Juli  1909.  373

der  Konservativen.  Wenn  nicht,  so  wird  man  darin  das  schlimme  Ergebnis
der  Haltung  der  Konservativen  zu  sehen  haben,  die  dann  als  frivoles  Spiel
mit  den  Interessen  der  Monarchie  und  des  Landes  erkannt  werden  würde.
Bei  Philippi  sehen  wir  uns  wieder.“

„Trotz  allem  aber“,  warf  der  Besucher  ein,  „bleibt  die  konservative  Presse  dabei,
daß  ein  Abschiedsgesuch  nicht  gerechtfertigt  war.  Sie  lehnt  auch  den  Vorwurf  ab,  daß
die  konservative  Partei  Eure  Durchlaucht  gestürzt  hätte."“

„Für  mich  ist  das  Urteil  meines  Königs  und  Kaisers  über  mein  Verhalten
  maßgebender  und  wichtiger,  als  solche  schiefe  Auffassungen.  Und
ich  kann  Ihnen  sagen,  daß  Seine  Majestät  die  Gründe  meines  Rücktritts
vollkommen  gewürdigt  und  gebilligt  hat.  Zwischen  Seiner  Majestät  dem
Kaiser  und  mir  besteht  kein  Mißverständnis,  kein  Mißklang  irgendwelcher
Art.  Natürlich  kann  auch  keine  Partei  einen  Minister  „stürzen“.  Die  Erneunung
  wie  die  Entlassung  der  Minister  hängt  verfassungsmäßig  lediglich
von  der  Krone  ab.  Es  können  aber  Situationen  entstehen,  wo  ein  Minister,
der  Uberzeugungen  hat  und  es  ernst  mit  seinen  Uberzeugungen  nimmt,
nicht  im  Amte  bleiben  kann.  Daß  eine  solche  Situation  für  mich  entstehen
könnte,  darauf  habe  ich  die  Konservativen  rechtzeitig  hingewiesen,  im
Reichstage  und  unter  vier  Augen  1),  offen  und  ehrlich,  in  einer  Weise,  die
jeden  Zweifel  ausschloß.  Solche  Zweifel  haben  auch  bei  der  konservativen
Parteileitung  gar  nicht  bestanden.  Sie  war  sich  über  den  Charakter  meiner
Warnungen  durchaus  im  klaren.  Sie  wußte,  daß  ihre  Taktik  mich  zum
Rücktritt  zwingen  mußte.  Indem  sie  meinen  Warnungen  keine  Rechnung
trug,  hat  sie  mit  Bewußtsein  eine  Lage  herbeigeführt,  in  der  ich  nicht  bleiben
konnte.  Man  scheint  den  Eindruck  dieser  Vorgänge  dadurch  abschwächen
zu  wollen,  daß  man  es  so  hinstellt,  als  hätte  ich  auch  schon  bei  früheren
Vorschlägen  und  Gesetzesvorlagen  mit  meinem  Rücktritt  gedroht,  als  hätte
man  also  meine  Warnungen  nicht  ernst  zu  nehmen  brauchen.  Ich  erkläre,
daß  ich  bei  keiner  früheren  Vorlage  und  keinem  früheren  Vorschlag  jemals
den  Konservativen  meine  Demission  in  Aussicht  gestellt  habe.  Es  ist  endlich
irrig  und  unrichtig,  und  es  ist  irreführend,  die  Sache  so  darzustellen,  als
hätte  ich  meine  Entlassung  lediglich  aus  dem  Grunde  genommen,  weil
die  Erweiterung  der  Erbschaftssteuer  nicht  durchgegangen  ist.  Gewiß,  das
würde  allen  Traditionen  widersprechen,  wenn  ein  Minister  ginge,  weil  eine
von  ihm  vorgeschlagene  Gesetzesvorlage  vom  Parlament  abgelehnt  wird.

1)  Das  war  im  April  geschehen.