April  1909.  353

eine  wahre  Genugtuung,  zu  sehen,  wie  sich  das  öffentliche  Gewissen  dem
Einreißen  solcher  Unsitten  entgegenstemmt,  und  ich  fühle  mich  dadurch
bestärkt  in  meinem  Vertrauen  in  den  guten  Geist  des  deutschen  Volkes,  der
auch  diesmal,  in  dieser  die  Zukunft  unseres  Volkes  so  tief  angehenden  Frage
nicht  vergeblich  angerufen  werden  wird.  Auch  bin  ich  mit  den  Herren  aus
Sachsen  der  festen  Überzeugung,  daß  unser  Volk  aus  der  Misere  der  Ver—
gangenheit  gelernt  hat,  daß  es  die  Kraft  des  Reiches  nicht  wie  in  jenen
alten  Zeiten  gelähmt  wissen  will  durch  die  finanzielle  Ohnmacht,  die  die
Ohnmacht  aller  staatlichen  Betätigung  bedeutet.  Ein  Volk,  das  wie  das
unsere  an  Schaffenskraft  und  Schaffenslust  sich  von  keinem  anderen  über—
treffen  läßt,  kann  auch  vor  schwereren  Opfern  nicht  zurückschrecken,  wenn
es  gilt,  sich  die  Schaffensmöglichkeit  zu  sichern  durch  eine  finanziell  gesicherte
Reichsgewalt.

Mit  Recht  drängen  Sie,  meine  Herren,  auf  eine  rasche  und  gründliche
Erledigung  der  Reichsfinanzreform.  Es  ist  der  einmütige  Wille  der  ver—
bündeten  Regierungen,  die  Lösung  der  Frage  noch  in  dieser  Session  des
Parlaments  herbeizuführen.  Der  Reichstag  wird  nicht  auseinandergehen,
bevor  er  endgültig  zur  Finanzreform  Stellung  genommen  hat.

Wie  soll  die  Reform  sich  im  einzelnen  gestalten?  Die  Herren  aus
Thüringen  halten,  wie  ihre  Adresse  betont,  nach  wie  vor  die  Vorschläge
der  verbündeten  Regierungen  für  eine  im  ganzen  und  großen  geeignete
Grundlage  zur  Verständigung.  Auch  ich,  meine  Herren,  habe  mich  von
dieser  Zuversicht  nicht  abbringen  lassen  und  bin  gerade  durch  den  Gang
der  Erörterungen  im  Reichstage  und  in  der  breiten  Offentlichkeit  mehr
und  mehr  darin  bestärkt  worden.  Gewiß  werden  die  verbündeten  Re—
gierungen  sich  nicht  auf  jedes  Stück  ihrer  Vorlagen  versteifen.  Nachdem
sich  leider  ergeben  hat,  daß  für  die  Besteuerung  von  Gas,  Elektrizität  und
Inseraten  keine  Mehrheit  zu  erlangen  ist,  so  werden  die  verbündeten  Re—
gierungen  diese  Vorlagen  fallen  lassen  müssen.  Für  die  Lücke  muß  Ersatz
geschaffen  werden.  Ich  bin  zwar  heute  noch  nicht  in  der  Lage,  hierüber
bestimmte  Mitteilungen  zu  machen,  ich  habe  aber  dahin  gewirkt,  daß  sich
die  verbündeten  Regierungen  in  den  allernächsten  Tagen  endgültig  über
die  Stellung  schlüssig  machen,  die  sie  zur  Frage  der  Ersatzsteuern  für  die
zweite  Lesung  im  Reichstage  einnehmen  wollen.

An  den  leitenden  Gedanken  und  an  den  Hauptstücken  des  großen
Werks  aber  halten  die  verbündeten  Regierungen  fest.  Man  hat  in  den
letzten  Wochen  vielfach  gehört,  eine  Hauptfrage  bei  der  Finanzreform
bilde  das  Problem,  die  Linke  in  Sachen  der  Branntweinbesteuerung  und
die  Rechte  in  Sachen  der  Erbschaftsabgabe  umzustimmen.  Gewiß  war  es

Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  23