Juli  1909.  371

vernünftigen  und  gerechten  Steuer  werden  sich  in  ernster  Weise  bemerkbar
machen.  Daß  das  Zentrum  die  Erbschaftssteuer  zu  Fall  gebracht  hat,  das
hat  mich  nicht  gewundert.  Das  Zentrum  hat  sich  über  die  unbestreitbaren
Vorzüge  dieser  Steuer,  über  die  Tatsache,  daß  viele  seiner  namhaftesten
Vertreter  ebenso  wie  leitende  Zentrumsblätter  seit  Jahren  für  diese  Steuer
eingetreten  sind,  über  die  Tatsache,  daß  sie  sozialpolitisch  und  steuertechnisch
dem  Zentrumsprogramm  entspricht  —,  über  alles  das  hat  sich  das  Zentrum
in  dem  Augenblick  mit  der  ihm  eigenen  taktischen  Elastizität  hinweggesetzt,
wo  es  hoffen  konnte,  die  Konservativen  zu  sich  herüberzuziehen  und  mir
damit  ein  Bein  zu  stellen.  Ich  nehme  das  dem  Zentrum  auch  gar  nicht  übel.
Ich  nehme  das  dem  Zentrum  so  wenig  übel,  wie  ich  die  gleiche  Haltung
den  Polen  übel  nehme,  die  auch,  obwohl  an  und  für  sich  Freunde  der  Erbschaftssteuer,
  aus  Haß  gegen  mich  gegen  die  Erweiterung  der  Erbschaftssteuer
  gestimmt  haben.  A  la  guerre  comme  à  la  guerre.  Von  der  Seite
hatte  ich  es  nicht  anders  erwartet.

Die  Haltung  der  Konservativen  ist  mir  weniger  verständlich  gewesen,
und  es  wird  auch  nicht  gelingen,  sie  dem  Lande  verständlich  zu  machen.
Der  Eindruck  wird  unverwischbar  haften,  daß  die  Konservativen  dem  zur
ausschlaggebenden  Stellung  zurückverlangenden  Zentrum  Handlangerdienste
geleistet  haben.  Wenn  die  Konservativen  jetzt  erklären  lassen,  sie  hätten
die  grundsätzliche  Ausschaltung  des  Zentrums  für  einen  politischen  Fehler
gehalten,  so  kaun  damit  nur  die  Blockpolitik  gemeint  sein.  Denn  den  politischen
  Fehler  der  grundsätzlichen  Ausschaltung  des  Zentrums  habe  ich  nie
begangen.  Wenn  aber  die  Konservativen  die  Blockpolitik  für  einen  Fehler
gehalten  haben,  so  verstehe  ich  nicht,  warum  sie  zweieinhalb  Jahre  hindurch
diese  Politik  mitgemacht  und  durch  Stellung  des  ersten  Präsidenten  im
Reichstag  sanktioniert  haben.  Ich  vermag  hier  politische  Logik  und  Konsequenz
  nicht  zu  entdecken.  Aus  ihrer  Abneigung  gegen  die  Erbschaftssteuer
haben  die  Konservativen  allerdings  von  vornherein  kein  Hehl  gemacht.
Das  war  ihr  gutes  Recht,  das  ihnen  niemand  bestreitet  und  niemand  verübelt.
  Aber  daß  sie  sich  gleich  zu  Aufang  der  Beratungen  mit  solcher  Starrheit
  festgelegt  haben,  das  war  auch  vom  Standpunft  der  Partei,  nach  meiner
Uberzeugung,  ein  schwerer  Fehler.  Ja,  wenn  es  sich  um  Hauptpunkte  des
konservativen  Programms  gehandelt  hätte,  um  Glaubensfragen,  um
Schul=  und  Kirchensachen,  um  Kronrechte,  um  die  Fundamente  von  Heer
und  Flotte,  oder  um  Stellungnahme  gegen  eine  Radikalisierung  des  preußischen
  Wahlrechts,  oder  wenn  es  sich  um  die  Grundlagen  der  Reichs=  oder
Landesverfassung  gehandelt  hätte,  dann  wäre  die  Haltung  der  Kouservativen
  verständlich  gewesen.  Aber  die  Ausdehnung  der  Erbschaftssteuer,

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