Juni  1909.  365

feindlichen  Strömungen  entgegenzutreten.  Ich  hoffe,  daß  unsere  Gäste
und  christlichen  Brüder  die  Uberzeugung  mit  nach  Hause  nehmen  und  dort
vertreten  werden,  daß  auf  dieser  Seite  der  Nordsee  ein  friedliches,  arbeitssames
  Volk  wohnt,  das  ebenso  wie  seine  Regierung  den  lebhaften  Wunsch
hegt,  mit  seinen  Brüdern  jenseits  des  Kanals  in  Frieden  freundnachbarlich
zu  leben.

(gez.)  Reichskanzler  Fürst  Bülow.

LXXVI.  An  Professor  Bekker.

Der  Professor  der  Rechte  an  der  Universität  Heidelberg,  Wirkl.  Geh.  Rat  Bekker,
hatte  dem  Reichskanzler  einen  Abdruck  seiner  Abhandlung  „Zur  Reform  der  Steuererhebungen“
  (veröffentlicht  in  der  „Münchener  Allgemeinen  Zeitung“  vom  22.  Mai  d.  J.
Nr.  21)  zugesandt.  Fürst  Bülow  antwortete  darauf  mit  nachstehendem  Schreiben:

.  Berlin,  16.  Juni  1909.
Euere  Exzellenz

bitte  ich  für  die  gütige  Ubersendung  Ihrer  Abhandlung  „Zur  Reform  der
Steuererhebungen“  meinen  verbindlichsten  Dank  entgegennehmen  zu
wollen.  Zu  meiner  lebhaften  Freude  habe  ich  daraus  ersehen,  daß  Euere
Exzellenz  Sich  bis  in  Ihr  hohes  Alter  jene  juristische  Geistesschärfe  erhalten
haben,  die  ich  schon  vor  37  Jahren  in  Greifswald  zu  bewundern  Gelegenheit
hatte.

Wenn  ich  Ihre  Klagen  über  die  nachteilige  Wirkung  des  Verfahrens
bei  der  Abgabenerhebung  nicht  überall  zu  teilen  vermag,  so  erkenne  ich  doch
gern  an,  daß  die  weitere  Durchdringung  der  an  der  Erhebung  der  Abgaben
beteiligten  Stellen  mit  den  von  Euerer  Exzellenz  empfohlenen  Grundsätzen
  des  Vertrauens,  der  Großzügigkeit  und  der  Offenheit  erstrebenswert
ist,  soweit  sie  sich  mit  der  gebotenen  Rücksicht  auf  die  Sicherung  der  fiskalischen
Interessen  und  den  Schutz  des  ehrlichen  gegenüber  dem  minder  gewissenhaften
  Steuerpflichtigen  irgend  vereinigen  läßt.  Ich  bemerke  dazu,  daß
auf  dem  Gebiete  der  Steuererhebung  der  persönlichen  Vertrauenswürdigkeit
der  Beteiligten  schon  jetzt  in  großem  Umfange  Rechnung  getragen  wird.
Das  Bestreben  der  Finanzverwaltung,  in  dieser  Beziehung  noch  weitere
Erleichterungen  für  die  Abgabenpflichtigen  eintreten  zu  lassen,  wird  bei
mir  stets  Billigung  und  Förderung  finden.

In  steter  Dankbarkeit  erinnere  ich  mich  des  Wohlwollens,  das  Euere
Erzellenz  vor  37  Jahren  dem  jungen  Leutnant  entgegenbrachten,  der  nach
Greifswald  gekommen  war,  um  dort  sein  Referendareramen  abzulegen.