April  1909.  355

sinden.  Aber  auch  nach  reiflichster  Erwägung  kanun  ich
von  der  Auffassung  nicht  abgehen,  daß  die  erweiterte  Erb—
schaftssteuer  ein  Opferau  konservativen  Grundsätzen  nicht
involviert.  Ich  begrüße  es,  daß  große  Teile  der  konservativen  Partei
zu  derselben  Auffassung  gelangt  sind,  und  verweise  dafür  auf  die  Beschlücsse
der  konservativen  Partei  in  Sachsen.  Ich  meine  auch,  daß  die  Stimmen
aus  dem  Mittelstande  bei  der  Rechten  des  Reichstags  nicht  ungehört  verhallen
  sollten.  In  keiner  Weise  aber  vermag  ich  die  Bedenken  zu  teilen,
daß  ein  aus  allgemeinen  Wahlen  hervorgegangenes  Parlament  wie  der
Reichstag  gerade  mit  der  Erbschaftssteuer  Unheil  stiften  könnte.  So  lange
die  Sozialdemokratie  nicht  Bundesrat  und  Reichstag  beherrscht,  so  lange
besteht  nicht  die  Gefahr  konfiskatorischer  Ausbeutung  dieser  Steuer.  Sollten
aber  einmal  die  Sozialdemokraten  die  Geschäfte  in  die  Hand  nehmen  —
in  den  nächsten  Jahrhunderten  wird  man  das  nicht  erleben  —,  so  würden
die  Erbschaften  daran  glauben  müssen,  ob  die  Sozialdemokratie  die
Deszendentenbestenerung  vorfände  oder  nicht.  Mit  dem  Vorwurf  des
Sozialismus  soll  man  uns  also  nicht  kommen.  Vor  dem  brauchen  wir  uns
so  wenig  zu  fürchten,  wie  es  Fürst  Bismarck  tat.

Ich  bleibe  also  der  lberzeugung:

Was  in  den  verschiedensten  Ländern  der  Welt,  was  in  den  Hansestädten
und  in  Elsaß-Lothringen,  in  deutschen  Kantonen  der  Schweiz,  in  Osterreich-Ungarn,
  in  England,  in  Frankreich  in  jahrzehntelanger  Ubung  zu  keinem
Mißstand  und  keiner  Erschütterung  des  Familiensinnes  geführt  hat,  das
wird  auch  in  Deutschland,  wenn  sich  die  Wogen  gelegt  haben,  als  eine
erträgliche  Steuer  angesehen  werden,  und  spätere  Generationen  werden
die  Erregung  unserer  Tage  in  dieser  Hinsicht  kaum  noch  begreifen  können.

Aber  mit  der  Branntwein=  und  der  Erbschaftssteuerfrage  ist  es  nicht
getan.  Daß  das  Bier  uns  100  Millionen  mehr  bringen  muß,  darüber  ist
man  sich  allgemein  einig.  Und  was  den  Tabak  betrifft,  so  wird  es  trotz  aller
Agitation  dabei  bleiben,  daß  alles,  was  der  Tabakverein  in  diesem  Fall
gefehlt  hat,  wieder  gut  gemacht  werden  muß  durch  einen  Gesetzentwurf,
der  dem  sozialen  Charakter  der  Steuervorlagen  Rechnung  trägt,  den  wohlhabenden
  Raucher  höher  belastet  als  den  unbemittelten  und  der  Staatskasse
einen  Ertrag  von  75  bis  80  Millionen  mit  Sicherheit  zuführt.

Ich  brauche  es  kaum  auszusprechen,  daß  ich  auch  mit  Ihrem  Verlangen
bezüglich  der  reinlichen  Scheidung  zwischen  Reichs=  und  Bundesstaatsfinanzen
  durchaus  übereinstimme.  Die  Geschichte  der  Matrikularbeiträge
ist  eines  der  lehrreichsten  Kapitel  unserer  Finanzen.  Was  als  Notbehelf  und
liergangsmaßnahme  geschaffen  war,  hat  sich  im  Laufe  der  Jahre  zu  einer

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