358  LXIX.  Interview.

dem  Hause  der  Oranierfürsten  ist  und  wie  Ihre  ganze  Nation  das  frohe
Ereignis  miterlebt  hat.

Bei  Ihnen  hegt  man  eine  schwärmerische  Liebe  für  die  Geschichte.
Sie  sind  ein  Volk,  das  nicht  vergißt,  das  Ehrfurcht  hat  für  das  Alte  und  hoch
verehrt,  was  Ihre  ruhmvollen  Helden  zustandebrachten.  Nein,“  sagte  der
Fürst  lächelnd,  „das  holländische  Volf  vergißt  nicht.  Und  was  am  allerschönsten
  ist:  immer  von  neuem  gibt  es  Beweise  von  neuem,  kräftigem
Aufleben.

Sie  leben  weiter  in  Ihrer  Geschichte  —  ein  historisches  Volk.

Mir  ist  die  Liebe  von  Ihnen,  den  Niederländern,  zu  Ihrer  hochverehrten
  Königin  eine  der  eindrucksvollsten  Tatsachen  des  Jahrhunderts.
Sie  sind  allen  gebildeten  Nationen  ein  Muster.“

Ich  hörte  aufmerksam  zu  und  schwieg,  als  ich  den  Reichskanzler  so  von
meiner  Fürstin,  so  von  meinen  Niederländern  reden  hörte.  Ich  hätte  wohl
„Hurrah“  rufen  mögen,  da  ein  Mann,  wie  dieser  große  deutsche  Staatsmann,
  der  so  viele  Weltereignisse  mitgemacht  hat,  mit  so  großer  Verehrung
über  das  Nachbarvolk  redete.

Allein  als  Journalist  mußte  ich  doch  immer  noch  nach  etwas  Wichtigem
fragen,  nach  etwas,  das  alle  Holländer  ohne  Ausnahme  interessieren  müßte.

„Durchlaucht,“  fragte  ich,  „ist  Ihnen  nicht  bekannt,  daß  wir  in  den
Niederlanden  dann  und  wann  ängstlich  hinüberblickten  nach  unserem  sich
immerfort  vergrößernden  Großnachbarn?  Dürfte  es  jetzt,  da  die  frohe
Erwartung  ein  frohes  Ereignis  geworden,  nicht  recht  an  der  Zeit  sein,  den
Niederländern  einmal  grad  heraus  zu  sagen,  wie  Sie  über  die  gegenseitigen
Beziehungen  der  beiden  Länder  denfen?“

Der  Reichskanzler  hörte  aufmerksam  zu,  obgleich  nicht  ohne  einen
Anflug  von  Verwunderung.  Er  lächelte  nicht  mehr,  er  machte  eine  sehr
ernste  Miene,  indem  er  wörtlich  folgendes  sagte:

„Gewiß!  ich  habe  auch  oft  genug  Unsinniges  über  die  Absichten  des
Deutschen  Reiches  gelesen  und  hören  müssen.  Ich  kann  Ihnen  aber  ganz
bestimmt  versichern,  daß  nie  ein  Deutscher  mit  nur  etwas  Vernunft
  daran  dachte,  Holland  zu  annektieren.  Der  Gedanke  an  sich  ist
schon  vollends  irrsinnig.  Nie!“,  sagte  der  Fürst  kurz.  „Wir  Deutsche,
verlangen  alle,  mit  Ihrem  Volke  in  innigster  Freundschaft  zu  leben.
Wir  kennen  alle  Ihre  ruhmvolle  Geschichte,  lieben  das  kleine,  aber  furchtlose
  Volk.  Und  was  man  sagen  oder  schreiben  möge,  uns  des  Eigennutzes
zu  beschuldigen,  seien  Sie  überzeugt,  daß  Deutschland  nie  daran  denkt,
der  Unabhängigkeit  des  niederländischen  Volkes  nachzustellen."“

„Wir  verehren  Ihre  Königin  —  womöglich  noch  mehr  und  ohne  irgend-