374  LXXXII.  Die  Gründe  des  Rücktritts.

Das  ist  aber  gar  nicht  der  Grund  meiner  Entschließung.  Ich  habe  mich  zum
Rücktritt  entschlossen,  weil  durch  die  Haltung  der  konservativen  Partei
eine  politische  Konstellation  berbeigeführt  worden  ist,  welche  unter  Trennung
non  den  liberalen  Parteien  und  sogar  von  den  Waffenbrüdern  des  alten
Bismarckschen  Kartells  die  Konservativen  zum  engsten  Bunde  mit  dem
Zentrum  und  mit  den  Polen  geführt  und  dadurch  das  Zentrum  wieder
zur  ausschlaggebenden  Partei  gemacht  hat.  Die  Folgen  dieser  Haltung
der  Konservativen  und  die  hierdurch  herbeigeführte  Konstellation  haben
mein  Verbleiben  im  Amte  unmöglich  gemacht.

Jedermann  weiß,  wie  fern  mir  auf  konfessionellem  Gebiete  Ungerechtigkeit,
  Vorurteil  und  Voreingenommenheit  liegen.  Wir  waren  von
der  Möglichkeit  eines  Kulturkampfes  nie  weiter  entfernt  als  während
meiner  Amtszeit.  Aber  daß  eine  Partei,  die  auf  konfessioneller  Basis  steht,
durch  konfessionelle  Gesichtspunkte  zusammengehalten  wird  und  die  dabei
die  konfessionelle  Minderheit  vertritt,  daß  diese  Partei  den  ausschlaggebenden
  Einfluß  ausübt  im  Deutschen  Reichstag  und  diesen  Einfluß
so  mißbrauchen  kann,  wie  das  am  13.  Dezember  1906  der  Fall  war,
das  halte  ich  allerdings  für  einen  schweren  Schaden.  Ich  glaube,  das
ist  kein  Glück  für  die  religiösen  Interessen  der  katholischen  Kirche  in
Deutschland,  und  ich  glanbe,  daß  es  ein  Unglück  ist  für  die  politischen
Interessen  des  ganzen  Landes.  Auch  darin  wird  mir  die  Zukunft
recht  geben.  Wenn  gesagt  worden  ist,  die  konservative  Partei  hätte  gar
nicht  das  Zentrum  zur  ausschlaggebenden  Partei  gemacht,  sondern  ihm
nur  einen  Platz  in  Reih  und  Glied  einräumen  wollen,  so  ist  das  eine  Fiktion,
die  niemanden  täuschen  kann.  Von  dem  Augenblick  an,  wo  die  konservative
Partei  die  Brücken  zu  den  Liberalen  mit  solcher  Schroffheit  abbrach,  ist
das  Zentrum  mit  seinen  105  Mitgliedern  und  seinem  polnisch-elsässischen
Anhang  von  weiteren  30  Abgeordneten  gegenüber  60  Konservativen  wieder
in  die  ausschlaggebende  Stellung  eingerückt.  Gar  nicht  davon  zu  reden,
daß  das  Zentrum  gegen  die  Konservativen  stets  auch  die  sozialdemokratische
Gruppe  zu  seiner  Verfügung  hat.

Sie  wissen  weiter,  daß  ich  der  Vertreter  und  Träger  einer  festen,
entschlossenen  und  vor  allem  einer  stetigen  Ostmarkenpolitik  war,  weil
ich  glaube,  daß  Schwankungen  und  Schwäche  auf  diesem  Gebiete  die  preußische
  und  die  dentsche  Macht,  die  Lebensinteressen  der  preußischen  Monarchie
und  des  Deutschen  Reiches  an  ihrer  Wurzel  berühren.  Das  Zusammengehen
  der  Konservativen  mit  den  Polen  muß  auch  die  Deutschen  im  Osten
demoralisiereun.  Namentlich  jetzt,  wo  sich  das  Zentrum  inniger  als  je  zuvor
mit  den  Polen  verbrüdert  hat.“