372  LXXXII.  Die  Gründe  des  Rücktritts.

deren  Prinzip  sie  ja  schon  anerkannt  hatten,  das  ist  nicht  eine  Frage,  die
konservative  Grundsätze  berührt,  von  der  Sein  oder  Nichtsein  der  konservativen
Partei  abhängt.  Diese  Frage  ist  künstlich  aufgebauscht  worden.  Und  wenn
man  jetzt  nachträglich  das  Prinzip  des  Reichstagswahlrechts  in  diese  Debatte
wirft,  in  einem  Moment,  wo  man  den  Massenkonsum  erheblich  belastet,
so,  fürchte  ich,  hat  man  nur  Wasser  auf  die  sozialdemokratischen  Agitationsmühlen
  geleitet.  Das  Land  wird  auch  mehr  und  mehr  erkennen,  daß,  wenn
die  Haltung  der  Konservativen  eine  andere  gewesen  wäre,  die  Finanzreform
in  einer  nicht  nur  quantitativ,  sondern  auch  qualitativ  befriedigenden  Weise
ohne  Sprengung  des  Blocks,  ohne  Wechsel  in  der  Regierung,  ohne  Preisgabe
  der  Errungenschaften  und  Hoffnungen  des  Wahlkampfes  vom  Januar
1907,  des  schönen  Aufschwungs  von  damals  sehr  wohl  zustande  kommen
konnte.  Inzwischen  zeigt  sich  ja  immer  mehr,  welche  Besorgnisse  die  Haltung
der  Konservativen  im  Lande  hervorgerufen  hat.  Das  Land  fühlt  die  Gefahren,
welche  diese  Haltung  für  die  Partei  selbst  und  für  das  Vaterland  in  sich  birgt.
Diese  Haltung  kann  der  Ausgangspunkt  einer  Entwicklung  werden,  die
erbitterte  Parteigegensätze  schafft,  unnatürliche  Parteigruppierungen  hervorruft
  und  für  das  Wohl  des  Landes  nicht  zuträglich  ist.  Fürst  Bismarck  hat
mehr  als  einmal  gesagt,  ob  eine  politische  Aktion  richtig  sei  oder  nicht,  lasse
sich  meist  nicht  im  Momente,  sondern  erst  einige  Jahre  später  beurteilen.
Das  gilt  auch  für  die  Aktion,  welche  die  Führer  der  konservativen  Partei
jetzt  gegen  mich  in  Szene  gesetzt  haben.  Ob  sie  richtig  und  für  das  Land
ersprießlich  war,  wird  sich  auch  bei  den  nächsten  Wahlen  zeigen.  Ich  kann
doch  wohl  für  mich  in  Anspruch  nehmen,  daß  ich  die  Sozialdemokratie
nicht  nur  in  ihren  Führern  rednerisch  überwunden,  sondern  ihr  auch  eine
schwere,  praktisch  und  politisch  bedeutungsvolle  Wahlniederlage  beigebracht
  habe.  Indem  die  Fraktion  von  80  auf  40  Sitze  heruntergedrückt
wurde,  ist  der  Beweis  geliefert  worden,  daß  die  Sozialdemokratie  auch  ohne
Ausnahmegesetze  und  Polizeimaßregeln  bekämpft  und  besiegt  werden  kann.
Wir  werden  sehen,  ob  dies  bei  den  nächsten  Wahlen  wieder  gelingt.  Die
Sozialdemokratie  befindet  sich  jetzt  in  rückläufiger  Bewegung.  Wir  werden
sehen,  ob  die  sozialdemokratische  Flut  weiter  zurückgehen  wird.  Wir  werden
auch  sehen,  ob  die  Fortschritte  des  Deutschtums  in  der  Ostmark,  die  von  den
Oberpräsidenten  von  Posen  und  Westpreußen  gerade  in  der  letzten  Zeit
konstatiert  worden  sind,  aufrecht  erhalten  und  weiter  entwickelt  werden,
ob  man  die  Welfen  niederhalten  wird,  die  im  Jahre  1907  fortgefegt  worden
sind.  Wenn  dies  gelingt,  so  wird  sich  niemand  mehr  darüber  freuen  als
ich.  Denn  ich  werde  darin  die  Bestätigung  erhalten,  daß  ich  mit  meiner
Politik  auf  dem  richtigen  Wege  war,  daß  sie  sich  durchsetzt  trotz  der  Fehler