April  1909.  359

welchen  Nebengedanken  —  von  dem  Augenblicke  an,  da  Ihre  Majestät
einen  deutschen  Herzog  würdig  erachtete,  sich  mit  ihr  zu  vermählen.  Das
sind  die  Bande,  welche  die  Völker  binden  können.  Und  wie  ich  erfahre,
hat  der  Prinzgemahl  das  Herz  der  Niederländer  gewonnen.  Ihre  Majestät
die  Königin  ist,  wie  Sie  wissen,  eine  recht  gute  Freundin  des  Kaisers  Wilhelm.
Alles  zusammengenommen,  liegt  es  ja  auf  der  Hand,  daß  wir  Deutschen
nichts  anderes  sein  können  als  Freunde  der  Holländer.

Wir  kennen  Ihre  Künstler  und  Ihre  Gelehrten,  Sie  kennen  die
unserigen.  Ihr  Land  öffnet  sich  immer  recht  gern  allem  Guten  und  dennoch
bleiben  Sie  konservativ,  Ihren  guten  Gewohnheiten  treu.  So  machen
wir  es  auch.  Holland  hat,  alle  Jahrhunderte  hindurch,  sich  erwiesen  als  ein
Staat,  wo  Friede,  Glück  und  Wohlfahrt  herrschen.  Und  nicht  mit  Mitleid,
  sondern  mit  hoher  Würdigung  verehren  wir  Ihr  Land."“

„Waren  Sie  schon  einmal  in  Holland,  Durchlaucht?“

„Zu  meinem  Bedauern  war  ich  noch  nicht  dort.  Ich  schäme  mich,
das  einzugestehen.  Allein  es  ist  mein  bestimmtes  Vorhaben,  bald  möglichst
  Ihr  Land  zu  besuchen.  Ich  habe  mich  so  oft  danach  gesehnt  ..  wenn
ich  im  Sommer  auf  Norderney  sitze,  kann  ich  fast  die  holländischen  Dünen
sehen.  Aber  ich  will  dorthin  kommen  —  ich  muß  das  schöne  Amsterdam,
Haarlem,  Haag,  Rotterdam  und  alle  anderen,  bekannten  Städte
kennen  lernen.  Ich  reise  so  wenig“,  seufzte  der  Reichskanzler.

„Schieben  Sie  es  nur  nicht  zu  lang  auf,  Durchlaucht.  Die  Reise  ist
so  kurz  —  in  10  Stunden  von  Berlin  nach  Amsterdam  .  .  ..  .  und  man
kennt  Sie  in  Holland,  dafür  hat  die  holländische  Presse  schon  gesorgt.  “

„Ich  muß  Ihr  Land,  Ihr  Volk  kennen  lernen.  Man  genießt  so  ganz,
wenn  man  im  Landec,  wo  die  Wiege  der  Künstler  stand,  die  prächtigsten
Kunstschätze  kennen  lernt.  Wenn  ich  diesen  Sommer  Zeit  finden  kann.
wir  wollen  sehen.“

Wirschwiegen  beide.  Da  draußen  im  hellgrünen  Garten,  da  zwitscherten
die  Vögel,  die  Sonnc  lachte  zwischen  zwei  dunklen  Wolken  über  den  blühenden
  Bäumen  im  Garten.  Ich  hatte  mich  erhoben  —  schätzte  die  Minuten
des  Reichskanzlers  höher  als  die  des  John  D.  und  Pierpont  Morgan  —
und  diese  fordern  380  Dollar  pro  Minute

„Leben  Sie  wohl!  und  glückliche  Reise“,  sagte  der  Reichskanzler.
„Grüßen  Sie  mir  Ihr  Volk,  ich  gratuliere  ihm  nochmals  zu  dem  königlichen
  Kinde  und  laßt  uns  hoffen,  daß  Ihre  liebenswürdige  Königin
  bald  hergestellt  sein  wird."

Noch  einen  Händedruck  —  und  ich  verabschiedete  mich  von  einem  der
liebenswürdigsten  und  zugleich  größten  Männer  von  Deutschland.