Juli  1909.  369

LXXXII.  Die  Gründe  des  Rücktritts.

Der  Chefredakteur  des  „Hamburgischen  Correspondenten“,  Herr
v.  Eckardt,  hatte  dem  Reichskanzler  den  Wunsch  eines  Empfanges  ausgedrückt,  um
über  einige,  seinen  Rücktritt  betreffende,  Fragen  Auskunft  zu  erhalten.  Der  Fürst  gewährte
diese  Unterredung  am  13.  Juli  1909.  Der  Besucher  sprach  dem  Fürsten  seine  Freude  darüber
aus,  daß  Hamburg  ihn  künftig  zum  Nachbarn  haben  werde  und  daß  er  seinen  Wohnsitz
an  der  Elbe  zu  nehmen  gedenke  1).

„Zunächst",  erwiderte  der  Fürst,  „werde  ich  mich  auf  einige  Zeit  nach
Norderney  begeben.  Meinen  dauernden  Wohnsitz  werde  ich  später  allerdings
  in  Klein-Flottbek  nehmen.  Ich  kehre  gern  zu  meinem  Geburtsort
zurück.  Der  Gedanke  ist  mir  sympathisch,  den  Elbstrom  mit  seinem  regen
Schiffsverkehr  dauernd  vor  Augen  zu  haben  und  mich  gleichzeitig  unter
den  Eichen  Klein-Flottbeks  den  schleswig-holsteinischen  Landwirten  nahe
zu  wissen."

„Eure  Durchlaucht“,  warf  v.  Eckardt  ein,  „haben  zu  den  Schleswig-Holsteinern
  stets  in  freundlichen  Bezichungen  gestanden?“

Der  Reichskanzler  erwiderte:  „Ja,  die  Pinneberger  haben  meiner
stets  freundlich  gedacht  und  mich  schon  während  meiner  Kanzlerzeit  gewissermaßen
  als  Kreiseingesessenen  estimiert.  Da  steht  ein  Bild,  das  sie
mir  geschenkt  haben  und  das  mein  Geburtshaus  in  Flottbek  darstellt,  wie
es  aussah  vor  seinem  vor  einigen  Jahren  erfolgten  Umbau.  Und  daß  ich
in  Hamburg  zahlreiche  Freunde  habe,  ist  Ihnen  ja  bekannt."

Der  Besucher  lenkte  nun  das  Gespräch  auf  die  politischen  Tagesfragen.  Der  Fürst
erklärte  darauf:

„Ich  bin  gewillt  und  werde  fest  dabei  bleiben,  nach  meinem  Rücktritt
politische  Kundgebungen  an  die  Offentlichkeit  zu  vermeiden.  Da  aber
jetzt  so  viele  schiefe  und  unaufrichtige  Behauptungen  über  meine  Haltung
in  der  letzten  Krisis  und  über  die  Gründe  meines  Rücktritts  verbreitet  werden,
so  ist  mir  die  Gelegenheit  ganz  erwünscht,  ehe  ich  Berlin  verlasse,  mit  einigen
Irrtümern  und  Unwahrheiten  aufzuräumen.“

Als  Herr  v.  Eckardt  auf  das  vielfach  geäußerte  Erstaunen  darüber  hinwics,  daß  der
Reichskanzler  nicht  sogleich  nach  der  entscheidenden  Abstimmung  über  die  Erweiterung  der
Erbschaftssteuer  zurückgetreten  sei,  und  meinte,  daß  er  dann  einen  brillanten  Abgang
gehabt  hätte,  erwiderte  der  Fürst:

„Ja,  wenn  ich  nur  an  meinen  brillanten  Abgang  gedacht  hätte,  dann
wäre  ich  ohne  Besinnen  gegangen.  Das  wäre  ein  dramatischer  Effekt
gewesen.  Darauf  konnte  es  mir  aber  nicht  ankommen.  Ich  habe  nach

1)  Hamburg.  Correspondent  141.  Juli  1909.
Hönsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  24