352  LXVII.  Renvers.  —  LXVIII.  Reichsfinanzreform.

nahme.  Ich  verliere  in  dem  Heimgegangenen  nicht  nur  mit  vielen  anderen
den  großen  Arzt,  dessen  genialer  Scharfblick  nur  von  seiner  Herzensgüte
übertroffen  wurde,  sondern  auch  den  treuesten  Freund,  dem  ich  stets  das
dankbarste  Andenken  bewahren  werde.

LXVIII.  Reichsfinanzreform.

Am  20.  April  1909  empfing  der  Reichskanzler  Abordnungen  aus  Bayhern,  Sachsen,
Württemberg,  Baden,  Thüringen  und  eine  Deputation  des  Bundes  der  Industriellen,
die  sich  zur  Uberreichung  von  Adressen  und  Entschließungen  zugunsten  der  Reichsfinanzreform
  vereinigt  hatten.  Es  sprachen  für  Bayern  Prof.  Dr  v.  Mayr,  für  Sachsen
Prof.  Wuttke,  für  Württemberg  Graf  Linden,  für  Baden  Geheimrat  Engler,  für
Thüringen  Prof.  Anschütz,  für  den  Bund  der  Industriellen  Geh.  Kommerzienrat  Wirth
und  für  die  württembergische  Industrie  Kommerzienrat  Heilner.  Fürst  Bülow
erwiderte  darauf:

Meine  Herren!  Sie  haben  sich  vereinigt,  um  mir  als  dem  obersten
Beamten  des  Reichs  durch  Adressen  und  mündliche  Aussprache  Ihre  Sorge
um  die  Reichsfinanzreform  kund  zu  machen.  Damit  treten  Sie  als  Wortführer
  und  Vertrauensmänner  weiter  Schichten  des  deutschen  Volkes  auf.
Sie  sind  hier  nicht  erschienen  als  Sprecher  bestmmter  Parteien,  weil  Sie
mit  mir  und  allen,  denen  das  Wohl  des  Vaterlandes  am  Herzen  liegt,  die
Reichsfinanzreform  nicht  als  eine  Parteifrage  betrachten.  Sie  wollen
vielmehr  Ihre  Kundgebung  angesehen  wissen  als  eine  Mahnung  an  die
Parteien,  sich  mit  dem  Gedanken  der  nationalen  Notwendigkeit  dieser
Reform  noch  mehr  als  bisher  zu  erfüllen  und  sich  von  der  Einsicht  in  diese
harte  Notwendigkeit  hinwegtragen  zu  lassen  über  Zögerungen,  Bedenken
und  Differenzen.  Ich  sehe  aber  auch  in  Ihrer  Kundgebung  wie  in  den
zahllosen  Kundgebungen  der  letzten  Wochen  eine  Reaktion  des  Volkswillens
gegen  die  Versuche,  den  Bedürfnissen  des  Reichs  und  der  Volksgesamtheit
das  Interesse  bestimmter  Gewerbezweige  —  ich  denke  vor  allem  an  den
Tabakverein  —  entgegenzusetzen,  Versuche,  die  zum  Teil  mit  einem  an
Terrorismus  grenzenden  Druck  geltend  gemacht  worden  sind,  und  gegen
welche,  wic  ich  sehe,  die  von  den  Herren  aus  Bayern  überreichte  Adresse
mit  gebotener  Entschiedenheit  Stellung  nimmt.  Wir  haben  ja  von  allen
Seiten  gehört,  wie  die  Vertreter  dieser  Interessen  die  Offentlichkeit  mit
ihrem  Widerspruch  erfüllen  und  immer  wieder  verlangen,  daß  man  sie,
gerade  sie,  unter  allen  Umständen  schonen  soll,  wo  doch  Aunsprüche  an  die
Opferwilligkeit  des  ganzen  Volkes  gestellt  werden  müssen.  Es  bereitet  mir