Juli  1909.  387

erwiderte  der  Fürst,  er  sei  auch  diesmal  mit  seiner  Frau  gern  nach  dem  ihm  seit  vielen
Jahren  lieb  gewordenen  Norderney  gekommen.  Dann  fuhr  er  etwa  fort:

Ich  beziche  Ihre  Kundgebung  nicht  auf  mich,  sondern  auf  den  nationalen
Gedanken,  dem  ich  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  gedient  habe.  Der
nationale  Gedanke  verkörpert  sich  für  uns  in  dem  Hause  der  Hohenzollern,
das  dem  deutschen  Volke  die  Wege  gewiesen  hat  vom  Großen  Kurfürsten
bis  zum  großen  König,  unter  dessen  Zepter  ja  auch  Norderney  gestanden
hat,  und  von  dem  großen  König  bis  zu  unserem  guten  alten  Kaiser.  Im
Dienste  des  nationalen  Gedankens  steht  auch  unser  jetzt  regierender  Kaiser
mit  seinem  edlen  Herzen,  seinem  auf  das  Beste  gerichteten  Willen.  Solange
Kaiser  und  Nation  einig  sind,  können  wir  getrost  in  die  Zukunft  blicken.
Wenn  mir  anläßlich  meines  Rücktrittes  von  Ihnen,  wie  von  vielen  anderen,
ein  wohlwollendes  Abgangszeugnis  ausgestellt  worden  ist,  so  glaube  ich,
dies  darauf  zurückführen  zu  dürfen,  daß  Sie  fühlen,  wie  ich  nie  einen  anderen
Leitstern  gekannt  habe,  als  das  Wohl  des  Landes,  das  Staatswohl  und
das  Wohl  der  Dynastic,  die  unauflöslich  miteinander  verknüpft  sind.  Denn
die  Zukunft  des  deutschen  Volkes  ruht  auf  den  Schultern  des  Hauses  der
Hohenzollern,  und  was  nützlich  und  notwendig  ist  für  die  Nation,  das  wird
auch  immer  dem  wahren  Wohle  der  Krone  frommen.  Unser  Kaiser  und
unser  liebes  Vaterland  leben  hoch!

LXXXVI.  An  die  Universität  Leipzig.

Zum  500jährigen  Jubiläum  der  Universität  Leipzig  hatte  auch  Fürst  Bülow  als  alter
Leipziger  Student  eine  Einladung  erhalten.  Er  erklärte  sich  aufangs  geneigt,  zu  der
Feier  zu  kommen,  behielt  sich  aber  die  endgültige  Entschließung  vor.  Inzwischen  erfolgten
die  Ereignissc,  die  zu  seinem  Rücktritte  führten.  Danach  teilte  er  seine  Absage  in  folgendem
Briefe  an  den  derzeitigen  Rektor,  Prof.  Binding,  mit:

Euerer  Magnifizenz  schulde  ich  noch  die  endgültige  Antwort  auf  die
gütige  Einladung  zur  Jubelfeier  der  Universität  Leipzig.  Euere  Magnifizenz
werden  es  verstehen,  wenn  ich  nach  den  Mühen  und  Kämpfen  der  letzten
Zeit  der  Ruhe  bedürftig  bin  und  mein  Fehlen  bei  dem  Feste  zu  entschuldigen
bitte.  Erinnerungen  mancherlei  Art,  persönliche  und  historische,  hätten
mich  wohl  nach  Leipzig  gezogen.  Ich  gedenke  gern  der  beiden  Semester,
die  ich  dort,  am  alten  Hochsitze  deutscher  Bildung  und  Gelehrsamkeit,  verbracht
  habe.  Ich  bewahre  in  dankbarem  Gedächtnis  vor  allem  die  Stunden,
die  ich  zu  Roschers  Füßen  saß.  Aus  seinen  Vorträgen  habe  ich  reiche  Anregungen
  mit  ins  Leben  hinausgenommen,  und  sein  „System  der  Volkswirtschaft“
  ist  mir  auch  in  späteren  Jahren  noch  oft  genug  Berater  und

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