgeschäfte  bequemer
und  angenehmer  leben,  wenn  er  das  wollte.  Seine  Person  und  seine  Wünsche
spielten  aber  nicht  die  geringste  Rolle,  an  sie  denke  er  nicht.  Es  handle  sich
vielmehr  um  eine  eminent  wichtige  nationale  Sache,  und  es  sei  einfach  seine
Pflicht,  alles  daran  zu  setzen,  für  die  vitalen  Interessen  des  Landes  die
notwendigen  Mittel  zu  schaffen.  Nicht  um  die  Lage  des  Kanzlers  handle
es  sich,  sondern  um  die  Lage  des  Reiches  nach  Außen  und  im  Innern.  Ein
Fortschritt  sei  darin  zu  sehen,  daß  die  Mehrheitsparteien  es  einsehen,  daß
die  Höhe  der  von  der  Reg  erung  geforderten  Mehreinkünfte  des  Reiches

1)  „Neue  Gesellschaftliche  Korrespondenz“  6.  März  1909.