360  LXX.  Mittnacht.  —  LXXI.  60.  Geburtstag.

Volk  der  Niederlande!  Euch  habe  ich  mein  Herz  verpfändet!  Laßt
uns  noch  froher  und  freier  das  Fest  begehen,  laßt  die  Fahnen  höher
flattern  .  .  .  .  .  laßt  unser  „Wilhelmus“  schallen  über  den  goldgrünen  Wiesen
vom  Dollart  bis  zur  Schelde,  von  Ost  nach  West!  Aber  wisset,  daß  auch
Eure  Nachbarn,  die  Deutschen,  mit  ihrem  Kaiser  und  ihrem  Kanzler  mit
ebenso  großer  Freude  sich  an  Eurer  Freude  beteiligen.

LXX.  Zum  Tode  Mittnachts.

Auf  die  Nachricht  vom  Ableben  des  württembergischen  Ministerpräsidenten  Freiherrn
v.  Mittnacht  sandte  der  Reichskanzler  dem  Sohn  des  Verstorbenen,  Generalmajor  Freiherrn
v.  Mittnacht,  nachfolgendes  Telegramm#:

Die  traurige  Nachricht  von  dem  Hinscheiden  Ihres  Herrn  Vaters  hat
mich  tief  bewegt.  Ich  bitte  Sie,  den  Ausdruck  meiner  aufrichtigen  Teilnahme
  entgegenzunehmen.  Dem  Entschlafenen,  den  ich  sehr  verehrt  habe,
werde  ich  stets  ein  treues  Andenken  als  einem  Staatsmann  bewahren,
dem  ein  hervorragender  Platz  unter  den  Gründern  des  Reiches  gebührt.

LXXI.  Zum  eigenen  60.  Geburtstage.

Am  3.  Mai  1909  feierte  der  Kanzler  seinen  60.  Geburtstag.  Unter  den  Gratulanten
empfing  er  eine  Deputation  der  Stadt  Bromberg,  deren  Ehrenbürger  er  ist.  Oberbürgermeister
  Knobloch  richtete  an  den  Fürsten  Bülow  solgende  Ansprache:

„An  dem  heutigen  bedeutungsvollen  Lebenscobschnitt  ist  es  uns  eine  Ehre  und
eine  Pflicht,  Euerer  Durchlaucht  die  herzlichsten  Glückwünsche  der  Bürgerschaft  Brombergs
auszusprechen.  Daß  wir  das  persönlich  tun  dürfen,  daß  Euere  Durchlaucht  bei  der
mächtigen  Bewegung,  in  der  sich  die  innere  und  äußere  Politik  befindet,  Zeit  gefunden
haben,  uns  zu  empsfangen,  dafür  bitten  wir,  besonders  danken  zu  dürfen.

Wenn  schon  Deutschland  und  Europa  den  Gang  und  die  Epoche  der  staatsmännischen
Laufbahn  Euerer  Durchlaucht  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  verfolgt,  um  wieviel  mehr
die  Bromberger  Bürgerschaft,  welche  die  Ehre  hat,  Euere  Durchlaucht  Mitbürger  zu
nennen.  Sind  doch  Euere  Durchlaucht  wahrlich  nicht  nur  dem  Namen  nach  Bürger
der  Stadt  Bromberg  und  im  weiteren  Sinne  damit  der  Ostmark.  Wollen  Euere
Durchlaucht  sich  versichert  halten,  daß  mit  uns  heute  die  Deutschen  der  Ostmark  und
insbesondere  die  Bromberger  aus  innerstem  Herzen  Euerer  Durchlaucht  Gesundheit,
Mut,  Glaube  an  die  deutsche  Sache  und  die  zähe  Beharrlichkeit  erhalten  wünschen,
mit  der  Euere  Durchlaucht  in  allen  Verflechtungen  der  politischen  Geschicke  unerschütterlich
  für  die  Größe,  die  Gesundung,  die  Erneuerung  deutscher  Art  in  unserer  östlichen
Heimat  eingetreten  sind.  Das  hat  entscheidende  folgenschwere  Entschlüsse  erfordert;
es  mußte,  da  keine  andere  Wahl  blieb,  nicht  nur  zu  belebenden  und  wohltätigen,
sondern  auch  zu  harten  Mitteln  gegrisfen  werden.  Daraus  erwächst  Euerer  Durchlaucht
zwar  der  tötliche  Haß  der  Feinde  des  Staates,  aber  auch  die  unwandelbare  dankbare

1)  „Nordd.  Allgem.  Zeitung“  5.  Mai  1909.