April  1909.  357

Meine  Herren,  als  vor  einem  Jahre  von  diesem  oder  jenem  die  Reichs—
finanzreform  als  eine  große  nationale  Aufgabe  bezeichnet  wurde,  da  haben
Routinc-Politiker  gelächelt  und  erklärt,  es  werde  nie  gelingen,  ein  Steuerprogramm
  populär  zu  machen,  um  so  weniger,  je  mehr  Steuerzahler  von
den  Wirkungen  betroffen  werden  müssen.  Daß  heute  die  Reichsfinanzreform
als  nationale  Aufgabe  nicht  nur  allgemein  anerkannt,  sondern  daß  sie
populär  geworden  ist,  weil  man  erkennt,  daß  in  ihr  eine  Stärkung  des
Staates  nach  innen  und  nach  außen  und  damit  auch  eine  Förderung
unserer  wirtschaftlichen  Kraft  liegt,  ein  Aufstreben  zu  höheren  Zielen,  dafür
sind  Sie  lebendige  Zeugen.  Jeder  Tag  der  Verzögerung  bedeutet  eine
Vermehrung  unserer  Schulden,  einen  Verlust  an  Einnahmen,  eine  Erhöhung
  der  Schwierigkeiten,  eine  Einbuße  an  Reputation.  Die  Arbeit
wird  den  Mitgliedern  des  Reichstages  erleichtert  werden,  wenn  ihnen  aus
den  verschiedensten  Kreisen  der  Bevölkerung  die  Versicherung  entgegenklingt,
  daß  sie  bei  ihrer  Pflichterfüllung  auf  die  Bereitwilligkeit  der  Offentlichkeit
  rechnen  können.  Indem  Sie,  meine  Herren,  dies  hier  und  in  dieser
Stunde  mit  Würde  und  Bestimmtheit  zum  Ausdruck  brachten,  haben  Sie
sich  für  das  große  Werk  und  um  das  große  Vaterland  ein  Verdienst  erworben,
und  sind  seines  Danks's  sicher.

LXIX.  Interview.

Am  30.  April  1909  empfing  Fürst  Bülow  den  Vertreter  des  „Telegraaf“  in
Amsterdam,  G.  Simons;  es  war  der  Tag,  an  dem  eine  Thronerbin  Hollands  geboren
wurde.  Die  Freundlichkeit  der  Redaktion  des  „Telegraaf“  setzt  uns  in  den  Stand,
das  Gespräch  im  ganzen  hier  wiederzugeben:

Als  vormaliger  Berliner  Korrespondent  des  „Telegraaf“  habe  ich  den
Lesern  unseres  Blattes  so  oft  das  Außere  des  Fürsten  von  Bülow  beschrieben,
  daß  ich  bloß  alte  Worte  wiederholen  würde,  wenn  ich  solches
jetzt  wieder  täte.  Der  Reichskanzler  sieht  ausgezeichnet  aus.  Es  ist,  als  ob
er  seit  November  1907,  als  ich  ihn  zuletzt  sah,  jünger  und  gesunder  geworden
ist.  Sein  Handdruck  ist  kräftig,  seine  Stimme  munter  und  lebhaft,  sein  Gang
wic  früher  elastisch.

„Es  macht  mir  eine  große  Frende,  daß  eins  der  größten  holländischen
Tageblätter  mir  in  diesem  Augenblick  seinen  Korrespondenten  schickt.  Ich
muß  damit  anfangen,  Ihnen  und  Ihrem  Volke  zu  gratulieren.  Ich  bin
selbst  so  froh,  daß  Ihre  liebenswürdige  Königin  dieses  großen  Mutterglückes
  teilhaft  wurde.  Besonde.s  hat  auf  mich  Eindruck  gemacht,  —  obgleich
  wir  es  wohl  alle  wußten  —,  wie  innig  ergeben  das  holländische  Volk