Juli  1909.  375

Herr  v.  Eckardt  warf  ein,  daß  von  konservativer  geradeso  wic  von  klerikaler  Seite
mit  Emphase  erklärt  werde,  den  Polen  hätten  bei  ihrer  Haltung  in  der  Finanzfrage  alle
Hintergedanken  fern  gelegen.  Sie  hätten  lediglich  sachliche  und  positive  Mitarbeit  leisten
wollen.  Der  Fürst  zuckte  die  Achseln:

„Wäre  die  Sache  nicht  so  ernst  und  so  traurig,  so  würden  diese  krampfhaften
  Bemühungen,  das  Verhalten  der  Polen  als  etwas  ganz  Harmloses
und  die  Abstimmung  der  Polen  gegen  die  Erbschaftssteuer  als  nur  von
sachlichen  Momenten  eingegeben  hinzustellen,  uneingeschränkte  Heiterkeit
erregen.  Ob  es  wohl  irgend  einen  Menschen  auf  der  Welt  gibt,  der  wirklich
annimmt,  daß  die  Polen  mit  den  Konservativen  gegangen  sind  und  gegen
die  Erweiterung  der  Erbschaftssteuer  gestimmt  haben,  weil  sie  glaubten,
auf  diese  Weise  dem  Deutschen  Reich  und  dem  preußischen  Staat  einen
Dienst  zu  erweisen?  Risum  teneatis  amici.  Die  Polen  haben  gegen  die
Erbschaftssteuer  votiert,  lediglich  und  ausschließlich  weil  sie  wußten,  daß
sie  damit  den  Reichskanzler  zu  Fall  bringen  würden.  Der  Redakteur  eines
leitenden  polnischen  Blatts,  des  „Dziennik  Berlinski“,  erklärte  bald  nach
der  Abstimmung:  „Ich  erkläre  mit  allem  Nachdruck,  daß  die  polnischen
Mitglieder  des  Reichstags  mit  ihrer  Abstimmung,  die  das  Schicksal  der  Vorlage
  über  die  Erbschaftssteuer  entschied,  einzig  und  allein  die  Beseitigung
des  Fürsten  Bülow  erzielen  wollten.“  Wenn  die  Polen  dies  Ziel  erreicht
haben,  so  gebührt  ihr  Dank  hierfür  der  konservativen  Partei“  —  der  Fürst
verbesserte  sich  —  „der  konservativen  Parteiführung.  Was  mich  angeht,
so  konnte  und  wollte  ich  jedenfalls  nicht  von  der  Gnade  der  polnischen
Fraktion  abhängen.  Ich  konnte  eine  Entwicklung  nicht  mitmachen,  bei  der
die  polnische  Fraktion  eine  solche  Rolle  spielt,  wie  jetzt  bei  der  gegenwärtigen
parlamentarischen  Mehrheit.“"

Der  Besucher  gab  schließlich  den  starken  Bedenken  Ausdruck,  die  gegen  die  Finanzreform,
  wie  die  neue  Mehrheit  sie  geschaffen  hat,  in  so  weiten  Kreisen  bestehen.  Darauf
erwiderte  Fürst  Bülow:

„Die  Reichsfinanzreform,  wie  sie  jetzt  gestaltet  worden  ist,  entspricht
nicht  dem  Bilde,  das  mir  vorschwebte,  als  ich  an  diese  Sache  herantrat.
Es  sehlt  die  klare  Auseinandersetzung  zwischen  dem  Reiche  und  den  Einzelstaaten,
  es  fehlen  dic  sozialpolitischen  Gesichtspunkte  und  manches  andere.
Aber  wie  die  Dinge  unn  lagen,  war  sie  nach  der  Ansicht  der  Verbündeten
Regierungen  immerhin  ein  möglicher  Weg,  um  aus  der  Finanznot  herauszukommen.
  Ich  bin  auf  meinem  Posten  geblieben,  damit  wenigstens  die
schlimmsten  Schäden  ausgemerzt  würden  und  damit  die  Reform  in  einer
für  die  Verbündeten  Regierungen  noch  einigermaßen  annehmbaren  Weise
zu  Ende  geführt  würde.  Ich  scheide  mit  dem  Wunsche,  daß  das  deutsche