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        <title>Leitfaden der Preußischen Geschichte.</title>
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            <forname>William</forname>
            <surname>Pierson</surname>
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            <idno>pierson_preuss_geschichte_1910</idno>
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        Leitfaden

der

Preußischen  Geschichte

von

Professor  Dr.  W.  Pierson.

 

Herausgegeben

von

Prof.  Dr.  John  Pierson.

Siebzebnute  Auflage.

 

Mit  den  Standbildergruppen  in  der  Sieges-Allee  zu  Berlin
und  einer  geschichtlichen  Karte  des  brandenburgisch-preußischen  Staates  von
Professor  H.  Kiepert.

 

—  -.(—.—–—.—
—.

Berlin  1910.
Verlag  von  Leonhard  Simion  Af.
        <pb n="2" />
        Inhalt.

Seits
I.  Die  Mark  Brandenburg  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zurr  Besitnahme
  durch  die  Hohenzollern  (—14150)  1
Die  Vorzeit  .  1
".  Brandenburg  unter  den  ballenstädtischen  (anhaltinischen
oder  askanischen)  Markgrafen  1134—1319  7
Albrecht  der  Bär  (1134—1170)  .  7
Albrechts  Nachfolger  aus  dem  Hause  Ballenstädt  8
8.  Brandenburg  unter  den  bayrischen  oder  Wittelsbacher
Markgrafen  E  und  unter  den  n  luremburgif  chen
Kurfürsten  (1373—1415)  14
Die  Luxemburgger  17
II.  Die  hohenzollerischen  .  Kurfürsten  bis  zur  Chroniesteigin
Friedrich  Wilhelms  des  Großen  (1415—1610)  ..  .  20
Kurfürst  Friedrich  I.  (1415—1440)  ..  .  ..  20
Friedrich  II.  der  Eiserne  440—1470)  ..  28
Albrecht  Achilles  (1470—1486)  und  Seham  Cicero
(1486—1499y)  ....  26
Joachim  I.  Nestor  (1499—1535)  28

Joachim  II.  Hektor  und  Hans  von  Küstrin  **7-  30
Johann  Georg  (1571—1590)  32
Joachim  Friedrich  (1598—1608)  33
Verfall  des  mittelalterlichen  Wesens  in  Staat  und
Kirche.  Aufkommen  neuer  Formem  34
Johann  Sigismund  (1003—1019)  37

Klevne  88

Das  Land  Preußen  als  *  und  als  1d
zogtum  (—16180  .  .."38
Georthlhelm(l6191640)..  43

III.  Vom  Regierungsantritt  des  Großen  K  Kurfürsten  bis  zur  Erhebung
  Preußens  zum  Königreich  (1640—1701)  .  46
Friedrich  Wilhelm  der  Große  Kurfürst  (1640  1688)  46

Kurfürst  Friedrich  III.  (später  König  Friedrich  I.)

1688—1713.  59
IV.  Von  der  Erhebung  Preußens  zum  Königreich  bis  zur  *2
besteigung  Friedrichs  des  Großen  1701—17410  61

Friedrich  I.  (als  König)  (1701—17190)  61
Friedrich  Wilhelm  I.  (1713—1740)  ..  .63
        <pb n="3" />
        IV

V.  Friedrich  der  Große  (1740—17860)
Erster  Schlesischer  Krieg  (1740—1712)
Zweiter  Schlesischer  Krieg  (1744—1745)
Der  Siebenjährige  Krieg  (1756—1763)
Ursachen  des  Krieges,  Friedrichs  SEen  in  Sasen
Der  Feldzug  von  1757  .
Die  Feldzüge  von  1758  und  1759.
Der  Feldzug  von  1760
Die  Feldzüge  von  1761  und  1762.  Ende  des  Krieges
Vom  Hubertusburger  Frieden  bis  zum  Tode  Friedrichs  des
Großen  1763—1786.
VI.  Vom  Tode  Friedrichs  des  Großen,  bis  zum  au  der  alten
Monarchie  1786—1806
Friedrich  Wilhelm  II.  (1786—1797)
Friedrich  Wilhelm  III.  (1797—1840)
VII.  Preußens  Wiedergeburt  und  Befreiungeriieg  1807—1815.
Die  Wiedergeburt  "
Der  Befreiungskrieg  1818
Der  Frühlingsfeldzug
Der  Sommerfeldzug
1814.  ..  .
Der  Wiener  Kongreß
Der  Feldzug  von  1815
VIII.  Vom  Schluß  des  Wiener  Kongresses  1815  bis  zur  Thronbesteigung
  Wilhelms  I.  1861.  .
Friedrich  Wilhelms  III.  ji  *
1815—1840
Friedrich  Wilhelm  IV.  (1840—1861)
Die  Negentschaft  1858—1861
IX.  Wilhelm  1.
Der  Deutsche  Krieg  von  1806.
Schleswig-Holstein
Hannover
Hessen-Nassau  .
Der  Französische  Krieg  von  1870—1871
Wilhelm  1.  nach  1871.  —  Friedrich  III.  N“
Wilhelm  II.  (1888  bis  jetzt)  .

Anhang.  Wachstum  des  brandenburgisch-  preußishen  Stactes
Zeittafel  der  preußischen  Geschichte  .
I.  Bis  zum  Großen  Kurfürsten  2
II.  1640—1701  .  ....
JIISett1701..  .  .
Die  Standbilder  der  Sieges-  Allce  in  Berlin
Das  Haus  Hohenzollern  (genealog.  Übersicht).

95

95
100
106
106
112
115
119
125
127
131

133

133
139
142
143
144
147
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152
157
162
165

166
170
170
178
181
201

Historische  Karte  des  brandenburgisch-preußischen  Staates  unter

den  Hohenzollern.
        <pb n="4" />
        I.  Die  Mark  Brandenburg  von  den  ältesten
Zeiten  bis  zur  Besitznahme  durch  die  Hohenzollern
(—14s5).

1.  Die  Vorzeit.

§  1.  In  dem  Tieflande  zwischen  Elbe  und  Weichsel  hausten
in  der  Urzeit  die  Sueven,  das  größte  und  kriegerischste  aller
deutschen  Völker.  Sie  zerfielen  in  zahlreiche  Stämme,  die  unter
erblichen  Königen  lebten,  aber  zu  Krieg  und  religiösen  Festen
verbündet  waren.  Den  Mittelpunkt  des  Suevenbundes  bildete
ein  Heiligtum  in  einem  Walde  an  der  Havel;  hier  und  an  der
Spree  wohnte  der  älteste  und  edelste  Stamm  der  Sueven,  die
Semnonen;  westlich  von  diesen  bis  zum  Harz  die  Langobarden,
in  Pommern  die  Rugier  und  Burgunder,  an  der  Netze  und
Warthe  die  Goten.

Durch  Tapferkeit,  Freiheitsliebe  und  Sittenstrenge  zeichneten
sich  alle  Germanen  aus;  es  galten  bei  ihnen  gute  Sitten  mehr,
als  anderwärts  gute  Gesetze.  «

Die  älteste  Staatsform  im  nordöstlichen  Deutschland  ist  das
erbliche  Königtum;  darin  unterschieden  sich  die  Ostgermanen
von  den  Westgermanen,  denen  im  Kriege  ein  gewählter  Heerführer
  (Herzog),  im  Frieden  die  angesehensten  Geschlechtshäupter
als  Fürsten  vorstanden.  Ueberall  jedoch  nahm  das  Volk  durch
regelmäßige  Versammlungen  der  freien  Grundbesitzer  an  der

Beratung  der  Gemeindesachen  teil.

Die  Sueven  sollen  nach  Cäsar  100  Gaue  bewohnt  (ein  Gau
umfaßte  mehrere  Hundertschaften  von  Hofbesitzern)  und  jähr-Pierson,

  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.  5"“  1
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        —  2  —

lich  100  000  Krieger  ins  Feld  gestellt  haben.  Sie  fochten  meist
zu  Pferde;  ihre  Waffen,  von  Stein,  Bronze  und  Eisen,  bestanden
in  Spieß,  Schwert  und  Schild.  Krieg,  Jagd  und  Spiel  machten
die  Beschäftigung  der  Freien  aus,  die  niemals  die  Wehr  von  sich
ließen.  Den  Acker,  der  Getreide,  Rüben,  Kohl  trug,  bebauten  die  Unfreien
  (Kriegsgefangene,  Verbrecher  und  Nachkommen  unterjochter
Volksstämme).  Städte  gab  es  nicht;  ungeheure  Kiefernwälder  und
Sümpfe  bedeckten  das  rauhe  Land.  Das  Vieh  war  unansehnlich,
aber  zahlreich;  sehr  mannigfach  der  Wildstand  (Bären,  Wölfe,
Elens,  Auerochsen,  Füchse,  Hirsche,  Wisente  u.  a.).  Vielweiberei
war  selten;  man  ehrte  die  Frauen  und  hielt  die  Ehe  heilig.
Die  Götter  —  der  Allvater  Wodan,  der  Kriegsgott  Zin,
der  Donnergott  Donar,  die  Freude  und  Fruchtbarkeit  spendenden
Gottheiten  Freir  und  Freia  und  bei  Hamburg  (7)  die  Mutter  Erde
(Nerthus)  —  wurden  durch  Opfer  verehrt,  welche  die  Priester
unter  heiligen  Bäumen  darbrachten.  Den  gefallenen  Helden  trug
eine  Siegesgöttin  (Walküre)  zu  den  Göttern  nach  Walhalla.

§  2.  Als  im  Jahre  375  n.  Chr.  die  hunnische  Völkerwanderung
  sich  von  Asien  über  Europa  ergoß,  verließen  auch
die  Sueven  massenweise  ihre  alten  Sitze  und  wanderten  nach
dem  schöneren  Süden  und  Westen  aus.  In  das  entvölkerte  Land
drangen  dann  die  Nachbarn  im  Osten,  die  Wenden,  ein.  Saale
und  Elbe  bildeten  zwischen  ihnen  und  den  Deutschen  jahrhundertelang
  die  Grenze  oder  Mark.

Auch  die  Wenden  zerfielen  in  eine  Menge  von  Völkerschaften:
  Sorben  zwischen  Bober  und  Saale;  Ljutizen  (oder
Wilzen)  an  der  Havel  und  Peene;  Obotriten  in  Mecklenburg
und  Vorpommern.  Den  Wenden  stammverwandt  saßen  weiter
im  Osten  die  Pomoren  (Pommern)  zwischen  der  Netze  und  Ostsee,  der
unteren  Weichsel  und  Oder,  die  Polen  zwischen  Netze,  Karpathen,
Oder  und  Bug:  sämtlich  Glieder  der  großen  Völkerfamilie  der
Slawen,  zu  der  auch  die  Tschechen  in  Böhmen  und  die  Russen
gehören.

In  ihrer  äußeren  Erscheinung  (untersetzte,  kräftige,  mittelgroße

Gestalten  mit  braunem  Haar,  breiter  Nase,  kleinen,  braunen,

feurigen  Augen,  angetan  mit  langen  Gewändern),  wie  in  mancher

gesellschaftlichen  Einrichtung  (Vielweiberei,  der  sklavischen  Stelluug
der  Frauen,  die  nicht  selten  beim  Tode  ihres  Mannes  mitverbrannt
  wurden),  hatten  die  Wenden,  wie  alle  Slawen,  asiatisches

Gepräge.  Wahrheitsliebe,  Ausdauer  in  jeder  Art  von  Beschwerden,
        <pb n="6" />
        —  3  —

sorglose  Genügsamkeit  und  Gastfreundschaft  waren  ihre  Tugenden;
eigentümlich  aber  war  den  Wenden  eine  ungemein  rührige  Tätigkeit.
  Sie  brachten  das  alte  Suevenland  in  höhere  Kultur,  bauten
außer  den  vorgefundenen  Kulturpflanzen  Weizen,  Hirse,  Mohn,
Gartengewächse,  Obst,  trieben  starke  Bienenzucht,  hielten  zahlreiches,
treffliches  Vieh,  wohnten  nicht,  wie  Sueven  und  Sachsen,  zerstreut
auf  Gehöften,  sondern  in  Dörfern  und  Städten,  die  mit  ringlermigen
  Befestigungen  (Gard:  Star-gard  u.  a.)  umgeben  waren.
Der  Uberschuß  des  Ertrages  ihrer  Landwirtschaft  und  ihres  Fischfanges,
  sowie  einiger  Gewerbe  (besonders  Weberei)  diente  zum
Tauschhandel,  der  besonders  an  der  Seeküste  stark  im  Schwange
war.  Die  Richtung  und  Schiffbarkeit  der  Flüsse  (Spree,  Havel,
Elbe,  Oder)  machten  das  nach  Nord=  und  Ostsee  offene  Land  zum
Schauplatz  eines  regen  Verkehrs.  Der  Hauptsitz  des  Seehandels
war  die  Wendenstadt  Julin  oder  Wollin,  deren  Hafen  300  Schiffe
faßte.  Hier  trafen  sich  deutsche,  dänische,  flawische,  byzantinische
Kaufleute,  um  wendische  Leinwand,  preußischen  Bernstein,  russisches
Pelzwerk  gegen  fränkische,  griechische,  italienische  Metallwaren,
Glasperlen,  Münzen  u.  a.  Zierat  einzutauschen.  Zu  Lande  ging
um  das  Jahr  1000  eine  Haupthandelsstraße  von  Hamburg  nach
Julin,  von  da  nach  Gyddanisk  (Danzig)  und  durch  Preußen
(über  Samland)  nach  Ostrogard  (Nowgorod)  in  Rußland,  wohin
die  Kaufleute  aus  Kiew  ihre  morgenländischen  Waren  brachten.
—  Die  Wenden  verehrten  als  höchsten  Gott  den  Belbog  (den
weißen,  guten  Gott);  der  Urheber  alles  Finstern  und  Schlimmen
  war  CzZernybog  (der  schwarze  Gott).  Der  Sonnengott
Swantewit,  der  Spender  der  Fruchtbarkeit,  hatte  in  Arkona
auf  Rügen,  Triglaw  (der  „dreiköpfige“  Herr  des  Himmels,  der
Erde  und  der  Unterwelt)  in  Stettin  und  Brandenburg,  der  Kriegsgott
  Radegast  zu  Rethre  in  Mecklenburg  einen  Haupttempel,
wo  selbst  Menschenopfer  dargebracht  wurden.  Wie  die  alten  Deutschen
  glaubten  auch  die  Wenden  an  ein  Fortleben  im  Jenseits
und  an  die  höhere  Seligkeit  der  als  Helden  Gefallenen.  Nichts
geschah,  ohne  daß  man  zuvor  den  Willen  der  Götter  befragt
hätte;  die  Priester  übten  daher  einen  ungemessenen  Einfluß.
Die  älteste  Staatsform  war  die  Gleichheit  aller  freien  Grundbesitzer,
  deren  jeder  unumschränkt  über  seine  Familie  und  seine
Knechte  gebot;  aus  den  gewählten  Gemeindevorstehern  ging  indes
allmählich  ein  Adel  hervor  (die  Friedensrichter,  Zupane)  und
aus  den  Kriegsführern  (Woiwoden)  ein  durch  Reichtum  und
Ansehen  gewaltiger  Knäs  (Fürst).  —  In  steten  Fehden  der
Stämme  unter  einander  und  mit  den  Deutschen  erhielt  sich  die
kriegerische  Tüchtigkeit  und  ein  starkes  Nationalgefühl.
1
        <pb n="7" />
        —  4  —

g  3.  Nachdem  der  fränkische  König  und  römische  Kaiser
Karl  der  Große  (768—  814)  alle  deutschen  Stämme  dem
Christentum  und  seinem  Reiche  unterworfen,  begann  auf  dessen
ganzer  östlichen  Grenze  von  den  bayrischen  Alpen  bis  zur  Niederelbe
ein  Bekehrungs=  und  Unterjochungskrieg  gegen  die  heidnischen  Slawen.
  Derselbe  wurde  nach  dem  Zerfall  des  karolingischen  Weltreichs
  und  der  Gründung  eines  deutschen  Reiches  (843  im  Vertrage
  zu  Verdun)  am  lebhaftesten  und  erfolgreichsten  in  Norddeutschland
  betrieben.  Hier  wohnte  das  durch  Zahl  und  zähe
Tapferkeit  stärkste  deutsche  Volk,  die  Sachsen,  zwischen  Ems
und  Elbe,  Nordsee  und  Thüringerwald.  Herzog  Heinrich  von
Sachsen,  der  als  deutscher  König  Heinrich  I.  (919—936),  auch
die  anderen  deutschen  Stämme,  nämlich  die  Franken,  Schwaben,
Bayern,  Lothringer,  beherrschte,  schützte  Süd=  und  Mitteldeutschland
(durch  den  Sieg  bei  Riade  an  der  Unstrut  933)  vor  den  Raubzügen
  der  Ungarn  (Magyaren)  und  sicherte  Norddeutschland,  indem
  er  hier  feste  Plätze  gründete  und  besonders  die  Grenzen
(Marken)  mit  Burgen  und  Kriegsvolk  versah.

Im  dritten  Jahrhundert  nach  Christi  Geburt  vereinigten  sich
die  meisten  deutschen  Stämme  zu  vier  großen  Völkerbünden:  aus
dem  alten  Suevenbunde  ging  der  Bund  der  Goten  hervor,  die
von  der  Oder  und  Weichsel  aus  ihre  Herrschaft  bis  zum  Schwarzen
  Meere  ausbreiteten;  die  westlichen  Norddeutschen  zwischen  Elbe
und  Ems  bildeten  den  Sachsenbund;  am  Main  und  Niederrhein
  waren  die  Franken,  im  südwestlichen  Deutschland  die
(suevischen)  Alemannen  einig.

Heerkönige,  die  Führer  dieser  kriegerischen  Vereine,  stifteten
in  der  Zeit  der  Völkerwanderung  auf  dem  eroberten  Boden  des
römischen  Weltreichs  germanische  Reiche  (z.  B.  das  Westgotenreich
  in  Spanien,  das  Vandalenreich  in  Afrika  439),  von  denen
das  fränkische  in  Gallien  unter  den  Merowingern  und  Karolingern
  zur  größten  Macht  gelangte.  Der  fränkische  König  Karl
der  Große  unterjochte  774  die  Langobarden  in  Italien,  772—
785  die  Sachsen  und  erneuerte  800  die  römische  Kaiserwürde.

Das  Christentum,  von  Italien,  Frankreich  und  Irland  durch
römische  Missionäre  (Bonifatius  +  754)  nach  Deutschland  verbreitet,
  trug  zur  politischen  Einigung  der  deutschen  Nation
das  meiste  bei.  Es  vermittelte  ihr  auch  die  höhere  Kultur  der
Romanen.  Zugleich  aber  schlug  das  fränkische  Lehnswesen
(Feudalwesen)  in  Deutschland  Wurzel.  Der  König  lieh,  um  seine
        <pb n="8" />
        —  5  —

persönliche  Macht  zu  mehren,  seinen  Kriegsleuten  als  Sold  für
Dienste  Grundbesitz,  wofuͤr  sie  ihm  zu  besonderer  Treue  verpflichtet
waren.  In  dasselbe  Verhältnis  setzten  sich  auch  andere  weltliche
und  geistliche  Große  zu  geringeren  Leuten,  der  Stärkere  zum
Schwächeren;  nur  mühsam  behauptete  der  freie  Besitzer  sein  Gut
als  unabhängiges  Eigentum  (Allod));  oft  erkaufte  er  Sicherheit
und  andere  Vorteile  nur  mit  der  Verwandlung  desselben  in  ein
chen.

Wie  das  Sachsenland  am  längsten  den  alten  Glauben  festgehalten,
  so  blieb  es  auch  am  längsten  bei  der  alten  Sitte  und
Weise  des  Lebens.  Erst  Heinrich  I.  gewöhnte  sein  Volk  an
engeres  Zusammenleben  und  einheitliches  Wirken.  Bis  auf  seine
Zeit  gab  es  im  östlichen  Deutschland  keine  Städte.  Er  befestigte
Marktflecken  und  baute  Burgen  als  Zufluchtsorte  für  die  Bewohner
  des  platten  Landes  in  Kriegszeiten  und  verpflichtete  jeden
neunten  Mann  des  zur  Burg  gehörigen  Gebietes,  in  ihr  zu
wohnen  und  sie  zu  bewachen;  um  die  Burg  erwuchs  dann  bald
eine  Stadt  (z.  B.  Quedlinburg).

§  4.  Im  Jahre  928  eroberte  Heinrich  I.  Brannibor  (Brandenburg),
  die  Hauptfeste  der  wendischen  Heveller  an  der
Havel;  dann  zwang  er  die  Sorben  wie  die  Ljutizen  zur  Tributzahlung.


Sein  Sohn,  Kaiser  Otto  der  Große  (936—973),  setzte
das  Werk  des  Vaters  fort  und  befestigte  es,  indem  er  zur  Bekehrung
  der  Heiden  in  den  Slawenländern  Bistümer  stiftete:  das
Bistum  Havelberg  946,  Brandenburg  949,  Zeitz  (später
nach  Naumburg  verlegt),  Merseburg  und  das  Erzbistum
Magdeburg  968.

Aber  nur  das  Schwert  schützte  hier  die  deutsche  Pflanzung.
An  Königs  und  Kaisers  Statt  führte  es  und  herrschte  über  alles
Volk  in  den  wendischen  Marken  der  Markgraf.  Als  solchen
hatte  Otto  der  Große  den  klugen  und  tapfern  Gero  eingesetzt.
Dieser  breitete  die  deutsche  Herrschaft  bis  zur  Oder  aus  und
schlug  mit  starker  Hand  alle  Aufstände  der  Eingeborenen  nieder.

Nach  Geros  Tode  965  bildete  der  Kaiser  aus  dem  weiten
Gebiete,  das  jener  verwaltet  hatte,  drei  Amtskreise  —  die  Nordmark
  (später  Altmark  geheißen)  vom  Harz  bis  zur  unteren
Havel,  die  Lausitz  oder  Ostmark  und  die  Mark  Meißen  —  und
belehnte  damit  verschiedene  Grafen.  Seitdem  wuchs  bei  den
Wenden  die  Hoffnung,  das  harte  Joch  der  Sachsen  abzuschütteln.
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        —  6  —

Im  Jahre  983  erhoben  sich  die  Obodriten  und  Ljutizen  zu  einem
wütenden  Aufstande,  bezwangen  die  sächsischen  Besatzungen,  erschlugen
  die  deutschen  Priester,  vernichteten  alles  Christliche  in
ihrem  Lande  und  drangen  verwüstend  selbst  über  die  Elbe  vor.
Mit  Mühe  behaupteten  die  Grafen  der  Nordmark  (aus  den
Häusern  Walbeck  und  Stade)  wenigstens  das  linke  Ufer  dieses
Stromes.  Aber  das  Havelland  blieb  ihnen  verloren;  150  Jahre
lang  lebten  dort  die  Wenden  wieder  in  alter  Freiheit  und  in
dem  alten  Götzendienst.  Die  Kämpfe,  welche  die  deutschen  Kaiser
aus  fränkischem  Stamme  (die  Salier  1024—1125)  mit  den
sächsischen  Fürsten  und  den  römischen  Päpsten  führten,  erleichterten
  es  den  Wenden,  sich  der  Sachsen  zu  erwehren.

Beim  Aussterben  der  Karolinger  (911)  war  Deutschland  ein
Wahlreich  geworden.  Die  Herzöge  der  Stämme  (unter  den
Karolingern  königliche  Statthalter,  berufen  zur  Verteidigung  gegen
äußere  Feinde  und  zur  Aufrechterhaltung  des  inneren  Friedens,
dann  erbliche  Vertreter  ihrer  Stammesgenossen),  ferner  die  Pfalzgrafen
  (königliche  Beamte,  Verwalter  der  obersten  Gerichtsbarkeit
und  Aufseher  der  Kroneinkünfte  und  Pfalzen)  und  die  Bischöfe
(deren  vornehmste  die  Erzbischöfe  von  Mainz,  Trier,  Köln,  Bremen,
  Salzburg  waren),  übten  für  die  Nation  das  Wahlrecht.
Doch  blieb  man  gern  bei  derselben  Dynastie,  und  so  herrschten
über  Deutschland  bis  zu  ihrem  Aussterben  das  sächsische  Haus
(919—1024)  und  das  salische  (1024—1125).

Die  Verbindung  der  deutschen  Königskrone  mit  der  römischen
Kaiserwürde  (seit  962),  d.  h.  mit  der  Schirmvogtei  über  die
abendländische  Kirche  und  dem  Königtum  in  Italien,  förderte
zwar  die  Bildung,  erweckte  aber  auch  in  den  Kaisern  das  Streben
  nach  unumschränkter  (imperatorischer)  Gewalt,  wogegen
sich  die  deutschen  Fürsten  mit  Hilfe  der  zwischen  den  Stämmen
bestehenden  Eifersucht  und  im  Bunde  mit  der  römischen  Hierarchie
empörten.  Die  sächsischen  Fürsten  schlugen  1115  den  Franken
Heinrich  V.  aus  Norddeutschland  hinaus,  und  seitdem  war  die
Macht  der  Landesfürstenschaft  in  Deutschland  nicht  mehr  zu
brechen.  Der  dann  folgende,  ein  Jahrhundert  lange  Kampf  der
schwäbischen  (staufischen)  Kaiser  mit  den  Päpsten  schwächte  zu
Gunsten  der  Fürsten  Thron  und  Reich  vollends.
        <pb n="10" />
        2.  Brandenburg  unter  den  ballenstädtischen
(anhaltinischen  oder  askanischen)  Markgrafen  1134—1319.

Albrecht  der  Bär  (1134—1170).

§  5.  Der  preußische  Staat  ist  aus  dem  brandenburgischen
erwachsen,  und  der  Mann,  der  den  brandenburgischen  Staat
begründete,  war  Graf  Albrecht  von  Ballenstädt,  wegen
seiner  Tapferkeit  der  Bär  genannt.  Für  treue  Kriegsdienste,
die  er  dem  Kaiser  Lothar  (1125—1137)  in  Jtalien  geleistet,
ward  er  von  diesem  im  Jahre  1134  mit  der  Nordmark  belehnt.
  Dieses  kleine  Gebiet  vergrößerte  nun  Albrecht  zunächst
durch  Eroberung  der  Priegnitz,  indem  er  einen  Zwiespalt  benutzte,
  der  unter  den  Ljutizen  und  Obodriten  ausgebrochen  war.
Die  wichtigste  Erwerbung  machte  er  indes  mit  Hilfe  des  Christ
gewordenen  Hevellerfürsten  Pribislaw  von  Brandenburg,
der  ihn  zum  Erben  seines  Landes  (zwischen  Havel  und  Rhin)
einsetzte.  Daher  nannte  sich  Albrecht  seit  1136  Markgraf  von
Brandenburg.  Nach  Pribislaws  Tode  (1150)  ergriff  er  Besitz;  der
Kaiser  aber,  Konrad  III.  von  Hohenstaufen  (1138—1152),  erhob
dieses  neue  Gebiet  (die  später  sogenannte  Mittelmark)  zu  einem
reichsunmittelbaren  Herzogtum,  und  sein  Nachfolger  Friedrich  I.
verband  mit  demselben  die  Erzkämmererwürde  des  deutschen
Reichs.  Durch  Kreuzzüge  gegen  die  Wenden  behauptete  Albrecht
seinen  Besitz,  unterdrückte  auch  einen  Aufstand  der  Heveller  unter
einem  Verwandten  Pribislaws,  dem  Polenfürsten  Jaczo  (1157),
und  zwang  die  Besiegten  zur  Taufe  (Sage  vom  Schildhorn).
  Um  aber  das  Christentum  und  seine  Herrschaft
auf  die  Dauer  zu  befestigen,  siedelte  er  viele  Deutsche  im
Lande  an.  Er  lieh  seinen  Kriegern,  die  ihm  bei  der  Eroberung
geholfen,  zum  Dank  und  damit  sie  ihm  auch  ferner  bei  Hof  und
im  Felde  dienten,  den  Adligen  Rittergüter  und  Burgen,  den  gemeinen
  Soldaten  kleinere  Grundstücke.  Außerdem  rief  er  aus
Holland,  Friesland,  Westfalen,  Flandern  Bauern  und  Bürger
herbei  und  wies  ihnen  gegen  Zins  Grundbesitz  zu  freiem  Eigentum
  an.  Auch  Mönche  und  Priester,  Johanniter=  und  Tempelritter
  zog  er  ins  Land,  damit  sie  ihm  hülfen  die  Wenden  Christo
zu  unterwerfen.  Da  rodeten  die  Einwanderer  Wälder  aus,  leg-
        <pb n="11" />
        —  8  —

ten  Sümpfe  trocken  oder  setzten  sich  in  verlassene  wendische  Höfe,
gründeten  Dörfer  und  Städte  neu  oder  machten  die  alten  deutsch.
Allmählich  verschwand  nicht  bloß  der  heidnische  Götzendienst,  sondern
  zum  Teil  auch  die  wendische  Art  und  Sitte.

Albrechts  Nachfolger  aus  dem  Hause
Ballenstädt.

8  6.  Wie  der  Stammuvater  begonnen,  so  setzten  die  Ballenstädter
  (oder  wie  sie  nach  anderen  Besitzungen  auch  hießen,  die
Anhaltiner  oder  Askanier)  das  Werk  der  Eroberung  und
Besiedelung  rüstig  fort.  Immer  weiter  breiteten  sie  die  Mark
Brandenburg  längs  der  Havel  und  Spree  aus.  Doch  hatten  sie
dabei  nicht  bloß  mit  den  heidnischen  Wenden,  sondern  auch  mit
christlichen  Nachbarfürsten  manchen  Kampf  zu  bestehen.  Zum
Kaiser,  dessen  Statthalter  in  der  Mark  sie  waren,  hielten  sie
immer  treu.  So  half  Otto  I.  (1170—1184),  Sohn  und  Nachfolger
  Albrechts  des  Bären,  dem  Kaiser  Friedrich  Rotbart
(1152—1190)  den  treulosen  Herzog  Heinrich  den  Löwen  von
Sachsen  und  Bayern  bezwingen.  Es  heißt,  er  empfing  nun  die
Lehnshoheit  über  Mecklenburg  und  Pommern.  Aber  auch
der  König  von  Dänemark  streckte  nach  diesen  flawischen  Ländern
seine  Hand  aus,  und  es  kam  darüber  zwischen  ihm  und  Ottos  I.
Söhnen,  Otto  II.  (1184—1205)  und  Albrecht  II.  (1205—
1220),  zu  langen  Kämpfen.  Pommern  selbst,  1181  vom  Kaiser
zum  Herzogtum  erhoben,  suchte  sich  frei  zu  erhalten.  Die
Markgrafen  richteten  hier  wenig  aus.

Es  scheint,  daß  Otto  II.  auch  in  einen  Streit  mit  der  Kirche
geriet  und  dabei  den  kürzeren  zog.  Es  heißt,  er  habe  einen
Kreuzzug  nach  Palästina  gelobt,  aber  wegen  des  Dänenkrieges
nicht  ausgeführt  und  sei  deshalb  vom  Erzbischof  von  Magdeburg
mit  dem  Banne  belegt,  d.  h.  aus  der  Kirchengemeinschaft  ausgestoßen
  worden.  Da  nun  das  fromme  Volk  damals  jeden  Exkommunizierten
  wie  einen  Verpesteten  mied,  so  habe  der  Markgraf
  sich  vor  dem  Erzbischof  demütigen  und  seine  Lösung  vom
Banne  mit  Geld  und  Gut  erkaufen  müssen.  Gewiß  ist  nur  so
viel,  daß  er  (1196)  seine  ballenstädtischen  Familienbesitzungen
an  das  Erzstift  Magdeburg  abtrat  und  als  bloße  Lehengüter
wiedererhielt.
        <pb n="12" />
        —  9  —

§  7.  Johann  I.  (1220—1266)  und  Otto  III.  (1220—
1267),  Albrechts  II.  Söhne,  sind  ein  leuchtendes  Beispiel  brüderlicher
  Eintracht.  Unter  der  Vormundschaft  ihrer  weisen  und
kraftvollen  Mutter  Mathilde  erwuchsen  sie  zu  schönen,  stattlichen
Rittern  und  führten  dann  (seit  1226)  ein  Menschenalter  gemeinschaftlich
  die  Regierung,  einer  des  andern  Schild,  nach  außen
mit  der  Umsicht  und  Tapferkeit,  nach  innen  mit  der  klugen
Sorgfalt  Albrechts  des  Bären.  Von  den  Wenden  erwarben  sie
den  Barnim  und  Teltow,  von  den  pommerschen  Herzögen  (die
auch  ihre  Lehnshoheit  anerkennen  mußten)  das  mecklenburgische
Stargard  (12360)  und  die  Uckermark  (1250).  Sie  drangen  auch
über  die  Oder  vor,  eroberten  dort  das  Land  Lebus  und  die
Gegend  von  Soldin,  Küstrin,  Königsberg  (1260).

Zum  Unterschied  von  der  Mark  Brandenburg  (Mittelmark)
und  von  der  Nordmark  (Altmark)  wurden  diese  neuen  Besitzungen
die  Neumark  genannt.  Hier  saß  eine  polnische  Bevölkerung
in  dem  spärlich  bebauten,  halbwilden  Lande.  Die  Markgrafen
führten  daher  deutsche  Kolonisten  hin,  gründeten  Frankfurt
  a.  O.  (1253),  Landsberg  a.  W.  und  andere  Ansiedelungen,
welche  das  Deutschtum  und  die  brandenburgische  Herrschaft  einbürgerten.
  Nicht  mindere  Pflege  wurde  den  älteren  Pflanzungen
zu  teil.  Unermüdlich  waren  die  Markgrafen,  das  deutsche  Wesen
überall  emporzubringen.  Etwa  um  das  Jahr  1232  machten  sie
das  wendische  Dorf  Kölln  am  linken  und  das  deutsche  Dorf
Berlin  am  rechten  Spreeufer  zu  deutschen  Städten,  die  bald
ansehnlich  wurden,  weil  hier  von  altersher  zwischen  Slawen  und
Deutschen  ein  lebhafter  Handelsverkehr  herrschte.  Da  die  Markgrafen
  sahen,  wie  die  Mönche  des  Ceisterzienserklosters  Lehnin
in  der  Zauche,  welches  Otto  I.  (1180)  zum  Erbbegräbnis  seiner
Familie  gegründet  hatte,  nicht  bloß  beteten,  sondern  auch  sehr
fleißig  arbeiteten,  also  daß  die  Klostergüter  den  Landwirten  rings
zum  Muster  dienten,  so  beschlossen  sie,  auch  solche  Klöster  zu
stiften,  und  bauten  Chorin  und  Strausberg.

Kurz  vor  ihrem  Tode  (Johann  starb  1266,  Otto  1267)
teilten  die  Brüder  ihr  Land  unter  ihre  Kinder;  so  entstanden
zwei  markgräfliche  Linien,  von  Johann  die  ältere  (stendalsche),
von  Otto  die  jüngere  (salzwedelsche).  Aber  die  zahlreichen
Fürsten,  die  ihnen  entstammten  (19  im  Jahre  1280),  hielten
allzumal  eben  so  treulich  zusammen,  wie  ihre  Väter  getan,
        <pb n="13" />
        —  10  —

und  dadurch  kam  das  Haus  Ballenstädt  zu  immer  größerer
Macht,  während  anderwärts  eine  Länderteilung  der  Ruin  des
Staates  und  des  Fürstengeschlechts  zu  werden  pflegte.

§  8.  Der  älteste  Markgraf  war  Erzkämmerer  und  Haupt
der  Familie;  doch  hatten  die  anderen  mündigen  Fürsten  teil  an
der  Regierung.  Zunächst  war  das  Familienoberhaupt  Johann  II.
(1266—1281).  Er  war  ein  wackerer,  angesehener  Fürst  und  wurde
deshalb  auch  bei  der  Kaiserwahl  Rudolfs  von  Habsburg  (1273)
mit  hinzugezogen.  Otto  IV.  mit  dem  Pfeile  (1266—1308)
ist  als  Minnesänger  berühmt;  doch  dichtete  er  seine  Lieder  nicht
in  der  Mundart  der  Mark,  wo  man  niederdeutsch  (plattdeutsch)
sprach  und  Kunst  und  Wissenschaft  noch  sehr  wenig  pflegte,  sondern
  in  der  oberdeutschen  (hochdeutschen)  Zunge,  die  in  dem
gebildeteren  Süden  herrschte.  Das  Schwert  handhabte  er  nicht
minder  fröhlich  als  die  Zither.  Einst  überzog  er  das  Erzstift
Magdeburg,  weil  es  seinen  Bruder  Erich  nicht  zum  Erzbischof
erwählt  hatte,  mit  Fehde;  aber  der  Erzbischof  holte  aus  dem
Dom  das  Banner  des  heiligen  Mauritius,  und  die  Bürger,  rasch
darum  gesammelt,  zogen  dem  Markgrafen  entgegen,  schlugen
ihn  bei  Frohse  1278  und  nahmen  ihn  selbst  gefangen.  Mit
4000  Mark  (Pfund)  Silbers,  die  seine  getreue  Gattin  Helwich
mit  Hilfe  eines  alten  Dieners  Johann  von  Buch  herbeischaffte,
wurde  er  losgekauft.  Kaum  frei  geworden,  erneuerte  er  den  Kampf,
erhielt  bei  Staßfurt  einen  Pfeil  in  den  Schädel,  dessen  Spitze
man  lange  nicht  herausziehen  konnte,  und  setzte  später  doch  Erichs
Wahl  durch.  Im  Verein  mit  seinen  Verwandten  vergrößerte  er
die  Hausmacht  durch  Kauf  der  Mark  Landsberg  (zwischen  Mulde
und  Saale)  und  der  Niederlausitz  (vom  thüringer  Landgrafen
Albrecht  dem  Unartigen  und  dessen  Sohne  Dietzmann).

§9.  Waldemar  der  Große  (1308—19)  überstrahlte  durch
gewaltige  Thatkraft  und  ungestüme,  nie  verzagende  Tapferkeit
wie  durch  Klugheit  und  königliche  Pracht  alle  andern  deutschen
Fürsten  seiner  Zeit.  Dem  Deutschtum  verschaffte  er  neuen  Raum,
indem  er  Pommerellen  (das  pommersche  Land  zwischen  Persante
  und  Weichsel  mit  der  Hauptstadt  Danzig)  den  Polen
entriß  und  den  östlichen  Teil  dem  deutschen  Orden  überließ,  den
westlichen  zur  Mark  fügte  (1309).  Auch  seine  übrigen  Nachbarn,
die  Fürsten  von  Meißen,  Magdeburg,  Mecklenburg  u.  a.,  em-
        <pb n="14" />
        —  11  —

pfanden  die  Schwere  seines  Armes,  und  als  er  für  die  Stadt
Stralsund  gegen  den  rügischen  Fürsten  Witzlaw  ins  Feld  zog,
vereinigten  sie  sich  mit  den  Königen  von  Dänemark,  Polen,
Schweden  zu  seinem  Sturze.  Mit  dreifacher  Uebermacht  brachen
die  Verbündeten  in  die  Mark  ein,  schlugen  Waldemar  in
einem  harten  Kampfe  (bei  Gransee  1316),  konnten  aber  des
Helden  doch  nicht  Meister  werden  und  mußten  ihm  einen  ehrenvollen
  Frieden  zu  Templin  1317)  zugestehen.  Er  war  auf
dem  Gipfel  seines  Ruhmes,  als  der  Tod  plötzlich  den  erst  Achtundzwanzigjährigen
  hinraffte  (1319).  Er  war  der  letzte  Markgraf
  von  Brandenburg  aus  dem  Hause  Ballenstädt;  mit  seinem
minderjährigen  Vetter,  Heinrich  von  Landsberg,  starb  (1320)
auch  der  letzte  männliche  Sproß  dieser  Dynastie.

§  10.  Nachdem  das  deutsche  Volk  einmal  das  Christentum
angenommen,  hing  es  dem  neuen  Glauben  mit  glähender  Liebe
an,  und  die  Bekämpfung  und  Bekehrung  der  heidnischen  Nachbarn
  schien  ihm  eine  heilige  Pflicht.  So  trieb  der  fromme
Eifer  immer  aufs  neue  bewaffnete  Kreuzfahrer  und  predigende
Glaubensboten  über  die  Elbe  und  Oder.  Aber  auch  weltliche
Vorteile  lockten:  die  Kultur  hatte  in  Deutschland,  besonders  am
Rhein,  bis  zum  Beginn  des  12.  Jahrhunderts  bereits  so  große
Fortschritte  gemacht,  und  die  Bevölkerung  so  zugenommen  an  Zahl
und  Unternehmungslust,  daß  viele  Bauern,  Handwerker  und  Kaufleute,
  zumal  aus  den  Niederlanden,  gern  in  die  Slawenländer
auswanderten,  wo  Grund  und  Boden  und  manches  nützliche  Vorrecht
  fast  umsonst  zu  haben  war.  Diese  Umstände  erleichterten
es  den  Grenzfürsten  ungemein,  ihre  Herrschaft  nach  Osten  auszudehnen.
  An  der  unteren  Elbe  tat  dies  am  großartigsten  Heinrich
  der  Löwe,  der  Mecklenburg  und  Pommern  unterwarf.
Die  Fürsten  dieser  flawischen  Länder,  bald  überzeugt,  daß  das
Christentum  die  staatliche  Ordnung  befestige,  begünstigten  dessen
Eindringen  und  das  Deutschtum.  So  konnte  Bischof  Otto  von
Bamberg,  „der  Apostel  der  PHommern“,  1124  zu  Stettin
das  Bild  des  Götzen  Triglaw  wegnehmen  und  viele  Tausende
taufen.  Während  hier  die  Religion  und  die  höhere  Bildung  der
Deutschen  durch  die  einheimischen  Fürsten  selbst,  die  sich  bald  zu
den  deutschen  Reichsfürsten  zählten,  eingebürgert  wurden,  geschah
die  Germanisierung  in  den  brandenburgischen  Marken  mit
Hilfe  des  Schwertes.  Dem  siegreichen  Krieger  folgten  auf  der
Ferse  der  taufende  Priester  und  der  deutsche  Kolonist.

Zuerst  siedelte  der  Markgraf  die  Krieger  av,  lieh  ihnen
        <pb n="15" />
        Rittergüter  von  5—6  Hufen,  mit  umzäunten  Wohnungen
(Zaunjunker)  oder  Burgen  (Schloßgesessene);  dafür  mußten  sie
ihm  zu  jeder  Fehde  bewaffnet  zu  Roß  mit  ihren  Knechten  Kriegsdienst
  leisten.  Dörfer  gründete  er  mit  Hilfe  von  Unternehmern.
Ein  solcher  erhielt  ein  Gebiet  von  30  bis  60  Hufen;  davon  nahm
er  ein  Stück  für  sich  als  erbliches  Lehngut  mit  der  Verpflichtung
des  Reiterdienstes,  das  übrige  verteilte  er  als  freies  Eigentum  an
andere  Kolonisten,  die  dafür  dem  Markgrafen  Zins  zahlten.  Der
Unternehmer  war  der  Erbschulze  des  neuen  Dorfes.  Streitigkeiten
  der  Dorfgemeinde  schlichtete  das  Dorfgericht,  dessen  Beisitzer
oder  Schöffen  Bauern,  dessen  Vorsitzender  der  Erbschulze  war.
Die  Schulzen  mehrerer  Dörfer  bildeten  unter  Vorsitz  des  markgräflichen
  Vogtes  das  Landgericht,  welches  dreimal  im  Jahre
tagte  (Dreiding).  4

Die  Bauern  waren  frei,  auch  in  den  von  Bischöfen,  Abten,
Städten,  Edelleuten  gegründeten  Dörfern;  nur  hatten  sie  für  ihr
Gut  dem  Grundherrn  des  Orts  bestimmte  mäßige  Abgaben  in
Getreide  oder  Spanndiensten  (mit  Pferd  und  Wagen)  zu  leisten.
Die  geringsten  Ansiedler  (Gärtner,  Kleinbauern),  die  Kossäten,
leisteten  bestimmte  Handdienste.

Städte  wurden  in  ähnlicher  Weise  angelegt:  der  Unternehmer
verteilte  ein  vom  Markgrafen  gekauftes  Gebiet  von  100—300
Hufen  in  Parzellen  an  Kolonisten,  war  Stadtschulze  und  damit
erblicher  Stadtrichter;  die  andern  Ansiedler  zahlten  für  ihre  Grundstücke
  einen  Zins  (½/  an  den  Schulzen,  ½  an  den  Landesherrn).

Die  Bürger,  alle  frei  und  wehrhaft,  verteidigten  ihre  Stadt
selbst.  Sie  verwalteten  sie  auch  selber  und  zwar  durch  einen  gewählten
  Rat  von  12  Personen,  sowie  durch  ein  Schöffengericht
  aus  Bürgern  und  dem  Stadtschulzen  (später  Bürgermeister).
Zum  Zeichen  der  Selbständigkeit  und  Wehrhaftigkeit  der  Gemeinde
stand  neben  dem  Rathause  eine  „Rolandssäule“".

Das  Schöffengericht  verhandelte  öffentlich  und  mündlich  vor
dem  Rathaus  der  Stadt  oder  auf  der  Feldmark  des  Dorfs.  Den
Blutbann  (die  oberste  Gerichtsbarkeit,  besonders  in  hochpeinlichen
  Sachen)  übte  der  Markgraf,  als  Stellvertreter  des  Kaisers,
durch  Vögte  im  Hofgericht;  später  verlieh  er  ihn  vielerorten  an
Vasallen  und  Städte.

Für  die  Bauern  galt  Landrecht,  für  die  Städter  Stadtrecht
(brandenburgisches  —  insofern  hieß  Brandenburg  die  Mutter  der
märkischen  Städte),  für  die  Vasallen  Lehnsrecht,  überhaupt  sächsischer
  Rechtsbrauch  (der  Sachsenspiegel  Eikes  von  Repkow
um  1230).
        <pb n="16" />
        —  13  —

Die  Gewerksgenossen  bildeten  die  Innung;  die  vornehmsten
Gewerke  waren  die  der  Fleischer,  Bäcker,  Schuster,  Wollenweber
(„Viergewerke").

Die  Kaufleute  tauschten  märkische  Produkte  (Tuch,  Leinwand,
Hopfen,  Waid  und  Erzeugnisse  des  Ackerbaues)  gegen  pommersche
Heringe,  preußischen  Bernstein,  polnisches  und  russisches  Pelzwerk,
hallesches  Salz  aus.  Den  Handel  gegen  Räuber  und  Zollschranken
  zu  schützen,  traten  viele  märkische  Städte  seit  Waldemars
  Zeit  dem  von  Lübeck  gestifteten  Hansabund  bei.

Der  Markgraf  stand  an  Kaisers  Statt  und  hatte  das  Wendenland
  erobert;  daher  war  er  für  die  weltlichen  Besitzungen  der
Geistlichkeit  auch  deren  Lehnsherr;  selbst  die  Bischöfe  (von
Havelberg,  Brandenburg,  Lebus,  —  erstere  beide  ursprünglich
reichsunmittelbare  Fürsten)  konnten  gegen  seine  Macht  nicht  aufkommen.
  Gefährlicher  war  die  Feindschaft  des  Metropoliten,
des  Erzbischofs  von  Magdeburg,  zu  dessen  Sprengel  die  Mark
gehörte.  Doch  gewann  die  Hierarchie  hier  nie  so  viel  Einfluß,
wie  im  eigentlichen  Deutschland  („im  Reich").  —  Die  ältesten
Klosterorden  waren  in  der  Mark  die  Prämonstratenser
und  die  Cisterzienser;  dann  kamen  die  1216  gestifteten  Bettelmönche,
  Franziskaner  (Graumönche)  und  Dominikaner  (Schwarzmönche).


Außer  dem  Grundzins,  den  Gerichtssporteln,  dem
Münzregal,  den  Zöllen  bezog  der  Markgraf  auch  den  Zehnten,
  der  anderwärts  der  Kirche  geleistet  ward,  und  hatte  dadurch
sehr  große  Einkünfte.  Trotzdem  mangelte  es  ihm  oft  an  Geld.
Viel  kostete  die  Dienerschaft,  vom  vornehmen  Hofgesinde  (Truchseß
  oder  Küchenmeister,  Schenk,  Marschall,  Kämmerer  oder  Schatzmeister)
  bis  zum  Heide=  und  Landreiter  hinab.  Reichgewordene
markgräfliche  Dienstmannen  (Ministerialen),  die  sich  wieder
die  persönliche  Freiheit  erkauft  hatten  und  also  Freiherren  geworden
  waren,  wurden  Stammväter  vieler  noch  heute  blühender
Adelsfamilien.

War  nun  der  Markgraf  in  Geldnot,  so  verpfändete  oder  verkaufte
  er  einen  Teil  seiner  Einkünfte  und  Rechte,  oder  er  bat  das
Land  um  Hilfe.  Im  letzteren  Fall  berief  er  die  drei  Stände
(die  hohe  Geistlichkeit,  den  Lehnsadel  und  die  städtischen  Behörden)
  zu  einem  Landtag.  Dieser  bewilligte  oder  verweigerte  die
Bitte  (Bede).  Willkürlich  durfte  der  Landesherr  keine  Steuer
auflegen,  so  mächtig  er  auch  als  oberster  Kriegsherr,  oberster  Richter
  und  oberster  Kirchenvogt  war.

So  stand  es  um  die  deutsche  Bevölkerung  in  den  Markenz
die  flawische  war  schlimmer  daran.  Von  ihrem  Adel,  den  Albrecht
        <pb n="17" />
        —  14  —

der  Bär  dem  deutschen  gleichgestellt  hatte,  verlassen,  auf  dem
Lande  mit  Abgaben  belastet,  in  den  Städten  von  den  Deutschen
verdrängt,  geriet  sie  in  tiefe  Verachtung,  wo  sie  ihr  Volkstum
festhielt.  Meist  ließ  sie  es  fahren  und  nahm  deutsches  Wesen  an.
Auch  das  Land  selber  bekam  ein  anderes  Aussehen:  an  Stelle
des  wendischen  Feldsteinbaues  trat  der  niederländische  Backsteinbauz
  die  hölzernen  Befestigungen  der  Städte  verwandelten  sich  seit
1250  in  steinerne  Mauern  und  Türme,  wie  der  adlige  Krieger
in  einen  eisengepanzerten  Ritter.  Und  in  den  Gärten  und  auf
den  Feldern  sah  man  neben  den  alten  Kulturpflanzen  neue  (z.  B.
die  Rebe,  den  Krapp),  die  mit  den  deutschen  Bauern  gekommen
waren,  wie  neue  Kunstfertigkeiten  mit  den  deutschen  Bürgern.

 

3.  Brandenburg  unter  den  bayrischen  oder  Wittelsbacher
Markgrafen  (1324—  1373)  und  unter  den  luxemburgischen
Kurfürsten  (1373—1415).

§  11.  Als  das  Heldengeschlecht  Albrechts  des  Bären  in  der
Mark  erlosch,  war  der  Staat,  den  er  gegründet,  der  größte  und
mächtigste  in  ganz  Norddeutschland.  Aber  verwaist  fiel  er  nun
den  habsüchtigen  Nachbarfürsten  zur  Beute,  die  rings  Stücke  von
ihm  abrissen.  Auch  im  Innern  griff  wüste  Unordnung  um  sich;
denn  der  Herrscher,  der  alles  zusammengehalten,  fehlte.  Dies
Zwischenreich  (Interregnum  1319—1323)  rasch  zu  enden,
wäre  das  Amt  des  Kaisers  gewesen.  Aber  gerade  damals  wütete
im  deutschen  Reiche  selber  der  Bürgerkrieg;  der  bayrische  Herzog
Ludwig  von  Wittelsbach  und  der  österreichische  Herzog  Friedrich
von  Habsburg  rangen  dort  um  die  Krone.  Erst  als  Ludwig
der  Bayer  seinen  Gegner  (bei  Mühldorf  1322)  besiegt  hatte,
konnte  er  als  anerkannter  Kaiser  sich  auch  der  Mark  annehmen.
Aber  längst  arbeiteten  die  Kaiser  nicht  mehr  für  des  Reiches,
sondern  für  ihrer  Familie  Bestes;  so  gab  auch  Ludwig  die  Mark
nicht,  wie  deren  Vorteil  erheischte,  den  Verwandten  der  brandenburgischen
  Ballenstädter,  den  Askaniern  von  Anhalt  und  Sachsen,
sondern  er  zog  sie  als  erledigtes  Reichslehen  ein  und  belehnte
  mit  ihr  1324  seinen  ältesten  Sohn  Ludwig.  Da  dieser
noch  ein  Knabe  war,  so  verwaltete  er  selbst  als  Vormund  für
ihn  die  Markgrafschaft.
        <pb n="18" />
        —  15  —

Deren  Unglück  hob  nun  jetzt  erst  recht  an.  Denn  Kaiser
Ludwig  der  Bayer,  der  sich  mit  dem  Papste  verfeindet  hatte,
wurde  in  den  Bann  getan,  und  um  die  Wittelsbacher  aus  ihrer
neuen  Erwerbung  zu  verdrängen,  rief  der  Papst  die  Nachbarn,
besonders  die  raublustigen  Polen,  gegen  die  Marken  auf.  Da
brach  ein  polnisches  Heer  in  die  Neumark  ein,  sengte  und  brannte,
mordete  und  übte  jeden  Frevel,  zerstörte  an  200  Dörfer  und
schleppte  über  6000  Menschen  als  Sklaven  mit  sich  fort  (1325).

Auch  unter  den  Märkern  selbst  war  wegen  des  Streites
zwischen  Kaiser  und  Papst  Unfriede;  in  Berlin  kam  es  zu  einem
Auflaufe,  wobei  der  Propst  Nikolaus  von  Bernau,  der  ein
Haupt  der  Päpstlichen  war,  erschlagen  wurde.  Ebenso  erhoben
sich  die  Bürger  von  Frankfurt  a.  O.,  indem  sie  die  päpstlich
gesinnten  Priester  verjagten.  Dafür  wurden  beide  Städte  mit
dem  Bann  und  Interdikt  belegt,  d.  h.  es  durfte  in  ihnen  kein
Gottesdienst  gehalten,  keine  Kirchenglocke  geläutet,  keine  Taufe,
eheliche  Einsegnung  und  christliche  Bestattung  vollzogen  werden.
Erst  nach  Jahren  kauften  die  Bürger  mit  vielem  Gelde  sich  von
dieser  Kirchenstrafe  los.

Neue  Not  kam  über  das  Land,  als  Kaiser  Ludwig  1342
aus  Habgier  den  Wunsch  der  Erbin  von  Tirol  Margareta
Maultasch  (so  genannt  nach  ihrem  Geburtsort,  einem  Schloß
in  Tirol)  erfüllte,  indem  er  sie  von  ihrem  untüchtigen  Gemahl,
dem  Prinzen  Johann  von  Luxemburg,  schied  und  an  seinen  Sohn,
den  Markgrafen  Ludwig,  verheiratete.  Denn  wegen  dieses  Bruchs
der  Kirchengesetze  schleuderte  der  Papst  von  neuem  seinen  Bannstrahl
  gegen  die  Wittelsbacher,  und  die  Luxemburger,  damals
das  mächtigste  deutsche  Fürstenhaus,  das  auch  über  Böhmen
herrschte,  empörten  sich  und  schickten  böhmische  Heere  ab,  die
Marken  zu  verwüsten.  Noch  schlimmer  ging  es  dem  Markgrafen,
als  1347  sein  Vater  starb,  und  der  Luxemburger  Karl  (IV.)
Kaiser  wurde.  Dazu  verwüstete  noch  eine  entsetzliche  Pest,  der
schwarze  Tod  (1348),  die  Länder.

§*  12.  Markgraf  Ludwig  der  Altere,  wie  er  zum
Unterschiede  von  seinem  gleichnamigen  jüngeren  Bruder  genannt
wurde,  (1324—1351),  kümmerte  sich  um  die  Leiden  der  Mark
nicht  viel;  er  hielt  sich  fast  immer  in  seinem  Bayern  und  Tirol
auf.  Um  so  härter  mußte  die  Brandenburger  ihr  Los  dünken,
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        —  16  —

daß  sie  unter  wittelsbachische  Hoheit  gefallen.  Mit  Schmerz  gedachten
  sie  des  Glücks  der  alten  Zeit,  als  sie  unter  Waldemar
dem  Großen  in  Ruhe  und  Wohlstand,  Ehre  und  Ansehen  lebten.
Da  erscholl  plötzlich  die  Kunde,  Waldemar  sei  wieder  da,  sei
nicht  gestorben  und  begraben,  sondern  heimlich,  ein  kirchliches
Vergehen  zu  büßen,  nach  Palästina  gepilgert  und  nunmehr  heimgekehrt,
  sein  Volk  zu  erlösen.  In  der  That  war  ein  alter  Pilger
  im  Frühling  1348  beim  Erzbischof  von  Magdeburg  erschienen,
hatte  sich  für  den  Markgrafen  Waldemar  ausgegeben  und  war
wegen  seiner  Ahnlichkeit  mit  demselben  von  dem  Erzbischof  und
vielen  Nachbarfürsten,  vor  allen  von  den  askanischen  Fürsten
von  Anhalt  und  Sachsen,  als  solcher  anerkannt  worden.  Jubelnd
fiel  ihm  überall  das  Volk  zu;  er  spendete  reichlich  Rechte,  Freiheiten
  und  andere  Vorteile,  wie  er  auch  die  Askanier  zu  seinen
Erben  einsetzte.  Gern  erklärte  sich  Kaiser  Karl  IV.  aus  Haß
gegen  die  Wittelsbacher  für  ihn,  gab,  nachdem  ein  Fürstengericht
sich  für  Waldemars  Echtheit  ausgesprochen,  diesem  die  Mark
zu  Lehen  und  half  ihm  wider  Ludwig,  dem  nur  wenige  Städte
(z.  B.  Treuen-Briezen)  treu  blieben.  Da  aber  die  barrische
Partei  in  Deutschland  einen  Gegenkaiser  ausstellte,  so  hielt  es
Karl  IV.  für  geraten,  mit  ihr  Frieden  zu  machen,  und  gab  den
„falschen  Waldemar“  wieder  preis.  Dieser  galt  nun  als  Betrüger
  (was  er  wahrscheinlich  auch  gewesen  ist;  er  soll  Jakob
Rehbock  geheißen  haben),  und  Ludwig  ward  von  neuem  mit  der
Mark  belehnt.  Er  trat  dieselbe  1351  seinen  Brüdern  Ludwig
dem  Römer  und  Otto  ab  und  zog  sich  nach  Bayern  zurück.

§*  13.  Ludwig  der  Römer  (1351—1365),  ein  ernster,
thatkrästiger  Mann,  verdrängte  den  falschen  Waldemar  bald  ganz
aus  der  Mark;  es  blieb  diesem  nichts  übrig,  als  zu  verzichten
und  nach  Dessau  zu  seinen  angeblichen  Verwandten,  den  Fürsten
von  Anhalt,  zu  ziehen;  hier  starb  er,  fürstlich  gehalten,  1357.

Aber  auch  die  Wittelsbacher  sollten  das  Erbe  Waldemars
des  Großen  nicht  behalten;  Karl  IV.  gedachte  es  an  sein  eigenes
Haus  zu  bringen.  Schon  hatte  er  bei  den  Wirren  zwischen  dem
falschen  Waldemar  und  Ludwig  dem  Altern  erst  von  dem  einen,
dann  von  dem  andern  sich  die  Lausitz  abtreten  lassen;  nun
streckte  er  seine  Hand  nach  den  übrigen  Marken  aus.  Die  Zwie-
        <pb n="20" />
        —  17  —

tracht  der  Wittelsbacher,  die  nicht,  wie  einst  die  Ballenstädter,
fest  zusammenhielten,  erleichterte  ihm  seine  Absicht.  Die  bayri—
schen  Herzöge  beneideten  die  brandenburgischen  Markgrafen,
denen  die  Goldene  Bulle  (ein  von  Karl  1V.  erlassenes  Reichsgesetz
  1356)  kurfürstlichen  Rang  gab,  indem  hinfort  nur  die
Erzbischöfe  von  Mainz,  Trier,  Köln,  der  Herzog  von  Sachsen,  der
Pfalzgraf  bei  Rhein,  der  König  von  Böhmen  und  der  Markgraf
  von  Brandenburg  den  Kaiser  zu  küren  berufen  waren.
So  gelang  es  dem  schlauen  Karl  IV.,  nach  Ludwigs  des  Römers
  Tode  dessen  Bruder  Otto  den  Faulen  (1365—1373)
mit  Geld  zu  bewegen,  daß  er  ihm  die  Regierung  in  der  Mark
überließ,  und  als  Otto  sich  endlich  aufraffte,  zwang  ihn  der
Kaiser  mit  Gewalt  zu  dem  Vertrage  von  Fürstenwalde  1373,
in  welchem  Otto  dem  Sohne  Karls  IV.,  dem  jungen  König
Wenzel  von  Böhmen,  die  Mark  förmlich  abtrat.

Die  Luxemburger.

§  14.  Karl  IV.,  als  Vormund  Wenzels,  regierte  nun
(1373—1378)  auch  die  Mark  mit  derselben  Sorgfalt  und  Weisheit,
  die  er  in  seinem  Böhmen  bewiesen.  Er  ließ  viele  Raubritter
  und  Wegelagerer,  die  während  der  langen  Zerrüttung  aufgekommen
  waren,  an  den  Landstraßen  aufhängen,  half  überhaupt
der  Rechtspflege  wieder  auf,  verschönerte  Tangermünde,  welches
  er  zum  Mittelpunkt  eines  großen  Handelsverkehrs  zwischen
Böhmen  und  der  Nordsee  bestimmte,  durch  prachtvolle  Bauten
und  verzeichnete,  um  eine  ordentliche  Verwaltung  zu  ermöglichen,
alle  Grundstücke,  Einkünfte,  Erträge  in  einem  „Landbuch  der
Mark“,  welches  noch  jetzt  vorhanden  ist.  Aber  er  starb  schon
1378,  und  unter  seinem  Nachfolger  Sigmund  (der  älteste  Sohn
Wenzel  bekam  Böhmen)  wurde  das  Elend  des  Landes  ärger
denn  zuvor.

Sigmund  (1378—1415),  ein  geistreicher,  ritterlicher
Fürst,  aber  leichtsinnig,  verschwenderisch  und  unstät,  erstrebte
lieber  den  Glanz  einer  Königskrone  (er  ward  auch  wirklich  1387
durch  Heirat  König  von  Ungarn),  als  daß  er  die  Marken  fleißig
gepflegt  hätte.  Er  suchte  nur  Geld  herauszupressen  und  verpfändete
  sie  zuletzt  an  seinen  Vetter  Jobst  von  Mähren
(1388—1411);  die  Neumark  verkaufte  er  gar  G105  an  den

Pierson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.
        <pb n="21" />
        —  18  —

deutschen  Orden.  Jobst  aber  schickte  Statthalter  nach  Brandenburg,
  die  ebenfalls  nur  Geld  für  ihn  schaffen  sollten  und  sonst
alles  gehen  ließen,  wie  es  gehen  mochte.  Da  war  bald  jedermanns
  Hand  wider  jeden,  die  Nachbarn  plünderten  die  Grenzlande,
  und  auf  allen  Straßen  lauerten  die  Raubritter.  Am
großartigsten  und  frechsten  betrieben  die  Brüder  Dietrich  und
Hans  von  Quitzow  das  Raubhandwerk.  Sie  besaßen  viele
Burgen,  zumeist  im  Havelland;  von  hier  aus  verheerten  sie  im
Bunde  mit  dem  Erzbischof  von  Magdeburg,  den  Grafen  von
Ruppin  und  anderen  Herren  das  Land,  zerstörten  Dörfer  und
Städte,  und  nachdem  sie  Jobst  von  Mähren  einen  Teil  der
Beute  abgegeben,  verschwelgten  sie  das  Gut  der  beraubten
Bauern  und  Bürger  ungestraft.  Kaum  daß  die  größeren  Städte
sich  hinter  ihren  festen  Mauern  der  Räuber  erwehrten  oder  ihre
Freundschaft  mit  Geld  erkauften;  die  kleinen  Leute  gingen  zu
Grunde.  Die  Felder  verödeten,  Handel  und  Wandel  lag  darnieder,
  Land  und  Menschen  verwilderten.

§  15.  Dierömische  Hierarchie,  durch  Gregors  VII.  (1077)
Einrichtungen  (Kardinalkollegium,  Cölibat,  Abschaffung  der  Simonie
  und  der  Laien-Investitur)  von  der  weltlichen  Macht  unabhängig
  geworden,  erreichte  unter  Innocenz  III.  (1215)  den  Gipfel
ihrer  Macht;  der  Papst  galt  als  Stellvertreter  Gottes  und  hielt
sich  als  solcher  für  befugt,  auch  über  Könige  und  Kaiser  zu  richten.
Der  Kaiser  dagegen,  als  weltliches  Haupt  der  Christenheit  und
Schirmvogt  der  Kirche,  beanspruchte  in  allen  weltlichen  Dingen
die  höchste  Autorität,  die  ihm,  zumal  in  Italien,  vom  Papste
streitig  gemacht  wurde.  So  entstand  zwischen  beiden  Gewalten
ein  jahrhundertelanger  Kampf,  der  die  Macht  des  Kaisers  verzehrte
  und  den  römischen  Stuhl  erschütterte.  Die  deutschen  Fürsten
benutzten  ihn,  um  ihre  Hilfe  zu  den  Römerzügen  und  wider  die
Gegenkaiser  teuer  zu  verkaufen  oder  im  Bunde  mit  den  Päßpstlichen
  sich  eigenmächtig  königliche  Rechte  und  Güter  anzumaßen.
So  erhielten  sie  fast  alle  Regalien  (Heerbann,  Blutbann  u.  a.).
Nur  wenige  standen  wie  die  ballenstädtischen  Markgrafen  von
Brandenburg  stets  treu  zum  Kaiser;  letztere  aber,  als  Stellvertreter
des  Königs  und  Eroberer  des  Wendenlandes,  hatten  hier  schon
früh  landesfürstliche  Macht.  Am  Ende  der  Hohenstaufenzeit  (1254)
war  Deutschlands  Zersplitterung  in  eine  Unzahl  von  geistlichen
  und  weltlichen  Landesfürstentümern  entschieden.
        <pb n="22" />
        Seitdem  gaben  es  die  Kaiser  auf,  ihr  Amt  als  „Mehrer  des
heiligen  römischen  Reichs  deutscher  Nation“  im  Irnteresse  des
Ganzen  zu  verwalten,  und  zogen  es  vor,  auf  Kosten  des  Reichs
und  vermittelst  der  noch  übrigen  kaiserlichen  Befugnisse  (Oberlehnshoheit,
  Gerichtsbarkeit  über  die  Reichsfürsten,  Anführung  des
Reichsheeres,  Berufung  des  Reichstags  u.  a.)  ihre  Hausmacht
zu  vergrößern.  Die  Krone  ward  dadurch  wieder  begehrenswert
und  der  Zankapfel  von  Gegen  kaisern  (Ludwig  dem  Bayer  und
Friedrich  von  Osterreich).  Erledigte  Reichslehen  aber  wurden  nicht
mehr  mit  Rücksicht  auf  das  Beste  des  Landes  oder  des  Reiches,
sondern  der  kaiserlichen  Familie  vergeben.  So  fiel  die  Mark
Brandenburg  1323  dem  unmündigen  Ludwig  von  Bayern  zu  und
ward  1373  mit  Böhmen  vereinigt.  Unter  den  Luxemburgern  wie
unter  den  Wittelsbachern  hatte  sie  das  Schicksal  eines  Nebenlandes
  und  diente  fremden  Interessen.  Ihr  Herr  betrachtete  sie
als  bloße  Geldguelle.

Die  märkischen  Stände  suchten  nun  die  Verwahrlosung  der
Landesinteressen  dadurch  zu  beschränken,  daß  sie  neue  Steuern
verweigerten  (Landtag  von  Berlin  1345)  oder  dem  Markgrafen
  einen  kontrollierenden  Finanzrat  (Hofmeister)  zur  Seite
setzten  (1355).  Gewöhnlich  aber  verkauften  sie  ihre  Geldbewilligungen
  für  landesherrliche  Rechte  und  Sonderprivilegien.
  So  kamen  Blutbann,  Münzrecht,  Judenschutz  in
die  Hände  der  Vasallen  und  Städte.

§  16.  Bei  der  Schwäche  und  Nachlässigkeit  des  markgräflichen
  Regiments  griffen  Selbsthilfe,  Fehde-  und  Faustrecht
so  um  sich,  nahm  die  Wegelagerei  des  zum  Teil  verarmten  Adels
so  zu,  daß  jeder,  der  sich  nicht  selber  schützen  konnte,  verloren
war.  Besonders  schmolzen  die  zahlreichen  freien  Bauernschaften
  zusammen;  die  Lehnschulzenämter  und  selbst  die  Ländereien
  vieler  Dorfgemeinden  gerieten  in  die  Gewalt  des  Adels,
der  mit  ihnen  seine  Rittergüter  vergrößerte.  In  den  Städten,
wo  der  Nährstand  wehrhaft  geblieben  war  und  sich  hinter  festen
Mauern  eng  zusammenschloß,  rettete  man  die  alte  Freiheit  und
mehrte  sogar  vielfach  den  Wohlstand.  Denn  wenn  auch  die  Unsicherheit
  der  Straßen  den  Verkehr  schädigte,  und  die  Verbindung
  mit  der  Hansa,  in  welcher  die  märkischen  Städte  zum
„wendischen  Quartier"  (Vorort  Lübeck)  gehörten,  gegen  das  Ubermaß
  von  Raubrittertum,  Stellmeiser=  und  Fehdewesen  im  Lande
nur  wenig  half,  so  öffnete  diese  Verbindung  doch  dem  märkischen
Handel  ein  weiteres  Marktgebiet.  Wie  Lübecker,  Breslauer,
Danziger,  Stettiner  Kaufleute,  so  machten  nun  auch  solche  von

2*
        <pb n="23" />
        —  20  —

Frankfurt  a.  O.,  Berlin,  Burg,  Salzwedel  unter  bewaffnetem
Geleit  große  Reisen;  selbst  bis  nach  Nowgorod  („Gäste“).

Die  alten  Geschlechter  in  den  Städten  (meist  reiche  Grundbesitzer
  und  Kaufleute)  hatten  sich  die  Alleinbesetzung  der  Ratsstellen
  und  des  Bürgermeisteramts  angeeignet.  Nachdem  aber  die
Zünfte  wohlhabender  geworden,  nötigten  sie,  ihrer  Bedeutung
als  Kern  der  städtischen  Streitmacht  sich  bewußt,  die  Geschlechter,
ihnen  einen  Anteil  am  Rat  und  Regiment  der  Städte  einzuräumen.
  Irn  sich  hielt  jede  Innung  den  strengsten  Zunftzwang
aufrecht  und  jeder  Stand,  jede  Zunft  hatte  genau  bestimmte  und
besondere  Freiheiten  und  Rechte,  außer  welchen  niemand  weder
Recht  noch  Ehre  noch  Freiheit  besaß.

Bei  der  Entartung  des  Adels,  der  immer  allgemeiner  sich
auf  den  leichten  Erwerb  des  Stegreiftums  legte,  bei  der  Roheit
und  Unwissenheit  eines  großen  Teils  der  Geistlichkeit  und
dem  fortwährenden  Kriegszustande  konnten  Bildung  und  gute
Sitte  nicht  gedeihen;  die  Mark  blieb  auch  hierin  gegen  die  angrenzenden
  deutschen  Länder  zurück.  Der  Aberglaube  dagegen
hatte  freies  Spiel  (Geißelbrüder  und  Judenverfolgung  1349,
Wunderblut  zu  Wilsnack  1383).

U.  Die  hohenzollerschen  Kurfürsten  bis  zur
Thronbesteigung  Friedrich  Wilhelms  des  Großen
1415—1640.

Kurfürst  Friedrich  I.  (1415—1440).

§  17.  In  Schwaben,  zwischen  Donau  und  Neckar,  liegt  ein
Berg,  der  hohe  Zoller;  da  baute  einst  der  Ahnherr  der  Könige
von  Preußen  sein  Schloß.  Seine  Nachkommen,  die  Grafen
von  Zollern,  mehrten  in  Schwaben  und  Franken  ihr  Gutjz  einer
derselben,  Friedrich  I.,  wurde  um  das  Jahr  1191  des  Kaisers
Burggraf  zu  Nürnberg,  wo  er  dessen  Rechte  und  Einkünfte
zu  verwalten  hatte.  Von  seinen  beiden  Söhnen  erbte  der  ältere,
Konrad,  das  Burggrafentum  und  die  fränkischen  Güter,  der  jün-
        <pb n="24" />
        —  21  —

gere,  Friedrich,  die  schwäbischen  Besitzungen;  von  jenem  stammen
die  preußischen  Könige,  von  diesem  die  Fürsten  von  Hohenzollern
ab.  Dieser  Name,  statt  des  einfachen  Zollern,  ist  von  der  älteren
Linie  erst  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts  angenommen  worden.

Die  zollerschen  Burggrafen  von  Nürnberg  versahen  ihr
Amt  immerdar  in  Treue  zu  Kaiser  und  Reich,  und  da  sie  zugleich
  ihr  eignes  Besitztum  klug  und  sparsam  vergrößerten,  so
nahmen  sie  an  Ansehen  und  Reichtum  so  zu,  daß  Kaiser  Karl  IV.
sie  1363  zu  deutschen  Reichsfürsten  erhob.  Unter  diesen  ragte
am  Anfang  des  15.  Jahrhunderts  Burggraf  Friedrich  VI.
von  Nürnberg  durch  Weisheit  und  feine  Bildung  hervor;
dieser  staatskluge  Mann  hatte  dem  Luxemburger  König  Sigmund
  von  Ungarn  mit  Rat  und  Tat  die  wichtigsten  Dienste  geleistet,
  namentlich  auch  dessen  Wahl  zum  Kaiser  durchsetzen  helfen
  (1410);  dafür  beschloß  Sigmund  den  Freund  würdig  zu
belohnen.

Er  setzte  ihn  1411  als  Statthalter  (Verweser)  mit  landesherrlichen
  Rechten  über  die  Mark  Brandenburg.  Die  Quitzows
verhöhnten  zwar  den  „Nürnberger  Tand“;  „und  wenn's  auch
ein  ganzes  Jahr  sollt“  Burggrafen  regnen,  so  würden  sie  solche
doch  nicht  in  der  Mark  aufkommen  lassen“.  Aber  Friedrich  bot
die  wohlgesinnten  Städte  und  Nachbarn  auf,  borgte  auch  vom
thüringer  Landgrafen  schweres  Geschütz  („die  faule  Grete“
der  Sage)  und  zog  damit  vor  die  Burgen  der  Aufsässigen.  Ihr
Widerstand  wurde  gebrochen;  die  Quitzows  mußten  fliehen,  und
die  andern  baten  um  Gnade  (1414).  Darnach  übergab  er  die
Statthalterschaft  seiner  Gemahlin,  „der  schönen  Else“,  und  kehrte
zum  Kaiser  zurück,  der  seiner  wieder  sehr  bedurfte.  Denn  er
hatte  nach  Kostnitz  (Konstanz)  eine  große  Kirchenversammlung
(Concilium)  ausgeschrieben,  um  die  verderbte  und  unter  drei
Päpsten  gespaltene  Kirche  an  „Haupt  und  Gliedern“  zu  reformieren,
  auch  die  Lehre  des  böhmischen  Predigers  Johann  Hus
zu  untersuchen.  Aber  die  Römischen  verbrannten  Hus  als  Ketzer;
die  Mißbräuche,  gegen  welche  dieser  geeifert,  ließen  sie  bestehen.
Friedrichs  Rat  half  hier  wenig,  und  da  der  Kaiser  meinte,  daß
jener  als  Kurfürst  ihm  in  allen  Dingen  noch  mehr  würde  nützen
können,  auch  bedachte,  wie  stiefväterlich  er  selbst  immer  an  der
Mark  gehandelt,  und  wie  dieselbe  gerade  einen  so  tüchtigen  Landesvater
  brauche,  als  Friedrich  sich  eben  erwiesen,  so  trat  er  ihm
        <pb n="25" />
        —  22  —

nunmehr  die  Mark  Brandenburg  mit  der  Kurwürde  und
dem  Erzkämmereramt  als  erblichen  Besitz  ab  (durch  Urkunde
  vom  30.  April  1415).  Am  21.  Oktober  1415  leisteten
demnach  die  märkischen  Stände  im  „hohen  Hause“  zu  Berlin
dem  Zollern  Friedrich  die  Erbhuldigung,  wogegen  er  ihre
Rechte  zu  achten  beschwor.  Am  18.  April  1417  aber  ward  er
zu  Kostnitz  vor  versammeltem  Konzil  und  Reichstag  vom  Kaiser
feierlich  belehnt.  Bald  darauf  kam  Kaiser  und  Reich  in  große
Bedrängnis.  Denn  als  Sigmund  nach  seines  Bruders  Wenzel
Tode  das  Königreich  Böhmen  erbte,  empörten  sich  die  hussitischen
  Böhmen,  und  es  entstand  ein  Krieg,  in  welchem  die
Hussiten  voll  Begeisterung  für  ihren  Glauben  und  ihre  Nationalität
  furchtbar  gegen  ihre  deutschen  Nachbarn  wüteten  (1419—
1434).  Auch  Kurfürst  Friedrich,  als  Reichsfeldherr,  konnte  nichts
ausrichten;  denn  die  Söldner  und  Kreuzfahrer,  aus  denen  das
Reichsheer  bestand,  liefen  voll  Schrecken  vor  den  rasenden  Taboriten
  davon.  Jetzt  aber  brachen  die  böhmischen  Horden  unter
ihrem  Feldherrn  Prokop  auch  in  die  Mark  ein  mit  greulicher
Verwüstung,  steckten  hundert  Dörfer  in  Brand  und  berannten
Bernau  (1432).  Doch  die  Bürger  verteidigten  sich  tapfer,  und
auch  der  märkische  Heerbann  eilte  herbei.  Da  kehrten  die  Hussiten
  um  und  zogen  nach  Böhmen  zurück.  Bald  darauf  bewog
der  Kurfürst  den  Kaiser,  daß  er  mit  den  Hussiten  Frieden  machte.

Dieser  Krieg  und  die  Geschäfte  des  Reichs,  in  dem  der
Kurfürst  ja  eine  der  sieben  Säulen  war,  zogen  ihn  von  der
Regierung  der  Mark  sehr  ab;  doch  nützte  er  ihr  dadurch,  daß
er  die  Pommern  zwang,  Angermünde  wieder  herauszugeben.
Am  häufigsten  und  liebsten  hielt  er  sich  indes  in  seinen  fränkischen
  Besitzungen  (Ansbach  und  Bayreuth)  aufj  hier  starb
er  auch  (auf  der  Kadolzburg)  1440.

Durch  die  Goldene  Bulle  waren  den  sieben  Kurfürsten  große
Vorrechte  verliehen  worden;  sie  hatten  den  Rang  vor  allen  Reichsständen,
  und  ohne  ihren  Beirat  durfte  der  Kaiser  nichts  Wichtiges
im  Reiche  vornehmen.  Die  Kur  war  an  bestimmte  unteilbare
Länder  geknüpft,  für  Brandenburg  an  die  Kurmark  (Mittelmark).
Viel  mehr  aber  als  Ehre  und  Würde  erhielt  Friedrich  I.  bei  seiner
Belehnung  1417  nicht.  Sigmund  konnte  ihm  nicht  mehr  geben,
als  er  in  Brandenburg  selbst  besaß.  Der  äußere  Bestand  war
gering  (Altmark,  Priegnitz,  Mittelmark  und  ein  Teil  der  Ucker-
        <pb n="26" />
        —  23  —

mark,  im  ganzen  381  Quadratmeilen  mit  170  000  Einwohnern);
die  Hälfte  des  Waldemarschen  Reichs  befand  sich  in  der  Gewalt
der  Nachbarn.  Im  Lande  selbst  hatten  Vasallen  und  Städte  den
größten  Teil  der  landesherrlichen  Rechte,  Einkünfte  und  Befugnisse
  an  sich  gebracht,  und  Friedrich  mußte  nach  dem  Herkommen
bei  der  Huldigung  den  Ständen  ihre  wohlerworbenen  Rechte  bestätigen.
  Seine  Macht  war  also  sehr  beschränkt.  Dazu  kam,
daß  ihn  die  Angelegenheiten  des  Reichs,  zu  dessen  Verweser  er
1418  von  Sigmund  war  ernannt  worden,  sehr  in  Anspruch
nahmen,  und  weil  er  weder  das  Interesse  des  deutschen  Reichs,
noch  den  Vorteil  Brandenburgs  unbedingt  der  Hauspolitik  Sigmunds
  unterordnete,  so  erkaltete  ihre  Freundschaft,  und  der  Kaiser
lieh  ihm  nicht  mehr  die  Unterstützung  seiner  Autorität  gegen  die
Nachbarn,  die  im  Besitz  brandenburgischer  Grenzlande  waren
Gz.  B.  gegen  Pommern,  Mecklenburg).  Auch  gab  er  1423  nach
dem  Aussterben  der  anhaltinischen  Kurfürsten  von  Sachsen-Wittenberg
  dieses  Reichsland  nicht  an  einen  Zollern,  sondern  an  den
Wettiner  Friedrich  den  Streitbaren  von  Meißen,  der  ihm  eifrig
gegen  die  Hussiten  geholfen.  Friedrich  I.  sah  sich  daher  außer
stande,  soviel  für  die  Mark  zu  tun,  als  sie  bedurfte.  Er  verließ
sie  1426  für  immer,  nachdem  er  sie  unter  die  Statthalterschaft
seines  ältesten  Sohnes  Johann  gegeben,  und  residierte  fortan  in
seinen  weit  schöneren  fränkischen  Fürstentümern.  Diese  standen  in
viel  höherer  Kultur,  hatten  eine  gebildetere  Bevölkerung  und  lieferten
  beträchtlichere  Machtmittel.

Friedrich  II.  der  Eiserne  (1440—1470).

§  18.  Friedrich  der  Eiserne  (oder  Eisenzahn)  war  der  zweite
Sohn  des  Kurfürsten  Friedrichs  I.  und  erhielt  die  Mark,  während
seine  Brüder  Ansbach  und  Bayreuth  erbten.  Den  Beinamen  hat
er  von  der  zähen  Ausdauer  erhalten,  mit  der  er  seine  Absichten
verfolgte.  Doch  war  er  dabei  besonnen  und  milde.  In  der
Zeit  der  Zerrüttung  hatten  die  Nachbarn  viele  brandenburgische
Länder,  und  die  Stände  viele  markgräfliche  Rechte  an  sich  gebracht;
  diese  Besitztümer  wollte  nun  Friedrich  der  Eiserne  wieder
gewinnen.  Durch  Beharrlichkeit,  und  indem  er  je  nach  den  Umständen
  bald  das  Schwert  zückte,  bald  unterhandelte  oder  Geld
zahlte,  erreichte  er  auch  sein  Ziel.  Insbesondere  erwarb  er
1450  vom  Erzbistum  Magdeburg  die  Grafschaft  Stolberg-Wernigerode,
  sowie  den  Verzicht  auf  die  alte  Lehnshoheit,
kaufte  1455  vom  deutschen  Orden  die  Neumark  zurück  und  er-
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        —  24  —

hielt  1462  von  Böhmen  die  lausitzischen  Städte  Kottbus,  Peitz,
Teupitz,  Bärwalde  nebst  der  Anwartschaft  auf  Beeskow  und
Storkow.  Dagegen  gelang  es  ihm  nicht,  nach  dem  Aussterben
der  Herzöge  von  Pommern-Stettin  1464  dies  Land  als  erledigtes
Lehen  einzuziehen;  die  Pommern  wollten  von  seiner  Lehnshoheit
nichts  wissen,  schlugen  die  Angriffe  der  Brandenburger  allemal
ab,  und  die  Herzöge  von  Pommern-Wolgast  behaupteten  sich  in
dem  Erbe.

Wie  sein  Vater  den  Adel  gebändigt,  so  unterjochte  Friedrich  II.
die  Städte.  Diese  hatten  von  den  früheren  Markgrafen  so  viele
Privilegien  erkauft,  daß  sie  fast  ganz  unabhängig  waren,  und  in
manchen  derselben  der  Landesherr  so  viel  wie  nichts  zu  sagen  hatte.
Am  mächtigsten  und  trotzigsten  waren  die  Schwesterstädte  Berlin
und  Kölln  an  der  Spree  (seit  1307  unter  einem  gemeinsamen
Bürgermeister  und  Rat  vereinigt).  Ohne  ihre  Erlaubnis  durfte
der  Kurfürst  nicht  mit  bewaffnetem  Gefolge  in  ihre  Tore  ziehen;
diese  und  viele  andere  Freiheiten  hatte  er  nach  Brauch  und
Gesetz  bei  der  Huldigung  ihnen,  wie  jedem  Stande  die  seinigen,
bestätigen  müssen.  Aber  die  Uneinigkeit  der  Bürger  brachte  sie
zu  Fall.  Im  Streite  zwischen  dem  Magistrat  und  den  Bürgerschaften
  riefen  1442  die  Zünfte  den  Kurfürsten  als  Schiedsrichter
herbei,  und  ehe  man  sich's  versah,  bemächtigte  er  sich  mit  Truppen
  eines  Tores  und  der  Stadt,  richtete  hier  die  Verwaltung
nach  seinem  Sinne  ein,  und  als  dann  die  Bürger  sich  gegen  den
Verfassungsbruch  empörten,  baute  er  sich  an  der  Spree  zwischen
Kölln  und  Berlin  ein  festes  Schloß  (1451),  von  welchem  er  fortan
die  Bürger  in  Gehorsam  hielt.  So  konnte  er  nun  mit  mehr
Macht  für  das  Wohl  des  ganzen  Staates  sorgen.

Den  Adel  suchte  er  dadurch  fester  an  sich  zu  ketten,  daß  er
für  ihn  den  „Schwanenorden“  stiftete  (1443),  einen  frommen
Verein,  dessen  Mitglieder  sich  zu  rechtem  adeligem  Wandel  und
christlicher  Eintracht  verpflichteten.

Von  Natur  still  und  ernst,  wurde  Friedrich  durch  mancherlei
  Mißgeschick  und  die  Schwäche  des  Alters  so  trüb  gestimmt,
daß  er  1470  zu  gunsten  seines  Bruders  Albrecht  abdankte  und
sich  nach  Franken  zurückzog;  dort  starb  er  im  folgenden  Jahre.

Friedrich  II.  hatte  mit  noch  größeren  Schwierigkeiten  zu
kämpfen  als  sein  Vater;  denn  nach  dem  Testament  desselben
mußte  er  einen  Teil  der  Mark  (Altmark  und  Priegnitz)  seinem
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        —  25  —

Bruder  Friedrich  dem  Fetten  abtreten  (der  1463  starb).  Aber
da  ihn  die  fränkischen  Lande,  welche  seine  anderen  Brüder
erhalten  hatten,  nicht  abzogen,  so  hielt  er  30  Jahre  lang  in
der  Kurmark  aus  und  arbeitete  mit  der  ihm  eigenen  Zähigkeit
  an  der  Wiederherbeibringung  der  verlornen  Länder,  Domänen
  und  Rechte.  Dies  wurde  ihm  von  den  Nachbarn,
welche  die  Zollern  als  Emporkömmlinge  beneideten,  auf  alle
Weise  erschwert.  Der  Übermacht  Böhmens,  welches  in  Georg
Podiebrad  einen  ebenso  tatkräftigen  Herrscher  hatte,  mußte
er  Vorsicht  und  Gewandtheit  entgegensetzen;  doch  vermochte
er  nicht,  die  schon  erworbene  Lausitz  ganz  zu  behalten.  —
Noch  weniger  glückte  es  ihm  gegen  Pommern.  Während
seiner  ganzen  Regierung  zog  sich  hier  die  Fehde  hin,  ohne
daß  er  Pasewalk  und  andere  früher  märkische  Gebiete  wiederbekommen
  konnte.  1464  beim  Aussterben  der  Stettiner
Linie  wollte  eine  brandenburgisch  (deutsch)  gesinnte  Partei,
den  Bürgermeister  von  Stettin  Albrecht  Glinde  an  der
Spitze,  ihm  das  Erbe  zuwenden.  Aber  die  pommersche
Partei  überwog;  das  verwandte  Wolgast  erbte.  Ein  verheerender
  Krieg  zwischen  Pommern  und  Brandenburg  folgte,
ohne  daß  Friedrich  seine  Ansprüche  durchsetzen  konnte.

Hierbei  war  ihm  auch  die  Ungunst  der  Stettiner  Bürgerschaft
  hinderlich,  die  seine  Nichtachtung  städtischer  Freiheiten
fürchtete.

Denn  ebenso  eifrig  wie  nach  außen  suchte  er  seine  Macht
im  Innern  zu  vergrößern.  Viele  Befugnisse  und  Domänen
löste  er  mit  Geld  wieder  ein;  anderes  nahm  er  mit  Gewalt  zurück,
  so  (z.  B.  in  Berlin)  das  Offnungsrecht  und  den  Blutbann.

Die  Gründung  Berlins,  wie  der  meisten  Städte  im
Wendenlande,  geschah  durch  Germanisierung  und  Ausbau  einer
schon  bestehenden  wendischen  Ortschaft.  Das  deutsche  Wesen
drängte  hier  schon  im  13.  Jahrhundert  das  wendische  hinaus;
mit  Kölln  verbunden,  erhob  sich  Berlin  rasch  durch  Handel
und  Gewerbe  zu  Wohlstand  und  Macht  und  eiferte  in  Freiheitsliebe
  den  unmittelbaren  Städten  des  Reiches  nach.  Den
Bürgerzwist  benutzte  der  Kurfürst  1442,  um  den  beiden
Städten  wieder  eine  gesonderte  Verwaltung  und  eine  Verfassung
  zu  geben,  wonach  die  Zünfte  Anteil  am  Rate  bekamen,
  der  Fürst  aber  das  Bestätigungsrecht  des  Rates  erhielt.
  Ihre  Auflehnung  dagegen  (den  „Berliner  Unwillen",)
unterdrückte  er  um  so  leichter,  da  der  Landtag  ihm  beistimmte.
Seit  1448  setzte  er  die  städtischen  Behörden  ein.  1451
bezog  er  das  Schloß  zu  Kölln  a.  Sp.,  und  Berlin-Kölln
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        —  26  —

ward  fürstliche  Residenz  und  Hauptstadt  des  Kurstaats,
mit  dem  es  dann  so  mächtig  gewachsen  ist.

Albrecht  Achilles  (1470—1486)  und  Johann  Cicero
(1486—1499).

§  19.  Kurfürst  Albrecht,  wegen  seiner  Heldenkraft  und
ungestümen  Tapferkeit  Achilles  genannt,  war  nicht  bloß  das
Muster  eines  stolzen  Ritters,  wie  sein  Hof  auf  der  Kadolzburg
  im  Ansbachischen  das  glänzendste  Vorbild  für  prachtvolle
Fürstensitze,  sondern  auch  ein  kluger  Regent.  Freilich  gefielen
ihm  Land  und  Leute  der  Mark  nicht  sehr;  der  Adel  war  hier
noch  ohne  Bildung  und  feine  Sitte,  die  Krämer  (wie  er  die
Bürger  zu  nennen  pflegte)  hier  nicht  einmal  reich.  Als  gar  die
Stände  ihm  eine  neue  Steuer,  die  Bierziese,  verweigerten  und
bloß  ein  für  allemal  100  000  Gulden  bewilligten,  wurde  er  noch
verdrießlicher.  Er  überließ  die  Regierung  in  den  Marken  seinem
Sohne  Johann  und  kehrte  nach  Franken  zurück.  Der  Mangel
an  Geldmitteln  hinderte  noch  mehr  seinen  Statthalter;  Johann
selbst  litt  oft  Not  und  konnte  wenig  für  das  Land  tun;z  in
einem  Kriege  mit  dem  schlesischen  Herzog  Hans  von  Sagan
über  den  Besitz  des  Fürstentums  Glogau  rettete  ihn  nur  die  Dazwischenkunft
  des  Kurfürsten  selber.  Dieser  eilte  aus  Franken
herbei,  schlug  das  schlesische  Heer  bei  Krossen  (1478)  und  erwarb
  im  Vertrage  von  Kamenz  1482  statt  Glogaus  wenigstens
Krossen,  Züllichau,  Sommerfeld  und  Bobersberg.

Noch  weit  mehr  machte  sich  Albrecht  Achilles  um  Brandenburg
  durch  sein  Hausgesetz  (Dispositio  Achillea)  1473  verdient;
  er  bestimmte  nämlich  seinem  ältesten  Sohne  die  Mark,
zweien  jüngeren  Söhnen  die  fränkischen  Fürstentümer  und  setzte
zugleich  fest,  daß  die  Mark  Brandenburg  ungeteilt  dem
Kurfürsten  gehören,  das  Burggrafenamt  Nürnberg  aber  nur  zwei
regierende  Herren  (zu  Ansbach  und  zu  Bayreuth)  haben  sollte.
Dadurch  wurde  die  Zersplitterung  der  zollernschen  Hausmacht  verhindert,
  und  die  kurfürstliche  Familie  zu  bleibendem  Wohnsitz  in
der  Mark  genötigt.

Nach  Albrechts  Tode  (1486)  kam  zum  ersten  Mal  ein
zollernscher  Kurfürst  auf  den  Thron,  der  ein  rechter  Brandenburger
  war.  Johann,  unter  den  Märkern  aufgewachsen,  dachte
und  fühlte  wie  sie  und  schätzte  das  Land.  Sparsamkeit  und
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        —  27  —

Ordnung  zeichneten  sein  Regiment  aus;  doch  bewilligten  die
Stände  auch  jetzt  nur  widerwillig  die  Bierziese;  die  Stendaler
empörten  sich  geradezu  und  mußten  mit  Gewalt  unterworfen
werden.  Das  Geld  des  Landes  hielt  er  indes  so  gut  zu  Rate,  daß
er  1490  die  Herrschaft  Zossen  kaufen  und  bald  neue  Uberschüsse
sammeln  konnte.  Diese  bestimmte  er  zur  Stiftung  einer  Univer-=sität
  in  Frankfurt  a.  O.  Denn  Johann  kannte  den
Wert  der  Bildung  und  sah  mit  Schmerz,  daß  die  Märker  in
allen  Wissenschaften  weit  hinter  den  meisten  andern  Deutschen
zurückstanden.  Doch  erlebte  er  die  Vollendung  jenes  großen
Werkes  nicht  mehr;  er  starb  1499  zu  Arneburg,  43  Jahre  alt;
sein  Leichnam  ward  im  Kloster  Lehnin  beigesetzt.

Obwohl  Friedrich  I.  den  Adel,  Friedrich  II.  die  Städte  gedemütigt,
  so  behielten  die  Stände  doch  immer  noch  große  Rechte
(besonders  die  Steuern  zu  bewilligen  oder  zu  verweigern  und
deren  Verwendung  zu  bestimmen).  Sie  brachten  im  Kriege  auch
selber  die  Wehrmacht  auf;  Hof,  Geistlichkeit,  Ritterschaft  und
(nach  „Sprachen"“  gruppiert)  die  Städte  leisteten  jeder  sein  Kontingent;
  so  kam  einmal  (1479)  von  der  Mark  ein  Heer  von
21  000  Mann  zusammen;  darunter  auch  schon  einige  Zünfte  Geschützleute.
  —  Da  die  Zollern  im  15.  Jahrhundert  größtenteils
noch  in  Franken  residierten  und  in  der  Mark  ihre  Hauptbeschäftigung
  war,  erst  nach  außen  und  innen  Macht  zu  gewinnen,  so
besserte  sich  das  aus  dem  14.  Jahrhundert  überkommene  Ubel
nur  wenig;  der  „arme  Mann“,  der  Bauer  geriet  vielmehr  in
immer  größere  Knechtschaft  und  Armut,  zumal  er  auf  dem  Landtag
  unvertreten  war.  Der  Adel  war  noch  immer  sehr  verwildert,
enthielt  viele  „Landbeschädiger".  Die  Städte,  die  außer  ihrer
Unabhängigkeit  auch  das  Stapelrecht  und  die  Zollfreiheit  verloren,
kamen  in  Handel  und  Wandel  allmählich  zurück.  Die  geistige
Bildung  war  noch  immer  sehr  kümmerlich;  die  Universität  daher,
die  Johann  Cicero  zu  gründen  begann,  hier  noch  mehr  als  anderwärts
  am  Platze.  Wie  sehr  die  Verstärkung  der  landesherrlichen
Macht  not  tat,  bewies  die  Fruchtlosigkeit  der  Reichsinstitutionen
Maximilians  I.  Er  setzte  mit  den  Kurfürsten  1495  den  ewigen
Landfrieden  und  zur  Schlichtung  der  Streitigkeiten  unter  den
Reichsfürsten  das  Reichskammergericht  ein,  teilte  auch,  um
des  letzteren  Urteile  leichter  vollziehen  zu  können,  Deutschland  in
10  Kreise  (den  niedersächsischen,  obersächsischen,  zu  welchem  die
Mark  gehörte,  westfälischen,  kurrheinischen,  oberrheinischen,  schwä-
        <pb n="31" />
        —  28  —

bischen,  fränkischen,  bayrischen,  österreichischen,  burgundischen).
Aber  wirksam  zeigten  sich  nur  die  Maßregeln  der  Landesfürsten
selber.

Joachim  I.  Nestor  (1499—  1535).

5  20.  Auch  Joachim  I.  zeichnete  sich,  wie  sein  Vater,  durch
gelehrte  Bildung  und  Beredsamkeit  unter  den  deutschen  Fürsten
aus,  deren  (lateinischer)  Sprecher  er  auf  den  Reichstagen  oft
war  (daher  Nestor  genannt).  Seinen  Untertanen  bewies  er
sich  als  strenger  Richter  und  sorgsamer  Landesvater.  Bei  seinem
Regierungsantritt  war  er  erst  15  Jahre  alt,  und  ein  Teil  des
Adels  wagte  es  daher,  das  alte  Unwesen  der  Fehden  und  Wegelagereien
  zu  erneuern.  Einige  verleitete  zu  ihren  Gewalttaten
die  Not,  andere  trieb  Rauf=  und  Raublust.  Verordnungen  wider
die  Landbeschädiger  fruchteten  nichts;  selbst  von  den  Hofleuten
ging  mancher  bei  Nacht  auf  Wegelagerei.  Da  griff  der  junge
Kurfürst  mutig  und  fest  zu,  ließ  durch  seine  und  der  Stände
Landreiter  die  Räuber  fangen  und  ihrer  viele  hinrichten.  „Adlig
Blut“  (antwortete  er  einem  fürstlichen  Fürsprecher)  „hab'  ich  nicht
vergossen,  sondern  Räuber  und  Mörder  nach  Verdienst  bestraft.“
So  säuberte  er  das  Land.  Damit  aber  kein  Grund  zur  Selbsthilfe
  bleibe,  gründete  er  ein  höchstes  Gericht,  bei  welchem  auch
der  Vornehmste  belangt  werden  konnte,  das  Kammergericht
(1516),  besetzt  mit  4  kurfürstlichen  und  8  ständischen  Richtern.

Dagegen  verhängte  er,  im  Sinne  des  unduldsamen  Volks,
eine  große  Verfolgung  über  die  Juden.  Ihrer  38,  angeklagt,
geweihte  Hostien  zerschnitten  und  beim  Passahfest  Christenkinder
geschlachtet  und  deren  Blut  zu  Arzneien  verwendet  zu  haben,
wurden  zu  Berlin  verbrannt,  die  übrigen  aus  der  Mark  verjagt
  (1510).

Das  von  seinem  Vater  vorbereitete  Unternehmen,  in  der
Mark  eine  Hochschule  als  Pflegestätte  der  Wissenschaft  zu  gründen,
führte  Joachim  I.  durch;  1506  weihte  er  die  Landesuniversität
zu  Frankfurt  a.  O.  ein.

Um  überall  selbst  nach  dem  Rechten  zu  sehen,  bereiste  er
öfter  das  Land  und  da  er  die  Abnahme  der  städtischen  Wohlfahrt
  bemerkte,  erließ  er  1515  eine  allgemeine  Städteordnung,
        <pb n="32" />
        —  29  —

die  manche  Verbesserung  (z.  B.  gleiches  Maß  und  Gewicht)
einführte.

Mehr  nützten  der  lange  Frieden  und  die  Sicherheit,  die
unter  seinem  Regiment  herrschten.  Denn  obwohl  auch  er  die
Erweiterung  der  Landesgrenzen  erstrebte,  so  that  er  es  doch  nur
auf  friedlichem  Wege.  So  erwarb  er  1524  die  durch  Aussterben
ihrer  Grafen  erledigte  Herrschaft  Ruppin.  Den  jahrhundertelangen
Streit  mit  Pommern,  ob  dessen  Herzöge  reichsunmittelbare  deutsche
Fürsten  oder  Lehnsleute  Kurbrandenburgs  sein  sollten,  beendete
er  durch  den  Vertrag  von  Grimnitz  1529;  er  verzichtete  darin
auf  die  Lehnshoheit  und  erhielt  dafür  die  feierliche  Anerkennung
des  brandenburgischen  Erbrechts  auf  Pommern.  —  Eine  andere
Anwartschaft  erwarb  er  seinem  Hause  durch  seine  Vermählung
mit  Elisabeth,  Tochter  des  Herzogs  Johann  von  Schleswig-Holstein
  und  Königs  von  Dänemark  (1502).  Denn  1508  setzte
Johann  seine  Tochter  zur  Erbin  ein,  falls  er  oder  sein  Sohn
Christian  (II.)  ohne  männliche  Nachkommen  stürben;  und  1517
erteilte  demmach  der  Kaiser  Maximilian  1.  dem  Kurfürsten
Joachim  die  Belehnung  mit  Schleswig-Holstein  für  jenen  Fall.  —
Trotz  seiner  Bildung  war  Joachim  in  manchen  aus  dem  Mittelalter
  überkommenen  Vorurteilen  befangen;  er  trieb  z.  B.  eifrig
die  Sterndeuterei  (Astrologie).  Als  einen  Anhänger  des  Alten
bewies  er  sich  auch  gegenüber  der  Reformation,  die  damals
in  Deutschland  ihren  Anfang  nahm.

§  21.  In  der  römischen  Kirche  hatten  sich  im  Laufe  der
Zeit  viele  Mißbräuche  eingeschlichen;  auch  führten  viele  Priester
ein  ärgerliches  Leben.  Eine  Verbesserung  (Reformation)  der
Kirche  war  im  15.  Jahrhundert  auf  Kirchenversammlungen  versucht
  worden,  aber  gescheitert.  Großes  Argernis  erregte  dann
im  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  in  Deutschland  namentlich  der
Handel  mit  dem  Sündenablaß,  wie  ihn  besonders  der  Dominikaner
  Tezel  betrieb.  Da  erhob  sich  1517  Martin  Luther,
eines  Bergmanns  Sohn  (geb.  10.  November  1483  zu  Eisleben,
seit  1505  Augustinermönch,  seit  1512  Doktor  der  Gottesgelahrtheit
  und  Schloßprediger  zu  Wittenberg)  und  griff  zunächst
diesen  Ablaßhandel  an.  In  95  Thesen  (Sätzen),  die  er  am
31.  Oktober  1517  an  die  Tür  der  Schloßkirche  zu  Wittenberg
anschlug,  zeigte  er,  daß  nur  wahre  Reue  die  Vergebung  der
        <pb n="33" />
        —  30  —

Sünden  bewirken  könne,  und  daß  durch  Geld  niemand  von
Gottes  Strafe  loskomme.  Dann  griff  er  noch  andere  Lehren  und
Bräuche  der  römischen  Kirche  als  irrig  und  unrecht  an,  und  da
der  Papst  ihn  als  Ketzer  in  den  Bann  tat,  so  verbrannte  er
am  10.  Dezember  1520  die  Bannbulle  öffentlich  zu  Wittenberg.
Hierauf  vom  Kaiser  zur  Verantwortung  auf  den  Reichstag  zu
Worms  (1521)  beschieden,  verteidigte  er  sich  daselbst  so  mutig
(„Hier  steh'  ich;  ich  kann  nicht  anders;  Gott  helfe  mir,  Amen!“),
daß  ihm  viele  beistimmten.  Sachsen  und  Hessen  wurden  lutherisch,
  und  auch  anderwärts  verbreitete  sich  seine  Lehre  schnell.
Vergebens  drohte  Kaiser  Karl  V.;  die  Lutherischen  protestierten
gegen  die  feindlichen  Beschlüsse  des  Reichstags  zu  Speier  (daher
Protestanten  genannt)  1529  und  vertrauten  auf  Gott  („eine
feste  Burg“).  1530  bekannten  sie  zu  Augsburg  vor  Kaiser  und
Reich  ihren  Glauben  in  einer  von  Melanchthon  verfaßten
Schrift  und  verbanden  sich  wider  die  römische  Partei  in  dem
Schutzbündnis  zu  Schmalkalden  (1531).

Zu  den  heftigsten  Gegnern  der  Reformation  gehörte  Joachim  J.
Er  meinte,  die  Kirche  zu  bessern  sei  die  Sache  des  Papstes,  des
Kaisers  und  der  Kurfürsten,  aber  nicht  eines  Mönchleins.  Er
zürnte  Luther  auch  darum,  weil  sein  eigener  Bruder,  Erzbischof
Albrecht  von  Mainz  und  Magdeburg,  ein  Hauptunternehmer
des  Ablaßhandels  gewesen  war.  Sodann  fürchtete  er  im  Gefolge
der  Reform  allgemeinen  Umsturz,  wie  denn  in  der  That  1525
ein  großer  Aufstand  der  deutschen  Bauern  gegen  ihre  tyrannischen
  Herren  stattgefunden  hatte.  Aber  vergebens  versuchte  er
dem  Strome  zu  wehren.  Auch  in  der  Mark  nahm  das  Volk
eifrig  Luthers  Lehre  an  und  richtete  den  Gottesdienst  vielerorten
heimlich  danach  ein.  Selbst  Joachims  Gemahlin  Elisabeth  ward
lutherisch,  worüber  er  so  ergrimmte,  daß  sie  von  Berlin  entwich
und  zu  ihrem  Oheim,  dem  Kurfürsten  von  Sachsen,  floh  (1528).
Doch  beharrte  Joachim  I.  bei  seinem  Sinne  und  befahl  auch
seinen  Söhnen,  Joachim  und  Johann,  pöäpstlich  zu  bleiben.

Joachim  1I.  Hektor  und  Hans  von  Küstrin
(1535—1571).

§  22.  Der  Goldenen  Bulle  Karls  IV.  zuwider  hatte
Joachim  I.  seine  Länder  geteilt,  dem  ältesten  Sohne  die  Kur-
        <pb n="34" />
        mark  und  dem  zweiten  die  Neumark  gegeben.  Aber  obwohl  sehr
verschiedenen  Charakters  —  Joachim  II.  gutmütig,  milde,  prachtliebend,
  verschwenderisch,  Johann  rauh  und  streng,  sparsam  und
ordentlich  —  hielten  die  Brüder  doch  einträchtig  zusammen.
Beide  hingen  dem  Luthertum  an.  Johann  führte  nach  seiner
entschiedenen  Art  zuerst  die  Reformation  in  seinem  Lande  ein;
Joachim  ging  dann  ebenfalls  entschlossen  vor  und  trat,  nachdem
er  die  Umänderung  im  stillen  vorbereitet,  öffentlich  zur  evangelischen
  Kirche  über.  Am  1.  November  1539  empfing  er  zu
Spandau  das  heilige  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt  aus  den
Händen  des  brandenburgischen  Bischofs  Mathias  von  Jagow.
Am  2.  November  folgten  Berlin  und  Kölln;  es  folgte  dann  das
ganze  Land  seinem  Beispiel.  1540  ließ  er  eine  allgemeine  Kirchenvisitation
  abhalten,  wobei  sich  fand,  daß  eine  große  Unwissenheit
  im  Volke  herrschte.  Diese  zu  heben  wurden  nun  auch  für
das  Volk  Schulen  eingerichtet,  auf  daß  nach  Luthers  Wunsch  jeder
Christenmensch  selber  die  Bibel,  die  jener  (auf  der  Wartburg
1521  beginnend)  ihm  verdeutscht  hatte,  lesen,  auch  einen  kurzen
Begriff  der  christlichen  Lehre  aus  dem  kleinen  Katechismus
erhalten  könne.  Zur  Ausstattung  der  Kirchen  und  Schulen  aber
diente  ein  Teil  der  Güter,  welche  Klöstern  und  Stiftern  gehört
hatten  und  jetzt  eingezogen  wurden.

Joachim  II.  (obwohl  als  Kurprinz  wegen  seiner  Tapferkeit
in  einem  Türkenkriege  Hektor  benannt)  war  ein  friedliebender
Fürst;  aber  durch  Verträge,  wobei  ihm  sein  kluger  Kanzler
Lampert  Distelmeier  vorzügliche  Dienste  leistete,  hat  er  zu
den  größten  Erwerbungen  seines  Hauses  die  Aussicht  eröffnet.
1537  schloß  er  mit  dem  schlesischen  Herzog  Friedrich  von  Liegnitz,
  Brieg  und  Wohlau  eine  Erbverbrüderung  und  bewog
  1569  den  König  von  Polen,  ihm  die  Mitbelehnung  mit
dem  Herzogtum  Preußen  zu  erteilen.

Recht  und  Gesetz  handhabte  auch  Joachim  II.  mit  Festigkeit;
  als  ein  Kaufmann  von  Kölln  a.  d.  Spree,  Hans  Kohlhase,
  der  mit  Kursachsen  eine  Fehde  führte,  auch  gegen  den
eigenen  Landesherrn  zur  Selbsthilfe  griff,  ließ  er  ihn  1540  fangen
  und  hinrichten.  Damit  endete  das  alte  Faustrecht  völlig.
Im  Schutz  des  Friedens  gediehen  Gewerbe  und  Handel  immer
mehr;  die  Wohlhabenheit  aber  verleitete  viele  Bürger  zum  Luxus
(„Pluderhosen"),  so  daß  Joachim  scharfe  Gesetze  wider  die  Uppig-
        <pb n="35" />
        —  32  —

keit  gab.  Er  selbst  ging  freilich  mit  dem  Beispiel  des  Luxus  voran.
Prachtbauten,  Prunkfeste,  glänzende  Turniere  und  Jagden
im  Berliner  Tiergarten,  reiche  Geschenke  an  seine  Diener  und
Freundinnen  (z.  B.  Anna  Sydow,  „die  schöne  Gießerin")  kosteten
  ihm  große  Summen;  nur  weniges  nützte  zugleich  (wie  der
Dom  neben  der  Hofburg  in  Kölln  a.  Sp.  und  die  Festungswerke
zu  Spandau,  die  er  anlegte).  Seine  leeren  Kassen  zu  füllen,
nahm  er  für  Geld  die  Juden  wieder  in  das  Land  auf,  machte
den  Juden  Lippold  zu  seinem  Münzmeister,  und  wenn  die  Not
am  größten  war,  wandte  er  sich  an  die  Stände,  die  denn  auch
halfen,  aber  sich  versprechen  ließen,  er  werde  keine  wichtige
Sache  im  Lande  ohne  ihren  Beirat  und  ihre  Bewilligung  ausführen.


Markgraf  Hans  war  ein  besserer  Haushalter;  er  verwandte
sein  Geld  zu  nützlichen  Dingen  (Bau  von  Landstraßen,  Brücken,
der  Festungswerke  von  Küstrin  und  Peitz,  Kauf  der  Herrschaften
Storkow  und  Beeskow  1555)  und  sammelte  Schätze,  während
der  Kurfürst  Schulden  machte.

Die  beiden  Brüder  starben  fast  zu  gleicher  Zeit  (im  Januar
1571),  und  seitdem  sind  die  Marken  nicht  mehr  von  einander
getrennt  worden.

Johann  Georg  (1571—1598).

§  23.  Hans  von  Küstrin  hinterließ  keinen  Sohn;  die  Marken
  wurden  daher  unter  dem  Sohne  Joachims  II.,  dem  Kurfürsten
  Johann  Georg,  wieder  vereinigt.  Er  war  ein  wirtschaftlicher
  und  einsichtiger  Mann,  doch  streng  und  kalt  in  seinem
Wesen.  Er  begann  damit,  daß  er  die  Günstlinge  seines  Vaters,
denen  er  dessen  Verschwendung  schuld  gab,  hart  bestrafte.  Anna
Sydow  kam  auf  die  Festung  Spandau;  Lippold,  als  reicher
Wucherer  verhaßt,  wurde,  weil  er  Zauberei  getrieben  haben  sollte,
grausam  hingerichtet,  die  ganze  Judenschaft  wieder  des  Landes
verwiesen.  Sodann  tilgte  Johann  Georg  durch  bessere  Finanzwirtschaft
  und  mit  Hilfe  der  Stände  die  vorgefundenen  Schulden.  Die
Leistungsfähigkeit  des  Landes  wurde  besonders  durch  Einwanderung
  verfolgter  Reformierten  aus  den  Niederlanden  verstärkt;
denn  diese  Ansiedler  brachten  Kunstfleiß  und  Arbeitskraft  mit.
Dauernde  Verdienste  erwarb  sich  Johann  Georg  durch  die  Stiftung
        <pb n="36" />
        —  33  —

des  „Berlinischen  Gymnasiums  zum  grauen  Kloster“  1574,  durch
den  Neubau  des  Schlosses  zu  Kölln  a.  Sp.  und  in  der  äußeren
Politik  durch  enge  Familienverbindung  mit  dem  herzoglich  preu—
ßischen  Hause,  indem  er  seinen  Enkel,  den  Prinzen  Johann
Sigismund,  mit  Anna,  der  ältesten  Tochter  des  gemütskranken
Herzogs  Albrecht  II.  von  Preußen  und  der  Prinzeß  Eleonore
von  Kleve  vermählte.

Joachim  Friedrich  (1598—1608).

§  24.  Gegen  das  Testament  seines  Vaters,  welches  eine
Teilung  der  Marken  unter  die  Söhne  versügte,  berief  sich
Joachim  Friedrich  auf  das  Hausgesetz  des  Albrecht  Achilles  und
entschädigte  seine  jüngeren  Stiefbrüder  Christian  und  Joachim
Ernst  mit  Hilfe  des  alten  kinderlosen  Markgrafen  Georg  Friedeich
  von  Ansbach-Bayreuth.  Dieser  setzte  im  Geraer  Hausvertrag
  1598  jene  beiden  Prinzen  zu  seinen  Erben  im  Bayreuth
und  Ansbach  und  den  Prinzen  Johann  Georg,  einen  jüngeren
Sohn  Joachim  Friedrichs,  zum  Erben  in  seinem  schlesischen
Fürstentum  Jägerndorf  ein,  wogegen  die  Unteilbarkeit  der
Marken  nochmals  allseitig  anerkannt  wurde.

Indessen  rückte  die  Aussicht  auf  Erwerbung  Preußens
immer  näher;  denn  Albrecht  II.  hatte  keine  Söhne,  und  der
König  von  Polen  übergab  1605  die  Vormundschaft  über  den
gemütskranken  Herzog,  sowie  die  Statthalterschaft  des  Landes
dem  Kurfürsten  Joachim  Friedrich.  Da  nun  der  zollernsche  Staat
so  weithin  zu  wachsen  versprach,  auch  der  Landesherr  jetzt  nach
Einführung  der  Reformation  und  den  Veränderungen  im  Kriegsund
  Gerichtswesen  eine  Menge  von  Geschäften  zu  besorgen  hatte,
die  früher  Sache  der  Gemeinden,  der  Stände  und  der  Kirche
selbst  gewesen  waren,  so  beschloß  Joachim  Friedrich,  die  ganze
Verwaltung  unter  die  Ausfsicht  gelehrter  und  sachverständiger
Oberbeamten  zu  stellen,  die  auf  Lebenszeit  für  einen  und  denselben
  Amtskreis  angestellt  wären.  Die  Behörde,  die  er  zu  diesem
  Zweck  gründete  (1605),  hieß  das  Geheime  Staatsrats-Kollegium
  und  beschäftigte  sich  besonders  mit  der  Überwachung
der  Finanzen,  der  Sorge  für  Handel  und  Gewerbe  und  dem
Kriegswesen;  der  oberste  Rat  des  Fürsten  blieb  der  Kanzler.
Weil  aber  tüchtige  Beamte  durch  hohe  Schulen  gebildet  werden

Pterson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.
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        —  34  —

müssen,  so  stiftete  Joachim  Friedrich  noch  ein  Gymnasium  (zu
Joachimsthal  1607).

Auch  seine  (erste)  Gemahlin,  die  fromme  und  wirtschaftliche
Kurfürstin  Katharina,  Tochter  Johanns  von  Küstrin,  hat  ihr
Andenken  durch  eine  heilsame  Stiftung  verewigt:  auf  dem  Molkenmarkt
  in  Berlin  ließ  sie  Milch,  Butter,  Käse,  die  sie  selbst
gewann,  verkaufen,  und  von  ihren  Ersparnissen  gründete  sie  zu
Kölln  a.  Sp.  die  Schloßapotheke,  in  welcher  arme  Leute  unentgeltlich
  Arznei  erhielten.

Verfall  des  mittelalterlichen  Wesens  in  Staat  und
Kirche.  Aufkommen  neuer  Formen.

§  25.  Wie  die  geographischen  Entdeckungen  im  15.  Jahrhundert
  den  Gesichtskreis  der  europäischen  Völker  erweiterten,  den
Handel  zum  Weltverkehr  machten  und  die  politische  Stellung  der
Nationen  sehr  veränderten,  so  bewirkten  große  Erfindungen  und
das  Wiederaufleben  der  altklassischen  Studien  zu  derselben  Zeit,
daß  die  mittelalterlichen  Einrichtungen  in  Staat  und  Kirche  nicht
mehr  genügten.  Die  im  14.  und  15.  Jahrhundert  aufgekommene
Neuerung,  den  Krieg  mit  Fußvolk  zu  führen  (Schweizer,  Hussiten,
Landsknechte),  sodann  der  Gebrauch  des  Feuergewehrs  gestalteten  allmählich
  das  Kriegswesen  völlig  um:  das  Rittertum  verfiel;  der
Krieg  wurde  ein  Handwerk;  an  Stelle  des  Lehnsheeres  trat  das  Söldnerheer.
  Dies  hatte  große  politische  Folgen:  die  Stände  leisteten
die  Wehrpflicht  immer  häufiger  nur  mit  Geld;  ihre  Wehrhaftigkeit
  verminderte  sich;  die  Macht  des  Fürsten  wuchs.  Zugleich
wandte  sich  der  Nährstand  ausschließlich  seinen  friedlichen  Beschäftigungen,
  und  der  Mann  von  Talent  (besonders  aus  dem  Adel)
den  Studien  und  der  Beamtenlaufbahn  zu;  jener  bedurfte  nun
vor  allem  des  starken  Schutzes,  dieser  des  Berufs  des  Staates,
beide  mehr  als  früher  des  Fürsten.

Die  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  (1450  durch  Johann
Gutenberg  zu  Mainz)  erleichterte  den  geistigen  Verkehr,  machte
die  Kenntnisse  weniger  zum  Gemeingut  vieler,  verbreitete  Aufklärung
  in  weitere  Kreise.  Es  wurde  mehr  geschrieben,
gelesen,  gedacht.  Zugleich  trat  eine  große  wissenschaftliche  Umwälzung
  ein:  das  Studium  des  Altertums  (nach  Italien
durch  gelehrte,  1453  aus  Konstantinopel  geflüchtete  Griechen  verpflanzt,
  in  Deutschland  durch  ausgezeichnete  „Humanisten“  eingebürgert)
  weckte  den  Geist  der  Forschung  und  Prüfung;  man
        <pb n="38" />
        —  35  —

untersuchte  die  Gründe  des  Glaubens  und  Wissens.  Da  aber
die  damalige  Kirche  solche  Kritik  nicht  vertrug,  so  kam  die  Gelehrsamkeit
  aus  dem  Alleinbesitz  der  Geistlichkeit  an  die  Laien.
Hierzu  trug  die  Stiftung  neuer  Universitäten  viel  bei,  die  den
Wetteifer  entzündeten  und  außer  Geistlichen  nunmehr  hauptsächlich
Staatsbeamte  bildeten.  Die  geistige  Bewegung  richtete  sich  gegen
die  herrschenden  Vorurteile,  zunächst  gegen  den  Glaubenszwang
und  die  Ubergriffe  der  päpstlichen  Hierarchie,  überhaupt  gegen  die
Mißstände  der  Kirche  und  drängte  auf  deren  Reformatien.

Der  Mißbrauch,  den  in  den  letzten  Jahrhunderten  des
Mittelalters  die  Päpste  mit  ihrer  Macht  trieben:  daß  sie  viele
geistliche  Stellen  statt  durch  Wahl  der  Kapitel  nach  eigener  Willkür
  und  für  Geld  besetzten;  daß  sie  bei  jeder  Besetzung  eines
geistlichen  Amts  die  Einkünfte  des  ersten  Jahres  (Annaten)  für
sich  nahmen;  daß  sie  geistliche  Rechtssachen  den  Bischöfen  entzogen
und  in  Rom,  meist  für  Geld,  entschieden;  daß  sie  aus  dem  Ablaß
  (nach  den  Lehren  vom  Fegefeuer  und  vom  überschüssigen  Verdienst
  Christi  und  der  Heiligen)  eine  Geldquelle  machten;  kurz,
daß  sie  das  Geistliche  mit  dem  Weltlichen  vermengten;  dieser
Mißbrauch  veranlaßte  zur  Untersuchung  der  Berechtigung  des
Papsttums  überhaupt.  Luther  fand  dasselbe  in  der  heiligen
Schrift  nicht  begründet,  und  er  setzte  diese  unbedingt  über  die
mündliche  Tradition  und  die  Beschlüsse  von  Päpsten  und  Konzilien.
  Sein  Prinzip  war:  die  einzige  Erkenntnisquelle  der  chriftlichen
  Glaubenswahrheit  ist  die  Bibel,  und  nur  durch  den  Glauben
  (Sola  Fide),  nicht  durch  Werke  werden  wir  selig.

Da  jeder  Epvangelische  die  Bibel  lesen,  der  Geistliche  sie  auch
in  der  Ursprache  verstehen  sollte,  so  kam  durch  die  Reformation
das  Schulwesen,  sowohl  das  elementare  wie  das  gelehrte,  sehr
in  Aufschwung.  Dies,  sowie  die  Freiheit  der  Forschung  auch  in
religiösen  Dingen  und  die  von  hier  aus  bald  in  alle  Wissenschaften
  dringende  Kritik,  beförderte  die  Aufklärung  und  das
geistige  Leben  in  den  protestantischen  Ländern.  Was  hier  die
Geistlichkeit,  besonders  durch  Säkularisation  der  Kirchengüter,  an
weltlicher  Macht  verlor,  gewann  hauptsächlich  der  Fürst  (als
oberster  Bischof  der  Kirche  und  als  Regent  des  Staates).

Zur  Verstärkung  der  landesfürstlichen  Gewalt  führte  ferner  die
Umgestaltung  des  Rechtswesens.  Auf  den  Universitäten  ward  das
römische  Recht  (codex  Justioianeus)  gelehrt,  welches  den
Fürsten  die  absolute  Macht,  wie  sie  die  alten  Imperatoren  gehabt,
  zuerkannte  und  nur  von  studierten  Richtern  gehandhabt
werden  konnte.  Durch  dieses  fremde  Recht  wurden  die  deutschen
Rechtsbräuche,  durch  das  Schreibwesen  die  Offentlichkeit  und  Münd-3*
        <pb n="39" />
        —  36  —

lichkeit  verdrängt,  —  wie  die  Freunde  desselben  sagten  zum
Nutzen  besserer  Ordnung;  denn  die  Rechtspflege  sei  unbehilflich
geworden  und  leide  unter  der  großen  Verschiedenheit  des  oft  unzureichenden
  Herkommens.

In  der  Mark  kam  das  neue  Wesen  um  so  leichter  auf,  weil
hier  die  mittelalterlichen  Formen  nie  einen  großen  Inhalt  und
starke  Wurzeln  gehabt.  Adel  und  Städte  waren  ohne  den  Reichtum
  und  die  großen  Erinnerungen  des  Rittertums  und  Bürgertums
im  Reich;  die  Geistlichkeit  hatte  im  Markgrafen  stets  den  Herrn
gefühlt;  die  landesherrliche  Macht  konnte  daher  ohne  viel  Gefahr
die  Verschmelzung  der  Sonderstagten  im  Staate  zu  einem  Ganzen
vornehmen.  Schon  Joachim  I.  waltete  tatsächlich  fast  unumschränkt,
  wie  er  denn  auch  eine  ungemein  hohe  Vorstellung  von
seiner  landesherrlichen  Würde  und  Autorität  hatte  und  daher  eine
Reformation  von  unten  als  Rebellion  betrachtete.  Joachim  II.,
ein  milder  Charakter,  ließ  wegen  seiner  steten  und  meist  selbstverschuldeten
  Geldnot  die  ständische  Macht  wieder  aufkommen;  unter
den  folgenden,  besser  geordneten  Verwaltungen  nahm  der  Fürst
die  Zügel  des  Staates  wieder  fester  in  die  Hand.  Joachim  Friedrich
  legte  durch  die  Errichtung  einer  Art  von  Staatsministerium
den  ersten  Grund  zu  der  bureaukratischen  Staatsverwaltung,
deren  Idee  ist,  daß  der  Fürst  mit  seinen  Beamten  planmäßig
nicht  bloß  die  allgemeinen  Staatssachen,  sondern  auch  die  besonderen
  Angelegenheiten  der  Gemeinden  leitet.

Diese  Bevormundung  war  nötig,  da  die  Stände,  insbesondere
  der  Adel  und  die  städtischen  Patrizier,  zwar  nach  oben  ihre
Macht  verloren,  aber  nach  unten  desto  stärker  drückten.  Die
Masse  des  Volks,  zumal  der  Bauernstand,  geriet  in  immer
größere  Knechtschaft  und  Not;  alle  Lasten  des  Staats,  durch
Söldner=  und  Beamtentum  sehr  vermehrt,  wurden  von  den  oberen
Ständen  fast  ganz  auf  die  unteren  gewälzt.

Zwei  Aufgaben  fielen  hier  also  den  Hohenzollern  zu,  indem
sie  sich  dem  Absolutismus  näherten:  den  morschen  Feudalstaat  des
Mittelalters  durch  ein  zweckmäßiges  neues  Staatswesen  zu  ersetzen
und  jedem  im  Staat  das  Seine  zu  geben  oder  wiederzuverschaffen;
—  durch  die  erste  wurden  sie  die  Vertreter  des  Zeitgeistes,  durch
die  zweite  die  Anwälte  des  armen  Mannes.  Die  Neuzeit  vertraten
sie  auch  auf  dem  kirchlichen  Gebiete.  Seit  1539  ist  der  Protestantismus
  ein  Hauptlebenselement  ihrer  Politik  gewesen.  Für
das  evangelische  Deutschland  hatte  dies  um  so  segensreichere  Folgen,
  als  der  Augsburger  Religionsfriede  1555  zwar
zwischen  Lutheranern  und  Katholiken  einen  langen  Waffenstillstand
  festsetzte,  aber  durch  die  unheilvolle  Bestimmung  „cujus
        <pb n="40" />
        —  37  —

regio,  eius  religio“  das  Glück  der  Voͤlker  in  das  Belieben  der
Dynastieen  stellte.  Der  Glaubenseifer  äußerte  sich  damals  bei

allen  Parteien  in  Unduldsamkeit  gegen  Andersgläubige;  auch
Johann  Georg  schloß  sich  (1580  in  der  Konkordienformel)
der  Richtung  des  strengsten  Luthertums  an.  Aber  seit  die  brandenburgischen
  Hohenzollern  1613  zur  reformierten  (kalvinistischen)
Lehre  übergetreten  waren,  wurde  ihnen  Duldsamkeit,  bei  energischem
  Festhalten  des  protestantischen  Prinzips,  fast  zur  zweiten
Natur,  weil  sie  mit  der  Tatsache  zu  rechnen  hatten,  daß  die
große  Mehrzahl  ihrer  Untertanen  lutherisch  war.

Johann  Sigismund  (1608—1619).

§.  26.  Als  Johann  Sigismund  den  Tod  seines  Vaters  erfuhr,
  befand  er  sich  auf  der  Reise  nach  Preußen,  eilte  aber  nur
desto  mehr  dorthin,  um  die  Vormundschaft  über  den  Herzog,  die
sein  Vater  gehabt,  und  die  Belehnung  mit  dem  Herzogtum  von
dem  Könige  von  Polen  zu  erlangen.  Trotz  mancher  Schwierigkeiten
  gelang  ihm  dies  (1611),  und  nach  dem  Tode  Albrechts  II.
Friedrich  1618  konnte  er  Preußen  mit  Brandenburg  vereinigen.


Die  zweite  große  Erwerbung,  die  er  machte,  war  Kleve.
Im  Jahre  1609  starb  der  letzte  Herzog  von  Jülich-Kleve-Berg,
Wilhelm,  kinderlos;  seine  älteste  Schwester  Maria  Eleonore  war
die  Gemahlin  Albrecht  Friedrichs  von  Preußen  und  Mutter
Annas,  der  Gemahlin  Johann  Sigismunds,  der  deshalb  die
Hinterlassenschaft  beanspruchte.  Aber  der  Sohn  der  jüngeren
Schwester  des  Herzogs  Wilhelm,  der  Prinz  Wolfgang  von  Pfalz-Neuburg,
  machte  ebenfalls  Ansprüche  auf  das  Erbe.  In  diesen
Streit  drohten  die  Nachbarn,  die  reformierten  Holländer  und  die
katholischen  Spanier,  sowie  der  Kaiser  sich  zu  mischen:  für  den
Pfalzgrafen,  welcher  katholisch  geworden  war,  nahmen  die  Katholiken
  Partei;  für  den  Kurfürsten,  der  zum  reformierten  Glau--ben
  übertrat  (1613),  die  Kalvinisten.  Daher  vereinigten  sich
die  beiden  im  Vertrage  zu  Kanten  (1614)  dahin,  daß  die  Erbschaft
  geteilt  wurde:  Brandenburg  erhielt  das  Herzogtum  Kleve
nebst  den  westfälischen  Grafschaften  Mark  und  Ravensberg,
Pfalz-Neuburg  die  Herzogtümer  Jülich  und  Berg.

So  herrschte  nun  Hohenzollern  auch  an  der  Memel  und
am  Rhein.
        <pb n="41" />
        —  38  —

Kleve.

§  27.  Das  Herzogtum  Lothringen  (am  linken  Rheinufer
von  Basel  abwärts)  zerfiel  im  10.  Jahrhundert  in  die  Herzogtümer
Oberlothringen  (an  der  Mosel)  und  Niederlothringen  (zwischen
Niederrhein  und  Schelde);  diese  zersplitterten  sich  dann  wieder  in
viele  selbständige  Grafschaften,  deren  älteste  Kleve  war.  Letztere
erheiratete  Graf  Adolf  IV.  von  der  Mark  (von  Hamm  bis  zur
oberen  Wipper),  dessen  Nachkomme  Adolf  VI.,  1417  auf  dem
Kostnitzer  Konzil  zum  Herzog  von  Kleve  erhoben,  die  Herrschaft
Ravenstein  an  der  Maas  eroberte.  Adolfs  Urenkel  Johann  III.
heiratete  die  Erbin  von  Jülich  (an  der  Roer,  zwischen  Erft  und
Maas,  seit  1357  ein  Herzogtum),  Berg  (rechts  am  Rhein  zwischen
  Ruhr  und  Sieg,  seit  1380  Herzogtum)  und  Ravensberg
(Grafschaft  am  Teutoburger  Walde).

Das  Land  Preußen  als  Ordensstaat  und  als
Herzogtum  (—1618).

§+  28.  An  der  Bernsteinküste  zwischen  Weichsel  und  Memel
und  binnenwärts  bis  zur  Drewenz  und  über  die  masurischen
Seeen  saß  seit  Urzeiten  ein  Volk  litauischen  Stammes.  Den  Römern
  war  es  unter  dem  germanischen  Namen  Astier  (Ostleute)
bekannt;  die  zunächst  Wohnenden  hießen  es  Pruzzen  oder  Prussen,
welches  Wort  dann  in  der  Aussprache  der  Deutschen  Preußen
lautete.  In  vielen  Dingen  ähnelten  die  alten  Preußen  den
Germanen:  auch  sie  hatten  schlanke,  kraftvolle  Körper,  blaue
Augen,  starken  Haarwuchs;  auch  sie  wohnten  nur  in  Dörfern
und  Höfen,  liebten  übermäßig  die  Trinkgelage  und  waren  wegen
ihrer  Tapferkeit  und  Freiheitsliebe  gefährliche  Feinde;  und  auch
sie  verehrten  ihre  Götter  (Perkunos  Donnergott,  Patrimpos
Gott  der  Fruchtbarkeit  und  Freude,  Pakollos  Gott  des  Todes
und  Verderbens)  nicht  in  Tempeln,  sondern  in  heiligen  Hainen.
Dagegen  glichen  sie  den  Slawen  darin,  daß  auch  bei  ihnen  die
Frau  des  Mannes  Sklavin  war,  von  ihm  dem  Vater  abgekauft
und  neben  anderen  Frauen  geheiratet.  Eigentümlich  war  den
Preußen  ein  mildtätiger,  menschenfreundlicher  Sinn  und  gutmütige
  Heiterkeit.  Sie  trieben  außer  Ackerbau  und  Viehzucht
einige  Gewerbe  und  an  den  Küsten,  besonders  im  bernsteinreichen
Samland,  starken  Handel.  In  jedem  der  11  Gaue  (Kulm  und
Pomesanien  am  rechten  Weichselufer,  Pogesanien,  Warmien  oder
        <pb n="42" />
        —  39  —

Ermland  und  Natangen  am  frischen  Haff,  Barten  zwischen  Alle  und
Angerapp,  Sudauen  und  Galinden  längs  der  masurischen  Seeen,
Samland  zwischen  dem  Frischen  und  Kurischen  Haff,  Nadrauen
und  Schalauen  am  Kurischen  Haff)  gab  es  einen  oder  mehrere
Häuptlinge  mit  landesfürstlicher  Macht;  in  den  Volksversammlungen
  entschieden  meist  die  Edeln  (reiche,  angesehene  Geschlechter).
Großen  Einfluß  übten  die  Priester  (Waidelotten)  und  besonders
  deren  Oberster,  der  Kriwe  im  Romowe,  einem  Heiligtum
in  Nadrauen.  Die  Toten  wurden  verbrannt,  die  Asche  in  tönernen
  Urnen  beigesetzt;  das  jenseitige  Leben  hielt  man  für  eine
gleichmäßige  Fortsetzung  des  irdischen.

Die  Bekehrungsversuche  der  slawischen  Nachbarn  (Bischof
Adalbert  von  Prag  #  997;  Erzbischof  Brun  f  1009;  Bischof
Christian,  früher  Mönch  zu  Oliva,  1212)  waren  ebenso  fruchtlos
  wie  ihre  kriegerischen  Angriffe  und  reizten  die  Preußen  nur
zu  wilden,  verheerenden  Einfällen  in  das  Gebiet  der  Masuren,
Polen,  Pommern.  Da  baten  Bischof  Christian  und  der  polnische
Herzog  Konrad  von  Masovien  1226  den  deutschen  Orden
um  Hilfe.

Der  Orden  „des  deutschen  Hauses  unserer  lieben
Frauen  zu  Jerusalem“  (daher  auch  Marienritter  oder  Deutschherren
  genannt)  war  1190  im  Lager  vor  Akkon  aus  einer
Spitalstiftung  lübischer  und  bremischer  Kaufleute  vom  Schwabenherzog
  Friedrich  festgestellt,  1198  aber  rittermäßig  eingerichtet
worden,  mit  den  Gelübden  der  Rittermönche  (Armut,  Gehorsam,
Keuschheit,  Bekämpfung  der  Ungläubigen,  Krankenpflege)  und  dem
Abzeichen  des  schwarzen  Kreuzes  auf  weißem  Mantel,  und
kam  bald,  besonders  unter  seinem  vortrefflichen  Hochmeister
Hermann  von  Salza,  zu  großer  Blüte.  1230  schickte  dieser
nun  eine  Schar  von  Rittern  unter  dem  Landmeister  Hermann
Balk  ab,  um  das  Heidenland  Preußen,  welches  Kaiser  und
Papst  dem  Orden  geschenkt,  zu  erobern.

Vom  Kulmerlande  aus  drangen  die  Ritter  vor,  besiegten,
durch  deutsche  Kreuzfahrer  unterstützt,  einen  Gau  nach  dem  andern
und  sicherten  jede  neue  Eroberung  durch  Ansiedlung  deutscher
Einwanderer  in  festen  Städten  und  Burgen.  Doch  widerstanden
die  Preußen  mit  solcher  Ausdauer  und  Tapferkeit,  daß  der  blutige
  Kampf  ein  halbes  Jahrhundert  (bis  1283)  währte.  Ahnlich
wie  in  der  Mark  Brandenburg  die  Wenden  wurden  auch  hier
        <pb n="43" />
        —  40  —

die  Unterworfenen  von  den  Deutschen  allmählich  verdrängt
oder  deutsch  gemacht.

Nachdem  jede  Aussicht,  den  Türken  Palästina  abzugewinnen,
verschwunden  war,  verlegte  der  Hochmeister  1309  seine  Residenz
nach  Preußen;  das  prachtvolle  Schloß  in  Marienburg  war
fortan  des  Ordens  Haupthaus.  Von  hier  aus  herrschte  er  mit
Weisheit  und  Kraft,  beraten  von  den  hohen  Ordensbeamten,
den  Gebietigern,  über  das  Land;  Komture  befehligten  unter
ihm  die  einzelnen  Burgen.  Der  Kampf  gegen  die  heidnischen
Litauer  im  Osten  hielt  die  kriegerische  Tüchtigkeit  der  Ritter
aufrecht  (Sieg  bei  Rudau  1370);  ihre  Weltentsagung  machte,
daß  sie  vom  Lande  wenig  bedurften;  unparteiisch  waltete  der
Orden  über  den  Ständen,  schützte  jeden  in  seiner  Freiheit  und
Habe,  übte  ein  musterhaftes  Regiment.  Die  goldene  Zeit  des
Ordens  war  unter  Winrich  von  Kniprode  1351—1382;  wie
ein  Garten  Gottes  blühte  das  Preußenland.  Am  Anfang  des
15.  Jahrhunderts  erstreckte  sich  der  Ordensstaat  von  der  Oder
bis  zur  Düna;  der  Schwertbrüderorden,  der  Livland  erobert
  und  bekehrt  hatte,  war  1237  dem  deutschen  Orden  beigetreten.


Der  Glaubenskrieg  hörte  aber  auf,  als  Großfürst  Jagiello
von  Litauen  sein  Volk  1386  bekehrte  und  mit  Polen  zu  einem
Reiche  vereinigte.  Seitdem  erschlaffte  der  Orden.  Die  Sittenzucht
  wurde  locker  und  die  Regierung  selbstsüchtig.  Adel  und
Städte  murrten  über  die  Willkür  und  Habsucht  der  Ordensritter,
  und  als  diese  1410  in  der  Schlacht  bei  Tannenberg
(bei  Osterode)  von  den  Polen  und  Litauern  eine  große  Niederlage
  erlitten,  ging  die  Macht  des  Ordens  zu  grunde.  Zwar
rettete  der  tapfere  und  kluge  Komtur  Heinrich  von  Plauen
die  Marienburg,  die  Jagiello  fruchtlos  belagerte.  Auch  kostete
der  Frieden  (zu  Thorn  1411)  außer  Geld  nur  Samogitien  (das
untere,  nordwestliche  Litauen).  Aber  die  Ordensbrüder  wollten
die  Reformen,  die  Heinrich  als  Hochmeister  ihnen  zumutete  (zumal
  den  ständischen  „Landrat"),  nicht  ertragen,  setzten  ihn  ab,
warfen  ihn  sogar  in  den  Kerker.  Die  Unzufriedenheit  der  schwer
besteuerten  Stände  wuchs.  1440  bildeten  sie  zu  Marienwerder
den  „Preußischen  Bund“  zur  Verteidigung  ihrer  Rechte  gegen
die  Übergriffe  des  Ordens  und  erklärten  1454  diesem  den  Krieg;
zugleich  riefen  sie  den  König  Kasimir  von  Polen  zu  Hilfe.  Ver-
        <pb n="44" />
        —  41  —

lassen  von  seinen  Söldnern,  die  er  nicht  bezahlen  konnte,  mußte
der  Orden  besiegt  endlich  einen  Frieden  (zu  Thorn  1466)  schließen,
worin  er  das  westliche  Preußen  (genauer:  Pommerellen  mit
Danzig,  das  Kulmerland  und  Elbing)  nebst  Ermland  an
Polen  abtrat  und  Ostpreußen  (genauer:  die  Bistümer  Pomesanien
  und  Samland)  nur  als  polnisches  Lehen  behielt.
Vergebens  versuchten  die  Hochmeister  sich  der  polnischen  Lehnshoheit
  zu  entziehen;  der  Zoller  Markgraf  Albrecht  von  Ansbach
  bat  vergebens  1524  im  deutschen  Reich  um  Hilfe;  dagegen
erhielt  er  von  Luther  den  Rat,  den  veralteten  Ordensstaat  in  ein
weltliches  Fürstentum  umzuwandeln.  Er  befolgte  diesen  Rat.
Im  Vertrage  zu  Krakau  1525  erkannte  er  den  König  von  Polen
als  seinen  Lehnsherrn  an  und  empfing  von  ihm  die  Belehnung
mit  (Ost-)  Preußen  als  einem  erblichen  Herzogtum.  Darauf
löste  er  mit  Zustimmung  der  meisten  Ordensritter  den  Orden  auf
und  trat,  sowie  das  Land,  zur  lutherischen  Kirche  über.  Eine
treffliche  Stütze  erhielt  das  neuerwachte  geistige  Leben  in  Preußen
durch  die  Universität,  die  Herzog  Albrecht  1543  in  seiner
Hauptstadt  Königsberg  gründete.  —  In  dem  polnisch  gewordenen
  Westpreußen  entdeckte  damals  Kopernikus  die  wichtige
Tatsache,  daß  sich  die  Erde  um  die  Sonne  dreht.

Auf  Albrecht  I.  folgte  1568  sein  Sohn  Albrecht  II.
Friedrich.  Dieser  verfiel  sehr  bald  in  eine  Gemütskrankheit,
welche  durch  Arger,  den  ihm  die  Regimentsräte  (ein  adliger
Ständeausschuß)  bereiteten,  noch  verschlimmert  wurde.  Nun
schaltete  der  Adel  als  Herr  im  Lande,  sah  aber  sein  Regiment
gefährdet,  wenn  es  den  Kurfürsten  von  Brandenburg  gelang,  das
Herzogtum  zu  erwerben.  Diese  erreichten  indes  nach  fünfzigjährigem
  Bemühen  ihr  Ziel;  durch  große  Geldgeschenke,  zu  denen
die  märkischen  Stände  willig  beitrugen,  bewogen  sie  den  polnischen
  König  und  Reichstag,  ihnen  1569  die  Anwartschaft,  1605
die  Vormundschaft,  1611  die  Belehnung  zu  erteilen,  infolge  deren
sie  1618  ungehindert  das  Herzogtum  erbten.

§  29.  Das  Land  Preußen  ist  mehr  als  jede  andere  Grenzprovinz
  mit  Hilfe  des  ganzen  deutschen  Volkes  dem  Deutschtum
gewonnen  worden.  Denn  von  allen  Enden  des  Reichs  kamen  die
Kreuzfahrer  und  die  Ordens-Novizen;  die  Ansiedler  indes  gehörten
vorzugsweise  dem  sächsischen  Stamme  an.  Gleich  der  Mark  Brandenburg
  mit  dem  Schwert  erobert  und  mit  dem  Pfluge  gesichert,
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        —  42  —

wurde  Preußen  doch  noch  rascher  germanisiert,  weil  die  alten  Preußen
  gewaltigeren  Widerstand  leisteten  (Herkus  Monte)  und  daher
massenhafter  vertilgt  oder  verdrängt  wurden,  als  dort  die  Wenden.
Selbst  ihre  Sprache  ist  (seit  300  Jahren)  vollständig  ausgestorben.
  Die  mit  dem  Schwert  Unterjochten  mußten  sich  taufen
lassen,  zinsen  und  fronen;  die  sich  der  Herrschaft  des  Ordens
und  der  Taufe  freiwillig  unterwarfen,  besonders  die  adligen  Witinge,
  erhielten  vor  ihren  Landsleuten  manche  Vorrechte.

Die  deutsche  Ansiedlung  geschah  wie  in  der  Mark  durch
Unternehmer,  nur  daß  die  Städte  (da  es  bei  den  alten  Preußen
dergleichen  kaum  gab)  völlig  neu  angelegt  wurden,  meist  um  eine
Ordensburg  herum:  1232  Thorn  und  Kulm,  1237  Elbing,  1255
Königsberg  (Ottokar  von  Böhmen).  Die  binnenländischen  erhielten
  vom  Orden  kulmisches  oder  magdeburgisches,  die  an  der
Küste  gelegenen  lübisches  Stadtrecht.

Auch  die  Dorfgemeinden  empfingen  in  der  „Kulmischen
Handfeste"  eine  Verfassung,  die  ihnen  große  Rechte  und  Freiheiten
  gewährleistete.  Adlige  Einzöglinge  erhielten  ebenfalls  erblichen
  Grundbesitz  und  die  Gutsgerichtsbarkeit,  leisteten  dagegen
dem  Orden  Kriegsdienst  innerhalb  der  Landesgrenzen.  Die  Abgaben,
  welche  Bürger  und  Bauern  dem  Orden  zahlten,  waren
gering,  weil  derselbe  wenig  brauchte  und  den  Krieg  meist  mit  seinen
  Rittern  und  mit  abenteuerlustigen  Kreuzfahrern  („Gästen")
zu  führen  vermochte.  Dennoch  ward  er  zugleich  mit  dem  Lande
rasch  reich,  konnte  königlich  hofhalten,  Länder  kaufen  (Esthland
1346  von  den  Dänen,  die  zur  Verbindung  mit  Deutschland  nötige
Neumark  1402),  als  Seemacht  auftreten  (1398  eroberte  er  Gotland,
  erstürmte  Wisby,  das  Nest  der  Vitalienbrüder).  Der  Wohlstand
  der  Bauern  (zumal  im  fetten  Marschboden  des  Weichselwerders,
  das  1288  bis  1294  abgedeicht  worden)  war  sprichwörtlich.
Die  Städte  trieben  mit  Getreide,  Wachs,  Honig,  Bernstein  einen
höchst  einträglichen  Handel  über  See  nach  Westeuropa;z  vor  allen
blühte  Danzig  auf,  der  Hauptstapelplatz  des  Weichselhandels  und
Vorort  des  preußischen  Quartiers  in  der  Hansa,  der  außer  Danzig
noch  Thorn,  Kulm,  Elbing,  Braunsberg  und  Königsberg  seit  der
Mitte  des  14.  Jahrhunderts  angehörten.  Danzig,  schon  am  Ende
des  10.  Jahrhunderts  erwähnt,  wo  es  unter  polnischer  Herrschaft
stand,  war  bis  1309  Hauptstadt  von  Pommerellen.  Nachdem
dann  der  Orden  es  in  Besitz  genommen,  wurde  es  sehr  bald  durch
starken  Zuzug  deutscher,  besonders  lübischer  Kaufleute  völlig
germanisiert.  —  Die  Landesbischöfe  (von  Kulm,  Pomesanien,
Ermland  und  Samland)  waren  reich  mit  Grundbesitz  ausgestattet,
standen  aber  unter  dem  Hochmeister  als  dem  Landesherrn.  —
        <pb n="46" />
        —  43  —

Gern  ließ  sich  „Neu-Deutschland“,  so  lange  der  Orden  die
deutsche  und  christliche  Pflanzung  gegen  die  heidnischen,  raubund
  eroberungslustigen  Litauer  zu  schützen  hatte,  dessen  Herrschaft
  gefallen.  Dieselbe  war  nach  den  „Statuten"  Werners
von  Orsele  (1329)  eine  gemäßigte  Monarchie.  Der  Hochmeister
  gebot  im  Notfall  unbedingt,  war  aber  dem  General-=kapitel
  der  Gebietiger  verantwortlich.  Die  obersten  Gebietiger
waren  der  Marschall  (Feldherr),  der  Spittler  (Aufseher  der
Krankenpflege),  der  Treßler  (Schatzmeister),  der  Trappier  (Kleidermeister).


Als  aber  der  Orden  seinen  Hauptberuf,  den  Krieg  gegen  die
Heiden,  erfüllt  hatte  und  in  Verfall  geriet,  forderten  die  Stände
nach  deutscher  Sitte  Anteil  am  Regiment,  am  nachdrücklichsten
die  westpreußischen  Edelleute  (Eidechsenbund  1398)  und  Städte.
Nachdem  die  Aufständischen  den  „Westpreußischen  Städtekrieg"
  (1454—1466)  erfolgreich  bestanden,  erhielten  sowohl  die
treugebliebenen  Stände  zum  Lohn  vom  Orden,  wie  die  abgefallenen
  kraft  ihres  Vertrages  mit  Polen  große  Privilegien.
Danzig  wurde  fast  Freistaat  unter  polnischem  Schutz  und  erreichte
  in  diesem  Verhältnis  als  Haupthafen  des  polnischen  Reichs
eine  Handelsblüte  und  Macht,  wie  nur  sehr  wenige  andere  deutsche
Städte  des  Mittelalters.

Auch  die  geistigen  Bestrebungen  gediehen;  der  Preuße  Nikolaus
  Kopernikus  (geboren  1473  zu  Thorn,  gestorben  1543  als
Domherr  zu  Frauenburg)  entdeckte  das  wahre  Sonnensystem,  und
dem  Luthertum  feiel  das  königliche  wie  das  herzogliche  Preußen
  zu.

Aber  in  jenes  drang  doch  allmählich  polnisches  Wesen  ein,  und
in  diesem  hätten  die  Stände  die  völlige  Vereinigung  mit  der
Republik  Polen  um  den  Preis  gesicherter  Ständeprivilegien  gern
gestattet.  So  war  Neudeutschland  auf  dem  Wege,  nachdem  es
an  das  Slawentum  seine  politische  Selbständigkeit  verloren,  an
dasselbe  auch  noch  seine  Nationalität  einzubüßen.  Davor  es
gerettet  und  Preußen  dem  Deutschtum  erhalten  zu
haben  ist  das  Verdienst  der  Hohenzollern;  die  Hälfte
der  Arbeit  thaten  sie,  indem  sie  1618  Ostpreußen  mit  Brandenburg
  vereinigten.

Georg  Wilhelm  (1619—1640).

§  30.  Unter  Johann  Sigismunds  Sohne,  dem  schwachen
Georg  Wilhelm,  brach  alles  Elend  und  Unheil  des  Dreißigjährigen
  Krieges  ungehemmt  über  die  Marken  herein.
        <pb n="47" />
        —  44  —

Der  Religionshaß  zwischen  den  Katholiken  und  den  Protestanten
  in  Deutschland,  von  unduldsamen  Priestern  immerwährend
  geschürt,  mußte  zum  Bürgerkriege  führen,  als  es  den
Jesuiten  gelang,  im  Kaiserhause  festen  Fuß  zu  fassen.  Grund
zum  Streite  gab  der  „Geistliche  Vorbehalt“,  ein  Artikel  des
Augsburger  Religionsfriedens,  nach  welchem  geistliche  Länder,
auch  beim  Übertritt  ihrer  Fürsten,  katholisch  bleiben  sollten;
ferner  der  Umstand,  daß  jener  Vertrag  zwar  den  Lutherischen,
aber  nicht  den  Kalvinisten  Religionsfreiheit  und  gleiches  Recht
mit  den  Katholiken  gab.  Beide  Teile  rüsteten;  es  schlossen  protestantische
  Stände  mit  einander  einen  Kriegsbund,  und  ebenso
katholische.  Aber  während  die  evangelische  Union  (1608)  unvollständig
  und  unwirksam  blieb,  bildete  die  katholische  Liga
unter  Herzog  Max  von  Bayern  eine  starke  Macht.  1618  begann
mit  den  böhmischen  Unruhen  der  Dreißigjährige  Krieg.
Die  protestantischen  Böhmen,  vom  Kaiser  bedrückt,  empörten  sich,
wählten  den  Kurfürsten  Friedrich  von  der  Pfalz  zum  König,
wurden  aber  vom  Kaiser  Ferdinand  II.  mit  Hilfe  der  Liga  unterjocht,
  und  nachdem  die  katholische  Kirche  mit  Gewalt  in  den
österreichischen  Erblanden  wiederhergestellt  worden,  ließ  Ferdinand
dasselbe  durch  den  ligistischen  General  Tilly  auch  in  Süd=  und
Mitteldeutschland  vornehmen.  Einige  kleine  protestantische  Fürsten
(Christian  von  Braunschweig,  Ernst  von  Mansfeld)  widerstanden
  vergebens;  die  großen  von  Sachsen  und  Brandenburg
sahen  angstvoll  zu.  So  fielen  1626  die  Heere  Tillys  und
des  kaiserlichen  Generals  Wallenstein  auch  über  Norddeutschland
  her,  besiegten  den  Dänenkönig  Christian  IV.,  der  es  schützen
wollte,  und  schickten  sich  an,  des  Kaisers  Restitutionsedikt
(1629)  auszuführen,  welches  Magdeburg,  Minden,  Merseburg
und  viele  andere  ehemals  geistliche  Länder  wieder  katholisch  machen
sollte.  Da  erschien  den  Protestanten  ein  Retter:  Gustav  Adolf,
König  von  Schweden,  landete  auf  Ruden  an  der  Peenemündung
  1630,  verjagte  die  Kaiserlichen  aus  Pommern,  zwang
seinen  unschlüssigen  Schwager  Georg  Wilhelm  von  Brandenburg,
sowie  den  ebenso  unfähigen  Kurfürsten  von  Sachsen,  sich  mit  ihm
zu  verbünden,  konnte  zwar  das  von  Tilly  belagerte  Magdeburg
nicht  mehr  retten,  welches  im  Mai  1631  von  den  Kaiserlichen
erstürmt  wurde  und  in  Flammen  aufging,  richtete  dann  aber
durch  den  Sieg  von  Leipzig  (September  1631)  in  ganz  Deutsch-
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        —  45  —

land  den  zu  Boden  geschlagenen  Protestantismus  wieder  auf.
Nachdem  er  bei  Lützen  1632  gefallen  war,  setzte  Schweden  im
Bunde  mit  den  meisten  süd-  und  westdeutschen  Protestanten  den
Kampf  fort;  die  Kurfürsten  von  Sachsen  und  Brandenburg  aber
schlossen  1635  zu  Prag  mit  dem  Kaiser  Frieden,  in  welchem
Sachsen  die  Lausitz  gewann.  Georg  Wilhelm  bewog  zu  diesem
  Schritt  teils  die  gegründete  Furcht,  daß  die  Schweden
Pommern  in  dauerndem  Besitz  behalten  würden,  teils  die  österreichische
  Gesinnung  seines  Ministers,  des  katholischen  Grafen
Adam  von  Schwarzenberg.  Dennoch  wurde  die  Mark  nach
wie  vor  von  beiden  kriegführenden  Parteien  mit  gleicher  Wildheit
  verwüstet.  Nachdem  der  schwedische  Feldherr  Baner  1636
bei  Wittstock  die  Kaiserlichen  geschlagen,  rächte  er  des  Kurfürsten
Abfall  entsetzlich  an  dem  Lande.  Dann  kamen  wieder  die  kaiserlichen
  Soldaten  und  wüteten  ganz  ebenso  mit  Raub  und  Brand,
Folter,  Mord  und  Greuel  jeder  Art  gegen  das  unglückliche  Volk.
Niemand  war  da,  der  es  schützte.  Der  Kurfürst  schwankte  tatlos
  hin  und  her;  die  Stände  feilschten,  wenn  er  von  ihnen  Geld
zur  Anwerbung  von  Söldnern  forderte,  obwohl  doch  die  Mansfeldischen,
  Dänen,  Schweden,  Kaiserlichen  allemal  das  Hundertfache
  raubten  und  zerstörten,  als  zum  ordentlichen  Schutze  des
Landes  verweigert  worden  war.  Oder  die  wenigen  schlechtbezahlten
  Söldner  drückten  das  eigene  Land,  das  zu  verteidigen  sie
zu  schwach  waren.  Sich  selbst  aber  zu  schützen  gegen  disziplinierte
  Truppen,  dazu  reichte  der  Rest  von  Wehrhaftigkeit,  der
noch  in  dem  Adel  und  den  Bürgern  geblieben  war,  nicht  aus;
der  Bauer  besaß  nicht  einmal  ordentliche  Waffen  mehr.  Endlich
starb  Georg  Wilhelm  (1640);  aber  das  Land  war  ein  Trümmerhaufen,
  fast  eine  Einöde  geworden,  und  der  schreckliche  Krieg
raste  noch  immerfort.

§  31.  Am  Ende  des  16.  Jahrhunderts  waren  vier  Fünftel
des  deutschen  Volkes  protestantisch;  die  Evangelischen  überwogen
selbst  in  den  kaiserlichen  Erblanden.  Was  sie  zu  Fall  brachte
und  dem  Katholizismus  in  Süd=  und  Westdeutschland  wieder  zur
Herrschaft  verhalf,  war  vornehmlich  der  Haß,  die  Uneinicgkeit
zwischen  Kalvinisten  und  Lutheranern.  Durch  des  lutherischen
  Kursachsens  Abfall  erhielt  der  strengkatholische  Habsburger
Ferdinand  II.  die  Kaiserkrone  1619  und  den  Sieg  über  den  reformierten
  Friedrich  von  der  Pfalz  und  von  Böhmen  1620;  in
        <pb n="49" />
        —  46  —

Brandenburg  trug  der  religiöse  Widerwillen  der  lutherischen
Stände  gegen  den  reformierten  Kurfürsten  viel  dazu  bei,  die  Widerstandskraft
  des  Staates  lahm  zu  legen.  Wie  viel  selbst  kleine
deutsche  Gemeinwesen,  wenn  sie  einmütig  alles  daran  setzten,  für
Glauben  und  Freiheit  noch  leisten  konnten,  bewies  1628  Stralsun
  ds  siegreicher  Widerstand.  Daß  aber  die  evangelischen  Stände
im  ganzen  Reich  den  Waffen  der  Liga  und  des  Kaisers  so  schnell
und  völlig  erlagen,  hatte  seinen  Grund  in  dem  Mangel  an  einem
großen,  alle  überragenden  und  mit  sich  fortreißenden  Führer;  als
sich  ein  solcher  in  Gustav  Adolf  fand,  lag  alsbald  wieder  der
Katholizismus  am  Boden.

Die  Barbarei,  mit  welcher  der  Krieg  geführt  wurde,  (z.  B.
vom  Heere  Tillys  bei  der  „Magdeburger  Hochzeit“  20.—23.  Mai
1631),  war  zum  Teil  eine  Folge  des  religiösen  Fanatismus,  zum
Teil  die  Wirkung  des  Söldnerwesens.  Denn  die  Haufen
vaterlandsloser,  verwilderter  Soldknechte,  welche  für  Geld  jeder
Fahne  dienten,  kannten  zwischen  ihren  Lüsten  und  dem  Gut  und
Blut  des  wehrlosen  Volkes  keine  Schranke  als  die  Gewalt,  und
nur  Gustav  Adolf  hielt  gute  Mannszucht.  Die  andern  Heerführer,
  besonders  Wallenstein  mit  seinen  100  000  Blutsaugern,
ernährten  den  Krieg  durch  den  Krieg,  und  zuletzt  wurde  nicht  die
Vernichtung  des  feindlichen  Heeres,  sondern  die  Aussaugung
möglichst  weiter  Landstriche  der  Zweck  der  militärischen  Bewegungen.
  Selbsthilfe  der  gequälten  Bevölkerung  war  hoffnungslos,
  weil  Dresfur,  Bewaffnung,  Taktik  den  Soldaten  ein  allzu
großes  Ubergewicht  gaben.  Nur  im  Leiden  zeigte  sich  das  Volk
noch  stark:  für  seinen  evangelischen  Glauben  ließ  es  vielerorten
(besonders  in  Schlesien  vor  General  Dohna  dem  „Seligmacher")
  Haus  und  Hof  im  Stich  und  wanderte  ins  Elend.

II.  Vom  Regierungsantritt  des  Großen  Kurfürsten
bis  zur  Erhebung  Preußens  zum  Königreich,
1640—1701.

Friedrich  Wilhelm  der  Große  Kurfürst  (1640—1688).

5*#  32.  Friedrich  Wilhelm  war  20  Jahre  alt  (geboren
16.  Februar  1620  Tneuen  Stils]  zu  Berlin),  als  er,  der  starke
Sohn  eines  schwachen  Vaters,  die  Regierung  der  hohenzollernschen
        <pb n="50" />
        —  47  —

Staaten  antrat.  Sie  waren  durch  den  langen  Krieg  in  einem
jammervollen  Zustande:  Städte  und  Dörfer  in  der  Mark  lagen
wüst,  auf  viele  Meilen  fand  man  weder  Menschen  noch  Vieh,
weder  Hund  noch  Katze;  Waldung  und  Wild  statt  Acker  und
Menschen.  Was  noch  an  Volk  übrig  war,  fristete  in  Armut  und
Roheit  sein  Leben;  Land  und  Leute  waren  ruiniert  und  verwildert,
  ein  Spielball  fremder  Kriegsknechte.  Damit  verglich  der
junge  Kurfürst  den  blühenden  Zustand  des  hochgebildeten  und
reichen  Hollands,  wo  er  seine  ersten  Jünglingsjahre  verlebt  hatte,
und  er  setzte  sich  eine  ähnliche  Kultur  zum  Ziele  seiner  Regierung.
  Er  bedachte  dann,  wie  schwach  seine  Länder  in  ihrer
äußern  und  innern  Zusammenhanglosigkeit  waren,  und  er
beschloß,  sie  zu  einem  einigen,  ganzen  Staate  zu  verbinden.  Weil
aber  die  Zeit  eisern  war,  und  Macht  vor  Recht  galt,  so  mußte
er  mit  List  und  Gewalt  das  Gute,  das  er  sich  vornahm,  erstreben
und  aufs  Schwert  gestützt  sich  in  und  außer  dem  Lande  zum
Meister  der  Dinge  machen.  Diese  großen  Aufgaben  zu  lösen,
brachte  er  nichts  mit  auf  den  Thron  als  seine  großen  Eigenschaften:
  entschlossene  Tatkraft,  zähe  Ausdauer,  Selbstbeherrschung
und  scharfblickende  Erfindsamkeit.  An  Bildung  des  Geistes  und
Heldenmut  des  Charakters  vielen  überlegen,  übertraf  er  alle  in
der  Kunst,  aus  den  Umständen  allemal  für  sich  den  möglichsten
Vorteil  zu  ziehen.

Zunächst  galt  es  überhaupt  nur  Herr  des  Landes  zu  werden.
Denn  Schwarzenberg  hatte  die  kurfürstlichen  Truppen  dem  Kaiser,
als  dem  Verbündeten  Georg  Wilhelms,  Treue  schwören  lassen.
Der  Kurfürst  duldete  dies  Verhältnis  nicht  und  entließ  die  Regimenter,
  deren  Obersten  nicht  ausschließlich  ihm  den  Eid  leisten
wollten.  Sodann  bildete  er  aus  den  übrigen  ein  stehendes  Heer;
es  sollte  fortan  die  Hauptstütze  des  Staates  sein.  Da  es  aber
vorerst  noch  klein  war,  so  schloß  er  mit  den  Schweden  einen
Waffenstillstand  und  wußte  den  Kaiser  (Ferdinand  III.)  zu  beschwichtigen,
  so  daß  beide  ihn  in  Ruhe  ließen,  bis  er  sein  Heer
auf  8000  Mann  gebracht  hatte.  Parteilos,  aber  bewaffnet,  übte
er  nun  auf  die  Friedensverhändlungen,  die  zwischen  Schweden,
Frankreich  und  den  ihnen  verbündeten  evangelischen  Deutschen
einerseits,  dem  Kaiser  und  den  Katholiken  andrerseits  zu  Osnabrück
  und  Münster  in  Westfalen  begannen,  einen  merklichen
Einfluß.  Er  forderte  standhaft,  daß  die  Schweden  ihm  Pommern
        <pb n="51" />
        —  48  —

herausgeben  sollten,  dessen  letzter  Herzog  Bogislaw  XIV.  1637
gestorben  war;  aber  die  Schweden  ließen,  obwohl  sie  sein  Erbrecht
  anerkannten,  ihre  Beute  nicht  fahren.  Endlich  einigte  man
sich  im  Westfälischen  Frieden  1648  dahin,  daß  der  Kurfürst
Hinterpommern  und  das  Bistum  Kammin  und  statt  des  übrigen
  Pommerns  die  Bistümer  Halberstadt,  Minden  und  das
Erzbistum  Magdeburg  erhielt;  diese  längst  evangelisch  gewordenen
  Stifter  wurden  nunmehr  in  weltliche  Fürstentümer  verwandelt
  (säkularisiert).  Den  reformierten  Reichsständen  erteilte
jener  Friede  gleiche  Rechte  mit  den  lutherischen  und  katholischen,
allen  aber  gab  er  das  Recht,  unter  sich  und  mit  fremden  Mächten
  Bündnisse  zu  schließen  und  Krieg  zu  führen,  außer  gegen
Kaiser  und  Reich.  Die  (1189)  deutschen  Landesherren  waren  seitdem
  vom  Kaiser  fast  ganz  unabhängig,  die  Zerrissenheit  Deutschlands
  besiegelt  und  das  Ausland  übermächtig.  Zumal  die  Franzosen,
  durch  den  Raub  des  Elsaß  nicht  gesättigt,  fügten  der  deutschen
  Nation  immer  neuen  Schimpf  und  Schaden  zu.  Das  Keiserhaus
  Habsburg  aber,  welches  den  Dreißigjährigen  Krieg  verschuldet
  hatte,  benutzte  seine  Stellung  in  Deutschland  fortan
nur  noch  dazu,  auf  Kosten  desselben  die  österreichischen  Staaten
zu  vergrößern.

§  33.  Von  den  i.  J.  1648  gemachten  Landerwerbungen  ist
die  pommersche  die  wichtigste  gewesen.  Pommern  besaß  schon
durch  seine  Lage  zwischen  der  Mark  Brandenburg  und  der  See
(nach  welcher  es  von  den  Slawen  benannt  wurde:  pomore  „am
Meer"“)  für  den  Staat  einen  hohen  Wert,  höhern  aber  noch  durch
die  zähe  Kernkraft  und  ungemeine  militärische  Tüchtigkeit  seiner
Bevölkerung.  Lange  behaupteten  die  alten  Pommern  ihre  Selbständigkeit
  unter  einheimischen  Fürsten,  zuerst  gegen  die  Polen,
die  ihnen  nur  Pommerellen  abringen  konnten,  dann  gegen  die
Brandenburger.  Dem  Christentum  und  Deutschtum  wandten  sie
sich  meist  freiwillig  zu;  doch  herrscht  in  einem  kleinen  Teile
Hinterpommerns,  bei  den  Kassuben,  noch  jetzt  die  alte,  slawische
Sprache.  Im  13.  Jahrhundert  breitete  sich  der  Name  Pommern
westlich  der  Oder  bis  zum  Müritzsee  und  Ryckfluß  aus,  wo  Ljutizen
  und  Obodriten  ebenfalls  germanisiert  waren.  Dies  ganze  Gebiet
  mit  den  Hauptorten  Stettin  und  Demmin  beherrschte  um
1270  Herzog  Barnim  I.  Seine  Söhne  teilten  es  1295  so,  daß
der  ältere  Bogislaw  IV.  Pommern-Wolgast  (das  Land  nördlich
  der  Peene  und  Ihna),  der  jüngere  Otto  I.  Pommern-
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        —  49  —

Stettin  erhielt.  1335  erbten  die  Herzöge  von  Wolgast  nach
dem  Aussterben  der  Fürsten  von  Rügen  diese  Insel  und  das  dazu
gehörige  Festland  (Bart).

Die  flawischen  Rugier,  ein  tapferes  Volk,  waren  einst  arge
Seeräuber;  nur  mit  Hilfe  Heinrichs  des  Löwen,  dem  damals
auch  Mecklenburg  und  Pommern  gehorchten,  gelang  es  1168  den
Dänen,  Rügen  zu  unterwerfen,  wo  sie  den  Tempel  des  Swantewit
  zu  Arkona  verbrannten.  Die  Rugier  wurden  nun  Christen,
ihre  Fürsten  dänische  Vasallen.  1209  gründete  Fürst  Jaromar
von  Rügen  die  Stadt  Stralsund,  welche  rasch  durch  Handel
aufblühte  und  besonders  durch  Beitritt  zum  Hansabund  eine  selbständige
  Stellung  errang.

Nach  dem  Aussterben  der  Herzöge  von  Stettin  1464  und  dem
Erlöschen  einer  Nebenlinie  des  Hauses  Wolgast  vereinigte  1478
Bogislaw  X.  ganz  Pommern  unter  seiner  Herrschaft.  Früh
verwaist,  war  er  in  größter  Vernachlässigung  zu  Rügenwalde  aufgewachsen,
  bis  dort  ein  Bauer,  Hans  Lange  aus  Lanzig,  sich  des
Knaben  annahm.  Herzog  Bogislaw  regierte  mit  Kraft  und
Weisheit,  wie  er  denn  das  grausame  Strandrecht  abschaffte,  nachdem
  er  selbst  auf  einer  Meerfahrt  zum  Heiligen  Lande  in  Not
geraten  war.  Nach  seinem  Tode  1523  wurde  das  Land  wieder
geteilt;  doch  beschloß  ein  allgemeiner  pommerscher  Landtag  zu
Treptow  a.  R.  1534  auf  Antrag  der  Fürsten  Philipps  I.  von  Wolgast
  und  Barnims  Xl.  von  Stettin  für  ganz  Pommern  die  Einführung
  der  Reformation  nach  Luthers  Lehre,  die  dann  besonders
  der  Geistliche  Dr.  Bugenhagen  verbreitete.

1532  wurden  die  Grenzen  zwischen  den  Herzogtümern  Wolgast
und  Stettin  so  bestimmt,  daß  jenes  im  allgemeinen  das  Land
westlich  der  Oder  und  Swine  umfaßte;  doch  gehörten  die  Städte
Stettin  und  Garz  noch  zum  Herzogtum  Stettin.  Als  nach  dem
Tode  des  letzten  pommerschen  Herzogs  Bogislaws  XIV.  und  nach
langem  Streit  zwischen  Brandenburgs  Recht  und  Schwedens
Macht  der  Westfälische  Frieden  auch  hier  einen  Vergleich  schuf,
gewöhnte  man  sich,  das  Land  links  von  der  Oder  und  Swine
mit  Stettin  Vorpommern,  das  Land  rechts  von  der  Oder  und
Swine  Hinterpommern  zu  nennen.

Das  Bistum  Kammin  (zu  welchem  auch  Kolberg,  Köslin,  Naugard
  gehörten)  war  1124  von  Otto  von  Bamberg  ursprünglich
zu  Julin  gestiftet.  1175  nach  Zerstörung  Julins  durch  die  Dänen
wurde  es  nach  Kammin  verlegt.  1536  nahm  es  Luthers  Lehre  an.

Das  Erzstift  Magdeburg  (mit  Halle,  Neuhaldensleben,
Wolmirstedt,  Möckern,  Luckenwalde)  wurde  1561  lutherisch,  indem
Erzbischof  Sigismund,  ein  Sohn  des  Kurfürsten  Jrachime  II.,

Plerson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.
        <pb n="53" />
        —  50  —

mit  Zustimmung  des  Domkapitels  hier  die  Reformation,  der  die
Hauptstadt  längst  anhing,  allgemein  durchführte.  Da  im  Prager
Frieden  1635  die  „Administration“  des  Erzstifts  dem  Herzog
August  von  Sachsen  zugesprochen  war,  so  konnte  der  große  Kur—
fürst  erst  nach  dessen  Tode  1680  unmittelbaren  Besitz  ergreifen.
Die  Stadt  Magdeburg,  die  früher  tatsächlich  wie  eine  freie
Reichsstadt  dagestanden,  suchte  diese  Selbständigkeit  vergebens  zu  behaupten;
  sie  mußte  dem  Kurfürsten  endlich  doch  huldigen  (1666).

Das  Bistum  Halberstadt  (zwischen  Unstrut,  Saale,  Elbe
und  Oker)  war  814  von  Ludwig  dem  Frommen  gestiftet.  1591
trat  es  der  lutherischen  Lehre  bei  und  wurde  dann  von  braunschweigischen
  Prinzen  „administriert",  unter  denen  Herzog  Christian
durch  seine  Taten  im  Dreißigjährigen  Kriege  berühmt  ist.

Das  Bistum  Minden,  von  Karl  d.  Gr.  gestiftet  und  von
der  Weserbiegung  bis  zur  Hunte  gelegen,  nahm  1566  auf  gemeinsamen
  Beschluß  des  Bischofs,  des  Domkapitels  und  der  Stände
die  Reformation  an.

§*#  34.  Der  Staat,  der  die  deutsche  Nation  aus  ihrer  Zerrüttung
  heraus  und  wieder  zu  Ehren  und  Macht  gebracht  hat,
ist  der  preußische  Staat,  und  dessen  eigentlicher  Gründer  ist
der  Große  Kurfürst  gewesen.  Er  bildete  aus  den  zerstreuten
hohenzollernschen  Besitzungen  eine  starke  norddeutsche  Macht
zum  Schutz  für  alle  Evangelischen  gegen  die  Katholiken  und
zum  Schutz  für  alle  Deutschen  gegen  die  Fremden.  Die  Mittel
waren:  ein  starkes  stehendes  Heer,  schwere  Besteuerung
und,  damit  das  Land  die  Last  tragen  könne,  eine  weise  Verwaltung.
  Weil  aber  die  Stände  sein  großes  und  schönes  Ziel
nicht  würdigten,  verletzte  er  notgedrungen  ihre  Vorrechte  und
regierte  unumschränkt.

Durch  unablässige  Werbung  brachte  er  sein  Heer  bis  zum
Jahre  1655  auf  26  000  Mann;  bei  der  Einrichtung  und  Führung
  desselben  halfen  ihm  am  besten  General  Otto  von  Sparr,
der  Schöpfer  des  brandenburgischen  Geschützwesens,  und  der
Feldmarschall  Georg  Derfflinger,  der  Schöpfer  der  brandenburgischen
  Reiterei.  Den  Unterhalt  der  Truppen  gründete  der
Kurfürst  hauptsächlich  auf  die  Accise,  eine  Verbrauchsstener,  die,
auf  alle  Lebensmittel  und  Handelsgegenstände  gelegt,  alle  Untertanen
  gleichmäßig  traf,  daher  von  dem  Volke  ohne  Murren,  aber
von  der  Ritterschaft  nur  mit  großem  Widerstreben  getragen  wurde.
Denn  den  Privilegierten  ging  ihr  Vorrecht  über  das  Wohl  des
        <pb n="54" />
        —  51  —

Ganzen.  Eben  darum  beachtete  der  Kurfürst  ihren  Widerspruch
  nicht.

Dagegen  suchte  er  auf  alle  Weise  die  Wunden,  die  der  Dreißigjährige
  Krieg  dem  Lande  geschlagen,  zu  heilen  und  Wohlstand
und  Bildung  zu  befördern.  Er  berief  in  die  verödeten  Bauernhöfe
  Kolonisten  aus  Friesland,  Holland  und  der  Schweiz,  erleichterte
  es  jungen  Anfängern  im  Handwerk  Meister  zu  werden,
legte  zur  Hebung  des  Handels  Straßen  und  Kanäle  an  (den
Friedrich-Wilhelms-Kanal  bei  Müllrose  zwischen  Oder  und
Spree  1662—1668),  führte  die  Post  ein,  die  nun  (seit  1649)
sein  Reich  von  Memel  bis  Kleve  verband.  Um  die  geistigen
Kräfte  seines  Volkes  zu  wecken  und  zu  pflegen,  stellte  er  die  halbverwüsteten
  Schulen  wieder  her,  gründete  auch  (1655)  eine  reformierte
  Universität  zu  Duisburg  und  in  Berlin  die  jetzt  königliche
  Bibliothek.  Viele  niederländische  Künstler  zog  er  ins  Land,
damit  sie  den  Glanz  seines  Hofes  erhöhten  und  in  den  Märkern
Liebe  zum  Schönen  entzündeten.  Bei  allen  diesen  Bemühungen
für  Ackerbau,  Gewerbe  und  Handel,  Wissenschaft  und  Kunst
half  ihm  als  einsichtiger  Ratgeber  der  Oberpräsident  Otto
von  Schwerin.  Aber  das  Meiste  und  Beste  that  der  Kurfürst
selber;  er  regierte  persönlich,  gleichsam  als  die  Seele  des  Staates,
  und  seine  Arbeitsamkeit  war  unermüdlich.

§  35.  Dabei  beobachtete  er  aufmerksam  rings  die  Welthändel,
  um  für  seinen  Staat  Schaden  zu  vermeiden  und  Vorteil
  zu  gewinnen.  Als  im  Jahre  1654  zwischen  dem  kriegs=  und
eroberungslustigen  Könige  Karl  X.  Gustav  von  Schweden
und  dem  polnischen  Könige  Johann  Kasimir  ein  Krieg  ausbrach,
und  beide  Teile  sich  um  den  Beistand  des  Kurfürsten  bewarben,
wollte  dieser  anfangs  neutral  bleiben,  damit  seine  Hilfe  im  Preise
steige.  Aber  Karl  X.  führte  den  Krieg  gegen  Polen  mit  solchem
Glück,  daß  er  den  Kurfürsten  nötigen  konnte  (im  Königsberger
Vertrage,  Januar  1656)  statt  der  polnischen  die  schwedische
Lehnshoheit  über  Preußen  anzuerkennen.  Bald  erhoben  sich  indes
  die  Polen  wieder,  und  nun  konnte  Brandenburg  den  Ausschlag
  geben.  Der  Kurfürst  schloß  zu  Marienburg  (Juni  1656)
mit  Karl  X.  ein  Bündnis,  wonach  ihm  für  den  Fall,  daß  Polen
erobert  würde,  der  souveräne  Besitz  der  Woiwodschaften  Posen
und  Kalisch  zustand.  Vergebens  drohten  die  Polen  „den  unge-4
        <pb n="55" />
        —  52  —

treuen  Vasallen  mit  Stumpf  und  Stiel  auszurotten“,  der  Kurfürst
  vereinigte  seine  Truppen  (8600  Mann)  mit  denen  des  Schwedenkönigs
  (9000  Mann);  die  beiden  rückten  vor  Warschau  und
besiegten  hier  in  einer  dreitägigen  Schlacht  vom  28.—30.  Juli
1656  n.  St.  40  000  Polen  und  Tataren,  wobei  die  Tapferkeit
der  Brandenburger  und  die  Kriegskunst  ihrer  Führer,  besonders
Sparrs,  den  Ausschlag  gaben.  Nachdem  aber  die  Sieger  triumphierend
  in  Warschau  eingezogen  waren,  hielt  der  Kurfürst  inne,
und  obwohl  ihm  Karl  X.  im  Vertrage  zu  Labiau  (November
1656)  die  volle  Landeshoheit  im  Herzogtum  Preußen  bewilligte,
so  unterstützte  er  jenen  doch  nur  wenig,  weil  nun  auch  der  Kaiser,
Dänemark,  Holland  und  Rußland  gegen  Schweden  auftraten,  und
besonders  weil  er  nicht  wollte,  daß  letzteres  ihm  allzu  mächtig
werde.  Vielmehr  vertrug  er  sich  (September  1657)  zu  Wehlau
mit  Polen  dahin,  daß  Preußen  von  der  polnischen  Lehnshoheit
  befreit  und  für  ein  unabhängiges  (souveränes)  Herzogtum
  erklärt  wurde.  Außerdem  nötigte  er  die  Polen  (im
Bromberger  Vertrage  November  1657)  ihm  die  Herrschaften
Lauenburg  und  Bütow  abzutreten  und  Elbing  und  Draheim
zu  verpfänden.  Dagegen  bekämpfte  er,  nun  mit  Polen,  Osterreich,
  Holland,  Dänemark  im  Bunde,  die  Schweden,  die  fast  ganz
Dänemark  erobert  hatten,  auf  das  nachdrücklichste;  1659  setzten
verbündete  Truppen  auch  nach  Fühnen  über  und  besiegten  hier
die  Schweden  bei  Nyborg.  Nach  dem  plötzlichen  Tode  Karls  X.
ward  zu  Kloster  Oliva  bei  Danzig  am  3.  Mai  1660  ein  Frieden
  abgeschlossen,  in  welchem  niemand  etwas  gewann  außer  dem
Kurfürsten,  dem  alle  Teile  die  Verträge  von  Labiau,  Wehlau,
Bromberg  bestätigten.  So  hatte  er  durch  kluge  Staatskunst  und
mit  dem  Schwerte  seinem  Hause  in  Preußen  die  Souveränität
erworben  und  dadurch  seinen  Staat  dem  Ziele,  Deutschlands
Vormacht  zu  werden,  um  einen  großen  Schritt  näher  gebracht.

§  36.  Sein  hoher  Rang  verstärkte  sein  Selbstbewußtsein.
Er  kümmerte  sich  immer  weniger  um  die  alten  Rechte  der
Stände,  sondern  legte  nun  erst  recht  willkürlich  schwere
Steuern  auf.  Dagegen  empörten  sich  1661  die  preußischen
Stände;  das  Haupt  der  Mißvergnügten  war  der  Königsberger
Schöppenmeister  Hieronymus  Rode,  ein  kühner,  tatkräftiger
Mann.  Städte  und  Adel  verlangten,  der  Kurfürst  solle  ihre
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        —  53  —

Rechtsbriefe  unverletzt  lassen,  und  besonders,  er  solle  nicht  auf
eigne  Faust  Steuern  erheben.  Sie  baten  den  König  von  Polen,
sie  wie  früher  bei  ihren  Freiheiten  zu  schützen,  und  schickten  sich
an,  Gewalt  mit  Gewalt  abzuwehren.  Aber  der  Adel  ließ  die
Städte  im  Stich,  und  Rodes  Wirkeifer  teilten  die  wenigsten;
so  konnte  der  Kurfürst,  als  er  1662  selbst  nach  Königsberg  kam,
sich  Rodes  Person  bemächtigen  (den  er  in  lebenslänglicher  Haft,
zuletzt  in  der  Festung  Peitz,  hielt)  und  die  Königsberger  zur
Unterwerfung  zwingen.  Nachdem  er  dann  den  Ständen  ihre
alten  Privilegien  bestätigt,  empfing  er  (18.  Oktober  1663)  ihre
feierliche  Huldigung.  Trotz  seines  Versprechens  band  er  sich  indes
doch  nicht  an  die  Verfassung  und  regierte  unumschränkt.  Die
Umtriebe,  die  der  preußische  Oberst  von  Kalckstein  deshalb
gegen  ihn  anspann,  erstickte  er  mit  Gewalt,  indem  er  denselben
durch  seinen  Gesandten  in  Warschau  greifen  und  nach  Preußen
schaffen  ließ,  wo  Kalckstein  1672  als  Hochverräter  hingerichtet
wurde.

So  zwang  der  Große  Kurfürst  auch  in  allen  andern  Dingen,
wo  die  Untertanen  zum  Schaden  des  Ganzen  veraltete  Satzungen
geltend  machten,  oder  ihre  Freiheit  zur  Sondersucht  ausartete,
ihnen  seinen  Willen  auf.  Er  verletzte  die  Zunftgesetze,  die
den  Eintritt  in  ein  Gewerk  erschwerten  und  ganze  Klassen  als
„unehrlich“  ausschlossen;  er  nahm  1661  die  Socinianer  in  Preußeen,
  1670  die  Juden  in  die  Mark  auf.  Das  gegenseitige  Verketzern
  der  verschiedenen  christlichen  Bekenntnisse  duldete  er  nicht;
er  befahl  den  Predigern,  sich  jeder  Schmähung  Andersgläubiger
auf  der  Kanzel  zu  enthalten,  und  als  einige  Geistliche,  darunter
der  fromme  Liederdichter  Paul  Gerhardt  in  Berlin,  die  Freiheit
  des  Predigtamtes  in  keiner  Weise  durch  den  Fürsten  beschränken
  lassen  wollten,  setzte  er  sie  ab  (1665).  Daß  er  aber
religiöse  Duldung  nicht  aus  Gleichgiltigkeit,  sondern  um  der  nötigen
  Eintracht  willen  forderte,  bewies  der  Kurfürst,  indem  er
den  ihm  1667  angetragenen  polnischen  Thron  ablehnte,  weil  er
dann  hätte  katholisch  werden  müssen.

§+  37.  Während  Friedrich  Wilhelm  überall  im  Staate  das
morsche  Alte  umhieb  und  seiner  neuen  Pflanzung  Luft  und  Licht
schaffte,  zog  wieder  ein  schweres  Kriegswetter  über  Deutschland
herauf.  König  Ludwig  XIV.  von  Frankreich,  der  mächtigste
        <pb n="57" />
        —  54  —

Fürst  seiner  Zeit,  setzte  sich  die  Unterjochung  aller  Nachbarstaaten
zum  Ziele,  und  da  diese  klein  oder  in  schlechter  Verfassung  waren,
  so  drohte  allen  Beraubung  und  Knechtschaft.  Da  warf  sich
ihm  der  Große  Kurfürst  entgegen.  Als  1672  Ludwigs  Heere
Holland  eroberten,  und  die  andern  Fürsten  still  saßen,  sprach
Friedrich  Wilhelm  rasch  entschlossen:  „Wenn  des  Nachbars
Haus  brennt,  gilt's  dem  eigenen  und  was  neutral  zu  sein
ist,  habe  ich  schon  vor  diesem  erfahren;  man  wird  dabei  allemal
übel  traktiertet.  Ich  habe  auch  verschworen,  mein  lebelang
  nicht  neutral  zu  sein,  und  würde  mein  Gewissen  damit
beschweren.“  Mit  17.000  Mann  eilte  er  an  den  Rhein,  und
die  Franzosen  mußten  Holland  fahren  lassen.  Jetzt  kamen  auch
die  österreichischen  Truppen  herbei,  hemmten  aber  (nach  dem  verräterischen
  Befehl  des  Kaisers  Leopold)  die  Tätigkeit  des  Kurfürsten,
  weshalb  dieser,  zumal  auch  die  Holländer  ihm  die  versprochenen
  Hilfsgelder  nicht  zahlten,  mit  Frankreich  Frieden  schloß
(zu  Vossem  1673).  Die  furchtbare  Verwüstung  der  Pfalz  durch
die  Franzosen  brachte  indes  den  Kurfürsten  abermals  gegen
Ludwig  XIV.  ins  Feld.  Nachdem  er  sich  mit  dem  Keiser,
Spanien  und  Holland  verbündet,  erschien  er  1674  wieder  mit
seinem  Heere  am  Rhein.  Um  sich  seiner  zu  entledigen,  hetzte
ihm  nun  Ludwig  die  Schweden  ins  Land;  im  Dezember  1674
fielen  sie  aus  Vorpommern  in  die  Mark  ein  und  verheerten  dieselbe
  furchtbar.  Zusammenrottung  der  Bauern  gegen  sie  („Wir
sind  Bauern  von  geringem  Gut  Und  dienen  unserm  Kurfürsten
mit  unserm  Blut“)  nützte  wenig;  der  Kurfürst  selber  mußte  helfen.
Anfang  Juni  1675  eilte  er  plötzlich  aus  seinen  Quartieren  in
Franken  herbei.  Mit  5600  Reitern  und  1200  erlesenen  Fußsoldaten,
  die  auf  Wagen  fortgeschafft  worden,  stand  er  in  der  Nacht
zum  25.  Juni  (15.  Juni  a.  St.)  unerwartet  vor  Rathenow,
überfiel  die  schwedische  Besatzung  der  Stadt,  durchbrach  mit  diesem
  glücklichen  Handstreich  die  schwedische  Armee  an  der  Havel,
ereilte  am  28.  Juni  (18.  Juni  a.  St.)  bei  Fehrbellin  am  Rhin
die  feindliche  Hauptmacht  (11  000  Mann  unter  General  Wrangel)
  und  schlug  sie  in  einer  heißen  Schlacht  völlig.  Des  Landgrafen
  Friedrich  von  Hessen-OHomburg  „mit  dem  silbernen  Bein“
Ungestüm  und  Derfflingers  Umsicht  waren  hervorstechende  Verdienste,
  der  Heldenmut  vom  Kurfürsten  bis  zum  letzten  Fußknecht
allgemein.  (Sage  von  Froben.)
        <pb n="58" />
        —  55  —

Nachdem  er  so  sein  Land  errettet,  brach  der  Kurfürst  in  Vorpommern
  ein,  eroberte  hier  eine  Feste  nach  der  andern,  1677
auch  Stettin,  1678  Stralsund,  jagte  dann,  als  die  Schweden
  von  Livland  her  in  Preußen  einfielen,  mitten  im  Winter
ihnen  auch  dort  nach,  zum  Teil  über  das  gefrorene  Frische
Haff  (25.  Januar  1679)  und  über  das  Kurische  (29.  Januar);
nur  wenige  entrannen  ihm.  Aber  aus  Neid  und  Selbstsucht
ließen  ihn  der  Kaiser  und  die  deutschen  Fürsten  im  Stich,
schlossen  mit  Frankreich  einen  Frieden  (zu  Nimwegen  1678),  nach
welchem  Schweden  die  verlorenen  Länder  wiedererhalten  sollte,
und  da  Friedrich  Wilhelm  allein  es  mit  der  Ubermacht  Ludwigs
  XIV.  nicht  aufnehmen  konnte,  so  mußte  er  im  Vertrage
zu  St.  Germain  en  Laye  (1679)  den  Schweden  Vorpommern
wieder  zurückgeben.  So  bestand  der  Gewinn  dieses  siegreichen
Feldzuges  nur  in  der  Ehre;  aber  Brandenburgs  Ruhm  erhöhte
nicht  wenig  dessen  Einfluß  und  Geltung  in  der  Welt.  Selbst
der  Zar  der  Moskowiter  und  der  Chan  der  Tataren  bewarben
sich  um  des  Großen  Kurfürsten  Freundschaft.

§  38  Die  Treulosigkeit  und  Undankbarkeit  seiner  Verbündeten,
  besonders  des  Kaisers  Leopold,  der  auch  beim  Aussterben
der  Herzöge  von  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau  1675  deren  Länder,
  ohne  Rücksicht  auf  die  brandenburgischen  Erbansprüche,  einzog,
  erbitterten  den  Kurfürsten  so,  daß  er  1682  mit  Frankreich
einen  Freundschaftsvertrag  einging.  Doch  dauerte  dieser  Bund
nicht  lange.  Um  Deutschlands  und  der  Protestanten  willen  trat
Friedrich  Wilhelm  bald  davon  zurück,  weil  Ludwig  fortfuhr,
beide  zu  kränken.  1685  hob  derselbe  das  Edikt  von  Nantes
auf,  welches  die  französischen  Reformierten  (Hugenotten)  bisher
  geschützt  hatte,  und  verfolgte  alle,  die  nicht  katholisch  werden
wollten,  verbot  ihnen  sogar  die  Auswanderung.  Da  erließ
Friedrich  Wilhelm  eine  öffentliche  Bekanntmachung  (November
1685),  worin  er  die  französischen  Protestanten  einlud,  sich  vor
ihrem  Verfolger  in  sein  Land  zu  retten,  und  ihnen  Schutz  und
Unterstützung  jeder  Art  verhieß.  Es  kamen  ihrer  20  000,  fleißige,
  geschickte  und  gebildete  Leute,  die  sich  in  den  brandenburgischen
  Staaten  und  besonders  in  der  „Französischen  Kolonie“
zu  Berlin  ansiedelten.

Um  auf  die  Dauer  Europas  religiöse  und  politische  Freiheit
        <pb n="59" />
        —  56  —

vor  Frankreichs  Übermacht  zu  schützen,  schloß  der  Große  Kurfürst
mit  seinem  Neffen,  dem  Statthalter  von  Holland,  Prinzen
Wilhelm  von  Oranien,  einen  Bundesvertrag,  in  welchem  er
ihm  zur  Vertreibung  des  katholischen  Königs  Jakob  II.  Stuart
von  England  brandenburgische  Hilfstruppen  versprach.  So  unterstützt,
  konnte  Wilhelm  1688  sich  auf  den  englischen  Thron
schwingen,  was  sein  Oheim  freilich  nicht  mehr  erlebte.

Mit  dem  Kaiser  schloß  der  Kurfürst  1686  zur  Sicherung
Deutschlands,  von  welchem  Ludwig  XIV.  die  Pfalz  abzureißen
trachtete,  einen  Allianzvertrag,  entsagte  auch  gegen  Abtretung  des
Kreises  Schwiebus  seinen  Ansprüchen  auf  die  schlesischen  Herzogtümer
  und  schickte  ihm  7000  Mann  Hilfstruppen  nach  Ungarn.
Dort  kämpften  diese  unter  General  v.  Schöning  mit  großem
Ruhm  gegen  die  Türken,  von  denen  die  Brandenburger  wegen
ihrer  Tapferkeit  Feuermänner  genannt  wurden.  Der  Wiener
Hof  aber  bewies  dem  Hause  Hohenzollern  immer  wieder  schnöde
Undankbarkeit.  Friedrich  Wilhelms  Jugendgemahlin,  die  fromme
Luise  Henriette  von  Oranien  (Tochter  des  holländischen  Erbstatthalters
  Prinzen  Friedrich  Heinrich  von  Oranien),  im  Andenken
geblieben  auch  durch  das  von  ihr  gestiftete  (Oranienburger)
Waisenhaus,  war  ihm  nach  einundzwanzigjähriger,  glücklicher  Ehe
1667  gestorben,  und  er  hatte  dann  eine  holsteinische  Prinzessin
Dorothea  geheiratet.  Als  er  nun  1686  in  einem  Testament  seinen
  Söhnen  zweiter  Ehe  einige  Landesteile  zu  erblichem  Besitz
(wenn  auch  im  Grunde  nur  als  Statthalterschaften)  bestimmte  und
dies  vom  Kaiser  bestätigen  ließ,  wußte  letzterer  den  Unwillen  des
Kurprinzen  über  das  Testament  zu  benutzen  und  veranlaßte  denselben
  zu  einer  heimlichen  Verzichtleistung  auf  Schwiebus.  Dagegen
  versprach  er  ihm,  jene  nachteilige  Verfügung  später  nicht
aufrecht  zu  halten.

In  der  inneren  Verwaltung  des  Staates  schritt  der
Kurfürst  immer  auf  demselben  Wege  weiser  Staatskunst  fort.
Zum  Unterhalt  des  kostspieligen  Heeres,  des  prächtigen  Hofhalts
und  der  zahlreichen  Beamtenschaft  mußte  das  Land  regelmäßig
und  stark  besteuert  werden.  Aber  der  Kurfürst  war  auch  unermüdlich,
  dem  Nährstand  immer  neue  Erwerbszweige  (z.  B.  Tabaksspinnerei
  und  selbst  Tabaksbau)  zu  stiften  und  die  alten  zu  pflegen.
  Er  trieb  überall  zu  Fleiß  und  Ordnung;  er  befahl  z.  B.,
kein  Bauer  dürfe  heiraten,  der  nicht  wenigstens  6  Obstbäume
        <pb n="60" />
        —  57  —

veredelt  und  6  Eichen  gepflanzt.  Er  brachte  mit  Hilfe  der  ein—
gewanderten  Franzosen  die  Gewerbe,  mit  Hilfe  der  Holländer
(Raule)  den  Seehandel  empor.  Sein  Staat  sollte  auch  eine
Seemacht  werden;  daher  gründete  er  eine  kleine  Kriegsflotte,
mit  der  er  1681  gegen  Spanien,  das  ihm  rückständige  Hilfsgelder
vorenthielt,  einen  Seekrieg  unternahm  (Gefecht  am  Kap  St.  Vincent).
  Auf  der  Goldküste  in  Guinea  und  auf  Arguin  in  Senegambien
  ließ  er  eine  brandenburgische  Niederlassung  anlegen
(1683  Großfriedrichsburg);  er  empfing  dorther  huldigende
Negerhäuptlinge.  An  der  Nordsee  faßte  er  1682  durch  Besetzung
von  Emden  Fuß,  wohin  ihn  die  ostfriesischen  Stände  gegen  ihre
Fürstin  zu  Hilfe  gerufen.

Nach  48jähriger,  unausgesetzter  Arbeit  für  das  innere  und
äußere  Gedeihen  des  Staates  starb  der  Große  Kurfürst  am  9.  Mai
1688  (an  der  Wassersucht).  Er  hat  die  hohenzollerischen  Staaten,
  die  er  verwüstet  und  ohnmächtig  überkam,  zu  einem  einigen,
aufblühenden,  starken  Staate  gemacht  und  demselben  den  Schutz
Deutschlands  und  des  Protestantismus  als  Aufgabe  gesetzt;  er
hat  des  Landes  Umfang  und  Bevölkerung  fast  um  die  Hälfte
lauf  2015  Quadratmeilen  und  1⅛  Millionen  Einwohner),  die
Einkünfte  um  das  Vierfache  (auf  2½  Million  Taler)  vermehrt,
ein  berühmtes  Heer  errichtet  (28  000  Mann)  und  eine  durch
Absolutismus  und  Souveränität  starke  Monarchie  geschaffen.
Dafür  heißt  er  mit  Recht  der  Große.

Der  Dreißigjährige  Krieg,  in  welchem  Deutschland  etwa  zwei
Drittel  seiner  Bevölkerung  und  den  größten  Teil  seines  leiblichen
und  geistigen  Wohlstandes  verlor  und  hinter  die  andern  Kulturvölker
zurückkam,  hatte  am  schwersten  die  untern  Stände  getroffen.  Der
Bauer,  in  der  Mark  einst  frei,  kam  nun  meist  in  die  Knechtschaft
des  Adels,  der  jetzt  durch  „Bauernlegung“  die  Einbußen  ersetzte,
welche  die  Reformation  ihm  durch  Beseitigung  vieler  Pfründen
zugefügt.  Der  „Junker"  kaufte  die  verarmten  Bauern  aus,  riß
wüste  Höfe  an  sich,  siedelte  arme  Leute  als  Leibeigene  an  und  übte
fast  überall  durch  Setzschulzen  oder  persönlich  im  Dorfe  die  Polizei
  und  das  Untergericht  aus  (Patrimonial-Gerichtsbarkeit).  Mehr
als  je  wälzte  er  die  Hauptlast  der  Staatsabgaben  auf  den  Bauer.
        <pb n="61" />
        Auch  in  den  Städten  schoben  die  großen  und  privilegierten
Besitzer  (besonders  der  Rat)  die  meisten  Lasten  dem  ärmeren
Bürger  zu,  den  sie  doch  an  die  mittelalterlichen  Zunftschranken
gefesselt  hielten.

Die  ständischen  Rechte  bestanden  also  größtenteils  in  der  Ausbeutung
  der  Masse  des  Volks  durch  wenige  Privilegierte.  Die
ständischen  Pflichten  aber,  zumal  zur  Landesverteidigung,  hatten
sich  als  ganz  ungenügend  erwiesen.  Darum  war  die  Aufrichtung
des  Absolutismus  nötig  und  heilsam,  um  alle  Untertanen  in
gleichmäßiger  und  gerechter  Verteilung  der  Lasten  dem  Ganzen
dienstbar  zu  machen.  Er  war  es  auch,  um  die  zerstörte  Kultur
wieder  herzustellen.  Der  Monarch  mußte  das  Volk  erst  wieder
zu  Ordnung,  Zucht  und  Fleiß  erziehen;  nur  mit  Gewalt  konnte
der  Große  Kurfürst,  selbst  in  Berlin,  die  nötigsten  gemeinnützigen
Anstalten  ins  Leben  führen  (Straßenpflaster,  Feuerlösch-,  Reinigungs-,
  Laternen-Ordnung  und  dergl.).

Gewerbe  und  Handel  waren  so  herabgekommen,  daß  sie  von
selbst  nicht  wieder  aufblühen  und  mit  der  ausländischen  Industrie
wetteifern  konnten;  daher  mußte  der  Staat  für  die  Einzelnen
eintreten,  der  Fürst  bevormundend  die  Tätigkeit  des  Volkes  leiten.
  Des  Großen  Kurfürsten  von  Frankreich  (Colbert)  entlehntes
Merkantilsystem  brachte  durch  Errichtung  privilegierter  Fabriken,
  Einführung  fremder  Industriezweige,  Schutz-Zolltarife,
Ein=  und  Ausfuhrverbote  und  Herstellung  wirksamer  Verkehrsanstalten
  (Post,  Land=  und  Wasserstraßen)  den  Gewerbfleiß  und
Handel  wieder  in  Schwung  und  Geld  in  die  Staatskassen.

Da  das  westliche  Europa  in  der  Kultur  weit  voranstand,  so
hatte  die  Einwanderung  von  dort  für  den  Staat  die  günstigsten
Folgen.  Besonders  die  französischen  Reformierten  gaben  den  Eingeborenen
  ein  gutes  Beispiel  rühriger  und  geschickter  Industrie;
sie  führten  auch  den  Grundsatz  der  Arbeitsteilung  ein.  Ein
Piemontese  (Philipp  von  Chieze)  baute  den  Friedrich-Wilhelms-Kanal;
  ein  Holländer  (Benjamin  Raule)h  schaffte  die  Flotte  herbei
  und  leitete  Marine=  und  Koloniewesen.  Auch  in  der  Kunst
herrschte  der  holländische  Geschmack.

Das  durch  den  Dreißigjährigen  Krieg  gebrochene  deutsche  Nationalgefühl
  erhielt  bei  Fehrbellin  die  erste  Genugtuung;  aber  durch
die  undeutsche  Politik  des  Kaisers  und  der  andern  auf  Brandenburg
  eifersüchtigen  deutschen  Fürsten  (im  Frieden  zu  Nimwegen)
wieder  zu  Boden  geworfen,  verkümmerte  es  völlig.  So  duldete
das  zwiespältige  Reich  die  „Reunionen“  Ludwigs  XIV.,  sogar  den
Raub  Straßburgs  (1681).  Die  Ausländerei,  besonders  das
Franzosentum,  beherrschte  auch  die  Mode  und  verdarb  die  Sprache
        <pb n="62" />
        (Kauderwelsch).  Dagegen  stemmten  sich  die  Schlesische  Dichterschule
  (Martin  Opitz,  geboren  1597,  gestorben  1639,  Andreas
Gryphius  1616—1664,  Friedrich  von  Logau  1604—1655)
und  die  Königsberger  (Simon  Dach),.  Wertvolle  Erzeugnisse
der  deutschen  Litteratur  jener  Zeit  waren  nur  das  evangelische
Kirchenlied  (Paul  Gerhardt)  und  die  philosophischen  Werke  des
Mystikers  Jakob  Böhme  in  Görlitz  (1575—1624).

Bei  dem  Verfall  des  deutschen  Lebens  war  die  Gründung  des
brandenburgisch-preußischen  Staates  die  Rettung  der  deutschen
Nation.

Kurfürst  Friedrich  III.  (später  König  Friedrich  I.)
1688—1713.

§  39.  Von  den  drei  Söhnen  Friedrich  Wilhelms  aus  der
Ehe  mit  Luise  von  Oranien  überlebte  ihn  nur  der  mittlere,
Friedrich  (geb.  1657  zu  Königsberg).  Dieser  Prinz  hatte  einen
schwächlichen,  etwas  verwachsenen  Körper  und  stand  auch  an
Geistesgaben  seinem  großen  Vater  nach;  er  liebte  den  Glanz  und
Prunk,  und  seine  Gutmütigkeit  war  leicht  zu  mißbrauchen.  Doch
war  er  auch  ein  thätiger  Freund  der  Künste  und  Wissenschaften,
und  sein  Ehrgeiz  hat  den  Staat  erhöhen  helfen.

In  den  ersten  Jahren  seiner  Regierung  gab  er  sich  der
Leitung  seines  Jugendlehrers,  des  edlen  und  klugen  Eberhard
von  Danckelman,  hin,  der  nun  als  Oberpräsident  den  Staat
geschickt  und  redlich  verwaltete.  Aber  Danckelmans  schroffes
Wesen  und  die  Vorwürfe,  die  er  dem  Kurfürsten  über  dessen
verschwenderische  Hofhaltung  machte,  verletzten  diesen  so,  daß  er
ihn  auf  unbegründete  Beschuldigungen  hin  1697  absetzen  und
ins  Gefängnis  werfen  ließ.  Sein  Günstling  ward  nun  der  unwürdige
  Kolbe  v.  Wartenberg,  ein  Höfling,  der  sich  und
seine  Anhänger  auf  Kosten  des  Staates  bereicherte  und  die  Geschäfte
  vernachlässigte.

Als  Friedrich  III.  den  Thron  bestieg  (zu  dessen  Vorteil  er
unter  Entschädigung  seiner  Stiefbrüder  das  Testament  seines
Vaters  unvollzogen  ließ),  wurden  Deutschland  und  die  protestantische
  Religion  von  Ludwig  XIV.  schwer  bedroht.  Die  Franzosen
  verwüsteten  die  Pfalz  und  bekämpften  Wilhelm  von
Oranien  (nun  König  von  England)  durch  einen  Einfall  in
Holland.  Der  Kurfürst,  deutschgesinnt  und  mutvoll,  stellte  sich
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        —  60  —

wie  sein  Vater  wieder  zuerst  vor  den  Riß,  führte  1689  sein
Heer  nach  dem  Niederrhein,  erstürmte  Bonn  und  blieb  auch
in  der  Folge  während  des  ganzen  Krieges,  den  Deutschland,
Holland,  England,  Spanien  gegen  die  raubsüchtigen  Franzosen
  führten,  deren  eifrigster  Feind.  Auch  gegen  die  Türken
schickte  er  dem  Kaiser  Hilfstruppen,  die  zu  den  Siegen  bei
Salankemen  (1691)  und  Zenta  (1697)  das  meiste  beitrugen.
Aber  die  Uneinigkeit  seiner  Verbündeten  und  die  Selbstsucht  des
Kaisers  machten  Friedrichs  patriotische  Hingebung  fruchtlos;  im
Frieden  zu  Ryswick  (1697)  behielt  Ludwig  das  Elsaß.

§  40.  Dennoch  fuhr  Friedrich  III.  fort,  dem  österreichischen
Hause  die  wichtigsten  Dienste  zu  leisten;  er  sagte  dem  Kaiser  auch
für  den  drohenden  Spanischen  Erbfolgekrieg  ein  Hilfsheer  von  8000
Mann  zu.  Dagegen  versprach  ihm  dieser  (im  Wiener  Krontraktat
  1700),  ihn  als  König  in  Preußen  anzuerkennen,  falls  er
sich  dazu  kröne.  Denn  das  war  des  Kurfürsten  glühendster  Wunsch,
seit  der  Prinz  von  Oranien  (1688)  die  englische,  der  Kurfürst
von  Sachsen  (1697)  die  polnische  Krone  erhalten  hatte.  Er
wollte  keinem  an  Würde  und  Ehre  nachstehen.  Da  er  nun  im
Herzogtum  Preußen  souverän,  in  den  andern  Provinzen  aber
(wenigstens  formell)  von  Kaiser  und  Reich  abhängig  war,  so
knüpfte  er  die  neue  Würde  an  jenes  Land.  Nachdem  er  sich
am  15.  Januar  1701  in  Königsberg  hatte  zum  „König  in
Preußen“  ausrufen  lassen  und  am  17.  zum  Andenken  daran
den  Ritterorden  des  schwarzen  Adlers  gestiftet  (mit  dem  Wahlspruch
  Zuum  cuique,  Jedem  das  Seine),  geschah  am  18.  mit
unerhörter  Pracht  die  Krönung;  zum  Zeichen,  daß  er  keinem
auf  Erden  die  königliche  Würde  danke,  sondern  sie  sich  selbst  gegeben,
  setzte  er  selbst  sich  und  seiner  Gemahlin  (Sophie  Charlotte)
  die  Krone  auf.  Alle  hohenzollerischen  Untertanen  erhielten
damit  den  gemeinsamen  Preußennamen,  dieselbe  schwarzweiße
  Fahne  und  fühlten  sich  um  so  leichter  als  eigne  und
einige  Nation;  der  junge  hohenzollerische  Staat  aber  strebte,
seit  er  den  anspornenden  Titel  Königreich  trug,  um  desto  eifriger
zur  Größe.

5J  41.  Die  Erhebung  Preußens  zum  Königreich  war
eine  große  Tat;  denn  sie  fügte  zur  inneren  Einheit  des
Staates  die  äußerliche  (in  Namen  und  Abzeichen);  und  indem
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        —  61  —

dadurch  allen  Untertanen  die  gleiche  Staatsangehörigkeit  zum
Bewußtsein  kam,  bildete  sich  in  ihnen  desto  schärfer  eine  eigene
Nationalität,  die  preußische,  aus.  Auch  wurde  mit  dem  Königreich
  jetzt  leichter  der  ganze  Staat  souverän,  und  die  Unterordnung
der  deutschen  Lande  Hohenzollerns  unter  das  Kaiserhaus  Habsburg
  hörte  tatsächlich  auf.

Eine  glorreiche  Feuertaufe  erhielt  die  schwarzweiße  Königsfahne
  im  Spanischen  Erbfolgekriege;  jene  Siege  trugen  viel  dazu
bei,  daß  die  Staatsangehörigen  die  neue  Nationalität  mit  Stolz
empfanden.

Für  Herrscher  und  Volk  war  zugleich  ein  neuer  und  scharfer
Sporn  zum  Fortschritt  gegeben;  sollte  Preußen  mit  Ehren  ein
Königreich  sein,  so  mußte  es  an  Macht  und  Tüchtigkeit  wachsen.

Zu  derselben  Zeit  erhielt  es  durch  den  Abfall  der  kursächsischen
Wettiner  vom  evangelischen  Glauben  (1697)  mehr  als  je  den
Beruf,  als  Haupt  und  Hort  der  Protestanten  in  Deutschland
  aufzutreten.  Friedrich  I.  war  dieser  Aufgabe  wert;  er  nahm,
wie  sein  Vater,  verfolgte  Glaubensgenossen  (besonders  Franzosen
und  Pfälzer)  bei  sich  auf  und  zeigte  auch  den  freisinnigsten
Gelehrten  (Pufendorf,  Thomasius)  eine  großherzige  Liberalität.


IV.  Von  der  Erhebung  Preußens  zum  Königreich
bis  zur  Thronbesteigung  Friedrichs  des  Großen,
1701—1740.

Friedrich  I.  (als  König)  1701—1713.

#*—  42.  Nachdem  der  Kaiser,  das  vornehmste  Haupt  der
christlichen  Welt,  die  preußische  Königswürde  anerkannt,  thaten
es  ohne  Zögern  auch  die  meisten  andern  Fürsten;  nur  der  Papst
protestierte  heftig  und  verstummte  erst,  als  preußische  Truppen
(1705)  gegen  den  Kirchenstaat  zogen.  Denn  in  Jtalien,  wie  in
Deutschland  und  Belgien,  ließ  König  Friedrich  I.  während  des
ganzen  Spanischen  Erbfolgekriegs  (1701—1713)  sein  Heer
        <pb n="65" />
        —  62  —

für  die  österreichischen  Habsburger  gegen  das  Haus  Bourbon
kämpfen,  welches  sich  beim  Erlöschen  der  spanischen  Habsburger
in  den  Besitz  der  Erbschaft  gesetzt  hatte.  Auch  die  Seemächte,
England  und  Holland,  halfen  dem  Kaiser  gegen  Ludwig  XIV.,
und  die  Franzosen  erlitten  durch  den  englischen  General  Marl—
borough  und  den  kaiserlichen  Feldherrn  Prinzen  Eugen  von  Savoyen
  viele  schwere  Niederlagen.  In  allen  Hauptschlachten  aber
fochten  die  Preußen,  zumeist  unter  dem  jungen  Kriegshelden
Fürsten  Leopold  von  Anhalt-Dessau  (geb.  1676),  mit  hohem
Ruhme;  ihnen  größtenteils  verdankte  man  den  Sieg  bei  Höchstädt
  und  Blenheim  (1704)  über  Franzosen  und  Bayern  und  die
ebenso  glänzenden  Siege  über  die  Franzosen  bei  Ramillies  und
bei  Turin  (1706),  bei  Oudenarde  (1708),  bei  Malplaquet
(1709).  Die  Uneinigkeit  der  Verbündeten  rettete  jedoch  Frankreich
  abermals.  Der  Friede  zu  Utrecht  1713  (nach  Friedrichs  I.
Tode)  verschaffte  dem  Kaiser  nur  einen  Teil  des  spanischen  Erbes
  (Belgien,  Neapel  und  andere  italienische  Länder),  dem  Königreich
  Preußen  aber  die  allgemeine  Anerkennung  seiner  Würde
und  den  Besitz  von  Ober-Geldern  (an  der  Maas).

Friedrich  selbst  erwarb  1695  vom  Kaiser  (nachdem  er  ihm
Schwiebus  abgetreten)  die  Anwartschaft  auf  das  Fürstentum
Ostfriesland,  1698  von  Kursachsen  durch  Kauf  Quedlinburg
und  Nordhausen,  1703  von  Polen  als  verfallenes  Pfand  das
elbingische  Landgebiet,  aus  der  oranischen  Erbschaft  (ihm
zustehend  als  nächstem  männlichen  Verwandten  Wilhelms  III.
von  Oranien)  1702  Lingen  und  Mörs  und  1707  Neuschatel
und  Valengin,  durch  Kauf  1707  die  Grafschaft  Tecklenburg.

§  43.  Die  langen  Kriege  vermehrten  zwar  den  Ruhm,
aber  auch  die  Last  der  Nation;  denn  das  stehende  Heer  betrug
mindestens  30  000  Mann,  oft  mehr,  und  daneben  ward  noch
eine  Art  Landwehr  (Miliz)  eingerichtet;  auch  der  glänzende  Hofstaat
  kostete  dem  Lande  schwere  Opfer;  dazu  kam  eine  Pest
(1709—1711),  die  in  Ostpreußen  mehr  als  200  000  Menschen,
ein  Drittel  der  Bevölkerung,  hinraffte.  Um  so  weniger  waren
die  großartigen  Prachtfeste  zu  billigen,  in  denen  Friedrich  es  dem
Versailler  Hofe  Ludwigs  XIV.  gleich  zu  tun  suchte.  Verdienstvoll
  waren  seine  Bemühungen  für  Kunst  und  Wissenschaft.
Er  gründete  1692  die  lutherische  Universität  Halle,  die  an  dem
        <pb n="66" />
        —  63  —

gelehrten  Professor  Thomasius  und  dem  frommen  Prediger
Francke  die  ausgezeichnetsten  Pfleger  erhielt.

August  Hermann  Francke  (1663  zu  Lübeck  geboren,  gestorben
  1727  zu  Halle)  ist  weltberühmt  durch  seine  Stiftungen
des  Gottvertrauens  und  der  Menschenliebe;  ohne  Geld,  nur  durch
Almosensammeln  gründete  er  in  Halle  eine  Armenschule,  aus
dieser  ein  Pädagogium  und  Waisenhaus  (1698),  dazu  ein
Lehrerseminar,  eine  Töchterschule,  ein  Krankenhaus,  ein  Witwenhospital;
  alles  zum  Zweck  des  geistigen  und  leiblichen  Wohls
armer  Christen.  Der  ihm  am  meisten  gab,  war  der  edle  Freiherr
  von  Canstein,  welcher  auch  zur  Verbreitung  der  Bibel
unter  den  Armen  die  „Cansteinsche  Bibelanstalt  des  halleschen
Waisenhauses“  gründete.

Weniger  Fortgang  hatte  anfangs  die  Societät  (Akademie)
der  Wissenschaften,  die  Friedrich  nach  dem  Plane  des  Philosophen
  Leibniz  (1700)  in  Berlin  errichtete.  Auch  für  die
Künste  ward  (1699)  eine  Akademie  in  Berlin  gestiftet;  sie  blühten
  besonders  durch  die  berühmten  Meister  Schlüter  (Schöpfer
der  Reiterstatue  des  Großen  Kurfürsten  und  zum  Teil  des  Königlichen
  Schlosses  in  Berlin)  und  Eosander  von  Göthe.

Dicht=  und  Tonkunst  und  Weltweisheit  wurden  am  meisten
von  Friedrichs  zweiter  Gemahlin,  Sophie  Charlotte,  gepflegt.
Diese  geistvolle  und  feingebildete  Fürstin  (geboren  1668  als
hannöversche  Prinzessin,  gestorben  1705)  sammelte  in  ihrem
Schloß  zu  Lützow  (Charlottenburg)  Denker  und  Künstler  um
sich  und  regte  durch  ihr  Beispiel  die  höheren  Kreise  zu  feiner
Sitte  und  wissenschaftlichen  Neigungen  an.

Friedrich  Wilhelm  I.  (1713—1740).

*s  44.  Friedrichs  I.  und  Sophie  Charlottens  Sohn  Friedrich
  Wilhelm  (am  15.  August  1688  in  Berlin  geboren)  hatte
weder  des  Vaters  Neigung  zu  Pracht  und  Förmlichkeit,  noch
der  Mutter  Sinn  für  Kunst  und  höhere  Wissenschaft;  er  achtete
nur  das  handgreiflich  Nützliche  und  beurteilte  es  nach  seinem
gesunden  Menschenverstand.  Von  Sitten  rauh  und  derb,  von
Charakter  gerad  und  stark,  setzte  er  rücksichtslos  seinen  Willen
durch,  und  da  er  ein  heftiges  Temperament  hatte,  so  schaltete  er
als  ein  Despot,  aber  zum  Vorteil  des  Staates.
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        —  64  —

Als  er  König  geworden,  schaffte  er  sofort  die  ganze  Pracht
des  Hofhalts  ab  und  richtete  ihn  einfach  bürgerlich  ein.  Sparsamkeit
  war  die  Losung.  Wenn  der  kleine  preußische  Staat
etwas  bedeuten  sollte,  so  mußte  er  viel  Soldaten  und  Geld
haben.  Darum  trieb  der  König  das  Volk  zum  Arbeiten  und
Sparen,  wie  er  selbst  tat.  „Räsonnier  Er  nicht!“  fuhr  er
den  an,  der  nicht  unbedingt  gehorchte,  oder  er  prügelte  gar
drauf  los.

Mit  Leib  und  Seele  war  er  Soldat;  rastlos  verbesserte  und
vermehrte  er  seine  Truppen;  er  hat  das  Heer  bis  auf  83000
Mann  gebracht.  Sein  Feldmarschall,  der  „Alte  Dessauer“,
half  ihm  durch  Erfindung  des  eisernen  Ladestocks  und  des  Gleichschritts,
  sowie  durch  unausgesetztes  Exerzieren  und  sehr  harte
Zucht,  es  zu  dem  bestgeschulten  in  der  Welt  zu  machen.  Unter
seinen  „Blauen  Kindern“  liebte  Friedrich  Wilhelm  am  meisten
die  „Langen  Kerle“  und  schaffte  solche  durch  unmäßige  Geldsummen
  oder  auch  mit  Gewalt  herbei.

Da  sich  nicht  genug  Leute  zum  harten  Soldatenstande  anwerben
  ließen,  führte  der  König  1733  das  Kantonsystem  ein;
danach  erhielt  jedes  Regiment  einen  Bezirk  (Kanton)  im  Lande
zugewiesen,  wo  es  nach  Bedarf  die  junge  Mannschaft  ausheben
durfte.  Doch  waren  die  höheren  Stände  und  die  Reichen  ausgenommen,
  ebenso  die  einzigen  Söhne  oder  die  ihres  Vaters
Wirtschaft  übernehmen  wollten.

§  45.  Friedrich  Wilhelm  war  ein  vortrefflicher  Haushalter
und  brachte  die  ganze  Verwaltung  in  die  genaueste  Ordnung.
Durch  Wind  und  Wetter  fuhr  er  im  Lande  umher,  sah  überall
seinen  Beamten  scharf  auf  die  Finger,  und  damit  die  Geschäfte
in  einen  und  denselben  regelmäßigen  Zug  kämen,  setzte  er  (1723)
über  alle  Kriegs=  und  Finanzsachen  eine  Oberbehörde,  das  Generaldirektorium,
  dessen  Aufseher  er  selber  war.  —  Von  altersher
  waren  die  Lehngüter  steuerfrei;  dies  Vorrecht  hob  der  König
1717  auf,  und  als  die  Ritterschaft  murrte,  und  ein  Graf  Dohna
in  einer  französisch  abgefaßten  Beschwerdeschrift  den  Ruin  des
Landes  prophezeite,  antwortete  Friedrich  Wilhelm  spottend:  „Tout
le  pays  Ssera  ruiné?  Nihil  Kredo,  aber  das  Kredo,  daß  die
Junkers  ihre  Autorität  wird  ruiniert  werden.“  „Ich  stabiliere“,
hatte  er  schon  vorher  geäußert,  „die  Souveraineté  wie  einen
Rocher  de  Bronce.“
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        —  65  —

Den  Wohlstand  und  die  Leistungsfähigkeit  des  Volks  erhöhte
er  im  allgemeinen  dadurch,  daß  er  es  zu  Fleiß  und  Mäßigkeit
anhielt,  im  besonderen  durch  seine  Sorge  für  Ackerbau  und
Gewerbe.  Eine  Menge  fremder  Ansiedler  zog  er  in  die  wüst
liegenden  Teile  des  Landes.  Als  der  Salzburger  Erzbischof
Firmian  seine  lutherischen  Untertanen  schwer  bedrückte,  drohte
Friedrich  Wilhelm,  dafür  die  Katholiken  in  Preußen  ebenso  zu
behandeln,  und  zwang  dadurch  den  Erzbischof,  die  protestantischen
  Salzburger  auswandern  zu  lassen.  Ihrer  18  000
gingen  im  Jahre  1732  auf  Friedrich  Wilhelms  Einladung  nach
dem  ostpreußischen  Litauen,  wo  ihnen  der  König  um  Memel,
Tilsit,  Gumbinnen  Höfe  anwies  und  Kirchen  und  Schulen  baute;
er  nötigte  auch  den  Erzbischof,  ihnen  den  Erlös  ihrer  salzburgischen
  Güter  nachzuschicken  (4  Millionen  Gulden).  Er  selbst
gab  Millionen  her  für  diese  und  ähnliche  Kolonieen;  als  er  starb,
waren  in  Ostpreußen  und  Litauen,  welches  letztere  er  fast  verödet
  vorgefunden,  60  000  Hufen  Landes,  12  Städte,  332  Dörfer,
49  Domänen  neu  angebaut.

Auch  in  den  übrigen  Provinzen  hatte  er  viele  öde  Ortschaften
  wieder  belebt,  andere  vergrößert  (besonders  Potsdam).
In  Berlin  zwang  er  jeden  Reichen  Häuser  zu  bauen  („der  Kerl
hat  Geld,  muß  bauen“);  hier  siedelte  er  auch  verfolgte  böhmische
Protestanten,  meist  Weber,  an.

Unter  den  Gewerben  blühte  durch  ihn  am  meisten  die
Wollenmanufaktur  auf,  für  welche  er  1713  das  berühmte
„Lagerhaus“  (eine  großartige  Tuchfabrik)  in  Berlin  gründete.

Von  den  Handelskolonieen  in  Afrika  hielt  er  nichts,  weil
sie  ihm  mehr  kosteten  als  einbrachten;  er  verkaufte  sie  1720  an
die  Holländer.  Auch  den  Juden  war  er  abhold.

Nach  dem  damals  herrschenden  Merkantilsystem  meinte
auch  er,  der  Stein  der  Weisen  liege  darin,  daß  das  Geld  im
Lande  bleibe,  und  von  auswärts  neues  hereinfließe.  Darum
verbot  er  den  Gebrauch  vieler  ausländischer  Waren  und  ließ
solche  konfiszieren.

Auch  das  Recht  handhabte  er  despotisch,  doch  ohne  Ansehen
  der  Person.  Ein  vornehmer  Beamter  von  altem  Adel
hatte  Geld  unterschlagen  und  meinte,  einen  preußischen  Edelmann
  hänge  man  nicht,  er  werde  das  Geld  ersetzen;  aber  der
König  ließ  ihn  auf  der  Stelle  an  den  Galgen  hängen.

Pierson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.
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        —  66  —

Unordnung,  Liederlichkeit  und  Müßiggang  verfolgte  Friedrich
Wilhelm  überall;  er  übte  selbst  die  Polizei  und  beaufsichtigte  auch
das  Privatleben;  Taugenichtse  und  Schwindler  wurden  wie  Verbrecher
  aufgegriffen  und  ins  Zuchthaus  gebracht;  die  Pariser
Moden  verhöhnt,  unanständige  Tracht  nicht  geduldet.

Die  Religion  lag  ihm  sehr  am  Herzen,  und  er  hielt  die
Leute  dazu  an,  gleich  ihm  fleißig  in  die  Kirche  zu  gehen;  aber
scheinheiliges  Wesen,  Wortklauben  oder  gar  Gezänk  zwischen
Lutherischen  und  Reformierten  war  ihm  verhaßt.  Er  baute  viele
Kirchen  und  wohltatige  Anstalten  (1721  das  Potsdamer  Militärwaisenhaus,
  1727  die  Berliner  Charit#).  Eifrig  nahm  er  sich
der  im  Ausland  bedrückten  Protestanten  an.  Als  die  Jesuiten
in  Thorn  1724  mit  Hilfe  der  polnischen  Regierung  die  evangelische
  Bürgerschaft  mißhandelten  und  die  Häupter  derselben
hinrichten  ließen,  wendete  er  durch  seine  Einsprache  wenigstens
für  die  Zukunft  größeren  Druck  ab.

Für  Gelehrsamkeit  that  er  nichts,  aber  viel  für  die  Bildung
des  gemeinen  Mannes,  besonders  durch  Anlegung  zahlreicher
Volksschulen;  er  befahl,  alle  Kinder  vom  5.  bis  12.  Jahre  in
die  Schule  zu  schicken,  damit  jedermann  im  Lesen,  Schreiben,
Rechnen  und  in  Gottes  Wort  bewandert  sei.

So  erzog  er  die  Nation  streng  und  weise  zu  tüchtiger  Kraft,
zu  Arbeitsamkeit  und  ehrbarem  Wandel  in  der  Furcht  Gottes
und  des  Königs.

–

§  46.  Friedrich  Wilhelms  I.  Regierung  war  im  ganzen
friedlich.  Doch  gelang  ihm  mit  seinem  guten  Heere  und  seinen
vollen  Kassen  eine  wichtige  Eroberung.  Als  er  den  Thron  bestieg,
  wütete  an  Preußens  Grenzen  der  Nordische  Krieg  (1700—
1721).  Karl  XII.  von  Schweden,  bei  Pultawa  1709  vom
russischen  Zaren  Peter  dem  Großen  geschlagen,  war  nach  der
Türkei  geflohen.  Während  er  hier  vergebens  die  Türken  gegen
Rußland  hetzte,  verheerten  die  Russen  im  Bunde  mit  Polen,
Sachsen  und  Dänemark  das  schwedische  Pommern  und  legten
sich  vor  Stettin.  Da  schloß  Friedrich  Wilhelm,  um  sein  eigenes
Land  zu  schützen,  mit  ihnen  den  Vertrag  zu  Schwedt  (1713),
kraft  dessen  ihm  gegen  Zahlung  der  Belagerungskosten  Stettin
zu  vorläufiger  Verwahrung  überliefert  wurde.  Aber  Karl  XII.,
jetzt  rasch  heimgekehrt,  forderte  Stettin  ohne  weiteres  zurück,  und
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        —  67  —

nun  erklärte  ihm  Friedrich  Wilhelm  offen  den  Krieg.  Leopold
von  Dessau  fiel  1715  in  Rügen  ein  und  besiegte  hier  Karl  XII.;
dieser  mußte  nach  Schweden  fliehen,  und  da  alle  seine  noch
übrigen  Plätze  in  Deutschland  (zumal  Stralsund)  in  die  Gewalt
der  Verbündeten  gerieten,  er  selbst  aber  1718  umkam,  so  schloß
seine  Nachfolgerin  Ulrike  Eleonore  1720  mit  Preußen  zu  Stockholm
  einen  Frieden,  in  welchem  Vorpommern  bis  zur  Peene
(die  wichtige  Festung  und  Seehandelsstadt  Stettin  mit  den
Odermündungen,  Usedom,  Wollin,  auch  Damm  und  Gollnoy)
für  2  Millionen  Taler  an  Preußen  abgetreten  wurde.
Friedrich  Wilhelm  verstand  sich  sonst  auf  die  auswärtigen
Angelegenheiten  nicht  so  gut  wie  auf  die  inneren.  Seine  biedere
deutsche  Gesinnung  wurde  vom  Wiener  Hofe  arg  gemißbraucht.
Derselbe  wußte  ihn  durch  ein  paar  gewandte  Männer,  den  kaiserlichen
  Gesandten  von  Seckendorf  und  den  bestochenen  General
  von  Grumbkow,  beides  Günstlinge  des  Königs,  zu  seinem
Schaden  immer  auf  die  Seite  des  Kaisers  zu  bringen.  So  gab
Friedrich  Wilhelm  den  1725  zu  Herrenhausen  geschlossenen
Bund  mit  Frankreich  und  England  auf  und  unterzeichnete  zu
Wusterhausen  1726  einen  Vertrag  mit  Osterreich.  Kraft  desselben
  erkannte  er  des  Kaisers  (Karls  VI.)  Pragmatische
Sanktion  an,  ein  Hausgesetz,  nach  welchem  beim  Ableben  des
Kaisers  dessen  Tochter  Maria  Theresia  die  österreichischen  Länder
erben  sollte.  Dagegen  versprach  ihm  der  Kaiser  die  Erbfolge  im
Herzogtum  Berg.  Von  der  österreichischen  Partei  gegen  seinen
Schwager  Georg  II.  von  England  aufgereizt,  verheiratete  Friedrich
  Wilhelm  sodann  seine  beiden  ältesten  Kinder  nicht  mit  den
Kindern  Georgs,  wie  seine  Familie  wünschte,  sondern  mit  den
Erben  unbedeutender  deutscher  Fürsten.  Ebenso  richtete  er  sich
im  Polnischen  Erbfolgekriege  (1733—35)  nach  den  Wünschen
  des  Kaisers,  indem  er  zuließ,  daß  das  deutsche  Reich  für
Osterreich  und  Rußland  gegen  Frankreich  Partei  ergriff,  daß  die
Russen  1734  Danzig  eroberten  und  statt  Stanislaus  Lesczinskis
den  Kurfürsten  August  III.  von  Sachsen  zum  polnischen  Könige
machten;  nachher  schloß  dann  der  Kaiser,  ohne  ihn  zu  fragen,
mit  Frankreich  einen  Frieden,  der  das  deutsche  Reichsland  Lothringen
  den  Franzosen  übergab.  Auch  die  Erbfolge  in  Berg  verschaffte
  der  Kaiser  nicht  den  Hohenzollern,  sondern  einer  anderen
Dynastie.  Da  gingen  dem  Könige  endlich  die  Augen  auf;  er
5
        <pb n="71" />
        —  68  —

erkannte,  wie  fruchtlos  alle  seine  Opfer  für  Osterreich  gewesen,
und  er  rief  erbittert,  auf  den  Kronprinzen  Friedrich  zeigend:
„Da  steht  einer,  der  mich  rächen  wird!“

§  47.  In  seinem  Privatleben  gab  Friedrich  Wilhelm  ein
an  Fürstenhöfen  damals  seltenes  Beispiel  von  biederer  Deutschheit
  und  strenger  Sittlichkeit.  Ausschweifungen  duldete  er  in
seinem  Hause  so  wenig  wie  bei  andern.  Seine  einzige  Erholung
waren  die  Jagd  und  das  Tabak  kollegium,  eine  Abendgesellschaft,
  wo  er  mit  seinen  Vertrauten  (Leopold  von  Dessau,
Grumbkow,  Seckendorf  und  andern  hohen  Offizieren)  Tabak
rauchte,  Bier  trank  und  ernste  oder  spaßhafte  Gespräche  führte.
Die  feineren  Lebensgenüsse  schätzte  er  nicht  und  kargte  mit  den
erlaubten;  mit  Härte,  oft  tyrannisch  zwang  er  seiner  Frau  (der
feingebildeten  Sophie  Dorothea  von  Hannover)  und  seinen
Kindern  seinen  Willen  auf.  Den  Kronprinzen  Friedrich,  der
an  den  mechanischen  kirchlichen  und  militärischen  Ubungen,  die
seine  Lehrer  mit  ihm  anstellten,  kein  Gefallen  fand,  dagegen  sich
heimlich  verbotene  Genüsse  erlaubte,  prügelte  er  noch  als  Achtzehnjährigen,
  so  daß  dieser  (1730  bei  Gelegenheit  einer  Reise  nach
dem  Rhein)  in  seiner  Verzweiflung  den  Versuch  machte,  nach  England
  zu  fliehen.  Der  Versuch  mißglückte  aber,  und  der  König  ließ
den  Kronprinzen  als  Deserteur  vor  ein  Kriegsgericht  stellen,  dann
auf  die  Festung  Küstrin  in  Haft  bringen,  einen  Vertrauten  und
Mitschuldigen  desselben,  von  Katte,  sogar  enthaupten.  Eine  Zeit
lang  saß  der  Kronprinz  dort  im  Gefängnis;  dann  mußte  er  bei
der  Domänenkammer  daselbst  arbeiten  und  kam  erst  wieder  frei,
als  er  den  Plan,  eine  englische  Prinzessin  zu  heiraten,  aufgab
und  sich  nach  dem  Willen  des  Vaters  mit  Elisabeth  von  Braunschweig-Bevern
  verlobte  (1732).

Durch  allzu  große  Anstrengungen,  besonders  auf  den  Inspektionsreisen
  nach  Ostpreußen,  sowie  durch  sein  jähzorniges
Wesen  rieb  Friedrich  Wilhelm  seinen  von  Natur  starken  Körper
auf;  er  starb  an  der  Wassersucht  den  31.  Mai  1740.  Er  hinterließ
  dem  Nachfolger  als  Frucht  seiner  langen  Arbeit  ein  vortrefflich
  geschultes  und  reichlich  ausgestattetes,  schlagfertiges  Heer
von  83  000  Mann,  einen  baren  Schatz  von  8  Millionen  Talern,
  einen  festgefugten  Staat  (2145  QO.-M.  mit  2  486  000  E.)
und  eine  zu  mannhaftem  Tun  erzogene  Nation.
        <pb n="72" />
        —  69  —

8  48.  Die  100  Jahre,  die  dem  Westfälischen  Frieden  folgen,
sind  die  eigentliche  Zeit  der  Kabinettspolitik  und  der  rein  dynastischen,
  der  Erbfolgekriege.  Das  Volk  galt  fast  überall  auf  dem
Festlande  nur  als  willenlose  Masse.  Aber  während  die  übrigen
deutschen  Fürsten  den  Staat  für  ihre  Vergnügungen  oder  im  Interesse
  der  Vornehmen  ausbeuten  ließen,  übte  Friedrich  Wilhelm
die  Despotie  persönlich  und  zum  Besten  des  Ganzen  aus.
Er  forderte  allen  schwere  Leistungen  ab,  doch  nicht  um  sie  zu
vergeuden,  sondern  zur  Herstellung  großartiger  Machtmittel.

Indem  er  den  Soldatenstand  zum  ersten  im  Staate  erhob
und  nicht  bloß  ein  großes  Heer  hielt,  sondern  auch  dessen  Bestand
durch  Verstärkung  der  Steuerkraft  und  musterhafte  Finanzwirtschaft
  sicherte,  machte  er  Preußen  zu  einem  Militärstaat.  Er
prägte  aber  auch  der  Nation  den  militärischen  Charakter  ein,
teils.  durch  seine  strenge  Sittenzucht  und  die  allgemeine  Subordination,
  an  die  er  hoch  und  niedrig  gewöhnte,  teils  durch  Ausbildung
  des  spezifischen  Preußentums.  Die  einfache  deutsche
Tracht,  anderwärts  von  der  französischen  verdrängt,  kam  unter
ihm  als  eigene  preußische  Mode  auf;  die  alten  deutschen  Tugenden
  der  Schlichtheit  und  derben  Biederkeit,  verbunden  mit
einer  straffen  Haltung  des  Willens,  nüchterne  Verständigkeit  und
zähe  Tatkraft,  Genauigkeit  und  Ordnung  auch  im  Kleinsten  und
ein  abgehärteter  Kriegersinn  wurden  durch  ihn  preußische  Eigentümlichkeiten
  („Friedrich-Wilhelms-Männer“").

Die  Verwaltung,  die  den  Militärstaat  erhielt,  arbeitete  mit
der  Regelmäßigkeit  einer  Maschine  —  die  Folge  von  Friedrich
Wilhelms  praktischem  Genie  und  strenger  Aufsicht;  den  alten
Schlendrian  tilgte  er  überall  aus.  Die  (von  ihm  1723  eingeführte)
„Oberrechnungskammer“  prüfte  jede  Ausgabe  streng.

Die  Staatseinnahmen  zerfielen  in  Kriegs=  und  Domänengefälle.
  Die  Kriegsgefälle  bestritten  den  Unterhalt  des  Heeres;
es  waren:  die  Kontribution  (eine  Grundsteuer),  das  Kavalleriegeld
  (eine  Abgabe  des  platten  Landes  zur  Verpflegung  der  in  die
Städte  verlegten  Reiterei),  die  Kriegsmetze  (eine  Abgabe  in  Geld
vom  Kornertrag),  das  Lehnpferd  (eine  Abgabe  der  Lehngutsbesitzer
  statt  des  ehemaligen  Kriegsdienstes),  die  Accise,  die  nur
von  den  Städten  getragen  wurde,  und  die  Rekrutenkasse,  zu  deren
Besten  der  König  Titel  verkaufte  und  die  Juden  beschatzte.

Die  Domänengefälle  bestritten  die  übrigen  Staatsausgaben;
außer  dem  Ertrage  der  Krongüter  gehörten  dazu  die  Einkünfte
vom  Salz-,  Berg-,  Hütten-  und  Postregal.

Durch  Hebung  der  Kultur  brachte  der  König  die  Staatseinnahmen
  im  ganzen  zuletzt  auf  7  Millionen  Taler  jährlich,
wovon  vas  Heer  fast  6  Millionen  verbrauchte.
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        —  70  —

Im  Militärwesen  bestand  Friedrich  Wilhelms  Verdienst
teils  in  der  vollendeten  Dressur  der  Truppen,  wobei  ihm  Leopold
von  Anhalt-Dessau,  der  Schöpfer  der  modernen  Taktik,  zumal
was  die  Infanterie  betraf,  am  meisten  half,  teils  in  der  Herstellung
eines  tüchtigen  Offizierkorps.  Er  selbst  besetzte  auch  die
unteren  Stellen  in  demselben  und  nicht  für  Geld,  wie  es  anderwärts
  geschah,  sondern  nach  der  Brauchbarkeit.  Da  der  Kriegsdienst
  damals  noch  allgemein  für  den  natürlichen  Beruf  des  Adels
galt  und  der  Bauernsohn  in  dem  Junker  die  Gutzherrschaft  ehrte,
so  eigneten  sich  die  Edelleute  vorzugsweise  zur  militärischen  Führerschaft;
  der  König  nahm  aber  besonders  auch  darum  die  Offiziere
gern  aus  dem  grundbesitzenden  Adel,  weil  bei  diesem  die  verabschiedeten,
  die  damals  noch  keine  Pension  bekamen,  leichter  wieder
  ein  Unterkommen  auf  den  Gütern  fanden.  Die  1653  zu
Kolberg  gestiftete  Ritterakademie  verlegte  der  König  nach  Berlin
und  bildete  sie  zum  Kadettenhause  um,  als  eine  Pflanzschule  des
Offizierkorps.

Ein  großer  Teil  der  Gemeinen  bestand  auch  nach  Einführung
des  Kantonsystems  aus  Angeworbenen,  die  nur  durch  furchtbare
Strenge  in  Zucht  gehalten  werden  konnten.  Auch  die  vollkommene
  Dressur  hielt  man  nur  durch  maßloses  Prügeln  für  erreichbar.
  Der  schwere  und  mühsame  Dienst,  der  größtenteils  sich  auf
Außerlichkeiten  richtete  (Kamaschendienst),  die  harte  Behandlung
und  der  knappe  Sold  machten  den  Soldatenstand  sehr  drückend;
die  Ehre,  die  ihm  Friedrich  Wilhelm  gab,  war  für  die  unteren
Offiziere  und  die  Gemeinen  ein  um  so  nötigerer  Ersatz.  Denn  nur
die  höheren  Offiziere  hatten  guten  Sold,  auch  durch  ihren  Handel
mit  langen  Kerlen  und  bei  der  Rekrutierung  reiche  Nebeneinkünfte.
  Musterhaft  dagegen  war  die  Pünktlichkeit  und  Sorgfalt
aller  Lieferungen;  das  Notwendige  mangelte  dem  Soldaten
nie.  Auch  das  Festungswesen  brachte  der  König  auf  einen  guten
Fuß;  er  verstärkte  die  Werke  von  Magdeburg,  Stettin,  Kolberg,
Küstrin,  Spandau  u.  a.

Einen  neuen  Pfeiler  der  Macht  errichtete  er,  indem  er,  die
Überschüsse  jedes  Verwaltungsjahres  aufsammelnd,  den  preußischen
Staatsschatz  gründete.

Friedrich  Wilhelms  auf  das  Nützliche  und  Wesentliche  gerichteter
  Sinn  fand  an  dem  damaligen  geistlosen  und  pedantischen
Gelehrtentum  keinen  Gefallen.  Er  verachtete  alle  höhere  Wissenschaft
  und  Kunst,  die  freilich  in  Deutschland  damals  nur  geschmackund
  gehaltlose  Werke  hervorbrachten.  Aber  er  verlieh  dem  Staatswesen
  eine  solche  Tüchtigkeit  und  Stärke,  daß  er  mit  Recht
Preußens  größter  „innerer  König“  heißt.
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        V.  Friedrich  der  Große,  1740—1786.

§*  49.  Friedrich  II.  wurde  am  Sonntag  den  24.  Januar
1712  zu  Berlin  geboren.  Seine  Wärterin  war  Frau  von  Rocoulle,
  eine  französische  Reformierte,  von  der  er  zuerst  die  Vorliebe
  für  die  französische  Sprache  empfing,  sein  Erzieher  dann
der  General  von  Finckenstein,  sein  eigentlicher  Jugendlehrer  der
Franzose  Duhan  du  Jandun,  der  ihm  Liebe  zur  Literatur
und  Kunst  einpflanzte.  Der  Vater  wollte  aus  ihm  einen  guten
Soldaten,  einen  guten  Haushalter  und  einen  guten  Christen
machen;  die  geistlose  Abrichtung  aber,  die  er  zu  diesem  Zweck
mit  ihm  vornehmen  ließ,  erregte  nur  den  Widerwillen  des  Prinzen.
  Doch  stählte  die  strenge  väterliche  Zucht  und  besonders
sein  Leiden  in  Küstrin  Friedrichs  Charakter;  hier  lernte  er  auch
den  Wert  der  Arbeit  und  Ordnung  kennen.

Mit  Elisabeth  von  Bevern  1733  verheiratet,  die  ihm
sein  Vater  bestimmt  hatte  und  die  er  zwar  nicht  liebte,  aber  wegen
  ihrer  Tugend  und  Anhänglichkeit  schätzen  lernte,  durfte  er
dann  (seit  1736  in  Rheinsberg  bei  Neu-Ruppin)  ein  den
Wissenschaften,  den  schönen  Künsten  und  der  Freundschaft  mit
geistreichen  Männern  (Kaiserling,  Camas,  Jordan)  geweihtes
Leben  führen.  Durch  eifriges  Studium  ber  Staatskunst,  Geschichte
  und  Weltweisheit,  wie  durch  praktische  Übung  in  Ver—
waltungs=  und  militärischen  Geschäften  bereitete  er  sich  hier  für
das  königliche  Amt  vor.

Dienstag  am  31.  Mai  1740  trat  er  es  an.  Wie  er  es  zu
verwalten  gedachte,  verkündete  er  selbst  sofort:  „Das  Interesse
des  Landes,"  sprach  er,  „st  auch  mein  eigenes;  sollten  sich  beide  nicht
mit  einander  vertragen,  so  soll  der  Vorteil  des  Landes  den  Vorzug
  haben.“  Was  sein  Vater  Tüchtiges  geschaffen,  ließ  er  bestehen;
  die  Verwaltung,  das  Kriegswesen  blieben  im  ganzen  unverändert,
  Sparsamkeit  und  Arbeit  auch  seine  Losung.  Er  übte
und  vermehrte  unablässig  das  Heer.  Mifbräuche  schaffte  er  ab,
wie  im  Gerichtsverfahren  die  Folter,  im  Militär  die  Überschätzung
  der  „Langen  Kerle“,  bei  Hof  die  Übertreibung  der  Jagdlust,
  die  durch  Wildschaden  den  Landmann  beschwerte.  Kunst
und  Wissenschaft  brachte  er  wieder  zu  Ehren,  wie  er  denn  mit
Hilfe  des  französischen  Mathematikers  Maupertuis  die  Berliner
        <pb n="75" />
        —  72  —

Akademie  der  Wissenschaften  neu  einrichtete  und  den  von
seinem  Vater  verjagten  Philosophen  Wolf  nach  der  Universität
Halle  zurückrief.  Er  gab  unbedingte  Denk=  und  Glaubensfreiheit:
  „Die  Religionen,“  befahl  er,  „müssen  alle  tolerieret
werden,  und  muß  die  Regierung  nur  das  Auge  darauf  haben,
daß  keine  der  anderen  Abbruch  tue.  In  meinen  Staaten
muß  ein  jeder  nach  seiner  Fagon  selig  werden.“  Niemandem
  gewährte  er  einen  Einfluß  auf  seine  Regierung;  mit
nicht  vor  und  nicht  nach  ihm  erreichter  Arbeitskraft  prüfte  und
leitete  er  selbst  alles  im  Staate.

§  50.  Mit  Friedrichs  Thronbesteigung  beginnt  das  Zeitalter
der  Aufklärung.  Der  Kampf,  den  die  englischen  Skeptiker  und
nach  ihnen  die  französischen  Schöngeister  (besonders  Voltaire)
gegen  die  in  Kirche  und  Staat  herrschenden  Meinungen  unternahmen,
  war  zum  Teil  gegen  wirkliche  Irrtümer  und  Torheiten
gerichtet.  Diesen  Bestrebungen  der  Philosophen  verlieh  Friedrich
Ansehen  und  Nachdruck,  indem  er  ihre  Grundsätze  vom  Throne
herab  verkündigte.  Der  Lehre  vom  göttlichen  Recht  der  unumschränkten
  Fürsten  setzte  er  (im  „Antimachhiavell"  1741)  das  natürliche
  Recht  der  menschlichen  Freiheit  entgegen.  Er  war  in  der
Welt  der  erste  Fürst,  der  unbedingte,  allgemeine  Religionsfreiheit
  gab.  Auch  Preßfreiheit  gewährte  er  1740,  mußte
dieselbe  indes  wegen  des  Mißbrauchs,  den  das  noch  unreife
Schriftstellertum  damit  trieb,  bald  darauf  durch  eine  sehr  milde
Zensur  ersetzen.  Schmähschriften,  die  gegen  ihn  persönlich  gerichtet
  waren,  pflegte  er  unbeachtet  zu  lassen.  —  Friedrich  Wilhelm
  I.  hatte  nur  das  Nützliche  gepflegt,  Friedrich  der  Große
setzte  auch  das  Schöne  in  seine  Rechte  ein.  Er  verbreitete  Geschmack
  für  Kunst  durch  seine  Schönbauten  (v.  Knobelsdorf  —
Opernhaus,  Invalidenhaus,  Domkirche,  Paläste  von  Sanssouci
und  in  Potsdam,  Tiergarten),  durch  Begünstigung  von  Theater
und  Oper,  insbesondere  durch  sein  eigenes  Mitwirken  bei  den
Hofkonzerten.  Die  Achtung  und  Liebe,  die  er  den  schönen  Künsten
und  Wissenschaften  bezeigte,  die  Tatsache,  daß  ein  so  großer  König
selber  Flöte  blies,  selber  Mitarbeiter  der  Akademie  war  („Geschichte
  meiner  Zeit"“,  Oden  und  anderes),  brachte  geistige  Bestrebungen
  in  Ansehen.  Die  französischen  Denker,  Künstler  und  Dichter,
die  nach  Berlin  strömten,  fanden  unter  den  Deutschen  Nachahmer,
dann  Nebenbuhler;  Berlin  wurde  der  Mittelpunkt  des  geistigen
Lebens  in  Norddeutschland,  Preußen  durch  Friedrich  den  Großen
der  Staat  der  Intelligenz.
        <pb n="76" />
        —  73  —
Erster  Schlesischer  Krieg  (1740—1742).

§  51.  Im  Innern  wohlgeordnet,  hatte  Preußen  nach  außen
noch  nicht  das  rechte  Verhältnis;  mit  seinen  2100  Quadratmeilen
und  2½  Millionen  Einwohnern  war  es  zu  groß  für  ein  Kurfürstentum,
  zu  klein  für  ein  Königreich.  Friedrich  beschloß,  es
zu  einem  wirklichen  Großstaat  zu  machen.  Der  Tod  Kaiser
Karls  VI.  (20.  Oktober  1740)  gab  ihm  dazu  die  gewünschte  Gelegenheit.
  Die  österreichischen  Staaten  waren  in  schlechtem  Verteidigungszustand,
  und  Maria  Theresias  Vetter,  Kurfürst  Karl  von
Bayern,  besaß  Ansprüche  auf  das  Erbe;  ein  Erbfolgestreit  war
daher  vorauszusehen.  Friedrich  wollte  unter  diesen  Umständen
die  Rechte  seines  Hauses  auf  Teile  Schlesiens  geltend  machen;
er  rückte  mit  30  000  Mann  plötzlich  dort  ein  (16.  Dezember
1740),  hielt  unter  dem  Jubel  der  bisher  hart  gedrückten  evangelischen
  Schlesier  am  3.  Januar  1741  seinen  feierlichen  Einzug
in  Breslau  und  war  in  kurzem  im  Besitz  des  ganzen  Landes.
Zugleich  bot  er  der  Königin  von  Ungarn,  Maria  DTheresia,
seine  Hilfe  gegen  alle  Feinde  an,  wenn  sie  ihm  Schlesien  oder
doch  ein  gutes  Stück  davon  abtrete.  Sie  aber,  von  England
unterstützt,  wies  seine  Forderung  stolz  zurück  und  rüstete.

Im  Meärz  erschien  der  österreichische  Feldmarschall  Neipperg,
  um  die  Preußen  wieder  aus  Schlesien  hinauszuwerfen.
Montag  den  10.  April  1741  traf  er  sie  bei  Mollwitz  (unweit
Brieg.  Beide  Teile  hatten  die  gleiche  Zahl  (19  000  Mann),
die  Osterreicher  mehr  Kavallerie,  die  Preußen  mehr  Infanterie.
Anfangs  erfolgreich  andringend,  mußte  das  österreichische  Heer
zuletzt  vor  der  unerschütterlichen  Standhaftigkeit  und  dem  „höllischen“
  Gewehrfeuer  des  preußischen  Fußvolks,  welches  General
Graf  von  Schwerin  kommandierte,  die  Flucht  ergreifen.  Dieser
Sieg  schaffte  dem  preußischen  Königreich  Ansehen  in  der  Welt
und  ermunterte  die  Feinde  Osterreichs;  Frankreich,  Bayern,  Spanien,
  Sardinien,  Sachsen  schlossen  einen  Bund,  um  die  österreichische
  Erbschaft  zu  erobern.  Dagegen  halfen  England  und
Holland  der  Habsburgerin  gegen  die  Bourbonen.  So  brach
(1741)  der  Österreichische  Erbfolgekrieg  aus.  Doch  gab
Maria  Theresia  noch  nichts  verloren.  Schlesien  wiederzugewinnen,
mußte  ihr  Schwager  Prinz  Karl  von  Lothringen  ihr  bestes  Heer
gegen  die  in  Böhmen  eingefallenen  Preußen  führen.  Friedrich
        <pb n="77" />
        —  74  —

stand  mit  28  000  Mann  am  17.  Mai  1742  bei  Czaslau  und
Chotusitz  an  der  oberen  Elbe,  als  ihn  Prinz  Karl  mit  30  000
angriff.  Diesmal  tat  es  die  preußische  Reiterei,  die  von  Friedrich
  neu  gebildet  worden,  der  Infanterie  gleich;  der  junge  König
zeigte  sich  als  umsichtiger  und  entschlossener  Feldherr.  So  errangen
  die  Preußen  wieder  den  Sieg.  Maria  Theresia  gab  nun
nach;  im  Frieden  zu  Breslau  (11.  Juni  1742)  trat  sie  Niederund
  Oberschlesien  bis  zur  Oppa  mit  der  Grafschaft  Glatz,
680  Quadratmeilen  mit  1  400  000  Einwohnern,  an  Preußen  ab.

Der  König  hatte  dadurch  seinen  Staat  um  mehr  als  ein
Drittel  an  Umfang,  Bevölkerung,  Einkünften,  Streitkräften  vergrößert
  und  seinen  Ruf  als  geschickter  und  tatkräftiger  Feldherr
und  Unterhändler  begründet.

§  52.  Die  juristischen  Gründe,  auf  welche  Friedrich  seine  Eroberung
  Schlesiens  stützte,  wurden  zumeist  darum  angefochten,
weil  Ferdinand  I.  als  König  von  Böhmen  und  Lehnsherr  des
Herzogs  Friedrich  von  Liegnitz  dessen  Erbvertrag  mit  Joachim  II.
(1537)  aufgehoben  hatte;  allein  Ferdinand  war  Richter  in  eigener
Sache,  und  sein  Spruch  ein  Machtspruch  gewesen.  Ebenso  eigenmächtig
  hatte  Kaiser  Ferdinand  II.  1623  nach  Achtung  des  Markgrafen
  Johann  Georg  von  Brandenburg  das  diesem  gehörige
Fürstentum  Jägerndorf  eingezogen.  Die  hohenzollerischen  Erbansprüche
  betrafen  übrigens  nur  einen  Teil  Schlesiens;  das  Besitzrecht
  Preußens  auf  seine  schlesischen  Lande  gründet  sich  auf  die
Verträge,  die  Friedrich  nach  seinen  siegreichen  Kriegen  mit  Osterreich
  schloß.

Schlesien  (von  Sleza,  der  kleinen  Lohe,  und  dem  Slesie
[Sobtenberg],  wo  ein  polnisches  Nationalheiligtum  lag,  benannt)
hatte  zuerst  germanische  Bevölkerung,  Quaden  und  Lygier;  in  der
Völkerwanderung  drangen  Polen  ein.  Als  Teil  des  polnischen
Reichs  wurde  es  dann  von  Herzögen  aus  dem  Geschlecht  des
Bauern  Piast  beherrscht.  965  bekehrte  Miesko  I.  von  Polen
seine  Völker  zum  Christentum.  1052  wurde  das  älteste  Bistum
Schlesiens  von  Smogra  (bei  Namslau)  nach  Wratislaw  (Breslau)
  verlegt.  1163  trennte  Friedrich  Rotbart  Schlesien  von  Polen
  ab;  es  herrschten  hier  nun  die  piastischen  Herzöge  selbständig.
Dieselben  begünstigten  die  Germanisierung  des  Landes,  welche
durch  Einwanderung  Deutscher  (wie  in  Pommern)  geschah.  Um
die  Burgen  und  Kastellaneien  erhoben  sich  im  12.  und  13.  Jahrhundert
  deutsche  Städte.  Sie  erhielten  1261  Magdeburger
Recht.  Im  14.  Jahrhundert  war  deutsche  Sprache  und  Sitte
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        —  75  —

schon  die  herrschende.  Durch  Erbteilung  entstand  eine  große  Zahl
kleiner  Fürstentümer,  die  allmählich  in  Lehnsabhängigkeit  vom
Königreich  Böhmen  gerieten.

Karl  IV.  verleibte  1355  Schlesien  völlig  der  böhmischen
  Krone  ein,  wodurch  es  —  wenigstens  mittelbar  —  ans
deutsche  Reich  kam.  Mit  Böhmen  fiel  Schlesien  1526  durch  Wahl
der  Stände  dem  Hause  Habsburg  zu.  Doch  behielt  es  seine
ständischen  Rechte.  Der  Landtag  jedes  Fürstentums  (aus  Adel,
Geistlichkeit,  Städten  bestehend)  hatte  das  Recht,  Steuern  zu  bewilligen
  oder  zu  verweigern,  und  die  Gesetze  zu  geben.  Allgemeine
  Angelegenheiten  ganz  Schlesiens  ordnete  der  Fürstentag
(bestehend  aus  den  Herzögen  und  den  Abgeordneten  der  Ritterschaften,
  Geistlichkeit  und  Städte).  In  der  ersten  Hälfte  des
16.  Jahrhunderts  nahm  der  größte  Teil  des  Landes  Luthers
Lehre  an.  Im  Dreißigjährigen  Kriege  aber  vernichteten  die  Habsburger
  durch  Jesfuiten  und  Soldaten  die  Glaubensfreiheit  und  das
politische  Recht  der  Bevölkerung.  Den  Bedrückungen  der  Evangelischen
  steuerte  nur  vorübergehend  Karls  Xll.  Intervention
(1707  Altranstädter  Vertrag).  Die  katholische  Geistlichkeit  und
Herrschaft  fuhr  fort,  Kinder  gemischter  Ehen  mit  Gewalt  katholisch
  zu  machen,  den  Gottesdienst  der  Evangelischen  zu  beschränken,
zu  verfolgen.  Nur  das  wohleingerichtete  Schulwesen  und  die  allgemeine
  Verbreitung  der  deutschen  Bibel  —  beides  Erbstücke  der
Reformation  —  retteten  den  evangelischen  Glauben  vor  gänzlicher
Zerstörung.  Außer  den  Mönchen  und  Priestern  herrschte  der  Adel
über  das  Volk.  Die  materiellen  Interessen  wurden  von  der
österreichischen  Regierung  nicht  minder  vernachlässigt  wie  die
geistigen.

Friedrich  der  Große  stürzte  die  Priester=  und  Adelsherrschaft,
führte  Gewissensfreiheit,  Gleichheit  vor  dem  Gesetz,  rasche  Justiz,
gute  Verwaltung  ein  und  brachte  Ackerbau,  Handel  und  Gewerbe
schnell  empor.  In  kurzem  verdreifachte  sich  der  Wohlstand  und
die  Ertragsfähigkeit.  Diese  Wohltaten  machten,  daß  Schlesien
(1813)  an  Ergebenheit  für  das  Haus  Hohenzollern  mit  den  älteren
  Provinzen  wetteiferte.

§  53.  Beim  Aussterben  der  Fürsten  von  Ostfriesland
1744  brachte  König  Friedrich  auch  dieses  Land  mit  dem  wichtigen
  Hafen  Emden  an  sich.  Hier,  wie  in  Schlesien,  wo  er  alles
sofort  auf  preußischen  Fuß  eingerichtet,  war  das  Volk  der  neuen
Herrschaft  froh.
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        —  76  —

Der  germanische  Volksstamm  der  Friesen  war  einst  über  die
ganze  Nordseeküste  von  der  Weser  bis  zur  Schelde  verbreitet;  von
diesen  Ursitzen  aus  besiedelte  er  auch  die  Inseln  und  Küsten  des
westlichen  Schleswig.  Im  steten  Kampfe  mit  den  Fluten,  deren
er  sich  durch  Deiche  und  Dämme  zu  erwehren  suchte,  verlor  er
viel  Boden;  im  Süden  gegen  die  Stämme  des  Hinterlandes
schützten  die  weiten  Moore.  Nachdem  Karl  d.  Gr.  Friesland  mit
dem  fränkischen  Reiche  vereinigt,  folgte  der  größere  Teil  der  Friesen
  den  Geschicken  der  Niederlande  und  ist  jetzt  holländisch;  das
an  der  Ems  gelegene  Ostfriesland  dagegen  bewahrte  bis  tief
ins  Mittelalter  hinein  seine  Selbständigkeit  und  kam  dann  zum
deutschen  Reiche.  Noch  im  14.  Jahrhundert  lebten  die  Friesen,  ein
Volk  von  Bauern  und  Fischern,  nach  ihren  eigenen  Gesetzen,  ohne
Adel  und  Fürsten,  und  berieten  die  gemeinsamen  Angelegenheiten
in  Volksversammlungen  am  Upstalsboom  bei  Aurich.  Innerer
Hader  und  die  Unruhen  der  Seeraub  treibenden  Vitalienbrüder
begünstigten  um  1400  die  Erhebung  von  Häuptlingen,  erblichen,
auf  festen  Burgen  seßhaften  Gerichtsherren,  besonders  der  Cirksena
  zu  Gretsiel.  Letztere  wurden  vom  deutschen  Kaiser  1454  zu
Reichsgrafen  ernannt  und  mit  Ostfriesland  belehnt,  1654  zu
Reichsfürsten  erhoben.  Da  sie  indes  durch  Erwerbung  des
Harlingerlandes  an  der  Nordsee  östlich  von  Ostfriesland  (1604)
in  Schulden  und  in  lange  Streitigkeiten  mit  ihren  Ständen  und
den  Nachbarn  gerieten,  so  mischte  sich  1682  der  Große  Kurfürst
ein  und  besetzte  in  kaiserlichem  Auftrag  Emden,  das  er  zu  einem
brandenburgischen  Seehandlungsplatze  zu  machen  suchte.  Als  1744
das  Haus  Cirksena  mit  Karl  Edzard  ausstarb,  ergriff  Friedrich
  d.  Gr.  sofort  auf  Grund  der  1695  dem  Kurfürsten  Friedrich
  III.  erteilten  Anwartschaft  von  dem  Fürstentum  Ostfriesland
Besitz.  Dasselbe  blühte  nun  unter  preußischer  Verwaltung  trefflich
  auf.  Für  Preußen  war  diese  Erwerbung  (54  O.-M.  mit
970000  E.)  hauptsächlich  wegen  der  Lage  des  Landes  an  der
Nordsee  von  Wert.  «

Zweiter  Schlesischer  Krieg  (1744—1745).

§  54.  Unterdessen  gewann  Maria  Theresia,  ihres  gefährlichsten
  Feindes  ledig  und  von  den  Ungarn,  sowie  von  England,
kräftig  unterstützt,  über  die  Franzosen  und  deren  Schützling  Karl
von  Bayern  (den  sie  als  Karl  VII.  zum  deutschen  König  und
römischen  Kaiser  hatten  krönen  lassen)  solche  Erfolge,  daß  sie,  jetzt
auch  mit  Sachsen  im  Bunde,  dem  preußischen  Könige  begründete
        <pb n="80" />
        —  77  —

Besorgnis  für  Schlesien  einflößte.  Er  nahm  daher  die  Unterstützung
  des  Kaisers  zum  Anlaß,  zog  im  August  1744  mit
80  000  Mann  vor  Prag  und  eroberte  diese  Stadt  sowie  ganz
Böhmen.  Doch  von  den  Sachsen  im  Rücken,  von  den  aufständischen
  Bauern  ringsum  bedroht,  auch  durch  Mangel  und  schlechtes
  Herbstwetter  bedrängt,  räumte  er  bald  wieder  dieses  Land
und  kam,  da  den  Osterreichern  und  Sachsen  von  Nußland  Truppen
  versprochen,  von  den  Seemächten  Hilfsgelder  gezahlt  wurden,
in  eine  um  so  gefährlichere  Lage,  als  Bayern  nach  Karls  VII.
Tode  mit  Maria  Theresia  sich  vertrug.  Letztere  setzte  schon  mit
August  III.  von  Sachsen  und  Polen  eine  Teilung  Preußens  fest.
Aber  Friedrich  und  sein  Heer  verzagten  nicht:  „Es  ist  keiner
unter  uns,“  schrieb  er  aus  dem  Kriegslager  in  Schlesien  nach
Berlin,  „keiner,  der  sich  nicht  lieber  das  Rückgrat  brechen  ließe,
als  einen  Fußbreit  Erde  aufzugeben.“  Und  wie  nun  Karl  von
Lothringen  mit  75.000  Osterreichern  und  Sachsen  über  das  Riesengebirge
  gen  Schweidnitz  herankam,  fiel  Friedrich  morgens  am
4.  Juni  1745  bei  Hohenfriedberg  und  Striegau  mit  60  000
Mann  über  ihn  her  und  schlug  in  4  Stunden  erst  die  Sachsen,
dann  die  Osterreicher  in  die  Flucht.  Der  General  v.  Geßler
mit  einem  Dragonerregiment  eroberte  allein  66  Fahnen.  Rings
im  schlesischen  Lande,  soweit  man  den  Kanonendonner  hörte,  sielen
  die  Protestanten  auf  die  Kniee  und  baten  Gott  um  den  Sieg
der  evangelischen  Sache.  Friedrich  folgte  dem  geschlagenen  Feinde
nach  Böhmen,  wo  derselbe  sich  verstärkte,  und  besiegte  ihn  nochmals
  bei  Soor  (unfern  Trautenau)  am  30.  September  1745,
obwohl  die  Osterreicher  hier  35.000,  die  Preußen  nur  19.000
Mann  zählten.  Den  Plan  der  Feinde,  ein  anderes  österreichisches
Heer  unter  General  v.  Grünne  im  Verein  mit  sächsischen  Truppen
  aus  der  Lausitz  nach  Berlin  zu  schicken,  vereitelte  er  dadurch,
daß  er  diesen  sächsischen  Heerhaufen  bei  Katholisch-Hennersdorf
  (unweit  Görlitz)  am  23.  November  zersprengte.  Das  sächsische
  Hauptheer  aber,  das  unter  dem  Feldmarschall  Grafen
Nutowski  auf  den  Felshöhen  von  Kesselsdorf  (bei  Dresden)
stand,  wurde  hier  am  15.  Dezember  1745  vom  Alten  Dessauer
angegriffen  und,  nachdem  die  Preußen  über  Schnee  und  Eis  die

Felsen  und  Batterieen  erstürmt,  gänzlich  in  die  Flucht  geschlagen.
  Am  18.  zog  Friedrich  in  Dresden  ein,  wo  Sachsen
und  Osterreich  um  den  Frieden  unterhandelten;  derselbe  wurde
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        —  78  —

hier  am  25.  Dezember  1745  abgeschlossen:  Maria  Theresia  verzichtete
  nochmals  auf  Schlesien  und  Glatz,  wogegen  Friedrich
ihren  Gemahl,  Franz  von  Lothringen,  als  Kaiser  anerkannte;
August  III.  zahlte  an  Preußen  eine  Million  Thaler  Kriegskosten.
So  ging  Friedrich  auch  aus  dem  zweiten  Schlesischen  Kriege  mit
Ruhm  bedeckt  hervor;  man  nannte  ihn  bereits  den  „Großen.“
Die  Kabinettspolitik,  die  seit  Richelieu  im  Verkehr  der
Staaten  herrschte,  bediente  sich  unbedenklich  auch  verwerflicher
Mittel,  wie  der  Zweideutigkeit  und  des  Vertragsbruches.  Dies
entschuldigt  Friedrich  den  Großen,  wenn  er  dem  Auslande
gegenüber  ebenfalls  die  Regel  befolgte,  lieber  andere  zu  hintergehen
  als  sich  täuschen  zu  lassen;  zumal  die  Franzosen,  die  er
durch  sein  Losbrechen  1744  gerettet  und  die  ihn  dann  im  Stiche
gelassen,  durften  ihm  nichts  vorwerfen.  Eigentümlich  aber  war  ihm
die  seltene  Eigenschaft  des  wahrhaft  großen  Staatsmanns:  weise
Mäßigung;  „man  muß  wissen  zu  rechter  Zeit  inne  zu  halten“,
nach  diesem  seinem  Grundsatz  handelte  er  bei  allen  Friedensschlüssen
  (z.  B.  1745)  und  in  seiner  Führung  der  Kriege.
Während  des  ersten  Schlesischen  Krieges  konnte  er  die  österreichische
Monarchie  zertrümmern  (Januar  und  September  1741).  „Aber
wie  unverzeihlich,“  sprach  er,  „wäre  es  gewesen,  das  Joch  von
Osterreich  zu  brechen  und  sich  dafür  französische  Ketten  zu
schmieden?“

§  55.  In  den  elf  Friedensjahren,  welche  folgten,  erregte
Friedrichs  Tun  nicht  geringere  Bewunderung.  Es  zeugte  von
erhabenstem  Pflichtgefühl;  „der  Fürst,“  erklärte  er,  „ist  der
erste  Diener  des  Staats  und  wird  gut  genug  bezahlt,  um
ordentlich  zu  arbeiten.“  Kaum  fünf  Stunden  Schlaf  gönnte  er
sich;  jede  Landschaft,  jedes  Regiment  musterte  er  persönlich.
Seinem  Blick  entging  nichts.  Er  rüstete  und  sparte  immerfort.
Den  Nährstand  zu  heben,  siedelte  er  Einwanderer  aus  dem  sächsischen
  Voigtland,  der  Pfalz  und  vom  Rhein  in  wüsten  Plätzen
an,  entwässerte  (1747—1756)  den  Nieder-Oderbruch,  bestrafte
Beamte  und  Gutsherren,  welche  ihre  Bauern  plackten,  pflanzte
neue  Erwerbszweige  an  (z.  B.  Baumwollen-Spinnerei  und  -Weberei,
  Kattundruckerei),  baute  den  Plauenschen  Kanal  (1743
bis  1745),  den  Finow-Kanal  (1744—1746),  den  Swine-Kanal
  und  die  Stadt  Swinemünde  (1746);  überall  trieb
und  besserte  er,  zumal  in  Schlesien,  das  unter  der  habsburgischen
Regierung  arg  verwahrlost  worden  war.  Die  Rechtspflege,  bisher
        <pb n="82" />
        —  79  —

schleppend  und  kostbar,  ließ  er  durch  den  Justizminister  Cocceji  von
Grund  aus  reformieren  und  befahl  den  Richtern,  bei  Entscheidung
  der  Rechtssachen  sich  auch  durch  königliche  Verordnungen
  nicht  stören  zu  lassen;  denn  ihre  höchste  Pflicht  sei  die
Gerechtigkeit,  auf  die  sie  geschworen.  Gleichheit  vor  dem  Gesetz
  war  auch  bei  der  Behandlung  der  Religionsparteien  sein
Grundsatz.  Die  katholischen  Geistlichen,  die  bisher  in  Schlesien
geherrscht,  verloren,  sowie  der  schlesische  Adel,  ihre  Gewalt  über
die  anderen  Stände;  sie  wurden  nicht  bedrückt,  mußten  aber  dem
König  unbedingt  gehorchen,  wie  jeder  andere  Staatsbürger.
Über  die  gemischten  Ehen  verordnete  Friedrich  der  Große  (1743),
daß  die  Söhne  in  der  Religion  des  Vaters,  die  Töchter  in  der
Religion  der  Mutter  erzogen  würden.  Die  vielen  katholischen
Feiertage  verminderte  er;  den  Evangelischen  in  Schlesien  gab  er
die  Freiheit  des  Gottesdienstes  und  überhaupt  die  Rechte  wieder,
die  ihnen  unter  habsburgischem  Zepter  versagt  gewesen.  —  Er
weckte  in  den  Deutschen  auch  den  Sinn  für  geschmackvolle  Schriftstellerei.
  Denn  obwohl  er  selbst  seine  Gedichte  und  Abhandlungen
  französisch  schrieb  und  fast  nur  Gefallen  an  französischen
Gelehrten  und  Dichtern  fand  (besonders  an  Voltaire,  der
1750—1753,  mit  Ehren  und  Geschenken  überhäuft,  bei  ihm  lebte),
so  reizte  doch  sein  Beispiel  viele,  z.  B.  den  Dichter  Ewald
v.  Kleist,  sich  ähnlich  im  Deutschen  zu  versuchen.

Die  Zeit  von  1745—1756  ist  die  Blütezeit  der  fridericianischen
  Verwaltung.  Die  beiden  ersten  Schlesischen  Kriege,  meist
in  Feindesland  geführt,  hatten  dem  eigenen  Lande  keine  Wunden
geschlagen;  der  König  konnte  daher  gleichmäßig  und  regelmäßig
die  Arbeiten  des  Friedens  fördern  und  sich,  ohne  das  Volk  zu
überlasten,  auf  neuen  Krieg  vorbereiten.  Den  Charakter  der
hohenzollernschen  Selbstherrschaft,  überall  im  Lande  persönlich
nachzusehen,  immer  neue  Hilfsquellen  aufzufinden  und  für  das
wohlgeordnete  Ganze  nutzbar  zu  machen,  prägte  Friedrich  am
schärfsten  aus.  Die  kunstvolle  Maschinerie  des  Staates  schien
ihm  am  sichersten  auf  scharfe  Absonderung  der  Stände  begründet,
  die  auch  mit  der  Sitte  des  Volks  übereinstimmte.  Der
Adel,  der  sich  zu  bürgerlichem  Gewerbe  damals  weder  eignete  noch
herablassen  mochte,  lieferte  die  Offiziere,  hatte,  falls  persönliche
Befähigung  zur  Geburtsehre  hinzukam,  bei  Besetzung  der  höheren
Stellen  im  Civil  wie  im  Militär  den  Vorzug  und  wurde  sorgfältig
  bei  seinem  Grundbesitzstande  erhalten.  Aber  auch  der  Bauer
        <pb n="83" />
        —  80  —

sollte  nicht  ausgekauft  werden;  durch  strenge  Beaufsichtigung  der
Amtsleute  und  Gutsherren  milderte  Friedrich  dessen  gedrückte  Lage.
Dem  Bürger  nützte  er  durch  Einführung  vieler  neuen  Erwerbszweige,
  besonders  in  Schlesien,  dessen  Industrie  durch  seine  bis
ins  Einzelnste  gehende  Fürsorge  außerordentlich  gefördert  wurde.
Ebenso  rasch  brachte  er  den  Oderhandel  und  Stettins  Verkehr  in
die  Höhe,  zum  Teil  durch  seine  höchst  nützlichen  Kanalbanten.
Das  größte  Verdienst  jedoch  erwarb  er  sich  —  mit  Hilfe  des
Ministers  Cocceji  —  um  die  Justiz;  er  trennte  sie  von  der
Verwaltung,  vertraute  sie  wissenschaftlich  Befähigten  an,  gab
eine  zeitgemäße,  neue  Gerichtsordnung  (codex  Fridericianus
1747),  führte  das  Institut  der  Auskultatoren  und  Referendarien
ein,  erneuerte  und  hob  den  ganzen  preußischen  Juristenstand.
In  den  Gang  der  Gerichte  griff  er  nur  ein,  um  die  alten  grausamen
  Strafen  zu  mildern,  und  stets  zu  gunsten  der  Armen  und
Gedrückten.  Über  Personen  und  Eigentum  hatten  seit  dieser
Reform  nur  noch  die  Gesetze  Gewalt;  so  machte  Friedrich  der
Große  den  Militärstaat  Preußen  auch  zu  einem  Rechtsstaat.

Indem  er  dem  Volke  auf  dem  Gebiet  der  Sitte,  des  Denkens,
  Redens  und  Glaubens  Freiheit  gab,  kam  das  unter  Friedrich
  Wilhelm  I.  erstarrte  geistige  Leben  in  Fluß.  Auch  der  Bürgerstand
  fing  an,  in  Wissenschaft  und  Kunst  aufzustreben;  damals
wurde  für  ihn  die  erste  Realschule  gegründet  (1747  von
I.  Hecker  in  Berlin).  Friedrich  selbst,  französisch  gebildet  und
von  den  geschmacklosen  Erzeugnissen  der  damaligen  deutschen  Literatur
  abgestoßen,  zog  immer  die  feine  französische  Bildung  vor.
Das  Gute,  was  Deutsche  auf  anderen  Gebieten  als  dem  Schrifttum
  leisteten,  wußte  er  zu  schätzen;  die  deutsche  Musik  (S.  Bach,
Graun,  Händel,  Quantz,  Benday)  liebte  er  vor  allem.

Der  Siebenjährige  Krieg  (1756—1763).

Ursachen  des  Krieges.  Friedrichs  Einfall  in  Sachsen.

§  56.  Maria  Theresia  konnte  den  Schmerz  um  den  Verlust
  Schlesiens  nicht  verwinden,  und  auch  die  anderen  Mächte
sahen  Preußens  Größe  ungern.  Zwei  deutsche  Großmächte  an
ihren  Grenzen  zu  haben  war  den  Russen  sowie  den  Franzosen
unbequem;  die  Schweden  fürchteten  für  Vorpommern,  die  deutschen
  Fürsten  für  ihre  Kleinstaaten.  Alle  beleidigte  Friedrichs
persönliche  Uberlegenheit  und  der  Spott,  den  er  über  die  Schwä-
        <pb n="84" />
        —  81  —

chen  und  Laster  seiner  Mitfürsten,  besonders  der  Kaiserin  Elisa—
beth  von  Rußland,  des  Königs  August  III.  von  Polen  (Kurfürsten
  von  Sachsen)  und  des  Königs  Ludwig  XV.  von  Frankreich
  ergoß.  Maria  Theresia  gelang  es  daher  mit  Hilfe  ihres
gewandten  Ministers  Grafen  Kaunitz  einen  geheimen  Bund  von
fast  ganz  Europa  gegen  Friedrich  den  Großen  zu  stande  zu
bringen.  Zuerst  verband  sie  sich  mit  Elisabeth  und  August  III.,
den  sein  Minister  Graf  Brühl,  ein  erbitterter  Feind  Friedrichs,
ganz  beherrschte.  Durch  einen  sächsischen  Kanzlisten  Menzel
erhielt  Friedrich  davon  Kunde  und  traf  nun  auch  seine  Maßregeln.
  Im  Jahre  1755  brachen  zwischen  Frankreich  und  England
  in  Nordamerika  und  zur  See  Streitigkeiten  aus,  und
Georg  II.  bot,  um  Hannover  zu  schützen,  Friedrich  dem  Großen
ein  Bündnis  zu  gegenseitiger  Verteidigung  an.  Dieser  nahm  es
an  (16.  Januar  1756  Vertrag  zu  Westminster).  Andrerseits
gewann  nun  Maria  Theresia  Ludwig  XV.  ganz  für  sich  und
durfte  darauf  rechnen,  daß  für  französisches  Geld  auch  die
Schweden  und  die  deutschen  Fürsten  helfen  würden.  Ihr  Plan
war:  Osterreich  sollte  Schlesien,  Polen  oder  Rußland  Ostpreußen,
Sachsen  Magdeburg,  Schweden  Stettin  und  Hinterpommern,
Frankreich  Kleve  erhalten,  und  Friedrich  so  zum  bloßen  Markgrafen
  von  Brandenburg  herabgedrückt  werden.  Er  beschloß  aber,
nicht  zu  warten,  bis  sie  mit  ihren  Rüstungen  fertig  wären,  sondern
  begann  selber  den  unvermeidlichen  Krieg.

Sein  Heer,  das  er  auf  150  000  Mann  gebracht,  war  schlagfertig;
  am  29.  August  1756  fiel  er  mit  70  000  Mann  in  Sachsen
  ein.  Dieses  reiche  und  den  Eingang  nach  Böhmen  beherrschende
  Land  mußte  er  haben,  um  den  Krieg  mit  Osterreich
bestehen  zu  können.  Er  schloß  das  sächsische  Heer,  das  bei  Pirna
ein  festes  Lager  bezogen,  ein,  schlug  mit  24000  Mann  den
österreichischen  Feldmarschall  Browne,  der  mit  33  000  Mann  zum
Entsatz  nach  Böhmen  herankam,  bei  Lobositz  (1.  Oktober)  und
zwang  die  Sachsen  (durch  die  Kapitulation  von  Pirna  16.  Oktober)
  sich  zu  ergeben.  Er  steckte  sie,  14  000  Mann,  unter  seine
Truppen,  ließ  den  König  August  mit  seinem  Günstling  Brühl
nach  Polen  abreisen  und  bewies  durch  Veröffentlichung  der  geheimen
  Akten  des  Dresdener  Archivs,  daß  sein  Friedensbruch
eine  Handlung  der  Notwehr  war.  Kursachsen  ward  nun  wie
eine  preußische  Provinz  verwaltet.

Pierson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.  6
        <pb n="85" />
        —  82  —

Während  des  Winters  vollendeten  die  Feinde  ihre  Rüstungen;
in  Frankreichs  Sold  traten  die  Schweden  und  die  deutschen
Fürsten,  mit  Ausnahme  derer  von  Braunschweig,  Hessen-Kassel,
Gotha,  welche  für  englisches  Geld  ihre  Soldaten  zum  Schutze
Hannovers  abschickten;  der  deutsche  Reichstag  in  Regensburg
beschloß  gegen  Friedrich  als  einen  Friedensbrecher  die  Exekution.


In  welchem  Geiste  der  große  König  den  Kampf  mit  halb
Europa  aufnahm,  erhellt  aus  der  geheimen  Weisung,  die  er
(10.  Januar  1757)  an  seinen  Minister  Grafen  Finckenstein  richtete;
  er  befiehlt  darin:  „Wenn  ich  das  Unglück  hätte,  vom  Feinde
gefangen  zu  werden,  so  verbiete  ich,  daß  man  auf  meine  Person
die  geringste  Rücksicht  nehme,  oder  daß  man  im  allergeringsten
darauf  achte,  was  ich  etwa  aus  der  Gefangenschaft  schreibe.
Wenn  mir  ein  solches  Unglück  begegnet,  so  will  ich  mich  für  den
Staat  opfern,  und  man  soll  alsdann  meinem  Bruder  Gehorsam
leisten,  welchen,  sowie  die  Minister  und  Generale,  ich  mit  ihrem
Kopfe  dafür  verantwortlich  mache,  daß  man  für  meine  Befreiung
weder  eine  Provinz  noch  Lösegeld  anbiete,  daß  man  vielmehr
den  Krieg  fortsetze  und  alle  Vorteile  benutze,  ganz  so  als  hätte
ich  niemals  in  der  Welt  existiert.“

Der  Feldzug  von  1757.

§.  57.  Im  Frühling  1757  rückten  rings  434  000  Mann
(nämlich  175  000  Osterreicher,  darunter  13.000  bayrische,  württembergische
  und  sächsische  Söldner,  105  000  Franzosen,  32  000
deutsche  Reichssoldaten,  darunter  10  000  von  Frankreich  gemietete
  Bayern  und  Württemberger,  100  000  Russen,  22  000  Schweden)
  gegen  Friedrich  den  Großen,  der  nur  200  000  Mann  hatte.
Dieser  suchte  sich  der  Übermacht  dadurch  zu  erwehren,  daß  er
die  Feinde  einzeln  angriff,  um  rasch  einen  nach  dem  andern
zurückzuwerfen.  Zuerst  fiel  er  die  Osterreicher  an,  deren  72  000
unter  Karl  von  Lothringen  und  Browne  bei  Prag  standen;  mit
64  000  Mann  schlug  Friedrich  sie  hier  Freitag  am  6.  Mai  in
einer  mörderischen  Schlacht,  in  der  Schwerin  den  Heldentod  fand;
13  000  Osterreicher  und  ebenso  viele  Preußen  wurden  getötet  oder
verwundet.  Das  geschlagene  Heer  warf  sich  nach  Prag;  es  zu
entsetzen,  sammelte  der  österreichische  Feldmarschall  v.  Daun  an
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        —  83  —

der  oberen  Elbe  eine  starke  Truppenmasse.  Er  stand  mit  53  000
Mann  in  einer  sehr  festen  Stellung  auf  den  Bergen  bei  Kolin.
Dennoch  griff  ihn  Friedrich  (am  18.  Juni)  mit  nur  34  000
Mann  an  und  hatte  bereits  den  Sieg  in  Händen,  als  ihm  der—
selbe  infolge  von  Fehlern,  die  bei  Ausführung  seines  Schlachtplanes
  begangen  wurden,  wieder  entschlüpfte.  Zum  ersten  Male
besiegt,  trat  er  den  Rückzug  nach  Sachsen  an.  Schlag  auf
Schlag  fiel  das  Unglück  über  ihn  her:  die  Russen  unter  Apraxin
besetzten  Ostpreußen,  nachdem  sie  (30.  August  bei  Großjägersdorf)
  ein  kleines  preußisches  Heer  unter  v.  Lehwaldt  überwunden;
  die  Franzosen  besetzten  Kleve,  schlugen  die  hannöverschenglische
  Armee  bei  Hastenbeck  (26.  Juli),  entwaffneten  sie
durch  eine  Abkunft,  welche  der  verzagte  englische  Anführer,
der  Herzog  von  Cumberland,  am  8.  September  in  Kloster
Zeven  abschloß,  und  drangen  nach  Sachsen  vor;  die  Osterreicher
siegten  über  ein  preußisches  Korps  bei  Moys  (unweit  Görlitz)
7.  September,  und  der  General  desselben,  v.  Winterfeld,
Friedrichs  Liebling,  fiel  dabei;  eine  österreichische  Streifschar
unter  Hadik  drang  (16.  Oktober)  bis  Berlin  vor;  die  Schweden
  brandschatzten  in  Vorpommern  und  der  Uckermark.  Friedrich
  blieb  ungebeugt;  „vom  Schiffbruch  bedroht,“  schrieb  er,  „werde
ich,  dem  Sturme  trotzend,  als  König  denken,  leben  und  sterben.“

Zuerst  zog  er,  Sachsen  zu  befreien,  gegen  die  Franzosen
und  Reichstruppen;  sie  lagerten,  43  000  Mann  unter  den  Prinzen
  von  Soubise  und  von  Hildburghausen,  zwischen  Unstrut  und
Saale;  Friedrich  mit  21000  Mann  nahm  in  ihrem  Angesicht
Stellung  beim  Dorfe  Roßbach.  Hier  wollten  sie  ihn,  Sonnabend
am  5.  November,  wie  in  einem  Sack  fangen;  er  aber  fiel  plötzlich
über  sie  her  und  warf  sie  über  den  Haufen;  sein  Reitergeneral,
der  verwegene  v.  Seydlitz,  ließ  sie  nirgends  stand  halten.
Unter  dem  Jubel  des  deutschen  Volks  flohen  sie  in  panischem
Schrecken  bis  zum  Main  und  Rhein.  Friedrich  aber  schwenkte
eilig  um  nach  Schlesien,  auch  dieses  Land  zu  retten,  welches  die
Osterreicher  mittlerweile  erobert  hatten.  Er  fand  sie  mehr  als
80  000  Mann  stark  bei  Leuthen  (unweit  Breslau),  befehligt
von  Karl  von  Lothringen.  Der  König  hatte  nur  32  000,  die
der  Feind  spöttisch  die  „Berliner  Wachtparade“"  nannte.  Sofort  —
Montag  am  5.  Dezember  —  griff  er  an;  seine  überlegene  Feldherrnkunst
  und  die  heroische  Tapferkeit  der  Preußen  errangen

6“
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        —  84  —

binnen  drei  Stunden  den  glänzendsten  Sieg;  mit  Verlust  von
10  000  Toten  und  Verwundeten,  21  000  Gefangenen,  116  Kanonen,
  59  Fahnen  floh  das  zertrümmerte  Heer  der  Osterreicher
aus  Schlesien  zurück.  „Nun  danket  alle  Gott!“  sangen  auf
dem  Schlachtfelde  abends  die  Preußen,  während  der  König,
dem  flüchtigen  Feinde  nachsetzend,  in  Lissa  übernachtete.  (Sage
von  seiner  Gefahr  daselbst).  Seine  Generale  Zieten  und
Fouqué  säuberten  rasch  das  ganze  Land  vom  Feinde.  —  Auch
im  Norden  schlug  das  Glück  um;  Lehwaldt  jagte  die  Schweden
bis  Stralsund;  Georg  II.  schloß,  auf  seines  Ministers  Pitt  und
seines  für  Friedrich  begeisterten  Volkes  Andringen,  sich  noch  enger
an  Preußen  an,  zahlte  Hilfsgelder  und  gab  das  hannöverschenglische
  Heer  unter  den  Befehl  des  preußischen  Generals  Prinzen
  Ferdinand  von  Braunschweig,  der  es  neu  einrichtete
und  trefflich  führte.

Um  dem  Könige  die  Verteidigung  des  Staates  zu  erleichtern,
  errichteten  die  pommerschen  Stände  damals  auf  eigene
Kosten  eine  Landmiliz;  dieses  schöne  Beispiel  von  Vaterlandsliebe
wurde  in  der  Mark  und  im  Magdeburgischen  nachgeahmt.

Die  Feldzüge  von  1758  und  1759.

§  58.  Nachdem  Friedrich,  zum  Teil  durch  harte,  aber  notwendige
  Bedrückung  Sachsens,  Anhalts,  Mecklenburg-Schwerins,
  zum  größern  Teil  durch  den  Patriotismus  seiner  Untertanen,
  besonders  der  Pommern  und  Brandenburger,  im  Winter
die  Lücken  seines  Heeres  ergänzt  hatte,  führte  er  den  Feldzug
von  1758  mit  175  000  Mann  (darunter  30  000  des  Prinzen
Ferdinand)  gegen  316  000.  Während  Ferdinand  die  Franzosen
auf  sich  nahm  und  sie  bei  Krefeld  am  23.  Juni  schlug,  erwehrte
sich  Friedrich  der  übrigen.  Die  Eroberung  von  Olmütz  gelang
ihm  bei  der  Ubermacht  der  Osterreicher  nicht;  nach  fruchtloser
Belagerung  (Ende  April  bis  1.  Juli)  brachte  er  sein  Heer  durch
einen  meisterhaften  Rückzug  aus  Mähren  durch  Böhmen  unverletzt
  nach  Schlesien,  wandte  sich  dann  gegen  die  Russen,  welche
unter  Fermor  die  Neumark  barbarisch  verwüsteten,  und  schlug
sie  am  25.  August  bei  Zorndorf  unweit  Küstrin.  Das  meiste
Verdienst  an  diesem  Siege,  der  mit  32  000  über  52  000  Mann
erfochten  worden  war,  hatte  der  General  Seydlitz  mit  seiner
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        —  85  —

Reiterei.  Unterdes  deckte  des  Königs  Bruder,  Prinz  Heinrich,
geschickt  und  umsichtig  Sachsen  gegen  das  österreichische  Heer  unter
Daun.  Diesen  zum  Rückzug  aus  der  Lausitz  nach  Böhmen  zu
nötigen,  bezog  Friedrich,  der  den  Feind  allzu  gering  achtete,  dicht
vor  Dauns  festem  Lager  ein  offenes  bei  Hochkirch  (unfern
Bautzen).  Hier  wurde  er  in  der  Nacht  zum  14.  Oktober  von
Daun  überfallen;  mit  beispielloser  Mannszucht  hielten  die  Preußen
  den  nächtlichen  Kampf  gegen  die  Übermacht  (37.000  gegen
67  000)  aus.  Am  Morgen  mußte  der  König  sich  mit  großem
Verlust  an  Menschen  (auch  Feldmarschall  Keith  siel  hier)  und
ohne  Geschütz  zurückziehen.  Dennoch  wußte  er  sowohl  Schlesien
als  auch  Sachsen  zu  behaupten.

Im  nächsten  Jahre  1759  rückten  die  Verbündeten  mit
350  000  Mann  ins  Feld.  Während  aber  die  Franzosen,  vom
Prinzen  Ferdinand  bei  Minden  am  1.  August  geschlagen,  nichts
ausrichteten,  gelang  es  den  Osterreichern  und  Russen  nach  einem
Siege  der  letzteren  über  den  preußischen  General  v.  Wedell  bei
Kay  (unfern  Züllichauh  am  23.  Juli,  sich  bei  Frankfurt  a.  O.
zu  vereinigen  und  88  000  Mann  stark  unter  Laudon  und  Ssaltyukow
  bei  Kunersdorf  am  12.  August  dem  halb  so  kleinen,  anfangs
  siegreichen,  aber  vom  König  überanstrengten  preußischen
Heere  eine  furchtbare  Niederlage  beizubringen.  Doch  raffte  sich
Friedrich  bald  wieder  auf,  da  die  Feinde  ihren  Sieg  nicht  zu
benutzen  wußten,  und  verlor  nur  Dresden,  welches  General
v.  Schmettau  ohne  Not  den  Osterreichern  und  Reichstruppen
übergab  (9.  September).  Um  Dresden  wiederzugewinnen,  schickte
Friedrich  den  General  v.  Finck  mit  12  000  Mann  in  Dauns  Rücken
nach  Maxen  (bei  Pirna);  dort  wurde  aber  Finck  samt  seinen
Truppen  von  Dauns  dreifacher  Übermacht  eingeschlossen  und  gefangen
  (21.  November).  Das  übrige  Sachsen  war  durch  die
Tapferkeit  des  Generals  Wunsch  und  die  Kriegskunst  des
Prinzen  Heinrich  dem  Könige  erhalten  worden.

Der  Feldzug  von  1760.

§59.  Da  die  Verbündeten  über  60  Millionen  Menschen
beherrschten,  Friedrich  aber  kaum  5,  so  wurde  es  jenen  leicht,
ihm  immer  schwerer,  die  verbrauchten  Truppen  und  Vorräte  zu
ersetzen.  Er  mußte  daher  Sachsen  immer  härter  bedrücken  und
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        —  86  —

beim  Rekrutieren  in  Pommern  und  Brandenburg  schon  die  Halberwachsenen
  nehmen,  auch  seine  Werber  immer  weiter  ins  deutsche
Reich  schicken;  dennoch  brachte  er  für  den  Feldzug  von  1760  nur
90  000  Mann  zusammen.  Gegen  ihn  zogen  diesmal  130  000
OSsterreicher,  120  000  Russen,  20  000  Reichssoldaten,  10  000
Schweden,  während  Ferdinands  Heer  75  000  Mann  betrug  und
115  000  Franzosen  abzuwehren  hatte.

Nachdem  der  König  (vom  14.  bis  30.  Juli)  vergeblich
Dresden  bombardiert,  eilte  er,  vor  sich  ein  österreichisches
Heer  unter  Daun,  hinter  sich  ein  anderes  unter  Lacy,  nach
Schlesien,  wo  Laudon  mit  vierfacher  Übermacht  den  General
v.  Fouqué  (den  „preußischen  Bayard“)  nach  neunzehnstündigem
Kampfe  bei  Landeshut  (23.  Juni)  übermannt  hatte  und  sich  mit
den  Russen  zu  vereinigen  trachtete.  Als  Friedrich  bei  Liegnitz  ankam,
  wollten  ihn  die  Osterreicher  daselbst  umzingeln  und  vernichten.
  Er  aber  fiel  hier  früh  morgens  am  15.  August  mit
15  000  Mann  unerwartet  über  Laudons  30  000  her  und  schlug
sie  in  die  Flucht.  So  rettete  er  Schlesien  wieder.  Ein  Handstreich
  gegen  Berlin,  welches  am  9.  Oktober  von  dem  russischen
General  Tottleben  und  dem  österreichischen  Lacy  eingenommen
wurde,  brachte  diesen  nur  Geld  ein  (wobei  der  Berliner  Kaufmann
  Gotzkowski  durch  eigene  Opfer  öffentliche  Verluste  abwandte);
  Friedrichs  Bewegungen  scheuchten  den  Feind  schon  am
12.  wieder  von  Berlin  fort.  Der  König  zog  nun  nach  Sachsen,
um  die  Osterreicher  auch  von  hier  zu  vertreiben.  Am  3.  November
  griff  er  mit  45  000  Mann  und  250  Kanonen  den  Feldmarschall
  Daun  bei  Torgau  an,  welcher  dort  50000  Mann
mit  400  Kanonen  in  einer  sehr  festen  Stellung  auf  den  Bergen
zwischen  der  Stadt  und  dem  Dorfe  Süptitz  befehligte.  Die  Schlacht
war  hartnäckig  und  mörderisch;  der  König  selbst  wurde  durch  eine
Kugel  verwundet  und  betäubt.  Kaum  wieder  zu  sich  gekommen,
rief  er:  „An  meinem  Leben  liegt  heut  am  wenigsten,  laßt  uns
unsere  Schuldigkeit  tun!  Weh  dem,  der  sie  nicht  tut!“  und
griff  immer  wieder  von  neuem  an.  Endlich  spät  abends,  als
sein  rechter  Flügel  unter  Zieten  die  Süptitzer  Höhen  erstürmt
hatte,  war  die  Schlacht  von  den  Preußen  gewonnen.  Sachsen
fiel  nun  wieder  in  Friedrichs  Gewalt.
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        —  87  —

Die  Feldzüge  von  1761  und  1762.
Ende  des  Krieges.

§  60.  Preußens  Feinde  hofften  indes  auf  seine  Erschöpfung.
In  der  Tat  betrug  das  preußische  Heer  im  Frühling  1761
nur  96  000  Mann,  größtenteils  Neulinge.  Diesmal  beschränkte
sich  Friedrich  daher  ganz  auf  die  Verteidigung,  ließ  Sachsen
durch  den  Prinzen  Heinrich  decken  und  schützte  Schlesien,  indem
er  mit  57  000  Mann  bei  Bunzelwitz  (unweit  Schweidnitz)  ein  sehr
festes  Lager  bezog.  Hier  schlossen  ihn  die  Russen  und  Osterreicher,
  132000  Mann  unter  Buturlin  und  Laudon,  ein
(20.  August  bis  10.  September),  wagten  aber  nicht,  ihn  anzugreifen,
  und  zogen  wieder  ab.  Doch  gelang  es  Laudon,  die
Festung  Schweidnitz  am  30.  September  zu  überrumpeln,  und
den  Russen,  das  durch  Oberst  von  der  Heyde  mit  Hilfe  der
Bürgerschaft  heldenhaft  verteidigte  Kolberg  (16.  Dezember)  einzunehmen.
  Die  Schweden  wurden  auch  in  diesem  Jahre  vom
Obersten  v.  Belling  zurückgejagt.  Der  Plan  eines  Verräters,
des  schlesischen  Barons  v.  Warkotsch,  die  Person  des  Königs
in  Woiselwitz  bei  Strehlen  (1.  Dezember)  den  Osterreichern  in
die  Hände  zu  spielen,  mißlang.  Ein  harter  Verlust  war  Englands
  Abfall,  dessen  neuer  König  Georg  III.  an  Preußen  jetzt
keine  Subsidien  mehr  zahlte.

Da  wurde  Friedrichs  mißliche  Lage  durch  den  Tod  der
Kaiserin  Elisabeth  (5.  Januar  1762)  wesentlich  gebessert.
Ihr  Nachfolger,  Peter  III.,  ein  Verehrer  Friedrichs  des  Großen,
machte  sofort  mit  ihm  Frieden  und  Freundschaft  (5.  Mai);  auch
Schweden  schloß  nun  (22.  Mai)  Frieden.  Der  König  konnte
155  000  Osterreichern  und  Reichssoldaten  120  000  Mann  entgegenstellen.
  Ein  russisches  Korps  von  20  000  Mann  unter
Tschernyschew  sollte  ihm  helfen,  wurde  aber,  nachdem  Peter  III.
von  seiner  Gemahlin  Katharina  gestürzt  worden  war,  von  dieser
zurückberufen.  Inzwischen  schlug  Friedrich  den  Feldmarschall
Daun  bei  Burkersdorf  (21.  Juli),  und  nachdem  letzterer  noch
einmal  bei  Reichenbach  (16.  August)  von  den  Preußen  eine
Niederlage  erlitten,  zwang  der  König  den  tapfern  österreichischen
General  Guasco  in  Schweidnitz  zur  Ubergabe  (9.  Oktober).
Aus  Sachsen  wurden  die  Osterreicher  und  Reichstruppen,  welche
Haddik  und  Prinz  Stolberg  führten,  durch  den  Sieg  des  Prin-
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        —  88  —

zen  Heinrich  bei  Freiberg  (29.  Oktober),  wo  Seydlitz  den  Tag
entschied,  hinausgedrängt.  Darauf  schickte  der  König  den  General
  von  Kleist  zu  einem  verheerenden  Streifzuge  nach  Franken
  und  Schwaben  und  bis  vor  Regensburg  und  nötigte  dadurch
die  deutschen  Kleinstaaten  um  Frieden  zu  bitten.  Die  Franzosen
aber,  vom  Prinzen  Ferdinand  bei  Wilhelmsthal  (24.  Juni)  geschlagen
  und  (31.  Oktober)  aus  Kassel  vertrieben,  schlossen  am
3.  November  1762  zu  Fontainebleau  mit  dem  auch  zur  See
ihnen  überlegenen  England  Frieden  und  verließen  Deutschland.

Da  die  Bundesgenossen  nicht  mehr  für  Osterreich  fechten
wollten,  und  dieses  allein  gegen  Friedrich  den  Großen  zu  schwach
war,  so  bot  Maria  Theresia  dem  Könige  Frieden  an,  welcher
auch  am  15.  Februar  1763  zu  Hubertusburg  zu  stande  kam:
Friedrich  behielt  Schlesien  und  Glatz,  wie  vor  dem  Kriege,  und
gab  August  III.  Sachsen  zurück.  Der  unsterbliche  Ruhm  und
Preußens  anerkannte  Großmachtstellung  waren  der  Lohn  des
Siegers.

§  61.  Die  große  Fürstenverbündung  gegen  Friedrich  den
Großen  bedrohte  in  ihm  zugleich  die  aufdämmernde  Aufklärung,
  den  Protestantismus  und  Deutschlands  Bestand.
  Friedrich  rettete  im  Siebenfährigen  Kriege  die  erste  vor
den  unduldsamen  Anhängern  des  Alten,  den  zweiten  vor  den  bigotten
  Habsburgern  und  Bourbonen,  den  dritten  vor  den  Russen,
Schweden  und  Franzosen.  Die  öffentliche  Meinung  war  daher
sein  Bundesgenosse,  und  das  preußische  Feldlager  für  jeden  Deutschgesinnten
  der  wahre  Hort  der  deutschen  Nation.  Zahlreich  liefen
die  von  ihren  Fürsten  schnöde  verkauften  Deutschen  zu  ihm  über,
und  Rekruten  kamen  aus  allen  Enden  des  Reichs.  Aber  bei
weitem  die  meisten  und  tüchtigsten  Krieger  lieferten  ihm  die  eigenen
  hochbegeisterten  Untertanen.  Besonders  die  Pommern  und
Brandenburger,  vornehmlich  der  Adel  und  Bauernstand,  leisteten
Unerhörtes;  manche  adlige  Familie  verlor  in  diesem  Kriege  20
und  mehr  Mitglieder  (54  v.  Kleist  fielen,  20  v.  Belling  u.  s.  w.);
manches  Dorf  ward  leer  von  Mannschaft.  Nicht  allein  Friedrich
der  Große,  sondern  ebenso  gut  das  preußische  Volk  hat  den  Siebenjährigen
  Krieg  geführt  und  gewonnen.

Friedrichs  Mittel,  durch  die  er  siegte,  waren:  die  neue
Kriegskunst,  die  er  erfand,  indem  er  zuerst  die  Waffen  dem
Gelände  anpaßte,  den  Kreis  der  großen  Operationen  erweiterte
und  den  Angriff  als  die  beste  Verteidigung  handhabte;  —  die
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        —  89  —

geschickte  Ausnutzung  aller  ihm  zugänglichen  materiellen  Hilfsquellen:
  harte,  aber  durch  strenge  Mannszucht  und  gleichmäßige
Verteilung  der  Last  erträgliche  Bedrückung  der  eroberten  Länder,
besonders  Kursachsens  (laus  dem  er  an  barem  und  Lieferungen
im  ganzen  45  Millionen  Taler  zog)  und  Mecklenburg-Schwerins
(8  Millionen),  während  die  Kroaten,  Panduren,  Russen,  Franzosen
  u.  s.  w.  durch  barbarische  Plünderung  und  zwecklose  Zerstörung
  in  Freundes  Land  viel  mehr  schadeten;  die  englischen
Hilfsgelder  (4½/  Millionen  Taler  jährlich  von  1758—1761);
leichtere  Geldprägung  („Ephraimiten");  —  andrerseits  die
Begeisterung,  welche  seine  Person  und  seine  Sache  dem  Volke
und  Heere  einflößten,  und  welche  zu  übermenschlichen  Anstrengungen
spornte.  Ihm  half  endlich,  daß  er,  der  größte  Feldherr  des  Jahrhunderts
  und  seiner  kleineren  Streitmacht  unumschränkter  Herr,
einem  ohne  rechten  einheitlichen  Plan  und  oft  ungeschickt  Krieg
führenden  Bunde  gegenüber  stand.  Auch  waren  Frankreichs,
des  deutschen  Reichs  und  Schwedens  Kriegsverfassungen  in  Verfall,
  und  das  Feldherrntalent  des  Prinzen  Ferdinand  überwog  die
numerische  Ubermacht  der  Franzosen.  Desto  tüchtiger  waren  freilich
  die,  an  Zahl  auch  allein  überlegenen,  Armeen  Osterreichs  und
Rußlands;  ihre  Abwehr  bildete  den  Hauptgegenstand  des  Krieges
und  war  die  schwierige  Aufgabe  des  (oft  gichtkranken)  Königs.
Seine  verdientesten  Gehilfen  waren  hierbei:  sein  Bruder  Heinrich
  (geb.  1726  zu  Berlin,  1802);  Kurt  Christoph  Graf
v.  Schwerin  (geb.  1684);  Friedr.  Wilhelm  v.  Seydlitz  (geb.
1721  zu  Kalkar,  k.  1773);  Hans  Joachim  v.  Zieten  (geb.
1699  zu  Wustrau  bei  Ruppin,  1786);  der  Schotte  James
Keith;  Moritz  von  Dessau  (Sohn  des  1747  gestorbenen
Leopold).

Den  ungeheuren  Soldatenmassen  des  Bundes  entsprach  die
Größe  ihres  Geldaufwandes:  Frankreich  zahlte  an  Osterreich  und
die  verbündeten  deutschen  Fürsten  über  100  Millionen  Livres
Hilfsgelder;  wie  alle  Bundesglieder  stürzte  es  sich  durch  diesen
Krieg  in  tiefe  Schulden  (677  Millionen  Livres);  Österreich
machte  deren  für  154  Millionen  Gulden.  An  Menschen  verlor
Europa  über  eine  Million,  Preußen  hiervon  fast  die  Hälfte;
Nord=  und  Mitteldeutschland  waren  verwüstet.  Friedrich  dem
Großen  kostete  der  Krieg  180  000  Soldaten,  1500  Offiziere,
125  Millionen  Daler;  dennoch  erhöhte  er  weder  die  Steuern,
noch  machte  er  Schulden,  sondern  er  allein  behielt  „den  letzten
Taler  in  der  Tasche“,  war  1763  gerüstet  zu  einem  neuen,
großartigen  Feldzug  und  baute,  seine  Finanzkraft  zu  zeigen  und
Arbeiter  zu  beschäftigen,  sofort  ein  kostbares  Palais  (bei  Sans-
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        —  90  —

souci).  Diese  Tatsache  verstärkte  außerordentlich  die  Meinung
von  seiner  Macht.

Die  Folgen  des  Siebenjährigen  Krieges  waren:  allgemeine  Anerkennung
  Preußens  als  einer  europäischen  Großmacht;  Ubergang
der  Führerschaft  in  Deutschland  an  Preußen;  starkes,  stolzes
Selbstgefühl  der  preußischen  Nation;  ein  großartiger  Aufschwung
der  Geister  im  protestantischen  Deutschland,  insbesondere  auf
literarischem  Gebiet:  „Der  erste  wahre  und  höhere  Lebensgehalt,“
sagt  Goethe,  „kam  durch  Friedrich  den  Großen  und  die  Taten
des  Siebenjährigen  Krieges  in  die  deutsche  Poesie."

Vom  Hubertusburger  Frieden
bis  zum  Tode  Friedrichs  des  Großen  (1763—1786).

§  62.  Friedrichs  erste  Sorge  nach  dem  Frieden  war,  sein
verwüstetes  Land  wieder  in  Blüte  zu  bringen.  Er  gab  Millionen
her,  den  verarmten  Gutsbesitzern  wieder  aufzuhelfen,  verteilte
Saatkorn  und  Pferde  unter  die  Landleute,  baute  verbrannte
Ortschaften  wieder  auf,  führte  den  Kartoffelbau  ein,  förderte
auch  Gewerbe  und  Handel  auf  alle  Weise.  Rasch  kam  das
Fabrikwesen  in  die  Höhe;  die  Berliner  Porzellanfabrik
(1761  gegründet)  bekam  in  Deutschland,  die  schlesische  Linnenweberei
  in  der  ganzen  Welt  Ruf.  Zum  Nutzen  des  Kaufmanns
  gründete  der  König  1765  die  königliche  Bank,  1772  die
Seehandlungs-Gesellschaft  in  Berlin.  —  Seine  Gerechtigkeitsliebe,
  durch  die  Geschichten  vom  Potsdamer  Windmüller  und
vom  Wassermüller  Arnold  weltberühmt,  schützte  die  Armen  und
Geringen  vor  Unbill  und  schuf  das  (1784  unter  Leitung  des
Großkanzlers  v.  Carmer  ausgearbeitete)  Allgeme  ine  Preußische
  Landrecht.

Um  seinem  Staate  die  Großmachtstellung,  die  er  ihm  erobert,
  zu  bewahren,  mußte  sein  Heer  (150  000—200  000  Mann)
immer  schlagfertig,  und  sein  Schatz  immer  voll  sein.  Daher
arbeitete  und  sparte  er  noch  eifriger  als  vordem.  Frühmorgens
saß  er  schon  über  den  Geschäften;  um  sie  gehörig  verrichten  zu
können,  lernte  er,  da  ihm  1782  die  Gicht  in  die  rechte  Hand
trat,  noch  mit  der  linken  leserlich  schreiben.  Dabei  beschränkte
er,  je  älter  er  wurde,  desto  mehr  seine  persönlichen  Bedürfnisse:
Erholung  fand  er,  nachdem  ihm  allmählich  die  Jugendfreunde
gestorben,  und  seit  das  Alter  ihm  auch  sein  Flötenspiel  versagte,  nur
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        noch  in  Lektüre  und  Schriftstellerei.  So  verlangte  er  denn  auch
von  den  Untertanen  viel.  Um  den  Steuerertrag  zu  mehren,
erhöhte  er  die  Zölle  auf  Luxuswaren,  gab  der  Regierung  den
Alleinhandel  (das  Monopol)  mit  Kaffee  und  Tabak  und  führte
eine  strengere  Acciseverwaltung,  die  „Regie“  (1766),  ein,  die
besonders  durch  die  Plackerei,  welche  die  Zollbeamten  übten
CKaffeeriecher“),  sehr  drückend  und  verhaßt  war.  Dagegen  hat
er  zur  Beförderung  des  Ackerbaues,  Handels  und  Gewerbes
binnen  20  Jahren  (von  1763—1783)  24  Millionen  Taler  hergegeben,
  die  er  zum  großen  Teil  sich  an  seinem  Hofhalt  absparte.
Sein  Geld  und  seine  Soldaten  erhielten  ihn  auch  bei  allen
Fürsten  in  solcher  Achtung,  daß  er  den  Staat  noch  einmal  durch
eine  wichtige  Provinz  erweitern  konnte.

§  63.  Schon  lange  spielten  die  Russen  in  dem  zerrütteten
polnischen  Reiche  die  Herren,  besonders  seit  die  Kaiserin
Katharina  II.  1764,  nach  Augusts  III.  Tode,  ihren  Günstling
Stanislaus  Poniatowski  zum  König  von  Polen  gemacht  hatte.
Auch  konnte  niemand  den  Polen  helfen.  Denn  einen  Bürgerstand
  gab  es  hier  nicht,  der  Bauer  war  leibeigen,  und  die  herrschenden
  Stände,  Adel  und  Priesterschaft,  waren  in  Selbstsucht
und  Uppigkeit  versunken  und  immer  in  feindliche  Parteien  gespalten.
  So  hatte  die  Nation  keine  Kraft.  Der  König  aber,
dessen  Amt  durch  Wahl  vergeben  ward  und  von  den  Edelleuten
fast  zu  einem  leeren  Ditel  herabgedrückt  worden  war,  sah  ratlos
zu.  Uberdies  war  die  Bevölkerung  nur  zum  Teil  polnischer
Abkunft.  Die  Russen  betrachteten  daher  Polen  als  ihre  sichere
Beute  und  behandelten  den  polnischen  König  wie  einen  Untergebenen
  ihrer  Kaiserin.  Zwar  erhob  sich  hiergegen  ein  Teil  des
polnischen  Adels,  und  auch  die  Türkei  erklärte  (wegen  einer
Grenzverletzung)  1768  an  Rußland  den  Krieg.  Aber  die  Russen
siegten  und  wollten  die  den  Türken  abgenommenen  Donaufürstentümer
  Moldau  und  Walachei  behalten.  Dies  hinwieder  konnte
Osterreich  nicht  zugeben,  und  so  drohte  auch  ein  Krieg  mit  dieser
Macht.  In  denselben  wäre  auch  Preußen  hineingezogen  worden;
denn  Friedrich  hatte,  um  sich  gegen  die  Feindschaft  der  übrigen
Großmächte  zu  sichern,  1764  einen  Bund  mit  Rußland  geschlossen.
Um  nun  diesen  Krieg  zu  vermeiden,  trat  er  als  Friedensvermittler
  dazwischen.  Man  einigte  sich  dahin,  daß  die  Nussen  die
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        Donaulande  räumten  und  sich  mit  einem  Teile  Polens  begnügten,
einen  anderen  Teil  aber  an  Osterreich  und  Preußen  kommen
ließen.  Nach  dem  Teilungsvertrage  vom  5.  August  1772
(den  der  polnische  Reichstag  im  folgenden  Jahre  genehmigen
mußte)  nahm  jede  der  drei  Mächte  den  ihr  zunächst  liegenden
Strich  von  Polen,  und  zwar  Rußland  Litauen,  Osterreich  Galizien,
  und  Preußen  das  untere  Weichselland  —  doch  ohne  Danzig
und  Thorn  —  nämlich  Westpreußen  (Pommerellen,  Kulm,
Elbing)  mit  dem  Netzedistrikt  und  Ermland,  645  Quadratmeilen
  mit  600  O00  Einwohnern.  So  war  dies  deutsche  Land
nach  dreihundertjähriger  Fremdherrschaft  dem  Deutschtum  wiedergewonnen,
  und  die  Lücke  im  preußischen  Staate  zwischen  Ostpreußen
  und  Brandenburg-Pommern,  in  welche  sonst  die  Russen
eingedrungen  wären,  glücklich  ausgefüllt.  Dies  große  Verdienst
vermehrte  Friedrich  noch  durch  die  Wohltaten,  die  er  der  neuen
Provinz  zu  teil  werden  ließ.  Nachdem  er  sich  am  27.  September
1772  in  Marienburg  hatte  huldigen  lassen  (nunmehr  als  König
„von“  Preußen,  weil  ihm  jetzt  das  ganze  gehörte),  erlöste  er  die
westpreußischen  Protestanten  von  der  Herrschaft  der  römischen
Kirche,  führte  unparteiische  Rechtspflege  ein,  verbesserte  das  Schulwesen
  und  die  ganze  Verwaltung,  legte  1773—1774  den  Bromberger
  Kanal  an,  1776  die  Festung  Graudenz,  machte  die
Warthe=  und  Netzebrüche  urbar,  siedelte  hier  viele  Hunderte
von  deutschen  Familien  an,  verwandelte  die  Jesuitenkollegien  in
Gymnasien  und  widmete  überhaupt  dieser  Provinz  eine  landesväterliche
  Fürsorge,  die  sie  seit  Jahrhunderten  entbehrt  hatte.

§  64.  Auch  im  deutschen  Reiche  stieg  sein  Ansehen  immerfort.
  Er  spielte  hier  die  erste  Rolle  und  duldete  nicht,  daß
Preußens  damaliger  Todfeind,  Osterreich,  hier  wieder  zur  alten
Macht  kam.  Maria  Theresias  Sohn,  Kaiser  Joseph  II.,  wollte
für  Schlesien  Ersatz  in  Bayern  suchen.  Als  hier  die  bayrische
Linie  des  Hauses  Wittelsbach  ausstarb  (Dezember  1777),  ließ  er
Truppen  einrücken  und  bewog  den  Erben,  Kurfürst  Karl  Theodor
von  Pfalz-Sulzbach,  ihm  einen  großen  Teil  von  Bayern  abzutreten
  (Januar  1778).  Aber  sofort  erklärte  ihm  Friedrich  der
Große  den  Krieg  und  fsiel  in  Böhmen  ein,  um  dem  Herzog
Karl  von  Pfalz-Zweibrücken,  dem  nächsten  Verwandten  des  Kurfürsten,
  Bayern  zu  erhalten.  Da  Maria  Theresia  einen  neuen
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        großen  Kampf  vermeiden  wollte,  so  mußte  Joseph  II.  nachgeben;
der  Friede  zu  Teschen  (1779),  in  welchem  die  Ssterreicher
Bayern  mit  Ausnahme  eines  Grenzstrichs  am  Inn  wieder  herausgaben,
  beendete  diesen  Bayrischen  Erbfolgekrieg;  zu  einer
Schlacht  war  es  nicht  gekommen  („Kartoffelkrieg“).  1785  rettete
Friedrich  den  Wittelsbachern  Bayern  noch  einmal;  denn  da  Kaiser
Joseph  seine  Umtriebe  erneuerte,  so  vereitelte  Friedrich  dieselben,
indem  er  die  Fürsten  fast  aller  deutschen  Mittel=  und  Kleinstaaten
veranlaßte,  sich  mit  ihm  zu  einem  Bunde  zu  vereinigen,  dem
„Deutschen  Fürstenbunde,“  der  unter  Preußens  Führung  die
Aufrechterhaltung  des  Bestehenden  im  Reiche  bezweckte,  worauf
dann  der  Kaiser  von  seinem  Plane  abstand.  »
So  blieb  Friedrich  der  Große  bis  zuletzt  Osterreich,  das
er  für  Preußens  natürlichen  Widersacher  erklärte,  überlegen.
Donnerstag  am  17.  August  1786  starb  der  König,  nachdem
er  46  Jahre  lang  und  selbst  in  der  Krankheit,  die  zumal  sein
Greisenalter  quälte  (Gicht,  Wassersucht),  seine  Arbeit  nicht  einen
Tag  versäumt  hatte.  „Wann  wird  wieder  ein  so  großer  König
das  Zepter  führen?"  sprach  sein  Feind,  Fürst  Kaunitz  in  Wien.
Friedrich  der  Große  hinterließ  den  Staat  von  2145  Quadratmeilen
  und  2½  Millionen  Einwohner  auf  3524  Quadratmeilen
und  5⅝  Millionen  Einwohner,  die  Einkünfte  von  7  auf
20  Millionen  Taler,  das  Heer  von  83  000  auf  200  000  Mann
vergrößert  und  einen  Schatz  von  55  Millionen  Taler.  Er  hat
Preußen  zu  einer  Großmacht,  die  Schlesier  und  Westpreußen  zu
Preußen,  die  Preußen  zu  einer  weltberühmten  Nation  gemacht.
Das  polnische  Reich  vor  1772  hatte  keine  nationale  Einheit;
von  seinen  13  Millionen  Einwohnern  auf  13000  Quadratmeilen
waren  nur  etwa  5  Millionen  Polen,  die  der  Hauptmasse  nach
an  der  oberen  und  mittleren  Weichsel  und  Warthe  saßen.  Den
weiten  Osten  hatten  im  Süden  zwischen  San  und  Dujepr  russische
Stämme,  im  Norden  zwischen  Narew  und  Düna  Litauer  inne;
im  Nordwesten,  an  der  unteren  Weichsel  bildeten  Deutsche  die
Mehrzahl.  In  der  Kultur  hinter  den  Deutschen,  im  Staatswesen
  auch  hinter  den  Russen  weit  zurückgeblieben,  hatten  die
Polen  zur  Beherrschung  fremder  Völker  keinen  Beruf,  zur  Behauptung
  ihrer  eigenen  Unabhängigkeit  nicht  die  Kraft.
Durch  die  erste  Teilung  Polens  riß  Friedrich  ein  deutsches
Land  aus  der  Gewalt  des  Slawentums,  rettete  Westpreußen  vor
der  Polonisierung,  der  es  zum  Teil  bereits  erlegen  war.  Seine
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        —  94  —

Politik  verletzte  auch  hier  das  formale  Recht,  brachte  aber  wichtige
deutsche  Lebensinteressen  wieder  zu  gebührender  Geltung.  Die
Untaten  der  polnischen  Katholiken  gegen  die  Evangelischen  mußten
  hier  nun  aufhören;  aber  auch  für  die  katholischen  Westpreußen
  war  es  ein  Segen,  daß  die  alte  polnische  Wirtschaft  ein
Ende  nahm;  das  Land  blühte  auf  unter  der  preußischen  Verwaltung
  (Domhardt,  v.  Brenckenhoff).  Dagegen  warf  sich  Friedrich
  im  Bayrischen  Erbfolgekriege  und  bei  der  Stiftung  des  deutschen
  Fürstenbundes  zum  Beschützer  der  deutschen  Reichsverfassung
gegen  Joseph  II.  auf,  weil  jedes  Wachstum  Österreichs  in
Deutschland  ein  Nachteil  für  Preußen  war.  Die  Richtschnur
seines  Tuns  war  in  diesen  wie  in  allen  Fällen  einzig  und  allein
die  Macht  und  Größe,  die  Wohlfahrt  und  Sicherheit  des  preußischen
  Staates.

§  65.  In  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  ging  in
den  Köpfen  und  Sitten  des  Volks  eine  große  Veränderung  vor.
Das  Bedürfnis  nach  geistiger  Bildung  steigerte  sich  und  wurde
allgemein,  der  Mittelstand  ihr  Träger.  Selbst  die  dienende
Klasse  in  den  Städten  ergriff  die  Lust  zu  lesen  und  sich  zu  belehren.
  überall  entstanden  Leihbibliotheken.  In  den  Schulen
führte  man  eine  weniger  pedantische  Methode  ein  und  trieb  auch
Realien.  Die  Hauptstadt  war  der  große  Herd  der  ästhetisch-literarischen
  Bewegung.  Hier  veröffentlichte  Nikolai  die  berühmten
Literaturbriefe  (1759—1765),  an  denen  Lessing  mitgearbeitet,
und  deren  Fortsetzung,  die  „Allgemeine  Deutsche  Bibliothek“".
Lessing  selbst,  der  Schöpfer  der  wissenschaftlichen  Kritik  und  der
Erneuerer  der  deutschen  Prosa,  lebte  und  schrieb  viel  in  Berlin;
und  die  Perle  seiner  Dichtung,  „Minna  von  Barnhelm“,
ist  ein  preußisches  Nationaldrama.  Von  den  Heroen  der  klassischen
  Literatur  Deutschlands  gehörten  durch  Geburt  Preußen  an:
Klopstock  (geb.  1724  in  Quedlinburg),  Herder  (geb.  1744  in
Mohrungen),  Winckelmann  (geb.  1717  in  Stendal).  Eigentlich
preußische  Schriftsteller  waren:  Ewald  von  Kleist  (geb.  1715),
der  Dichter  des  „Frühlings“,  der  bei  Kunersdorf  fiel,  und  Gleim,
der  Sänger  der  „Lieder  eines  preußischen  Grenadiers“  (geb.  1719,
1  1803  in  Halberstadt);  Th.  G.  v.  Hippel,  der  Humoristiker
(geb.  1741  zu  Gerdauen);  Hamann  (geb.  1730  in  Königsberg),
der  „Magus  des  Nordens".  WMissenschaftliche  Größen  waren:
Cocceji,  Carmer,  Svarez;  Lieberkühn,  Euler,  Dohm,  Achard;
der  Weltumsegler  Reinhold  Forster;  der  hallesche  Philolog
F.  A.  Wolf;  die  Philosophen  Garve,  Engel,  Moses  Mendelssohn.
  Von  weltgeschichtlicher  Bedeutung:  Immanuel  Kant
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(geb.  1724,  X  1804  in  Königsberg),  der  Gründer  der  neueren
Philosophie  („Kritik  der  reinen  Vernunft“  1781;  „Kritik  der
praktischen  Vernunft“,  „Kritik  der  Urteilskraft"  1790).  Einheimische
  Künstler:  der  Maler  Antoine  Pesne  (+F  1757),  Daniel
Chodowiecki,  der  „preußische  Hogarth“  (geb.  1726  zu  Danzig,
1  1801  zu  Berlin);  Karl  Heinrich  Graun  (geb.  1701  zu  Wahrenbrück
  bei  Liebenwerda,  I  1759  zu  Berlin;  „Tod  Jesu“  1754),
Benda,  Reichardt;  Händel  nur  durch  Geburt  Preuße  (geb.  1685  in
Halle).  —  Berlin,  durch  prächtige  Bauten  und  Anlagen  (z.  B.
die  Heldengallerie  auf  dem  Wilhelmsplatz)  sehr  verschönert,  seit  dem
Siebenjährigen  Kriege  Fabrikstadt,  als  Residenz  Friedrichs  des
Großen  der  Sammelplatz  vieler  Fremden  und  besonders  vieler
Franzosen,  erhielt  großstädtischen  Charakter.  Aber  zugleich  nisteten
  sich  französische  Sitten  und  Laster  ein;  die  Aufklärung
entartete  vielfach  zur  Freigeisterei,  der  Schönheitssinn  zur
Genußsucht;  Sittenverderbnis  trat  an  die  Stelle  der  altväterischen
  Zucht  und  Ehrbarkeit.  Auch  in  den  Provinzen  gab
es  unvergleichlich  mehr  Aufklärung  und  geistige  Rührigkeit  als  zu
Friedrich  Wilhelms  I.  Zeit,  aber,  besonders  bei  den  höheren
Ständen,  auch  mehr  Uppigkeit  und  Sittenlosigkeit.  Gemeinsam
  war  allen  eine  fast  abgöttische  Verehrung  des  Königs
und  ein  sehr  hoher  Nationalstolz.

VI.  Vom  Tode  Friedrichs  des  Großen  bis  zum
Fall  der  alten  Monarchie  (1786—1800).

Friedrich  Wilhelm  II.  (1786—1797).

§  66.  Friedrich  der  Große  hinterließ  keine  Kinder;  es  folgte
ihm  daher  in  der  Regierung  sein  Neffe  Friedrich  Wilhelm
(geb.  1744),  ein  milder  und  großmütiger,  aber  den  Lebensgenüssen
  zu  sehr  geneigter  Mann,  der  unwürdige  Günstlinge
großen  Einfluß  gewinnen  ließ.  Doch  besaß  der  neue  König  anfangs
  die  Liebe  des  Volks,  weil  er  die  Regie  und  das  Tabaksund
  Kaffeemonopol  abschaffte.  Zur  Hebung  des  Unterrichtswesens
  errichtete  er  1787  ein  Oberschulkollegium;  um
der  Freigeisterei  zu  steuern,  ließ  er  durch  ein  Religionsedikt
1788)  den  Geistlichen  und  Lehrern  die  alte  Rechtgläubigkeit  zur
        <pb n="99" />
        —  96  —

Pflicht  machen;  durch  ein  Zensuredikt  zog  er  der  Presse  die
engsten  Schranken.

In  der  auswärtigen  Politik  handelte  er  anfangs  nach  dem
Rat  eines  tüchtigen  Ministers,  des  von  Friedrich  dem  Großen
gebildeten  Grafen  Hertzberg,  bald  aber  nach  seinen  persönlichen
Stimmungen.  Als  seine  Schwester,  die  Gemahlin  des  holländischen
  Erbstatthalters  Prinzen  von  Oranien,  bei  einem  Aufstande
  der  Holländer  eine  Kränkung  erfuhr,  besetzte  er,  ohne
Widerstand  zu  finden,  ganz  Holland  und  schaffte  dem  Erbstatthalter
  dort  seine  Rechte  wieder  (1787).  Preußen  hatte  von  diesem
  kostspieligen  Kriegszuge  keinen  Vorteil.  Ebenso  wenig  nützte
der  König  seinem  Staate  durch  sein  Verhalten  zu  Osterreich.
Dasselbe  führte  im  Bunde  mit  Rußland  Krieg  gegen  die  Türken,
während  Belgien  und  Ungarn  gegen  die  habsburgische  Herrschaft
sich  empörten,  und  Polen  und  Schweden  die  Waffen  zu  ergreifen
drohten.  Friedrich  Wilhelm  rüstete,  um  hieraus  für  Preußen
einen  Vorteil  zu  ziehen,  gab  aber  den  Plan  wieder  auf  und  vermittelte
  im  Vertrage  zu  Reichenbach  (1790)  zwischen  Osterreich
  und  der  Türkei  einen  Frieden.

§  67.  Die  Französische  Revolution  (1789),  in  welcher
die  Franzosen  die  drückenden  Vorrechte  des  Adels  und  der  Geistlichkeit,
  sowie  die  unumschränkte  Monarchie  abschafften,  erbitterte
Friedrich  Wilhelm  II.,  und  als  jene  in  ihrem  Freiheitstaumel
ihren  König  Ludwig  XVI.  und  dessen  Gemahlin  Maria  Antoinette
  auch  persönlich  beschimpften,  beschloß  er,  von  den  französischen
  Emigranten  (ausgewanderten  Prinzen  und  Edelleuten)
aufgereizt,  als  Wiederhersteller  des  königlichen  Ansehens  und
Unterdrücker  der  Demokratie  in  Frankreich  aufzutreten.  Nach
Entlassung  Hertzbergs  und  einer  Zusammenkunft  mit  Kaiser
Leopold  II.,  dem  Bruder  Marie  Antoinettens  (in  Pillnitz  1791),
verbündete  er  sich  mit  Osterreich  (1792),  und  als  die  französische
  Regierung  diesem  nun  den  Krieg  erklärte,  zog  er  als
dessen  Bundesgenoß  das  Schwert  gegen  Frankreich.

Der  Einfall  der  Preußen  in  die  Champagne,  sowie
das  drohende  Manifest  ihres  Befehlshabers,  des  Herzogs  Karl
von  Braunschweig,  reizte  jedoch  nur  die  Wut  der  Franzosen,
die  sich  massenhaft  den  Fremden  entgegenstellten.  Nach  der
Kanonade  von  Valmy  (20.  September  1792),  wo  der  Herzog
        <pb n="100" />
        —  97  —

von  Braunschweig  sich  unentschlossen  gezeigt,  und  nachdem  General
  Dumouriez  die  Osterreicher  bei  Jemappes  geschlagen  (November
  1792)  und  die  Niederlande  erobert  hatte,  begannen  die
Franzosen  ihrerseits  Deutschland  anzugreifen.  Die  Hinrichtung
Ludwigs  XVI.  (21.  Januar  1793)  und  der  Sieg  der  Jakobiner
in  Paris  veranlaßte  alle  Nachbarn  Frankreichs  zu  einer  großen
Verbündung  gegen  dies  revolutionäre  Land,  und  die  Deutschen
gewannen  mehrere  Erfolge;  die  Preußen  namentlich  eroberten
(23.  Juli  1793)  Mainz,  siegten  bei  Pirmasens  über  Moreau
(14.  September),  bei  Kaiserslautern  (28.  November)  über
Hoche.  Aber  die  Uneinigkeit  der  Verbündeten  rettete  Frankreich;
denn  während  Preußen  und  Osterreich  wegen  der  polnischen
Angelegenheiten  mit  einander  zerfielen  und  den  franzöfischen
Krieg  lau  und  planlos  führten,  gewann  der  Wohlfahrtsausschuß
der  französischen  Republik  Zeit,  die  ganze  Nation  zu  bewaffnen.
Daher  halfen  auch  die  neuen  Siege  der  Preußen  bei  Kaiserslautern
  (23.  Mai  1794  unter  Möllendorf  und  18.—20.  September
  unter  Hohenlohe  und  Blücher)  nichts.  Osterreichs  Treulosigkeit
  und  die  Zerrüttung  der  preußischen  Finanzen,  die  freilich
  Friedrich  Wilhelm  durch  seine  falsche  Politik  selbst  verschuldet
  hatte,  bewogen  den  König,  sich  von  diesem  unersprießlichen
Kriege  zurückzuziehen.  Am  5.  April  1795  schloß  er  mit  der  französischen
  Republik  den  Frieden  zu  Basel,  in  welchem  er  den
Franzosen  vorläufig  das  linke  Rheinufer  überließ  und  Norddeutschland
  nach  Maßgabe  einer  „Demarkationslinie“  für  neutral
erklärte.  Beim  Eintritt  des  allgemeinen  Friedens  sollte  Preußen,
falls  es  sein  überrheinisches  Gebiet  (43  Quadratmeilen)  nicht
wieder  erhalte,  diesseit  des  Rheins  entschädigt  werden.

§  68.  Der  Verlust  an  Geltung  und  Ansehen,  den  der  unrühmliche
  Ausgang  seiner  Unternehmungen  in  den  Verträgen
von  Reichenbach  und  von  Basel  dem  preußischen  Staate  zufügte,
wurde  durch  große  Erwerbungen  in  Polen  nur  zum  Teil  aufgewogen.
  Es  gab  in  Polen  zwei  Adelsparteien:  die  eine  versuchte
  das  Reich  durch  eine  verbesserte  Verfassung  zu  retten  und
hoffte  auf  Preußens  Schutz,  den  sie  jedoch  nicht,  wie  dieses
wünschte,  durch  Abtretung  der  deutschen  Städte  Danzig  und
Thorn  erkaufen  wollte;  die  andere  stand  im  Solde  Rußlands
und  rief  ein  russisches  Heer  ins  Land.  Die  Patrioten  unter

Pierson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.  7
        <pb n="101" />
        —  98  —

Kosciuszko  wurden  von  den  Russen  bei  Dubienka  (17.  Juli
1792)  besiegt;  damit  Rußland  nun  nicht  ganz  Polen  verschlinge,
ließ  auch  Friedrich  Wilhelm  Truppen  einrücken  und  vereinigte
sich  mit  der  Kaiserin  Katharina  zur  Zweiten  Teilung  Polens
(im  Vertrage  zu  Grodno  22.  Juli  1793).  In  diesem  Vertrage,
den  der  polnische  Reichstag  anerkennen  mußte,  nahm  Rußland
das  östliche  Polen,  Preußen  aber  außer  Danzig  und  Thorn
das  sogenannte  Großpolen,  im  ganzen  ungefähr  1000  Quadratmeilen
  mit  1  100  000  Einwohnern;  diese  neue  Provinz  (deren
Kern  etwa  das  heutige  Großherzogtum  Posen  umfaßte)  erhielt
den  Namen  Südpreußen.

Im  März  1794  empörten  sich  die  Polen  und  vertrieben
ihre  russischen  Unterdrücker.  Friedrich  Wilhelm  warf  den  Aufstand
  zwar  durch  den  Sieg  bei  Szczekocyn  (über  Kosciuszko
6.  Juni  1794)  nieder,  hob  aber  die  Belagerung  Warschaus  wieder
  auf  und  überließ  den  Russen  die  völlige  Bezwingung  des
Landes.  Diese,  geführt  von  Suworow,  besiegten  Kosciuszko  bei
Maciejowice  (10.  Oktober  1794),  erstürmten  Praga,  besetzten
Warschau  und  vernichteten  das  polnische  Reich  durch  die  Dritte
Teilung  Polens  (24.  Oktober  1795).  In  derselben  nahmen
Rußland  und  Osterreich  für  sich  das  meiste  und  nötigten  dann
Friedrich  Wilhelm,  sich  mit  dem  Rest  (Masovien,  Warschau,
Bialystok  —  860  Quadratmeilen  mit  einer  Million  Einwohner  —)
zu  begnügen;  er  nannte  diese  Besitzungen  „Neuostpreußen“
und  „Neuschlesien“.

In  Deutschland  vergrößerte  er  den  Staat  durch  einen  Vertrag
mit  dem  letzten  Markgrafen  von  Ansbach  und  Bayreuth,  nach
welchem  diese  Fürstentümer  1792  an  Preußen  abgetreten  wurden.

Obwohl  nun  unter  Friedrich  Wilhelm  Preußen  an  Umfang
und  Bevölkerung  sehr  wuchs,  von  3524  auf  5537  Quadratmeilen
  von  5⅜  Millionen  Einwohnern  auf  82/,  so  war  doch
seine  Macht,  als  er  (1797)  starb,  im  Sinken;  denn  jener
Zuwachs  belastete  den  deutschen  Staat  mit  polnischem  Volk,
und  die  rechte  Kraft  war  vergeudet.  Friedrich  Wilhelm  hatte
nicht  bloß  den  Schatz  Friedrichs  des  Großen  verbraucht,  sondern
  noch  35  Millionen  Taler  Schulden  gemacht;  und  was
noch  schlimmer  war,  da  nicht  mehr  strenge  und  kluge  Aussicht
gehalten  wurde,  so  verfielen  Heer  und  Beamtenschaft,  wenn  auch
die  Truppenzahl  auf  235  000  Mann  stieg.  Ein  anderes  Übel
        <pb n="102" />
        —  99  —

war  die  Üppigkeit  des  Hofes;  sie  beförderte  auch  bei  den  Unter—
thanen  die  Sittenlosigkeit.

s  69.  Unter  den  Großmächten  damals  bei  weitem  die  kleinste
und  von  einem  politisch  noch  unmündigen  Volke  bewohnt,  konnte
Preußen  seine  hohe  Stellung  in  der  Welt  nur  so  lange  behaupten,
als  Friedrichs  des  Großen  Genie,  Arbeitskraft  und  Arbeitslust  die
Monarchie  beseelten.  Alles  kam  auf  die  Persönlichkeit  des
Regenten  an.  Daher  geriet  der  Staat  sofort  in  Verfall,  als  mit
Friedrich  Wilhelm  II.  ein  Fürst  den  Thron  bestieg,  der  sich  statt
vom  Staatswohl  von  seinen  persönlichen  Neigungen  bestimmen  ließ,
dem  die  Arbeit  des  persönlichen  Regierens  zu  lästig  oder  zu  schwer
war,  und  der  Günstlingen  wie  Bischoffwerder  und  Wöllner  Macht
im  Staate  gab.  Damit  fiel  er  von  der  heilsamen  Überlieferung
seiner  Vorgänger  ab,  wie  auch  sein  Privatleben  nicht  hohenzollenscher
  Art  war.  Und  weil  das  Beispiel  des  Hofes  in
patriarchalisch  regierten  Staaten  für  die  Nation  maßgebend  ist,
so  verbreiteten  sich  unter  dieser  Regierung  die  Genußsucht  und
ein  schlaffes,  zerfahrenes  Wesen  in  der  ganzen  höheren  Gesellschaft
  und  bis  in  den  Bürgerstand.

Nach  außen  zeigte  sich  der  Abfall  von  Friedrichs  Überlieferung
  darin,  daß  eine  Gefühlspolitik  an  Stelle  der  Interessenpolitik
  trat.  Der  Wendepunkt  war  die  Reichenbacher  Konvention;
in  ihr  gab  Friedrich  Wilhelm  die  Gegnerschaft  zu  Österreich
  auf  und  geriet  in  dessen  Schlepptau,  während  Hertzberg
geraten  hatte,  im  Bunde  mit  den  empörten  Nationalitäten
(Belgien,  Ungarn,  Polen)  die  Zertrümmerung  Osterreichs  zu  unternehmen.


Dennoch  konnte  der  Bund  der  deutschen  Großmächte  nicht
einmal  Polens  Vernichtung  und  Rußlands  Vordringen  abwenden,
  teils  weil  jene,  von  der  schlauen  Zarin  eifrig  gegen
Frankreich  gehetzt,  ihre  Kräfte  nach  dem  Westen  gewendet  hatten,
teils  weil  die  polnische  Nation  durch  eigene  Schuld  ihren  Ruin
vollendete.

Während  die  Erwerbung  von  Danzig  und  Thorn  im  Interesse
  des  Deutschtums  und  des  Weichselhandels  von  Westpreußen,
die  Erwerbung  Posens  zur  Sicherheit  der  Grenzen  des  Staates
notwendig  war,  enthielt  der  Besitz  des  übrigen  Polens  für  Preußen
  viel  Nachteil  und  Gefahr.  Es  verlor  dadurch  an  Einheitlichkeit
  des  Volkstumes  in  Sprache,  Sitte  und  Glauben;  es
hatte  dort  unruhige,  ungebildete,  von  einem  preußenfeindlichen
Adel  und  Klerus  geleitete  Bevölkerungen  im  Joch  zu  halten.

77
        <pb n="103" />
        —  100  —

Diese  unrichtige  Lösung  der  polnischen  Frage  wurde  dem  preußischen
  Könige  aufgenötigt  durch  ihr  Zusammentreffen  mit  dem
französischen  Kriege,  der  einen  großen  Teil  der  Staatskräfte  lahmlegte,
  durch  Osterreichs  Abfall,  welches  ihm  in  Polen  entgegenarbeitete
  und  sich  dann  wider  ihn  mit  der  Zarin  verbündete,  und
durch  Rußlands  Ubermacht,  das,  während  Deutschland  die  Franzosen
  bekämpfte,  im  Osten  ungehindert  schalten  konnte.

Der  Friede  zu  Basel  brachte  über  Preußen  zum  ersten  Male
den  Vorwurf  einer  undeutschen  Politik;  doch  hatten  weder  die
deutschen  Kleinstaaten  noch  der  Kaiser  ihre  Pflicht  im  Reichskriege
gethan.  Franz  II.  verhandelte  vielmehr  insgeheim  mit  dem  Wohlfahrtsausschuß
  und  trieb  dadurch  Friedrich  Wilhelm  vollends  zum
Abschluß  seines  Sonderfriedens.

Friedrich  Wilhelm  III.  (1797—1840).

§  70.  Friedrich  Wilhelms  II.  ältester  Sohn  und  Nachfolger,
  Friedrich  Wilhelm  III.  (geb.  am  3.  August  1770  zu
Potsdam),  war  ein  sittenreiner,  ehrbarer  und  wohlwollender
Mann,  ausgezeichnet  zwar  nicht  durch  rasche  Entschlossenheit  und
selbstvertrauende  Tatkraft,  aber  durch  einen  verständigen  Sinn,
Pflichtgefühl,  Liebe  zur  Ordnung,  Sparsamkeit,  Gerechtigkeit.
Mit  seiner  Gemahlin,  der  schönen,  geistreichen  und  tugendhaften
Königin  Luise  (geb.  als  Prinzessin  von  Mecklenburg-Strelitz
am  10.  März  1776),  führte  er  ein  schlichtes,  gemütliches  Leben,
ein  Muster  eines  echt  deutschen  Familienvaters.  Dies  Vorbild
wirkte  läuternd  auf  die  entsittlichten  höheren  Kreise  der  Nation
und  gewann  alle  Herzen.  Auch  die  ersten  Regierungshandlungen
des  Königs  fanden  beim  Volke  allgemeinen  Beifall.  Er  entfernte
die  Günstlinge  seines  Vaters  aus  ihren  einflußreichen  Stellen,
hob  das  Religionsedikt  auf,  das  nur  Heuchelei  befördert  habe,
und  brachte  durch  Wirtschaftlichkeit  die  Finanzen  in  bessere
Ordnung.  Eine  gründliche  Reform  des  Staates  und  Heeres
nahm  er  aber  nicht  vor,  weil  man  beide,  als  Erbstücke  von
Friedrich  dem  Großen,  für  unübertrefflich  hielt.  Darin  lag  nun
eine  große  Selbsttäuschung;  denn  im  Laufe  der  Zeit  waren  die
Einrichtungen  beider  veraltet,  während  die  französische  Revolution
  auswärts  ganz  neue  Anstalten  und  Mächte  geschaffen  hatte.

In  Frankreich  nämlich  hatte  man  nach  Beseitigung  der
Standesvorrechte  alle  Einwohner  zu  gleichberechtigten  Staats-
        <pb n="104" />
        —  101  —

bürgern  gemacht  und  jedem  Talent  ohne  Rücksicht  auf  Geburt,
Alter  oder  Glauben  den  Zutritt  zu  den  höchsten  Ämtern  im  Civil
und  Militär  eröffnet.  Dadurch  waren  rasch  die  fähigsten  Köpfe
nach  oben  gekommen  und  hatten  besonders  im  Kriegswesen  großartige
  Verbesserungen  eingeführt,  so  daß  die  französischen  Truppen
  sich  viel  leichter  und  rascher  bewegten  und  in  weit  größeren
Massen  schnell  auf  einen  Punkt  versammelt  werden  konnten,  als
die  feindlichen  Heere,  welche  nach  alter  Art  zusammengesetzt  und
eingerichtet  waren.  Und  während  bei  diesen  oft  unfähige  Männer
kommandierten,  wurden  die  Franzosen  von  kraft=  und  talentvoller,
Generalen  geführt.  Unter  diesen  ragte  Napoleon  Bonaparte
(geb.  1769  zu  Ajaccio  in  Korsika)  durch  außerordentliche  Willenskraft,
  Einsicht  und  Gewandtheit  hervor.  Seine  glänzenden  Siege
Aber  die  Osterreicher  (1797)  gewannen  ihm  die  Ergebenheit  der
Armee;  mit  deren  Hilfe  machte  er  sich  unter  dem  Namen  eines
ersten  Konsuls  zum  Herrn  der  Republik  (1799).  Seine  Herrschsucht
  strebte  jetzt  auch  die  andern  Staaten  zu  bemeistern  und  auf
ihre  Kosten  für  sich  und  Frankreich  immer  mehr  Ruhm  und
Beute  zu  erringen.

Friedrich  Wilhelm  ahnte  wohl  die  große  Gefahr,  die  ihm
von  diesem  Manne  drohte,  und  er  war  gegen  die  Schäden  seines
Heeres  und  Staates  nicht  blind;  aber  er  liebte  das  Neuern  nicht
und  ließ  daher  alles  beim  alten,  weil  er  hoffte,  wenn  er  sich
immer  neutral  halte,  werde  Napoleon  ihn  nicht  angreifen.  So
konnte  dieser  desto  leichter  mit  Osterreich  fertig  werden,  das  er
im  Jahre  1800  noch  einmal  besiegte  und  zum  Frieden  von
Luneville  (1801)  zwang,  in  welchem  Italien  (außer  Venedig),
die  Schweiz  und  Holland  und  das  deutsche  Land  links  vom
Rhein  an  Frankreich  kamen.  Die  Franzosen  spielten  nun  im
deutschen  Reich  die  Herren;  nach  ihrer  Anordnung  entschädigten
sich  die  deutschen  Fürsten  im  Regensburger  Reichsdeputations-Hauptschluß
  (1803)  durch  Einziehung  geistlicher  Güter;
so  bekam  auch  Preußen  Ersatz  für  seine  linksrheinischen  Besitzungen,
  nämlich  für  Kleve,  Geldern,  Mörs,  die  nun  französische
  Provinzen  wurden,  die  Bistümer  Hildesheim,  Paderborn,
  Teile  von  Münster,  Erfurt,  das  Eichsfeld,  Essen,
Mühlhausen,  Nordhausen,  Goslar  und  andere  kleine  Gebiete
  Thüringens  und  Westfalens.  Es  gewann  dabei  an  Land
und  Leuten,  verlor  aber  an  Ansehen  in  der  Welt.
        <pb n="105" />
        —  102  —

8  71.  Auch  als  Napoleon  (1803)  den  Baseler  Frieden
brach  und,  um  England  beizukommen,  Hannover  besetzte,  beharrte
Friedrich  Wilhelm  bei  seiner  Neutralität  und  lehnte,  von  seinem
Minister  von  Haugwitz  und  seinem  Kabinettsrat  Lombard  schlecht
beraten,  den  Beitritt  zu  einem  neuen  Bunde  Englands,  Osterreichs
  und  Rußlands  ab.  Napoleon,  seit  1804  erblicher  Kaiser
der  Franzosen,  drang  nun  immer  gewaltiger  vor;  von  Bayern,
Württemberg,  Baden  unterstützt,  eroberte  er  1805  Osterreich,
schlug  das  österreichisch-russische  Heer  bei  Austerlitz  und  nötigte
Franz  II.  (der  1804  den  Titel  Kaiser  von  ÖOsterreich  angenommen)
  zu  dem  schimpflichen  Frieden  von  Preßburg.  Friedrich
Wilhelm  aber,  dessen  neutrales  Ansbacher  Gebiet  durch  französische
  Truppen  verletzt  worden,  hatte  jetzt  eine  neue  Demütigung
zu  erdulden.  In  einem  Vertrage  mit  Frankreich  (15.  Februar
1806)  mußte  er  Ansbach,  Wesel,  Neuschatel  abtreten,  dem
englischen  Handel  seine  Häfen  schließen  und  durfte  dafür  das
Kurfürstentum  Hannover  nehmen.

Dennoch  half  ihm  seine  Nachgiebigkeit  gegen  Napoleon  nichts.
Diesen  gelüstete  es  längst,  die  Monarchie  und  Armee  Friedrichs
des  Großen  über  den  Haufen  zu  werfen,  und  er  kränkte  daher
absichtlich  den  König  fortwährend.  Am  12.  Juli  1806  brachte
er  die  süddeutschen  Staaten  durch  die  Stiftung  des  Rheinbundes
  ganz  unter  seine  Botmäßigkeit;  die  Fürsten  derselben
machte  er  dafür,  daß  sie  ihm  Kriegsdienst  leisteten,  zu  Souveränen,
  gab  ihnen  höhere  Titel  (denen  von  Bayern  und  Württemberg
  den  Königstitel)  und  mehr  Land  und  Leute.  Das  Deutsche
Reich  löste  sich  damit  auf,  und  Franz  II.  legte  die  deutsche
Kaiserkrone  nieder.  Die  norddeutschen  Fürsten,  die  sich  mit
Preußen  zu  einem  ähnlichen  Bunde  hatten  vereinen  sollen,  wurden
  von  Napoleon  insgeheim  davon  abgemahnt;  ebenso  betrog
und  höhnte  er  den  König,  indem  er  Hannover  den  Engländern
und  Preußisch-Polen  den  Russen  anbot,  wenn  sie  einen  Frieden
auf  seine  Bedingungen  eingingen.  Alles  dies  zeigte  dem  Könige,
daß  der  Krieg  unvermeidlich  sei;  er  entschloß  sich  daher,  das
Schwert  zu  ziehen;  freilich  jetzt  zur  Unzeit.  Denn  weil  die
Heere  des  ihm  verbündeten  Rußlands  noch  weit  entfernt  waren,
und  Osterreich  und  England  jetzt  ihrerseits  untätig  zusahen,  so
hatte  Preußen  (nur  von  Sachsen  unterstützt)  im  wesentlichen
allein  den  ungleichen  Kampf  zu  bestehen.  Es  war  schlecht
        <pb n="106" />
        —  103  —

gerüstet  und  ohne  tüchtige  Führer.  Nur  100  000  Mann
(darunter  20  000  Sachsen)  brachte  es,  als  der  Krieg  Anfang
Oktober  1806  in  Thüringen  begann,  dort  ins  Feld.  Dagegen
hatte  Napoleon  aufs  schnellste  hier  eine  übermacht  von  220  000
Mann  (ein  Fünftel  davon  Rheinbundstruppen)  vereinigt,  und
während  die  preußischen  Feldherren,  der  einundsiebzigjährige
Herzog  von  Braunschweig  und  der  Fürst  von  Hohenlohe,
unentschlossen  hin  und  her  berieten,  besetzte  er  die  Pässe  des
Thüringer  Waldes,  wo  des  Königs  Vetter  Prinz  Louis  Ferdinand
  im  Gefecht  bei  Saalfeld  (10.  Oktober)  eine  Niederlage
erlitt  und  tapfer  kämpfend  fiel.  Darauf  griffen  die  Franzosen
am  14.  Oktober  bei  Jena  und  Auerstädt,  100  000  Mann
stark  unter  Napoleon  und  Davoust,  das  preußische  Hauptheer
(70  000  Mann  unter  Hohenlohe  und  Braunschweig)  an  und  besiegten
  die  tapfer  kämpfenden,  aber  schlecht  geführten  Truppen
vollständig.  Jetzt  bemächtigte  sich  ein  panischer  Schrecken  fast
aller  höheren  Offiziere  und  Beamten,  und  von  dem  nicht  für
möglich  gehaltenen  Schlage  wie  betäubt  und  gelähmt,  gaben  sie
alles  verloren  und  lieferten  ohne  weiteres  Truppen  und  Festungen
dem  Feinde  aus.  Ohne  Schwertstreich  kapitulierten  noch  im  Oktober
  die  Kommandanten  von  Erfurt,  Spandau,  Stettin  und  im
offenen  Felde  Fürst  Hohenlohe  und  v.  Massenbach  bei  Prenzlau;
dann  im  November  die  Befehlshaber  von  Küstrin,  Magdeburg,
Hameln.  Nur  der  General  von  Blücher  rettete  seine  Ehre,  schlug
sich  mit  einem  kleinen  Haufen  bis  Lübeck  durch  und  konnte  erst
nach  heftiger  Gegenwehr  von  der  Ubermacht  zur  Ubergabe
(bei  Ratkau  am  7.  November)  genötigt  werden.  Die  unteren
Offiziere  und  das  Volk  hätten  wohl  Widerstand  versucht;  aber
es  fehlte  die  rechte  Leitung.  Der  Gouverneur  von  Berlin  ermahnte
  vielmehr:  „Ruhe  ist  die  erste  Bürgerpflicht!“  So  konnten
die  Franzosen  schon  am  24.  Oktober  ungehindert  in  Berlin  einziehen,
  die  Verwaltung  des  Staates  an  sich  nehmen  und  dessen
Hifsquellen  für  sich  ausnutzen.

Unterdessen  eilte  der  König  über  die  Oder  und  Weichsel,
um  den  Rest  seines  Heeres  mit  den  Truppen  zu  vereinigen,
welche  sein  Freund  und  Bundesgenoß,  Kaiser  Alexander  von
Rußland,  herbeiführte.  Aber  bei  den  Russen  waren  Oberbefehl
und  Einrichtung  des  Heeres  nicht  besser  bestellt.  Sie  gaben  die
Weichsel  preis  und  drängten  immer  rückwärts.  Die  Tapferkeit
        <pb n="107" />
        —  104  —

der  Russen  unter  Bennigsen  und  der  Preußen  unter  Lestocq
wehrte  dann  zwar  die  französische  Übermacht  in  der  blutigen,
doch  unentschiedenen  Schlacht  bei  Preußisch-Eilau  (7.  und  8.  Februar
  1807)  ruhmvoll  ab,  und  Napoleon  hielt  es  für  geraten,
dem  Könige  einen  Sonderfrieden  anzubieten,  den  dieser  aus
Treue  gegen  Alexander  ablehnte.  Bald  jedoch  zeigte  es  sich,  daß
die  Russen  den  preußischen  Staat  weder  retten  konnten,  noch
wollten.  Ihre  Streitmacht  war  zu  gering.  Am  14.  Juni  1807
brachte  ihnen  Napoleon  bei  Friedland  eine  schwere  Niederlage
  bei,  und  nun  verloren  sie  die  Lust  an  diesem  Kriege.
Friedrich  Wilhelm  mußte  sie  gewähren  lassen;  er  war  auf  den
äußersten  Winkel  seines  Landes  beschränkt.  Die  Feigheit  oder
Kopflosigkeit  seiner  obersten  Diener  hatte  auch  Schlesien  dem
Feinde  ausgeliefert;  die  Kommandanten  von  Glogau,  Breslau,
Schweidnitz  hatten  kapituliert;  im  ganzen  Staate  hielten  sich  nur
die  Festungen  Kolberg  (v.  Schill,  Nettelbeck,  v.  Gneisen  au),
Graudenz  (v.  Courbière),  Kosel  (Neumann),  Silberberg,
Glatz  (Graf  Götzen).  Das  wichtige  Danzig,  von  der  Besatzung
tapfer  verteidigt,  aber  bald  des  Pulvers  ermangelnd,  hatte  sich
(27.  Mai)  ergeben.  Auch  das  Vertrauen  auf  Alexanders  Treue
täuschte.  Er  ließ  sich  bei  einer  persönlichen  Zusammenkunft  mit
Napoleon  (am  25.  Juni  in  Tilsit)  von  diesem  durch  das  glänzende
Bild  einer  Teilung  der  Weltherrschaft  unter  die  beiden  Kaiser  des
Occidents  und  Orients  blenden  und  schloß  mit  ihm  auf  Kosten
seines  Bundesgenossen  Frieden.  Preußen  mußte  an  Rußland
den  Kreis  Bialystok,  an  Frankreich  die  Provinzen  westlich
der  Elbe  und  alles  polnische  Land  nebst  Danzig  und  Thorn
abtreten,  ferner  Napoleons  Kontinentalsystem  annehmen,
d.  h.  allen  Handel  mit  England  abbrechen,  und  endlich  sehr
schwere  Kriegskosten  (140  Millionen  Francs)  zahlen,  bis  zu  deren
Berichtigung  150  000  Franzosen  im  Lande  verblieben  und  es  entsetzlich
  aussogen.  Zu  schwach  zum  Widerstande  unterzeichnete
Friedrich  Wilhelm  am  9.  Juli  1807  diesen  Frieden  zu  Tilsit,
der  ihm  die  Hälfte  seiner  Länder  und  dem  Staate  seine  Großmachtstellung
  raubte.

§  72.  Die  Niederlage  bei  Jena  war  an  sich  weder  schimpflich,
  noch  unerhört;  selbst  die  Franzosen  wunderten  sich,  wie  Soldaten,
  die  man  so  kärglich  halte,  die  man  prügele,  und  die,  wenn
sie  invalid  oder  zu  Krüppeln  geschossen  wären,  betteln  müßten,
        <pb n="108" />
        —  105  —

sich  dennoch  so  tapfer  schlügen,  und  die  preußischen  Offiziere  hatten
bei  Jena  ihren  Mut  durch  die  große  Zahl  der  Gefallenen  (270)
bewiesen.  Aber  was  darauf  folgte,  ist  beispiellos  und  erklärt  sich
nur  aus  der  eigentümlichen  Natur  des  alten  preußischen  Staates.
Er  war  einzig  und  allein  auf  die  Armee  gebaut,  und  diese  zu
blinder  Subordination  erzogen.  Daher  kam  alles  auf  die  Führer
an.  Diese  aber  waren  nicht  mit  Friedrichs  des  Großen  Bilick
ausgewählt  worden.  Die  wichtigsten  Posten  beim  Heere,  wie  beim
Civil,  hatte  der  König  schwachen  Greisen  oder  unbegabten  Männern
  gelassen,  die  nach  der  Anciennität  aufgerückt  waren.  Eine
andere  Ursache  des  jähen  Falles  war  der  maßlose  Hochmut  der
Betroffenen.  Nicht  bloß  die  leitende  Klasse,  sondern  auch  das
Volk  hielt  die  Armee  für  unüberwindlich  und  keiner  Verbesserung
bedürftig.  Und  doch  waren  die  Schäden  derselben  sehr  groß:  die
Wehrverfassung  war  veraltet;  man  brachte  die  Soldaten  noch
durch  Fremdenwerbung  und  aus  dem  einheimischen  Proletariat
zusammen,  drillte  sie  durch  Prügel  zu  Ererziermaschinen,  trieb
einen  pedantischen  Kamaschendienst;  im  Felde  waren  die  Truppen
  schwer  bepackt  und  durch  großen  Troß  gehemmt;  Ausrüstung
  und  Bewaffnung  waren  mangelhaft,  die  Verpflegung
und  der  Sold  unzureichend.  Die  Offizierstellen  standen  fast
nur  dem  Adel  offen,  die  meisten  Oberbefehlshaber  waren  Invaliden.
  Von  der  neuen  napoleonischen  Kriegskunft  verstand
man  nichts  und  wies  zeitgemäße  Neugestaltungen  zurück.

Auf  den  maßlosen  Dünkel  folgte  dann  als  natürlicher  Rückschlag
  ein  maßloser  Schrecken.  Den  Ruin  vollendete  der  Umstand,
daß  die  Nation,  gewohnt  nichts  ohne  Kommando  zu  thun,  dem
Feinde  keinen  Widerstand  entgegensetzte,  da  die  Regierung  ihr
Ruhe  befahl.  Generale  und  Beamte,  sich  selbst  überlassen,  verzagten,
  und  der  König  sah  sein  Heil  nur  noch  bei  den  Russen,
weil  seine  Generale  und  Beamten  nichts  leisteten.

Indem  aber  der  König  über  die  Weichsel  floh  und  sich  unter
den  Schutz  der  Russen  stellte,  gab  er  selbst  die  großen  Verteidigungsmittel
  preis,  welche  noch  in  den  deutschen  Provinzen,  besonders
  in  Schlesien,  vorhanden  waren.  Aus  dem  Osten  seines
Reiches  konnte  er  wenig  Kraft  ziehen;  denn  hier  war  der  größte
Teil  der  Untertanen  polnisch  und  daher  unzuverlässig;  auch  fielen
beim  ersten  Erscheinen  Napoleons  (Ende  November  1806  in
Posen)  die  Polen  sofort  diesem  zu.  Die  Russen  aber,  welche  in
Friedrich  Wilhelm  einen  König  ohne  Land  sahen,  hielten  es  für
vorteilhafter,  sein  Interesse  aufzuopfern,  als  (gemäß  dem  Vertrage
von  Bartenstein  26.  April  1807)  den  Angriffskrieg  fortzusetzen,
zu  welchem  sie  nicht  hinlänglich  gerüstet  waren.
        <pb n="109" />
        —  106  —

Der  Tilsiter  Friede  dehnte  den  Rheinbund  bis  an  die  Elbe,
Frankreichs  Herrschaft  bis  an  die  Weichsel  aus.  Denn  die  abgetretenen
  deutschen  Provinzen  Preußens  gab  Napoleon  als  ein
Königreich  Westfalen  seinem  Bruder  Jerome  und  die  polnischen
  als  ein  Großherzogtum  Warschau  dem  Kurfürsten
von  Sachsen,  den  er  auch  zum  König  machte;  beide  Fürsten
mußten  dafür  in  den  Rheinbund  treten.  Das  Königreich  Sachsen
(dem  auch  die  „Republik“  Danzig  untergeben  wurde)  hatte  nunmehr
  (mit  Warschau)  etwa  denselben  Umfang,  wie  das  Königreich
Preußen,  welches  nur  2869  Quadratmeilen  mit  4  938  000  Einwohnern
  behielt.

—

VII.  Preußens  Wiedergeburt  und  Befreinngskrieg
1807—1815.

Die  Wiedergeburt.

§  73.  Zerstückelt,  beschimpft  und  von  dem  übermütigen
Sieger  geknebelt  und  ausgesogen,  lag  Preußen  im  tiefsten  Elend
darnieder;  aber  das  Unglück  läuterte,  stählte  den  König  und  das
Volk.  Friedrich  Wilhelm  beschloß  jetzt,  den  Staat  von  Grund  aus
neu  zu  gestalten,  und  berief  (am  4.  Oktober  1807)  zu  diesem  Zwecke
als  obersten  Minister  den  Freiherrn  Karl  vom  und  zum  Stein
(geb.  26.  Oktober  1757  in  Nassau,  #  1831),  einen  Mann,  begeistert
  für  Vaterland  und  Freiheit,  Recht  und  Ehre,  und  gleich
fähig,  alte  Mißbräuche  kühn  auszurotten,  wie  neues  Leben  klug  zu
pflanzen.  Seine  Absicht  war,  der  Nation  rechte  Liebe  zum  Vaterlande
  und  unbezwingliche  Kraft  zu  dessen  Verteidigung  einzuflößen,
und  sein  Mittel,  nach  Beseitigung  aller  drückenden  Vorrechte  jedem
Staatsbürger  Gleichheit  vor  dem  Gesetz,  möglichste  Freiheit  seiner
Kräfte,  Teilnahme  an  der  Verwaltung  der  Gemeindesachen  und  dadurch
  an  der  Lenkung  der  Geschicke  des  ganzen  Staats  zu  geben.
Der  König  ging  auf  seine  Ratschläge  ein,  und  so  wurde  zuerst  der
Zustand  der  Bauern  verbessert;  sie  waren  noch  größtenteils  unfrei,
  und  die  Acker,  die  sie  bebauten,  gehörten  meist  nicht  ihnen,
sondern  ihren  Herren.  Aus  dieser  elenden  Lage  hat  Friedrich
Wilhelm  III.  den  Bauernstand  befreit.  Zuerst  hob  er  (durch
Gesetz  vom  9.  Oktober  1807  über  den  erleichterten  Besitz  und  den
freien  Gebrauch  des  Grundeigentums)  ihre  Erbuntertänigkeit
unter  die  Gutsherrschaft  auf:  der  Bauer  durfte  fortan  ohne  guts-
        <pb n="110" />
        —  107  —

herrliche  Genehmigung  erbliche  Grundstücke  verkaufen,  sich  ver—
heiraten  und  fortziehen.  Zugleich  zerbrach  dies  Gesetz  die  hem—
menden  Schranken  zwischen  den  Ständen,  welche  bisher  dem
Edelmann  und  dem  Bauer  das  bürgerliche  Gewerbe,  dem  Bürger
den  Landbau  verwehrt  hatten.  Darauf  hob  der  König  (durch  Verfügung
  vom  28.  Oktober  1807)  auf  seinen  eigenen  Landgütern
(Domänen)  alle  Leibeigenschaft  und  Fronen  auf  und  verlieh
(27.  Juli  1808)  allen  Insassen  —  zuvörderst  im  eigentlichen
Preußen  —  ihre  Grundstücke  als  freies  Erbeigentum.  Durch
diese  großmütige  That  schuf  er  dort  auf  einem  Gebiet  von  195
Quadratmeilen  47000  freie  Bauernhofsbesitzer.  So  begann  er
dem  Bauernstand  zur  Freiheit  auch  den  Besitz  zu  geben.

Sodann  wurde  auch  ein  freies  Bürgertum  geschaffen.
Durch  die  Städteordnung  vom  19.  November  1808  erhielten
die  Städte  das  Recht,  ihre  Angelegenheiten  (die  Gemeindelasten,
Kirchen=  und  Schulsachen,  Armenpflege,  Bauwesen,  Polizei)  selbst
zu  verwalten.  Die  Bürger  wählten  die  Stadtverordneten,  diese
den  Magistrat,  welcher  ausführte,  was  die  Stadtverordneten  beschlossen;
  der  König  behielt  sich  nur  die  Oberaufsicht  und  das
Recht,  den  Magistrat  zu  bestätigen,  vor.

Auch  die  obere  Staatsverwaltung  ordnete  Stein  ganz
neu;  er  beseitigte  die  geheime  Kabinettsregierung  und  vereinigte
alle  Zweige  der  Verwaltung  im  Ministerium.  Der  König  bestätigte
diese  Einrichtung  durch  Verordnung  vom  24.  November  1808.

Durch  äußerste  Sparsamkeit,  in  welcher  der  König  mit
rühmlichem  Beispiel  voranging,  und  durch  Verkauf  vieler
Domänen  gelang  es,  die  Summen  aufzubringen,  die  Napoleon
für  die  Räumung  des  Landes  forderte;  am  Ende  des  Jahres
1808  zogen  die  Franzosen  endlich  ab.

Der  nächste  Zweck  der  Steinschen  Reform  war,  den  preu-Kischen
  Staat  stark  und  geschickt  zu  machen  zu  einem  neuen  Kriege,
um  das  Joch  Napoleons  zu  brechen  und  die  alte  Größe  wiederzugewinnen.
  Gleich  nach  dem  Frieden  setzte  daher  der  König  eine
Kommission  ein  zur  Untersuchung  und  Verbesserung  des  Heerwesens.
  Dieselbe  bestand  aus  den  tüchtigsten  Offizieren  der
Armee,  v.  Gneisenau,  v.  Grolman,  v.  Boyen;  an  ihrer
Spitze  aber  stand  der  General  Gerhard  Scharnhorst  (geb.
12.  Nov.  1755  zu  Bordenau  in  Hannover),  ein  Kriegslehrer  von
großen,  tiefen  Gedanken  und  stiller,  unerschütterlicher  Ausdauer.
Er  gründete  eine  neue  Wehrverfassung.  Das  ganze  Volk
        <pb n="111" />
        —  108  —

sollte  wehrhaft  gemacht  werden,  ein  Volk  in  Waffen  an  Stelle  des
geworbenen  Söldnerheeres  treten;  statt  des  Stocks  sollten  Ehrgefühl
  und  Vaterlandsliebe  die  Treiber  sein,  und  Lohn  und  Ehre
nur  dem  Verdienste  zufallen.  Kleidung,  Ausrüstung,  Übung  der
Truppen  wurden  nach  den  Bedürfnissen  der  Zeit  verbessert,
Fremdenwerbung  abgeschafft;  durch  die  neuen  Kriegsartikel  (vom
3.  Aug.  1808)  die  Prügelstrafe  aufgehoben,  die  Beförderung  ohne
Rücksicht  auf  die  Geburt,  nur  nach  der  Befähigung  angeordnet.

Auch  das  Volk  ging  in  sich.  Die  Leichtsinnigen  und  Genußsüchtigen
  in  den  oberen  Ständen,  die  Stumpffinnigen  in  den
unteren  wurden  durch  das  allgemeine  Elend  zur  Selbsterkenntnis
gebracht.  In  Berlin  lehrte  der  Philosoph  Fichte  (in  seinen
„Reden  an  die  deutsche  Nation“,  im  Winter  1807  bis  1808),
wie  jeder  die  Selbstsucht  von  sich  tun  und  für  das  Ganze  wirken
  müsse.  So  predigte  auch  Schleiermacher  in  Berlin  die
Hingebung  fürs  Vaterland,  und  Moritz  Arndt  aus  Rügen  befeuerte
  durch  seine  Schriften  den  Haß  wider  die  Welschen.  Die
Professoren  an  der  1810  gestifteten  Universität  Berlin  und
an  der  Universität  Breslau  (1811  von  Frankfurt  a.  O.  dorthin
verlegt)  führten  ihre  Schüler  denselben  Weg.  In  Königsberg
aber  stifteten  die  Vaterlandsfreunde  1808  einen  Verein,  den
„Tugendbund“,  der  den  Zweck  hatte,  edle,  patriotische  Gesinnungen
  zu  verbreiten.

&amp;amp;+#l  74.  Napoleon  bemerkte  bald,  daß  Preußen  anfing,  sich
zu  ermannen;  aus  einem  aufgefangenen  Briefe  Steins  ersah  er
dessen  Ziel,  und  um  Preußens  Wiedergeburt  im  Keime  zu  ersticken,
  legte  er  diesem  Staate  neue  Lasten  auf;  der  König  mußte
(im  Pariser  Vertrage  8.  September  1808)  den  Franzosen
die  Festungen  Glogau,  Küstrin  und  Stettin  als  Pfand  für  die
willkürlich  erhöhten  Kontributionen  einräumen  und  durfte  fortan
nicht  mehr  als  42  000  Soldaten  halten.  Notgedrungen  nahm
nun  Stein  seine  Entlassung  (24.  November  1808)  und  ging,
da  ihn  Napoleon  durch  eine  Achtserklärung  verfolgte,  nach  Osterreich,
  dann  nach  Rußland.

Im  Frühling  1809  erhob  sich  Osterreich,  durch  das  Beispiel
der  Spanier  ermutigt,  noch  einmal  zum  Kampfe  gegen  Napoleon.
Friedrich  Wilhelm  blieb  neutral,  weil  der  russische  Kaiser  es  mit
Frankreich  hielt.  Da  versuchte  der  Major  Ferdinand  von  Schill
        <pb n="112" />
        —  109  —

in  Norddeutschland  einen  Volksaufstand  gegen  die  Franzosen
herbeizuführen.  Am  28.  April  1809  zog  er  mit  seinem  Husarenregiment
  auf  eigene  Faust  aus  Berlin  nach  der  Elbe  und  rief
die  Deutschen  zum  Kampf  auf.  Aber  es  kamen  nur  einige  preußische
  Soldaten;  denn  der  König  verdammte  Schills  Tat.  Mit
1500  Mann  zog  nun  Schill  planlos  hin  und  her.  Nachdem  er
bei  Dodendorf  (5.  Mai)  einen  Teil  der  Truppen  Jeromes  geschlagen,
  warf  er  sich  nach  Stralsund,  wo  er  am  31.  Mai  von
6000  Holländern,  Oldenburgern  und  Dänen  nach  heftigster  Gegenwehr
  übermannt  und  mit  vielen  der  Seinen  getötet  wurde;  von
den  Gefangenen  wurden  auf  Napoleons  Befehl  14  Gemeine
und  (zu  Wesel  16.  September)  die  11  Offiziere  als  „Banditen“
erschossen.

Nachdem  Napoleon  den  Kaiser  von  Osterreich  1809  abermals
  bezwungen  und  sich  dann  durch  Verheiratung  mit  dessen
Tochter  noch  mehr  Ansehen  gegeben  hatte,  war  seine  Macht  so
groß,  daß  ihm  nichts  mehr  schien  widerstehen  zu  können.  Sein
Reich  erstreckte  sich  von  den  Pyrenäen  bis  zur  Ostsee  und  vom
Canal  bis  nach  Neapel.  Um  so  sorgfältiger  suchte  Friedrich
Wilhelm  Napoleons  Haß  durch  Fügsamkeit  zu  beschwichtigen;  er
löste  den  Tugendbund  auf  und  kehrte  mit  seinem  Hofstaat  von
Königsberg  nach  Berlin,  ins  Bereich  der  Franzosen,  zurück
(Dezember  1809)  und  entließ  (doch  nur  zum  Schein)  Scharnhorst.
  Aber  die  Reform  des  Staates  setzte  er  fort.  Er  betraute
  mit  ihr  jetzt  den  Freiherrn  Karl  von  Hardenberg
(geb.  1750  in  Hannover,  1822),  einen  freisinnigen,  wohlmeinenden
  und  gewandten  Staatsmann.  Unter  dem  Titel  eines
Staatskanzlers  übernahm  dieser  im  Juni  1810  die  Leitung
der  Geschäfte  und  behandelte  sie  in  Steins  Sinne.  Unter  seinem
  Beirat  schaffte  der  König  die  Vorrechte  des  Gutsadels  und
der  Zünfte  ab:  durch  Edikte  vom  27.  und  30.  Oktober  1810
wurden  alle  Steuerbefreiungen  aufgehoben,  die  Klöster
und  geistlichen  Stifter  eingezogen,  die  Stellung  des
Gesindes  verbessert,  am  2.  November  1810  die  Gewerbefreiheit
  eingeführt.  Das  segensreichste  aber  war  das  Gesetz
vom  14.  September  1811  „über  die  gutsherrlichen  und  bäuerlichen
  Verhältnisse“;  es  gab  dem  Bauer  überall  einen  Teil
des  Ackers,  den  er  bisher  nur  als  Pächter  des  Rittergutsherrn
  bebaute,  zum  freien  Eigentum  und  verfügte  auch  Ablösung
  der  Fronen  und  Handdienste.  Seitdem  war  der
        <pb n="113" />
        —  110  —

preußische  Bauer  ein  freier  Gutsbesitzer.  —  Ein  Edikt
vom  11.  März  1812  verlieh  den  Juden  staatsbürgerliche  Rechte.
—  An  der  Verbesserung  des  Heeres  arbeitete  Scharnhorst  im
verborgenen;  auf  seinen  Rat  umging  der  König  Napoleons  Ge—
bot,  und  indem  er  die  Rekruten  immer  nur  6  Wochen  lang  ein—
exerzieren  ließ  („Krümper“),  machte  er  rasch  einen  sehr  großen
Teil  des  Volkes  wenigstens  einigermaßen  wehrhaft,  ohne  die
Truppenzahl  (42  000)  des  stehenden  Heeres  zu  überschreiten.  —

Unterdessen  wuchs  der  Ingrimm  des  Volks  wider  die  Fran—
zosen  immerfort.  Der  frühe  Tod  der  allverehrten  und  geliebten
Königin  Luise  (19.  Juli  1810),  den  man  dem  Schmerze  über
das  Unglück  des  Vaterlandes  beimaß;  der  freche  Übermut,  mit
welchem  die  Franzosen  König  und  Volk  und  jeden  Einzelnen
behandelten;  die  endlosen  Erpressungen,  die  sie  verübten;  die
Tyrannei,  mit  der  sie  durch  ihr  Kontinentalsystem  Gewerbe
und  Handel  lähmten  und  die  gewohnten  Genüsse  (Kaffee,  Tabak)
abschnitten  oder  übermäßig  verteuerten;  —  alles  dieses  reizte  zur
Wut,  und  jeder  Einzelne  sah  ein  Ende  seines  Druckes  und
Elends  nur  noch  in  der  Zertrümmerung  der  Franzosenmacht  und
in  der  Wiederherstellung  der  Größe  und  Würde  des  Staats.
So  stählte  sich  der  Wille  der  Nation;  und  nicht  bloß  die  Jugend,
  für  die  Ludwig  Jahn  (Gymnasiallehrer  in  Berlin)  1811
die  Turnkunst  als  Vorübung  zum  Kriege  erfand,  sondern  auch
das  reife  Alter  sehnte  sich  nach  dem  Kampfe.  Zugleich  wuchs
die  Liebe  zum  Könige;  das  gemeinsame  Unglück  machte  ihn  der
Nation  teuer.  Die  Würde,  mit  der  er  es  trug,  und  die  Standhaftigkeit,
  mit  der  er  unehrenhafte  Mittel  gegen  die  Geldnot
(Staatsbankerott  oder  Landabtretung)  von  sich  wies,  machten  ihn
hochachtenswert.

§  75.  Friedrich  Wilhelm  gab  zur  Stein-Scharnhorst-Hardenbergschen
  Reform  manchen  wichtigen  Gedanken  selber  an;  aber
sein  Hauptverdienst  besteht  darin,  daß  er  sie  gegen  den  Willen  einer
sehr  starken  Opposition  bei  Hofe  und  im  Lande  durchführte.  Die
Gegner  waren:  1)  die  ritterschaftliche  Partei.  Diese,  meist
aus  Landedelleuten  (von  der  Marwitz,  von  Mock)  bestehend,  wollte
für  das  Vaterland  Opfer  bringen,  aber  ihre  Standesvorrechte
(Grundsteuerfreiheit,  Herrschaft  über  die  Bauern,  Alleinbesitz  der
Offizierstellen,  hohen  Amter  und  Pfründen)  festhalten.  Sie  feindete
  die  Reformer  als  „Revolutionärs“  an  und  protestierte,  auch
        <pb n="114" />
        —  111  —

in  einer  Versammlung  von  Notabeln  (ständischen  Deputierten),
die  Hardenberg  1811  einberief,  gegen  die  Gleichheit  der  Stände,
die  Mobilisierung  des  Eigentums,  die  Gewerbefreiheit,  und  überhaupt
  gegen  die  ganze  neuernde  Gesetzgebung.

2)  Die  französische  Partei.  Zu  ihr  gehörten  alle  die,  welche
aus  Schwäche  der  Einsicht  oder  des  Charakters  auf  keinen  Fall
mit  Napoleon  brechen  wollten  und  in  den  Reformministern  gefährliche
  Unruhstifter  sahen.  Auch  sie  nannten  Steins  und  Hardenbergs
  Tätigkeit  revolutionär.

Die  preußische  Reform  von  1808—1812  unterschied  sich
von  der  französischen  Revolution  von  1789  dadurch,  daß  sie  maßvoll
  und  mit  möglichster  Schonung  des  Bestehenden  den  Staat
volkstümlich  erneuerte,  daß  sie  die  Gewalt  des  Monarchen  nicht
beschränkte,  aber  den  Gemeinden  (zunächst  den  Städten)  die
Selbstverwaltung  wiedergab  und  die  mittelalterlichen
Schranken  zwischen  den  Ständen  durchbrach;  daß  sie  den  Militärstaat
  völlig  zum  Rechtsstaat  ausbildete  und  das  Söldnerheer
  in  ein  rechtes  Nationalheer  umschuf.  Auch  eine  Volksvertretung
  (auf  ständischer  Grundlage)  wollte  Stein  einrichten,
drang  aber  damit  nicht  durch.

Nach  Steins  Abgang  kam  die  ganze  Reform  unter  dem  Milnisterium
  Altenstein  ins  Stocken.  Hardenberg  führte  dieselbe  mit
Hilfe  der  Bureaukratie  weiter,  deren  Macht  er  vermehrte  und  in
seiner,  des  Staatskanzlers,  Hand  vereinigte.  Das  Steinsche  Gesetz
vom  9.  Oktober  1807  hatte  die  Bauern  nur  erst  zu  freien  Menschen
  gemacht;  das  Hardenbergsche  vom  14.  September  1811  gab
ihnen  auch  Besitz.  Stein,  Scharnhorst,  Hardenberg  waren  keine
gebornen  Preußen,  aber  frühzeitig  in  preußischen  Dienst  getreten.
Stein  bekämpfte  bereits  vor  dem  Kriege  (in  einer  Denkschrift
an  den  König  Anfang  Mai  1806)  die  Macht  der  geheimen
Kabinettsräte  als  ein  Haupthindernis  des  Ministeriums,  in  welchem
  er  damals  den  Finanzen  vorstand.  Er  rettete  nach  der
Schlacht  bei  Jena  die  Staatskasse  von  Berlin  nach  Königsberg.
An  Haugwitz'  Stelle  zum  obersten  Minister  ernannt  (29.  November
  1806),  wiederholte  er  seine  Vorschläge,  wurde  aber  (4.  Januar
  1807)  sehr  ungnädig  entlassen.  Großherzig  diese  Kränkung
vergessend,  folgte  er  mit  patriotischem  Eifer  dann  der  Zurückberufung
  und  traf  am  30.  September  1807  in  Memel  ein.

Scharnhorst,  Sohn  eines  hannöverschen  Bauern,  kam  1772
in  die  Kriegsschule  des  Grafen  Wilhelm  von  der  Lippe  zu  Steinhude,
  machte  als  hannöverscher  Offizier  den  Feldzug  von  1793
mit,  ward  1801  preußischer  Artillerieoberst,  schlug  sich  in  dem  Kriege
        <pb n="115" />
        —  112  —

von  1806—1807  mit  Auszeichnung  und  wurde  dann  von  dem
Könige,  der  in  ihm  das  praktische  Genie,  sowie  den  gelehrten
Theoretiker  erkannte,  mit  der  Militär-Reorganisation  beauftragt.

Hardenberg  trat  1792  in  preußische  Dienste;  als  Verwaltungsbeamter
  in  Ansbach  und  als  Diplomat  bei  der  Unterhandlung
  des  Baseler  Friedens  bewies  er  angenehme  Formen  und
geschäftliche  Talente.  Steins  gewaltige  Energie  fehlte  ihm.  Doch
erreichte  er  viel  durch  Gewandtheit  und  im  besondern  durch  Anstellung
  liberaler  Beamten.  Der  volkswirtschaftliche  Teil  der  Reform
  ist  zumeist  sein  Werk.

Treffliche  Mitarbeiter  an  der  Reform  waren  im  Civil  die
Minister  und  Räte  von  Schrötter,  von  Schön,  Stägemann,
von  Klewiz,  die  Regierungspräsidenten  Sack,  Merkel,  von  Vincke;
im  Militär  besonders  Gneisenau.  August  Neithardt  von  Gneisenau
  (geb.  am  27.  Oktober  1760  zu  Schilda  bei  Torgau,
1831),  diente  20  Jahre  unbeachtet  als  preußischer  Subalternoffizier
  (von  1786—  1806),  bis  ihn  die  glänzende  Verteidigung
Kolbergs  berühmt  machte.  Er  zählte  (mit  Stein,  Scharnhorst,
Blücher)  zu  den  eifrigsten  Anhängern  der  Kriegspartei,  die  schon
1809  losschlagen  wollte.  1811  nahm  er  nebst  Boyen,  Clausewitz
  und  vielen  anderen  Offizieren  seine  Entlassung  und  ging  nach
England,  um  nun  dort  gegen  Napoleon  zu  wirken.

Der  Befreiungskrieg.
1813.

§#  76.  Endlich  schlug  die  Stunde  der  Befreiung.  Napoleons
  unersättliche  Herrschsucht  duldete  nicht,  daß  noch  Rußland
und  England  aufrecht  standen.  Auch  diese  zu  unterwerfen,
unternahm  er  nach  gewaltiger  Rüstung  1812  einen  Krieg  gegen
Rußland;z  er  gedachte  zuerst  dieses,  dann  das  britische  Indien
zu  erobern.  450  000  Mann  führte  er  herbei;  Preußen  und
Osterreich  mußten  sich  ihm  anschließen  und  Hilfstruppen  stellen;
beim  Durchmarsche  hausten  die  Franzosen  in  Preußen  wie  in
Feindesland.  Die  Russen  wichen  vor  ihnen  in  das  Innere  ihres
weiten  Reiches  zurück,  wurden,  wo  sie  stand  hielten,  besiegt,  verloren
  auch  Moskau.  Aber  hier  ereilte  Gottes  Gericht  Napoleon.
  Die  Stadt  geriet  in  Brand  (15.  September),  und  die
Russen  baten  nicht  um  Frieden;  bald  rissen  Mangel  und  Not
bei  den  Franzosen  ein;  zu  spät  (18.  Oktober)  trat  Napoleon  den
„Rückzug“  an.  Der  furchtbare  russische  Winter  und  der  Hun-
        <pb n="116" />
        —  113  —

ger  vernichteten  sein  Heer.  Er  selbst  entfloh  nach  Paris;  von
seiner  großen  Armee  kamen  nur  jammervolle  Trümmer  nach
Polen  und  Preußen  zurück.

Aber  auch  die  Russen  waren  erschöpft,  und  halb  Europa
noch  in  Napoleons  Gewalt.  Da  erhob  sich  Preußen  zu  dessen
Sturze.  Das  preußische  Hilfskorps  unter  General  v.  Yorck  stand,
15  000  Mann  stark  und  in  bester  Verfassung,  am  Memel;
es  sollte  den  Franzosen  den  Rücken  decken.  Aber  Yorck  erkannte,
daß  jetzt  oder  nie  der  Zeitpunkt  zur  Rettung  des  Vaterlandes
da  sei,  und  schloß  auf  eigene  Verantwortung  am  30.  Dezember
1812  zu  Poscherun  bei  Tauroggen  mit  dem  russischen  General
Diebitsch  eine  „Konvention“,  nach  der  er  die  Feindseligkeiten  gegen
die  Russen  einstellte.  Nun  mußten  die  Franzosen  das  Land  bis
zur  Weichsel  räumen,  und  das  Volk  von  Ostpreußen  stand  auf.
Am  11.  Januar  1813  versammelten  sich,  von  Yorck  und  dem
Regierungspräsidenten  v.  Auerswald  berufen,  Abgeordnete  der
Stände  dieser  Provinz  in  Königsberg  und  erklärten  Gut  und
Blut  opfern  zu  wollen,  „damit  der  Untergang  des  preußischen
Namens  verhütet  werde.“  Auf  sie  gestützt,  behielt  Yorck  sein
Kommando  bei,  obwohl  der  König  seine  „Konvention“  mißbilligte
und  sogar  seine  Absetzung  aussprach.  Die  Provinz  Preußen  handelte
  also  auf  eigene  Hand.  Auf  Antrieb  Steins,  der  als  Bevollmächtigter
  des  Zaren  herbeieilte,  trat  am  5.  Februar  in  Königsberg
  ein  allgemeiner  Landtag  von  Ost=  und  Westpreußen
(diesseits  der  Weichsel)  und  von  Litauen  zusammen.  Dieser
nahm  am  7.  Februar  eine  vom  Grafen  Alexander  Dohna  vorgelegte
  „Verordnung  über  Landwehr  und  Landsturm“  an  und
beschloß,  30  000  Mann  zur  Verteidigung  der  Provinz  zu  bewaffnen;
  ebenso  viele  hatte  diese  Provinz  (mit  1  Million  Bewohnern)
  bereits  für  die  bestehenden  Truppen  unter  Yorck  und
Bülow  aufgebracht.  Auch  eine  „Nationalkavallerie“  aus  Freiwilligen
  forderte  und  erhielt  Yorck.  Wetteifernd  drängten  sich
alle  Stände,  mit  Geld  und  Mannschaften  beizusteuern.

Hans  Ludwig  von  Borck  (aus  einer  pommerschen  Familie,
geb.  26.  September  1759  zu  Potsdam,  1830)  hatte  unter
Friedrich  dem  Großen,  dann  in  holländischen  Diensten  am  Kap
und  in  Ceylon,  seit  1806  wieder  im  preußischen  Militärdienst
sich  überall  durch  kalte  Entschlossenheit  und  zähe  Tapferkeit  hervorgethan.
  Sein  Wesen  war  schroff  und  rauh;  seine  pollische  Über-Vierson,

  Leltf.  d.  preuß.  Gesch.
        <pb n="117" />
        —  114  —

zeugung  streng  aristokratisch  und  der  Reformpartei  feindlich;  aber
voll  glühender  altpreußischer  Vaterlandsliebe  führte  er  die  große
Tat  mutig  und  folgerecht  aus,  die  seine  Einsicht  als  notwendig
begriffen  hatte.

§&amp;amp;  77.  Unterdessen  reifte  in  Friedrich  Wilhelm,  der  am
22.  Januar  1813  von  Potsdam,  aus  dem  Bereich  der  Franzosen,
  nach  Breslau  übergesiedelt  war,  der  Entschluß,  mit  seinem
ganzen  Volke  in  den  wagnisvollen  Kampf  gegen  Napoleon  zu
gehen.  Am  3.  Februar  erließ  er  einen  Aufruf  zur  Bildung
freiwilliger  Jägerkorps.  Unermeßliche  Begeisterung  des
Volks  flammte  sofort  auf;  mit  demselben  Eifer  wie  in  der  Provinz
  Preußen  erhob  sich  in  den  drei  übrigen  Provinzen,  Schlesien,
  Brandenburg,  Pommern,  alle  Mannschaft  der  gebildeten
Stände,  Jünglinge  und  Familienväter,  um  auf  eigene  Kosten
freiwillig  Soldat  zu  werden.  Voran  gingen  mit  der  Stellung
von  Freiwilligen  die  großen  Städte  und  auf  dem  Lande  der
Adel.  Auch  Geld  und  Geldeswert  (selbst  Trauringe),  Pferde
und  Kriegsbedarf  aller  Art  wurden  massenhaft  dem  Vaterlande
dargebracht.  Diese  Opferfreudigkeit  ermutigte  den  König  zum
entscheidenden  Schritt;  er  schloß  mit  dem  Kaiser  Alexander
von  Rußland  ein  Bündnis  (zu  Kalisch  28.  Februar  1813),
um  Deutschland  von  der  Fremdherrschaft  zu  befreien,  erklärte
Frankreich  den  Krieg  (16.  März)  und  erließ  am  17.  März  den
„Aufruf  an  mein  Volk“,  der  die  gesamte  Kraft  der  preußischen
  Nation  aufbot.  Zugleich  erschien  eine  von  Scharnhorst
entworfene  „Verordnung  über  die  Bildung  der  Landwehr  und
des  Landsturms“,  und  zum  Zeichen,  daß  dies  ein  heiliger  Krieg
sei,  stiftete  der  König  (10.  März)  zur  Auszeichnung  für  die
Helden  desselben  das  eiserne  Kreuz  und  gab  den  Wahlspruch
aus:  „Mit  Gott  für  König  und  Vaterland“.  Als  allgemeines
Ehrenzeichen  wurde  eine  Nationalkokarde  mit  den  preußischen
Farben  Schwarz-Weiß  eingeführt.  Da  erhob  sich  wie  ein  Mann
das  ganze  Volk,  der  Bauer  wie  der  Bürger  und  Edelmann,  alles
griff  zu  den  Waffen,  ganz  Preußen  ward  ein  Kriegslager.  Preußen
  war  klein,  war  ausgesogen,  zählte  kaum  5  Millionen  Einwohner,
  bestand  nur  aus  4  Provinzen,  aber  diese  vier  —
Preußen,  Brandenburg,  Pommern,  Schlesien  —  brachten  277.000
Streiter  auf,  alle  Landeskinder,  alle  entschlossen,  den  preußischen
Staat  wieder  frei  und  groß  zu  machen  oder  zu  sterben!
        <pb n="118" />
        —  115  —

Daß  Friedrich  Wilhelm  III.  im  März  1813  gegen  Napoleon
losbrach,  war  ein  großer  Entschluß:  er  setzte  damit  die  Existenz
des  preußischen  Staates  wie  der  hohenzollerischen  Dynastie  aufs
Spiel.  Sein  Zaudern  erklärt  sich  aus  der  Gewagtheit  des  Schrittes:
  die  russischen  Streitkräfte  waren  vorerst  nicht  beträchtlich,  die
preußischen  noch  unentwickelt;  Osterreich  hielt  sich  neutral,  der
Rheinbund  stand  zu  Napoleon;  das  kleine,  verarmte  Preußen
mußte  die  Hauptarbeit  tun.

Es  tat  sie  auch.  Aber  die  preußische  Diplomatie  wußte  aus
diesem  Umstande  nicht  recht  Vorteil  zu  ziehen.  Hardenberg  hatte
schon  im  Kalischer  Vertrage  Preußens  Interesse  schlecht  gewahrt:
in  demselben  wurde  als  Zweck  des  Krieges  die  Herstellung
Preußens  im  Umfange  von  1805  anerkannt;  aber  Rußland
behielt  sich  die  polnischen  Länder  vor  und  gab  dafür  nur  unbestimmte
  Aussichten  auf  deutsche  Erwerbungen.  Doch  war  es  der
preußischen  Nation  damals  schon  genug,  daß  es  überhaupt  nur
„losging"“.  —  Die  Scharnhorstsche  Landwehr  unterschied  sich
dadurch  von  derjenigen,  die  der  Königsberger  Landtag  im  Auge
gehabt,  daß  sie  keine  Stellvertretung  zuließ,  und  daß  sie  überall,
nicht  bloß  innerhalb  der  heimischen  Provinz,  gegen  den  Feind  verwendet
  werden  sollte.  Nach  der  Verordnung  vom  17.  März
hoben  die  Gemeinden  die  wehrhaften  Männer  vom  17.  bis  40.  Lebensjahre
  aus  und  bekleideten  sie;  die  Offiziere  bis  hinauf  zum
Hauptmann  wählte  der  Kreis,  die  höheren  der  Staat,  der  auch
die  Waffen  und  den  Unterhalt  hergab.  Obwohl  das  Land  auch
an  Geld,  Pferden,  Kriegsbedarf  die  gewaltigsten  Opfer  brachte
(Opfer,  die  um  so  schwerer  wogen,  da  es  von  1807—1812  für
Napoleon  über  300  Millionen  Taler  bar  oder  in  natura
hatte  leisten  müssen),  so  waren  die  Landwehrleute  1813  doch  nur
sehr  kärglich  ausgerüstet  und  erlagen  daher  weit  massenhafter  den
Strapazen  als  die  Linientruppen,  die  man  zunächst  hatte  bedenken
müssen.

Der  Frühlingsfel  dzug.

§  78.  Ehe  die  Hunderttausende,  die  in  Preußen  zu  den
Waffen  griffen,  sämtlich  feldmäßig  ausgerüstet  und  eingeübt  sein
konnten,  mußten  noch  ein  paar  Monate  vergehen.  Mittlerweile
hatten  die  augenblicklich  verfügbaren  russischen  und  preußischen
Linientruppen  den  Kampf  aufzunehmen.  Aber  die  verbündeten
Monarchen  hofften,  daß  die  übrigen  Deutschen  sich  ebenfalls  wie  die
Preußen  erheben,  und  Napoleon  dadurch  zunächst  auf  Frankreichs

8  *
        <pb n="119" />
        —  116  —

eigene  Kräfte  beschränkt  bleiben  würde.  Sie  erließen  (26.  März
von  Kalisch  aus)  einen  „Aufruf  an  die  Deutschen“,  worin
Deutschlands  Fürsten  und  Völker  ermahnt  wurden,  sich  ihnen
wider  Napoleon  anzuschließen.  Dies  geschah  aber  nicht.
Die  Rheinbundstaaten  blieben  dem  französischen  Kaiser  treu.
Auch  die  Freischar,  die,  vom  preußischen  Major  v.  Lützow  in
Breslau  errichtet,  die  gebildete  Jugend  des  außerpreußischen
Deutschlands  um  sich  sammeln  sollte,  erhielt  von  dort  nur  sehr
wenig  Zuzug,  den  meisten  noch  aus  den  früher  preußischen  Landschaften.
  Vergebens  auch  ließen  deutschgesinnte  Dichter  (wie
Arndt  und  der  Lützower  Theodor  Körner  aus  Dresden)  ihre
feurigen  Lieder  erschallen;  nicht  einmal  das  zunächst  gelegene
Königreich  Sachsen,  welches  die  Verbündeten  nach  Vorcks  Siege
über  Napoleons  Stiefsohn,  den  Vicekönig  Eugen  (bei  Möckern
5.  April),  besetzt  hatten,  ergriff  ihre  Partei.

So  kam  es,  daß  Napoleon,  der  inzwischen  mit  äußerster
Tatkraft  neue  gewaltige  Truppenmassen  ausgehoben  und  gerüstet,
  durch  die  Streitmacht  der  deutschen  Rheinbundsfürsten
verstärkt,  wieder  mit  Ubermacht  ins  Feld  rücken  konnte.  Ende
April  zog  er  mit  200  000  Franzosen  und  Rheinbündnern  nach
Sachsen.  Als  er  an  der  Spitze  von  130  000  Mann  durch  die
Ebene  zwischen  der  Saale  und  weißen  Elster  marschierte,  griff
ihn  am  2.  Mai  bei  Großgörschen  das  russisch-preußische  Heer
an.  Es  zählte  nur  70  000  Mann,  und  sein  Oberfeldherr,  der
russische  General  v.  Wittgenstein,  führte  es  ungeschickt.  Dennoch
siegte  anfangs  die  ungestüme  Tapferkeit  der  Truppen,  namentlich
der  von  Yorck,  Blücher,  Kleist  geführten  Preußen,  die  wie  Verzweifelte
  fochten,  und  obwohl  Napoleon  immer  neue  Verstärkungen
ins  Gefecht  brachte,  das  Schlachtfeld  bis  in  die  Nacht  behaupteten.
  Aber  die  Ubermacht  war  zu  groß;  die  Verbündeten  mußten
zuletzt  doch  den  Rückzug  antreten.  Ohne  dem  Feinde  irgend  ein
Siegeszeichen  zu  lassen,  marschierten  sie  in  größter  Ordnung  ab.
18  000  Franzosen  und  Rheinbündner,  8000  Preußen  und  2000
Nussen  waren  gefallen.

Napoleon  setzte  sich  nun  in  den  Besitz  aller  Streitmittel
Sachsens  und  folgte  dann  den  Verbündeten  in  die  Lausitz.
Diese  erwarteten  ihn  bei  Bautzen,  in  dessen  Nähe  Vorcks  Korps
(bei  Weißig  19.  Mai)  ein  glänzendes  Gefecht  mit  der  Vorhut
des  Feindes  bestand.  Am  20.  Mai  erschien  Napoleon  mit  170,000
        <pb n="120" />
        —  117  —

Mann  vor  Bautzen  und  lieferte  hier  den  Verbündeten  (83  000
Mann)  eine  zweitägige  Schlacht,  in  der  wiederum  die  Fehler  der
russischen  Oberleitung  gegenüber  Napoleons  Feldherrnkunst  und
das  Mißverhältnis  der  Zahl  den  Heldenmut  der  Truppen  und
der  preußischen  Generale  fruchtlos  machten.  Doch  nach  furchtbarem
  Gemetzel  (es  blieben  20  000  Franzosen,  Italiener  und
Rheinbündner,  14  000  Preußen  und  Russen)  behielt  Napoleon
abermals  nur  das  Blutfeld  ohne  Trophäen.  Und  wie  ungebeugt
der  Mut  der  Preußen  war,  bewiesen  sie  ihm  durch  zwei  Schlappen,
  die  sie  seinen  Generalen  beibrachten.  Bei  Hainau  närlich
überfiel  und  sprengte  Blücher  am  26.  Mai  ein  französisches
Korps  unter  Maison,  das  ihm  unvorsichtig  zu  nah  gekommen
war,  und  bei  Luckau  schlug  der  zum  Schutze  der  Mark  bestellte
Bülow  am  4.  Juni  den  auf  Berlin  marschierenden  General
Oudinot  zurück.  An  demselben  Tage  schloß  Napoleon  zu  Poischwitz
  bei  Jauer  mit  den  Verbündeten  einen  Waffenstillstand,
zunächst  auf  sechs  Wochen.  Beide  Teile  hatten  denselben  nötig,
um  ihre  Rüstungen  zu  beendigen  und  mit  ganzer  Macht  den
Krieg  fortführen  zu  können.

Es  war  bestimmt,  daß  alle  Streifkorps  der  Verbündeten
bis  zum  12.  Juni  auf  das  rechte  Elbufer  zurückgekehrt  sein
müßten.  Diese  Bedingung  des  Waffenstillstandes  wurde  von  dem
sich  in  Napoleons  Rücken  umhertummelnden  Lützow  nicht  erfüllt,
und  Napoleon  benutzte  die  Unvorsichtigkeit  desselben,  indem  er
die  kleine  Freischar  am  17.  Juni  bei  Kitzen  am  Floßgraben
(unweit  Lützen)  durch  4000  Franzosen  und  Württemberger  überfallen
  und  zersprengen  ließ;  nur  wenige,  darunter  Lützow  und
Körner,  entkamen.

In  Preußen  benutzte  man  die  Zeit  der  Waffenruhe  aufs
beste.  Hier  trat  jetzt  die  Landwehr  schlagfertig  auf  den  Platz;
nach  Empfang  des  heiligen  Abendmahls,  unter  dem  Geläut  der
Kirchenglocken  und  den  Segenswünschen  der  Frauen  und  Kinder
zog  sie  aus,  140  000  Mann,  einfach  gerüstet  und  gekleidet  im
blauen  Rock,  der  Kragen  bei  den  Preußen  rot,  bei  den  Pommern
  weiß,  bei  den  Brandenburgern  krapprot,  bei  den  Schlesiern
gelb,  auf  dem  Kopf  eine  Mütze  mit  einem  Blechkreuz,  das  die
Umschrift  trug  „Mit  Gott  für  König  und  Vaterland“.  Die
Landwehr  war  nicht  so  gut  bewaffnet,  wie  das  etwa  gleich  zahlreiche
  Linienmilitär,  aber  von  eben  derselben  Kampflust  beseelt
        <pb n="121" />
        —  118  —

und  entschlossen,  was  ihr  noch  fehlte,  sich  vom  Feinde  zu  erobern.


Unterdessen  versuchte  Osterreich  auf  einem  Gesandtenkongreß
zu  Prag  zwischen  Napoleon  und  den  Verbündeten  einen  Frieden
zu  vermitteln.  Da  aber  kein  Teil  dazu  Lust  hatte,  und  Österreich
bei  einem  Bunde  mit  Rußland  und  Preußen,  denen  auch  England
  und  Schweden  beigetreten  waren,  nur  gewinnen  konnte,  so
erließ  Franz  l.  (am  12.  August)  ebenfalls  eine  Kriegserklärung
gegen  Napoleon.

§  79.  Napoleons  Kunst  bestand  von  jeher  darin,  an  der  entscheidenden
  Stelle  die  meisten  Streitkräfte  zu  haben;  hauptsächlich
sein  numerisches  Ubergewicht  errang  ihm  die  zweideutigen  Siege
von  Großgörschen  (Lützen)  und  Bautzen.  Denn  die  begeisterte
Hingebung,  die  rasende  Kampflust  der  Preußen  wog  die  Fehler
der  russischen  Oberleitung  auf.  Als  daher  Napoleon  nach  der
Schlacht  bei  Bautzen  fürchten  mußte,  bei  weiterem  Vordringen
die  Uberzahl  nicht  mehr  zu  behalten,  bot  er  klüglich  den  Waffenstillstand
  an  —  sein  gewöhnliches  Mittel,  sich  durch  massenhafte
Heranziehung  von  Ersatztruppen  ein  erdrückendes  Ubergewicht  zu
verschaffen.  Diesmal  aber  brachte  die  Frist  dem  Gegner  die  größere
  Masse,  weil  Preußen  einen  Volkskr  ieg  führte.  Der  große
Erfolg  des  Frühlingsfeldzugs  war  also,  daß  er  der  Landwehr  die
Zeit  gab,  schlagfertig  auf  den  Kampfplatz  zu  treten.

Österreichs  Aufnahme  in  die  Koalition  vermehrte  deren
materielle  Streitmittel,  aber  machte  sie  zum  Teil  der  Politik
Franz  I.  und  seines  Ministers  Metternich  dienstbar.  Franz  I.
verabscheute  in  der  preußischen  Volkserhebung  einen  „strafbaren
Jakobinismus“",  und  als  Ziel  des  Kampfes  erstrebte  er  bloß  seine
und  seiner  Verbündeten  Vergrößerung  und  die  Demütigung,  aber
nicht  den  Sturz  seines  übermätigen  Schwiegersohns.

Die  österreichischen  Völker,  nur  zum  kleinsten  Teile  deutsch,
gingen  1813  ohne  Begeisterung  und  Energie  in  den  Kampf.  Die
volkstümliche  Bewegung  in  Preußen  fand  im  übrigen  Deutschland
keine  Nachfolge;  nur  die  Hansestädte  erhoben  sich  (im  März)  beim
Erscheinen  der  Kosaken,  wurden  aber  von  den  Franzosen  mit
leichter  Mühe  wieder  unterworfen;  das  reiche  und  stark  bevölkerte
Hamburg  ergab  sich  am  30.  Mai  an  Davoust  ohne  Widerstand.
  Die  Rheinbündischen,  die  Mehrzahl  der  Deutschen,  kämpften
auf  Befehl  ihrer  Fürsten  tapfer  für  Napoleon.

In  Preußen  war  auch  die  Literatur  patriotisch  und  kriegerisch
  (Schenkendorf,  Rückerts  geharnischte  Sonette);  dagegen
        <pb n="122" />
        —  119  —

verhielt  sich  Goethe  kalt.  Der  Bund  mit  Schweden  (22.  April)
nützte  Preußen  nichts;  England  half  mit  Geld  und  Kriegsbedarf,
doch  im  Verhältnis  nur  wenig.

Der  Sommerfeldzug.

§  80.  Mitte  August  fing  der  Krieg  wieder  an.  Die  Verbündeten
  hatten  jetzt  800  000  Streiter  —  nämlich  277  000  Preu-Kßen,
  264  000  Osterreicher,  249  000  Russen,  18  000  Schweden  —,
Napoleon  nur  500  000  (worunter  ein  Drittel  Deutsche,  die
übrigen  Franzosen,  Italiener,  Polen,  Niederländer  und  Dänen).
Aber  jene  Übermacht  war  auf  der  entscheidenden  Stelle  nicht  so
groß:  zwischen  Oder,  Elbe  und  Saale  verfügten  die  Verbündeten
vorerst  nur  über  493  000  Mann  gegen  440  000  des  französischen
Kaisers,  und  dieser  war  der  größte  Feldherr  seiner  Zeit.  Sie
teilten  den  Kern  ihrer  Streitmacht  in  drei  Heere:  1)  die  sogenannte
  Hauptarmee  in  Böhmen  unter  dem  österreichischen  Oberbefehlshaber
  Fürsten  Schwarzenberg  —  110  000  OÖsterreicher,
60  000  Russen  und  (unter  Kleist)  49  000  Preußen  —;  2)  das
Schlesische  Heer  unter  Blücher  (beraten  von  Gneisenau),  —
38  000  Preußen  unter  Yorck  und  61  000  Russen  unter  Sacken
und  Langeron  —;  3)  die  Nordarmee  in  der  Mark  unter
Bernadotte,  Kronprinzen  von  Schweden,  —  78  000  Preußen
unter  Bülow  und  Tauenzien,  29  000  Russen,  18  000  Schweden.

Napoleon  beschloß,  während  er  selbst  gegen  die  Böhmische
Armee  Dresden  schützte,  sollten  seine  Generale  zu  seiner  Linken
Berlin  nehmen  und  die  Nordarmee  zersprengen  und  vor  ihm
das  Schlesische  Heer  verjagen.  Demgemäß  marschierte  Oudinot
mit  73  000  Mann  auf  Berlin  zu;  der  Kronprinz  von  Schweden
wollte  es  im  Stiche  lassen.  Aber  die  preußischen  Generale  hörten
auf  seine  Weisungen  nicht,  sondern,  als  Oudinot  bis  Großbeeren,
  zwei  Meilen  vor  Berlin,  gekommen  war,  griff  ihn
Bülow,  unterstützt  von  Tauenzien,  mit  52  000  Mann  nachmittags
den  23.  August  an.  Nach  heftigem  Kampfe,  wobei  die  preußischen
  Landwehrleute  des  Regens  wegen  mit  den  Kolben  drein
hieben  („so  fluscht  et  better“),  schlug  er  ihn  mit  Verlust  von  4000
Mann  (meist  Sachsen)  in  die  Flucht.  Mit  unermeßlichem  Jubelseierte
  Berlin  seine  Errettung.  Ein  zur  Seite  stehendes  feindliches
Korps  —  12  000  Franzosen,  Italiener  und  Rheinbündner  unter
        <pb n="123" />
        —  120  —

Girard  —  wurde  bei  Hagelberg  am  27.  August  von  11000
kurmärkischen  Landwehrleuten  unter  General  v.  Hirschfeld  mit
Kolbenschlägen  niedergehauen.  Auch  Davoust,  der  von  Hamburg
aus  vorgedrungen  war  (in  einem  Vorpostengefecht  gegen  ihn  fiel
am  26.  August  bei  Gadebusch  Theodor  Körner)  mußte  sich  nun
unverrichteter  Sache  wieder  zurückziehen.

Zu  derselben  Zeit  begann  Blüchers  großartiger  Siegeslauf.
Gebhard  Leberecht  von  Blücher,  geboren  am  16.  Dezember  1742
zu  Nostock,  aus  einer  alten  pommerschen  Familie  (y  1819),  war
schon  unter  Friedrich  dem  Großen  preußischer  Husarenoffizier
gewesen.  Von  diesem  Könige  wegen  trotzigen  Benehmens  verabschiedet,
  wurde  er  Landwirt,  trat  unter  Friedrich  Wilhelm  II.
wieder  in  die  preußische  Armee,  zeichnete  sich  in  den  Kriegen
gegen  die  französische  Republik  aus,  focht  auch  1806  mit  Ehren
und  war  wegen  seines  volkstümlichen  Wesens,  seines  leidenschaftlichen
  Franzosenhasses  und  seiner  ungestümen  Tapferkeit  der
Liebling  des  gemeinen  Mannes,  während  ihn  die  einsichtsvollsten
Offiziere  als  einen  Feldherrn  schätzten,  der  sowohl  kühne  Tatkraft
  als  auch  Geistesgegenwart  und  Verschlagenheit  besaß.  Auf
Scharnhorsts  Rat  (der  am  18.  Juni  zu  Prag  an  einer  bei
Großgörschen  empfangenen  Wunde  gestorben  war)  hatte  der
König  den  alten  Blücher  an  die  Spitze  der  Schlesischen  Armee
gestellt.

Mit  dieser  stand  Blücher  am  26.  August  auf  den  Höhen
hinter  der  Katzbach  und  Wütenden  Neiße,  als  der  französische
Marschall  Macdonald  mit  100  000  Mann  diese  Flüsse  überschritt.
Sofort  stürzte  Blücher  sich  auf  ihn.  Auch  hier  geschah  die
Schlacht  unter  strömendem  Regen  und  schlugen  die  Preußen  mit
dem  Kolben  drein.  Die  Russen  unter  Sacken  halfen  tapfer,  und
bald  jagten  Blücher  und  Yorck  den  Feind  in  die  Flüsse  hinab.
Macdonald  verlor  30  000  Mann  und  100  Kanonen  und  brachte
nur  Trümmerhaufen  seiner  Armee  nach  der  Lausitz  zurück.
Blücher  aber  ward  von  seinen  Soldaten,  weil  er  immer  ohne
Rast  vorwärts  trieb,  Marschall  Vorwärts  benannt.

Schwarzenberg,  bei  dessen  Armee  sich  die  drei  Monarchen
von  Preußen,  Rußland  und  Osterreich  befanden,  löste  seine  Aufgabe
  nicht  so  gut.  Er  rückte  aus  Böhmen  auf  Dresden  vor,
ließ  sich  aber  dort  in  einer  zweitägigen  Schlacht  (26.  und  27.  August)
  von  Napoleon  eine  harte  Niederlage  beibringen  und  führte
        <pb n="124" />
        —  121  —

sein  Heer  dann  ins  Erzgebirge  zurück.  Hier  geriet  es  in  die
größte  Gefahr,  von  den  nachdringenden  Franzosen  umzingelt  und
vernichtet  zu  werden.  Da  indes  Napoleon  die  Nachrichten  von
Großbeeren  und  von  der  Katzbach  erhielt,  so  überließ  er  die  Ver—
folgung  seinen  Generalen.  Der  vorderste  derselben,  Vandamme,
war  auch  bereits  bis  nach  Kulm  auf  der  böhmischen  Seite  gelangt,
  begierig  der  Schwarzenbergschen  Armee  den  Rückzug  zu
verlegen.  Aber  die  Tapferkeit  eines  russischen  Korps  unter  dem
Prinzen  Eugen  von  Württemberg,  vom  Könige  Friedrich  Wilhelm
  angefeuert,  hielt  ihn  hier  in  einer  hartnäckigen  Schlacht
(29.  August)  auf,  und  als  er  am  30.  den  Kampf  erneuerte,  war
ein  abgeschnittener  preußischer  Heerhaufen  unter  Kleist,  entschlossen
sich  durchzuschlagen  oder  zu  sterben,  ihm  in  den  Rücken  gekommen
und  fiel  ihn  von  Nollendorf  her  an.  So  umzingelt  mußte
sich  Vandamme  mit  10  000  Mann  gefangen  geben,  und  die
Böhmische  Armee  war  gerettet.

Am  3.  September  feierten  die  verbündeten  Monarchen  für
alle  diese  Siege  ein  religiöses  Dankfest  zu  Teplitz.  Napoleon
aber  versuchte  noch  einmal,  durch  Eroberung  Berlins  dem  Kriege
eine  günstige  Wendung  zu  geben.  Er  schickte  seinen  besten  Feldherrn,
  den  Marschall  Ney,  mit  65  000  Mann  (Franzosen,  Sachsen,
  Bayern,  Württembergern  und  anderen  Rheinbündnern,  auch
Polen  und  Italienern)  in  die  Mark.  Aber  schon  bei  Dennewitz
  am  6.  September  griffen  ihn  Bülow  und  Tauenzien
an,  und  obwohl  die  Preußen  nur  41  000  Mann  zählten,  so
zertrümmerten  sie  doch  in  neunstündiger  Schlacht  das  feindliche
Heer  vollständig.  Es  verlor  allein  an  Gefangenen  15  000  Mann
und  floh  aufgelöst  der  Elbe  zu.

§  81.  Ratlos  zog  nun  Napoleon  zwischen  Dresden,  dem
Erzgebirge  und  der  Lausitz  hin  und  her;  nur  Schwarzenbergs
und  Bernadottes  Zaudern  gewährte  ihm  noch  Frist.  Da  brachte
Blücher  den  Feldzug  zur  Entscheidung,  indem  er  die  Elbe  bei
Wartenburg  überschritt,  wo  Norck  am  3.  Oktober  in  einem
blutigen  Treffen  den  General  Bertrand  besiegte.  Denn  jetzt
rückten  auch  die  andern  beiden  Hauptheere  der  Verbündeten  auf
dem  linken  Elbufer  in  die  sächsische  Ebene  vor,  und  Napoleon
sah  sich  von  ihnen  bei  Leipzig  in  die  Mitte  genommen.  Sonnabend
  den  16.  Oktober  begann  die  große  Völkerschlacht.  Die
Verbündeten  hatten,  da  Bernadotte  pflichtwidrig  ausblieb,  nur
        <pb n="125" />
        —  122  —

Blüchers  und  Schwarzenbergs  Heere  (im  ganzen  193  000  Mann)
zur  Stelle,  Napoleon  zählte  177  000  Mann.  Blücher  zog  von
Norden  her  mit  60  000  Mann  auf  Leipzig  zu;  Schwarzenberg
stand  im  Süden  der  Stadt;  er  hatte  seine  133  000  Mann  zum
kleineren  Teil  bei  Lindenau,  zum  größeren  bei  Wachau  aufgestellt.
Auf  beiden  Punkten  wurde  er  trotz  heldenhafter  Tapferkeit  der
Preußen  unter  Kleist  und  der  Russen  unter  Prinz  Eugen  von
Napoleon  zurückgedrängt,  und  die  Böhmische  Armee  vor  einer
Niederlage  nur  dadurch  bewahrt,  daß  im  entscheidenden  Augenblick
  Blücher  im  Norden  angriff  und  den  ihm  gegenüberstehenden
Marschall  Marmont  bei  Möckern  schlug.  Dieser  Kampf  war
der  blutigste  des  Tages  und  wurde  ausschließlich  vom  Yorckschen
Korps,  das  sich  hier  wieder  mit  unsterblichem  Ruhme  bedeckte,
durchgefochten.  Es  bezahlte  den  herrlichen  Sieg  mit  7700
Mann  an  Toten  und  Verwundeten  (fast  einem  Drittel  seines
Bestandes);  hier  fiel  auch  Major  v.  Krosigk,  ein  preußischer
Winkelried.

Am  folgenden  Tage  wollte  Napoleon  unterhandeln;  die  Verbündeten
  ließen  sich  aber  nicht  darauf  ein,  und  am  18.  hub  die
Schlacht  noch  gewaltiger  an.  Napoleon  hatte  nur  geringe  Verstärkung,
  die  Verbündeten  aber  die  Nordarmee  an  sich  gezogen;
er  führte  jetzt  191  000  gegen  290  000  Mann.  Das  ontsetzlichste
Gemetzel  war  um  das  Dorf  Probstheida;  doch  konnte  die  Böhmische
  Armee  es  nicht  erobern.  Dagegen  schlugen  die  Preußen
unter  Bülow  und  die  Russen  unter  Langeron  den  Feind  bei
Paunsdorf  und  Schönfeld.  Am  Abend  zog  sich  Napoleon,
der  nur  noch  um  einen  sichern  Rückzug  gekämpft  hatte,  in  die
Stadt  zurück.  Während  des  Kampfes  waren  4100  Sachsen  und
600  Württemberger  zu  den  Verbündeten  übergegangen;  doch  hatte
der  Ubertritt  dieser  Wenigen  auf  den  Gang  der  ungeheuren
Schlacht  keinen  Einfluß  geübt.

Am  19.  Oktober  vormittags  erstürmten  die  Preußen  und
Russen  die  von  den  Franzosen  noch  kräftig  verteidigte  Stadt;
Königsberger  Landwehr  unter  Friccius  und  pommersche  Füsiliere
unter  v.  Borstell  drangen  zuerst  hinein.  Der  Rückzug  der
Franzosen  artete  nun  in  wilde  Flucht  aus,  wobei  nach  der  verfrühten
  Sprengung  der  Brücke  über  die  Weiße  Elster  viele  (darunter
  der  polnische  Fürst  Poniatowski)  in  dem  Flusse  ertranken.

Die  Schlacht  bei  Leipzig  kostete  an  Toten  und  Verwundeten
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        —  123  —

im  ganzen  den  Verbündeten  47000  Mann  (16  500  Preußen,
22  500  Russen,  8000  Osterreicher),  Napoleon  30  000  Mann,
außerdem  ließ  letzterer  15  000  Gefangene,  23.000  Verwundete
oder  Kranke  und  300  Kanonen  zurück.

Deutschland  war  nun  befreit;  Napoleon  floh  dem  Rheine
zu.  Bei  Hanau  stellte  sich  ihm  am  30.  Oktober  der  bayrische
General  Wrede  (dessen  König  durch  Osterreichs  Vermittelung  sich
kürzlich  den  siegreichen  Verbündeten  angeschlossen  hatte)  in  den
Weg,  wurde  aber  über  den  Haufen  geworfen.  So  gelangte  Napoleon
  mit  dem  Rest  seines  Heeres  nach  Frankreich.  Seine  sehr
zahlreichen  Besatzungen  in  den  deutschen  Festungen  mußten  sich
eine  nach  der  andern  ergeben:  u.  a.  Stettin  am  22.  November,
Danzig  am  29.  Dezember  1813,  Wittenberg  den  13.  Januar
1814  (an  Tauenzien).  Der  Rheinbund  löste  sich  auf,  und  die
Fürsten  desselben  entgingen  auf  Osterreichs  Verwendung  der
verdienten  Strafe.  Nur  der  König  von  Sachsen  ward  als
Kriegsgefangener  nach  Preußen  gebracht.  Bis  zum  Rhein  war
Deutschland  nun  von  den  Franzosen  frei.

§  82.  Preußens  Leistungen  waren  in  dem  ganzen  Kriege  bei
weitem  die  bedeutendsten.  Es  stellte  die  meisten  und  tapfersten
Krieger  und  die  besten  Feldherrn.  Blücher  wurde  durch  sein
rastloses  Vorwärtsdrängen  die  wirksamste  Triebfeder  des  Feldzugs.
Den  Sinn  des  zu  Trachenberg  (12.  Juli)  verabredeten  Planes  —
dasjenige  Heer,  gegen  welches  Napoleon  in  Person  sich  wende,
solle  ihn  ohne  Schlacht  nach  sich  ziehen,  die  beiden  andern  sollten
ihm  in  die  Seite  oder  in  den  Rücken  fallen  —  hielt  Blücher  allein
von  den  drei  Oberfeldherren  fest  zum  Heile  des  Ganzen;  er  brachte
Schwarzenberg  aus  Böhmen  heraus  und  riß  Bernadotte  ins  Gefecht.
  Seine  Hauptstütze  aber  war  immer  Gneisenau.  Nicht
Geringeres  leisteten  die  andern  preußischen  Feldherren.  Bei  der
Ausführung  hatte  Borck  durch  seine  Meisterschaft  im  Technischen,
Fürsorge  für  sein  Korps  und  Energie  auf  dem  Schlachtfelde  den
größten  Anteil  an  Blüchers  Erfolgen.

Die  Nordarmee  wurde  von  Bernadotte,  dessen  Hauptziel  war,
die  Gunst  seiner  Landsleute  von  Napoleon  ab  auf  sich  zu  wenden
und  seine  Schweden  zu  schonen,  absichtlich  in  Untätigkeit  gehalten;
  gegen  seine  Befehle  wurden  die  Siege  von  ihr  erfochten.
Dieselben  sind  ausschließlich  preußisches  Verdienst.

Friedrich  Wilhelm  von  Bülow  (geb.  16.  Februar  1755  zu
Falkenberg  in  der  Altmark,  1  1816)  diente  seit  1769  in  der
        <pb n="127" />
        —  124  —

preußischen  Armee.  Von  Natur  mehr  für  Kunst  und  Wissenschaft
  beanlagt,  ward  er  durch  seinen  Patriotismus  zu  der  kühnen
Tatkraft  eines  großen  Feldherrn  begeistert.  Er  ist  der  Retter
Berlins  gewesen  und  hat  mit  seinen,  größtenteils  aus  Landwehr
bestehenden  Truppen  1813,  1814,  1815  die  meisten  Erfolge  im
Felde  gehabt.  Ihm  gleich  an  Einsicht  und  Energie  zeigte  sich
Graf  Boguslaw  Friedrich  v.  Tauenzien  (geb.  15.  September
1760  zu  Potsdam,  +  1824).

Den  einzigen  Sieg,  den  die  Böhmische  Armee  gewann,  bei
Kulm,  verdankte  sie  nur  der  patriotischen  Entschlossenheit  des
preußischen  Generals  Emil  von  Kleist  (F  1823),  der  auf  Grolmans
  Rat  den  gefährlichen  Weg  über  Nollendorf  antrat.  Kleist
zeichnete  sich  auch  bei  Leipzig  (am  16.  Oktober)  aus,  indem  er  das
Dorf  Markkleeberg  erstürmte  und  behauptete.

Die  übrigen  preußischen  Feldherren  leisteten  ebenfalls  Vorzügliches,
  besonders  v.  Hirschfeld,  v.  Borstell  bei  der  Nordarmee,
v.  Horn,  v.  Hünerbein  bei  der  Schlesischen.

Desto  weniger  richtete  die  preußische  Diplomatie  aus:  auch  im
Vertrage  mit  England,  den  Preußen  am  14.  Juni  zu  Reichenbach
  schloß,  ward  letzteres  übervorteilt,  erhielt  nur  ½  Millionen
Pfund  Sterl.  Hilfsgelder  (Nußland  das  Doppelte)  und  ließ  sich
mit  unbestimmten  Vergrößerungsaussichten  abfsinden,  während
Hannovers  künftige  Vergrößerung  genau  festgesetzt  wurde.  Im
Vertrage  mit  Österreich  zu  Teplitz  am  9.  September  gestanden
Preußen  und  Rußland  die  unbedingte  Unabhängigkeit  der  deutschen
  Mittel-  und  Kleinstaaten  zu.  Hardenberg  nahm  auch  den
Vertrag  zu  Ried  hin,  in  welchem  Osterreich  (8.  Oktober)  Bayern
für  dessen  notgedrungenen  Übertritt  und  für  Rückgabe  Tirols  die
Souveränität,  den  Besitz  von  Ansbach  und  Bayreuth  und  noch
andere  Entschädigung  in  Deutschland  zusicherte.  Auch  jetzt  unterließ
  es  die  preußische  Regierung,  sich  genau  bestimmte  Entschädigungen
  auszumachen.

Daß  Deutschlands  „Wiedergeburt“,  die  das  Kalischer  Manifest
verheißen  hatte,  ausblieb,  war  nicht  die  Schuld  Preußens  und
Rußlands,  sondern  Ssterreichs,  welches  nur  einen  Kabinettskrieg
führen  wollte,  und  des  (außerpreußischen)  deutschen  Volkes,  welches
  so  wenig  wie  seine  Fürsten  sich  erhoben  hatte.  Diese  mußten
von  den  Preußen,  Russen  und  Österreichern  mit  Gewalt  von
Frankreichs  Seite  gerissen  werden.  Noch  bei  Leipzig  standen
mehr  Deutsche  gegen  als  neben  den  Preußen.  So  ist  denn  1813
Deutschland  nicht  durch  das  deutsche  Volk  (dessen  große  Mehrzahl
nach  dem  Willen  seiner  Fürsten  sich  still  hielt  und  seine  Söhne
für  Napoleon  weiter  fechten  ließ),  sondern  durch  die  preußische
        <pb n="128" />
        —  125  —

Nation  (die  damals  aus  der  Bevölkerung  von  Preußen,  Litauen,
Brandenburg,  Schlesien,  Pommern  bis  zur  Peene  bestand)  im
Verein  mit  den  Russen  und  den  meist  slawisch-  magyarischen  Bewohnern
  des  damaligen  Osterreichs  befreit  worden.  Auch  nach
der  Leipziger  Schlacht  fanden  die  Sieger  im  eroberten  Deutschland
nur  laue  Sympathie.  Die  unter  Steins  Vorsitz  zur  Verwaltung
der  eroberten  Länder  eingesetzte  Centralkommission  wurde  von
den  früher  rheinbündischen  Fürsten  auf  jede  Weise  gehemmt:  die
anbefohlene  allgemeine  Volksbewaffnung  kam  nur  in  den  früher
preußischen  Provinzen  kräftig  in  Gang;  anderwärts  mußte  man
vielfach  zur  Werbung  schreiten.  Unter  diesen  Umständen  konnte
Metternich  auf  die  Gestaltung  der  deutschen  Verhältnisse  um  so
leichter  seinen  schlimmen  Einfluß  üben.

1814.

§6*s  83.  Nachdem  Napoleon  den  ihm  auf  ÖOsterreichs  Betrieb
angebotenen  Frieden,  obwohl  derselbe  ihm  die  Rheingrenze  ließ,
abgelehnt  hatte,  beschlossen  die  Verbündeten,  den  Krieg  nach
Frankreich  hineinzutragen.  In  der  Neujahrsnacht  1814  überschritt
  Blücher  bei  Kaub  den  Rhein  und  drang  rasch  bis
Brienne  an  der  Aube  vor,  wo  er  am  29.  Januar  ein  hitziges
Treffen  mit  Napoleon  bestand.  Dann  mit  der  Schwarzenbergischen
  Armee  vereinigt,  schlug  er  Napoleon  in  der  Schlacht
bei  La  Rothière  am  1.  Februar.  Da  aber  Franz  I.  den
Krieg  nicht  bis  zum  äußersten  treiben  wollte,  so  zog  nur  Blücher
vorwärts,  um  sich  an  der  Marne  durch  Vorck,  Kleist  und  Langeron
  zu  verstärken.  Auf  dem  Wege  nach  Chalons,  bei  La
Chaussée,  schlug  YBorck  (3.  Februar)  den  Marschall  Macdonald,
besetzte  dann  Chalons  und  stieß  zu  Blücher.  Doch  erlitt  nun
die  Schlesische  Armee  durch  Blüchers  Unvorsichtigkeit  und  Schwarzenbergs
  Nachlässigkeit  mehrere  Niederlagen:  Napoleon  schob  sich
geschickt  zwischen  ihre  Abteilungen  und  schlug  eine  nach  der  andern,
  bei  Montmirail  (11.  Februar),  Chateau-Thierry
(12.  Februar),  Vauchamps  (14.  Februar).  Dann  warf  er  sich
auf  Schwarzenberg  und  brachte  ihm  in  derselben  Weise  eine
Schlappe  bei,  so  daß  dieser  den  Rückzug  anordnete.  Da  wendete
  Blücher  das  ganze  Schicksal  des  Krieges,  indem  er  mit  der
Schlesischen  Armee,  die  der  Feind  zertrümmert  wähnte,  vorwärts
auf  Paris  marschierte.  Bei  Soissons  an  der  Aisne  vereinigte
        <pb n="129" />
        —  126  —

er  sich  mit  Bülow,  der  im  November  1813  Holland  erobert  hatte,
und  verfügte  nun  über  100  000  Mann.  Napoleon,  der  kaum
die  Hälfte  hatte,  versuchte  ihn  zurückzutreiben  und  griff  ihn  deshalb
  am  7.  März  bei  Craonne,  am  9.  bei  Laon  an,  aber
vergebens;  dort  verlor  er  in  hartem  Kampfe  mit  den  Russen
viele  Leute,  hier  zertrümmerte  ihm  Norck  (beim  Dorfe  Athies)
das  ganze  Korps  Marmont.  Auch  von  Schwarzenbergs  Armee
ward  er  dann  bei  Arcis  fur  Aube  (20.  März)  zurückgeschlagen.
Da  an  seinem  Starrsinn  die  Bemühungen  der  Osterreicher,  auf
dem  Kongreß  zu  Chatillon  einen  Frieden  herbeizuführen,  gescheitert
waren,  so  vereinigten  sich  nun  die  Blüchersche  und  Schwarzenbergsche
  Armee  zum  Marsch  auf  Paris.  Napoleon,  der  mit
seiner  Hauptmacht  nach  Osten  abmarschiert  war,  um  die  Verbündeten
  von  der  Hauptstadt  ab  und  sich  nachzuziehen,  ward
durch  Nachsendung  eines  Reitertrupps  in  seiner  Selbsttäuschung
erhalten.  Unterdessen  langten  die  Verbündeten  vor  Paris  an,
schlugen  am  Montmartre  den  30.  März  die  Marschälle  Marmont
  und  Mortier  und  hielten  (den  31.  März)  ihren  Triumpheinzug
  in  Paris.  Beamte  und  Generale  fielen  nun  von  Napoleon
  ab,  der  französische  Senat  erklärte  ihn  für  abgesetzt,  und
da  die  Monarchen  seine  Unterhandlungsversuche  ablehnten,  so
mußte  er  am  11.  April  abdanken.  Die  Verbündeten  wiesen  ihm
die  Insel  Elba  als  Aufenthaltsort  an  und  machten  den  Bourbon
Ludwig  XVIII.,  Bruder  Ludwigs  XVI.,  zum  König  von  Frankreich.
  Mit  ihm  schlossen  sie  am  30.  Mai  1814  den  Frieden  zu
Paris,  in  welchem  Frankreich  die  Grenzen  behielt,  die  es  im
Jahre  1792  gehabt.

Seine  Feldherrn  belohnte  Friedrich  Wilhelm  königlich:
Blücher  ward  Fürst  von  Wahlstatt  (so  genannt  von  der  Wahlstatt
  an  der  Katzbach),  YVorck  Graf  von  Wartenburg,  Kleist  Graf
von  Nollendorf,  Bülow  Graf  von  Dennewitz,  Tauenzien  Graf
von  Wittenberg;  auch  Gneisenau  wurde  in  den  Grafenstand,
Hardenberg  in  den  Fürstenstand  erhoben.  Die  Gefallenen  ehrte
der  König,  indem  er  ihre  Namen  auf  Ehrentafeln  in  den  Kirchen
verewigen  ließ;  die  Heimkehrenden  erhielten  eine  ehrende  Denkmünze,
  aus  dem  Metall  der  eroberten  Kanonen  gegossen.

§  84.  Nach  der  Schlacht  bei  Leipzig  gab  es  bei  den  Verbündeten
  zwei  Parteien:  1)  die  Kriegspartei,  welche  den  zuerst
von  Gneisenau  ausgesprochenen  Gedanken,  den  Krieg  auf  der
        <pb n="130" />
        —  127  —

Stelle  fortzuführen  und  nur  in  Paris  zu  endigen,  verfocht;  sie
bestand  aus  den  Preußen,  insbesondere  Gneisenau  und  Blücher,
und  dem  Kaiser  Alexander;  2)  die  Friedenspartei,  die  Frankreichs
  Gebiet  nicht  verletzen,  ihm  sogar  die  fälschlich  sogenannten
natürlichen  Grenzen  lassen  wollte  und  nach  Napoleons  Sturz
Rußlands  Ubermacht  fürchtete;  zu  dieser  gehörten  hauptsächlich
die  Österreicher.  Letztere  hatten  auf  dem  Friedenskongreß  zu
Frankfurt  (9.  November  1813)  die  Oberhaud.  Aber  die  Leichtigkeit,
  mit  der  Bülow  Holland  eroberte,  die  Erfolge  der  Osterreicher
in  Oberitalien  und  der  Engländer  im  südlichen  Frankreich  gaben
Steins  Ratschlägen  beim  Zaren  noch  mehr  Gewicht,  und  da  ihm
Friedrich  Wilhelm  beistimmte,  und  Franz  I1.  durch  Napoleons
Verstocktheit  beleidigt  wurde,  so  entschloß  man  sich  endlich  zu  dem
Winterfeldzuge.

Die  Friedenspartei  lähmte  jedoch  dessen  Gang,  wollte  über  das
Plateau  von  Langres  nicht  hinaus,  fürchtete  eine  französische
Volkserhebung,  während  Napoleon  in  der  Tat  bei  seinem  erschöpften
  Volke  wenig  Sympathie  mehr  hatte,  und  verschuldete
(Anfang  Februar  durch  Franz  I.  heimlichen  Befehl  an  Schwarzenberg,
  mit  seiner  Armee,  in  der  doch  auch  Preußen  und  Russen
waren,  nicht  auf  das  rechte  Seineufer  zu  gehen)  größtenteils  die
Unfälle  der  Schlesischen  Armee.  Nur  die  erftaunliche  sittliche
Kraft  der  letzteren  machte,  daß  sie  sofort  schlagfertig  wieder  dastand
  und  aufs  neue  zum  Angriff  überging,  und  nur  Blüchers
rastlosem  Vorwärtstreiben  und  der  festen  Entschlossenheit  der
Monarchen  von  Rußland  und  Preußen  war  es  zu  danken,  daß
endlich  doch  der  allgemeine  Marsch  auf  Paris  geschah.

Der  Zar,  hier  um  die  Kriegführung  hochverdient,  brachte  aus
Eitelkeit  in  übel  angewandter  Großmut  die  Sieger  um  die
reichsten  Früchte  dieses  Feldzuges.  Es  wurden  den  Franzosen
nicht  einmal  die  Kunstschätze,  die  sie  zusammengeraubt,  geschweige
denn  die  ehemals  deutschen  Länder  Elsaß  und  Lothringen  oder  Ersatz
  für  die  Kriegsschäden  abgefordert.  Nur  die  vom  Brandenburger
  Tore  in  Berlin  entführte  Viktoria  nahmen  die  Preußen  mit.

Der  Wiener  Kongreß.

§  85.  Die  Verhältnisse  Europas  neu  zu  ordnen,  hielten
die  verbündeten  Fürsten  zu  Wien  eine  glänzende  Versammlung.
Dieser  Kongreß  (eröffnet  am  1.  November  1814)  war  in  dem
Grundsatz  einig,  den  angestammten  (legitimen)  Fürstenfamilien  ihre
verlorenen  Kronen  wiederzugeben;  aber  über  die  Verteilung  der
Beute  und  über  die  künftige  deutsche  Verfassung  entbrannte  ein  hef-
        <pb n="131" />
        —  128  —

tiger  Streit.  Im  Felde  hatte  Preußen  das  meiste  gethan;  jetzt  im
Rat  wurde  es  übervorteilt.  Da  der  Zar  ganz  Polen  und  also
auch  das  früher  preußische  zu  haben  wünschte,  so  sollte  Friedrich
Wilhelm  als  Entschädigung  Sachsen  nehmen.  Aber  Franz  J.
von  Österreich  und  sein  schlauer  Minister  Metternich  arbeiteten
im  Bunde  mit  den  deutschen  Fürsten  und  mit  Frankreich  und
England  diesem  Plane  entgegen  und  suchten  überhaupt  Preußen
nach  Möglichkeit  zu  verkürzen.  Friedrich  Wilhelms  Nachgiebigkeit
verhinderte,  daß  es  zwischen  den  Verbündeten  zum  Kriege  kam,  und
man  einigte  sich  (10.  Februar  1815)  dahin,  Sachsen  und  Polen
zu  teilen  und  Preußen  noch  anderwärts  in  Deutschland  einigen  Ersatz
  zu  geben.  Es  erhielt  von  den  im  Jahre  1805  besessenen
Gebieten  Danzig,  Thorn,  das  Großherzogtum  Posen  und  die
deutschen  Provinzen  (doch  mit  Ausnahme  von  Ostfriesland  und
Hildesheim,  welche  an  Hannover,  und  von  Ansbach  und  Bayreuth,
  welche  an  Bayern  fielen)  zurück  und  außerdem  halb  Sachsen,
  Neuvorpommern,  die  Herzogtümer  Jülich  und  Berg  und  die
Erzbistümer  Trier  und  Köln.  Sein  Gebiet  ward  dadurch  auf
5038  Quadratmeilen  mit  10⅛  Millionen  Einwohner  gebracht,
betrug  also  räumlich  weniger  als  im  Jahre  1805  und  hatte
eine  noch  zerstückeltere  Gestalt;  dagegen  hatte  es  freilich  für
polnische  Bevölkerungen  deutsche  eingetauscht.

Noch  weniger  befriedigend  wurde  die  Verfassung  Deutschlands
  festgestellt.  Die  Wiederherstellung  der  deutschen  Kaiserwürde
  im  Hause  Osterreich  gab  Friedrich  Wilhelm  nicht  zu;  aber
doch  kam  Preußen  in  dem  nun  beschlossenen  Bunde  aller  deutschen
  Staaten  nicht  zu  der  ihm  gebührenden  Geltung.  Die
Deutsche  Bundesakte  (8.  Juni  1815)  sprach  als  Zweck  des
Bundes  aus:  die  Bewahrung  der  Unabhängigkeit  und  Unverletzlichkeit
  der  im  Bunde  befindlichen  Staaten,  die  alle  gleichberechtigt
  und  souverän  sein  sollten,  und  die  Erhaltung  der  inneren
und  äußeren  Sicherheit  Deutschlands,  dessen  gemeinsame  Angelegenheiten
  der  Bundestag  in  Frankfurt  a.  M.,  eine  immerwährende
  Versammlung  der  Gesandten  aller  deutschen  Staaten,
zu  besorgen  hatte.

Selbst  dies  Ergebnis  wäre  vielleicht  nicht  so  bald  erreicht
worden,  wenn  nicht  Napoleons  plötzliche  Rückkehr  die  Hadernden
rasch  geeinigt  hätte.
        <pb n="132" />
        —  129  —

§  86.  Auf  dem  Wiener  Kongreß  trieb  England  eine  dynastische
Politik;  dem  Hause  Hannover  zu  Gefallen  schuf  es  das  Königreich
  Hannover  und  bereicherte  dasselbe  mit  dem  preußischen
Ostfriesland,  durchschnitt  also  Preußens  Machtkreis  in  Norddeutschland
  und  drängte  diesen  Staat  von  der  Nordsee  ab.  In
der  sächsischen  Frage  arbeitete  es  wegen  deren  Verknüpfung  mit
der  polnischen  Preußen  ebenfalls  entgegen,  weil  Rußland,  wenn
es  ganz  Polen  bekommen  hätte,  allzu  übermächtig  geworden  wäre.

Von  seinem  alten  Bundesgenossen  verlassen,  sah  sich  Preußen
von  seinem  alten  Gegner  Osterreich  desto  entschlossener  angegriffen.
  Letzteres  brachte  am  3.  Januar  1815  mit  England
und  Frankreich  einen  Kriegsbund  wider  Preußen  und  Rußland
  zu  stande.  Voll  Haß  und  Neid  gegen  Preußen,  versprachen
  Bayern  und  andere  ehemalige  Rheinbundstaaten  freudig
Hilfe.  So  erhielt  Preußen  für  seine  beispiellosen  Leistungen  von
Deutschland  und  Europa  schnöden  Undank  zum  Lohne.  Doch  bewirkte
  gerade  die  unfertige,  zerstückelte  Gestalt  des  preußischen
Staates,  daß  für  ihn  stetes  Wachstum  in  Deutschland  zur  Lebensaufgabe
  wurde.

Die  Entschädigungen  am  Rhein  (Besitzergreifung  15.  Mai
1815)  machten  Preußen  zu  Deutschlands  Grenzwächter  auch  im
Westen;  daß  es  keinen  größeren  Teil  Polens  zurückempfing,  war
ein  Glück,  weil  es  nun  wieder  fast  ganz  deutsch  wurde.  Die  neuen
Gebiete  waren  größtenteils  fruchtbare,  reiche,  hochkultivierte  Länder.
  Neuvorpommerns  Erwerbung  (80  O.-M.  mit  124  000
Einw.)  erfüllte  einen  hohenzollernschen  Lieblingswunsch:  ganz  Pommern
  zu  besitzen.  Im  Kieler  Frieden  (14.  Januar  1814)  hatte
Schweden  jenes  Gebiet  für  Norwegen  an  Dänemark  überlassen.
Durch  Vertrag  vom  4.  Juni  1815  erwarb  Friedrich  Wilhelm  es
von  den  Dänen  für  Lauenburg,  das  er  von  Hannover  erhalten,
und  für  8  Millionen  Taler,  wovon  fast  3  an  Dänemark,  5  an
Schweden  gezahlt  wurden.

Von  sächsischen  Landen  erhielt  er  (durch  Vertrag  vom  18.  Mai
1815):  die  Niederlausitz  und  einen  Teil  der  Oberlausitz;  den
Wittenberger  „Kurkreis“;  die  Herzogtümer  Weißenfels,  Zeitz  (Bistum
  968,  evangelisch  1564),  Merseburg  (Bistum  968,  seit  1561
evangelisch  administriert),  Grafschaft  Henneberg,  Grafschaft  Mansfeld,
  Fürstentum  Querfurt,  Torgau,  Delitzsch,  Düben,  Ziegenrück,
Eilenburg  —  für  diese  bisher  wettinischen  Gebiete  (378  O.-M.
mit  864  000  Einw.)  nahm  der  König  die  Titel  an:  Herzog
zu  Sachsen,  Markgraf  der  Ober=  und  Niederlausitz,
Landgraf  zu  Thüringen,  gefürsteter  Graf  zu  Henneberg.


Pierson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.  9
        <pb n="133" />
        —  130  —

Am  Rhein  wurden  außer  den  ehemaligen  Herzogtümern  Jülich
und  Berg,  einigen  Teilen  des  Erzbistums  Mainz  und  vielen
kleineren  Gebieten  neu  erworben:  das  Erzstift  Köln  (die  Stadt
Köln  36  v.  Chr.  durch  die  deutschen  Ubier  gegründet,  von  Agrippina,
  Gemahlin  des  Kaisers  Claudius,  50  n.  Chr.  mit  einer
Kolonie  Veteranen  besetzt  scolonia  Agrippinal,  Bischofssitz  schon
314,  Erzstift  seit  784);  das  Erzstift  Trier  (älteste  deutsche  Stadt,
um  320  Hauptstadt  von  Gallien  und  Bischofssitz);  die  Städte
Wetzlar  (seit  1692  Sitz  des  Reichskammergerichts),  Aachen  (von
813—1553  Krönungsstadt  der  deutschen  Könige),  Dortmund  (im
14.,  15.  Jahrhundert  Hauptstuhl  der  Feme)  —  für  diese  Territorien
  und  die  schon  seit  1802,  1803  säkularisierten  Bistümer
Paderborn  (gestiftet  795)  und  Münster  (gestiftet  791)  und
die  Benediktiner-Abtei  Corvey  (gestiftet  820)  nahm  der  König
die  Titel  an:  Großherzog  von  Niederrhein,  Herzog
zu  Westfalen  und  Engern,  Fürst  zu  Paderborn  und
Münster.

Die  neuen  Erwerbungen  bestanden  hier  größtenteils  aus  einem
bunten  Gemisch  ehemaliger  geistlicher  und  weltlicher  Duodezstaaten;
von  letzteren  erhielt  sich  ein  schwacher  Uberrest  in  den  Vorrechten,
die  den  mediatisierten  Fürsten  (z.  B.  von  Wied)  zu  teil
wurden.

Preußen,  seinem  Kerne  nach  ein  auf  slawischem  Boden  erwachsenes
  Neu-Deutschland,  behielt  1815  von  Land  mit  rein
polnischen  Bevölkerungen  nur  so  viel,  als  zur  Verbindung  seiner
baltischen  Gebietsteile  unter  einander  und  mit  Brandenburg  und
Schlesien  durchaus  nötig  war.  Um  so  erfolgreicher  schritt  nun
bei  jenen,  besonders  im  Großherzogtum  Posen,  das  Werk  der
Germanisierung  fort.  Zwar  gaben  der  polnische  Adel  und  die
polnische  (katholische)  Geistlichkeit  die  Hoffnung  auf  eine  Wiederherstellung
  Polens  nicht  auf.  Aber  der  polnische  Bauer,  der  es
unter  preußischem  Zepter  unvergleichlich  besser  hatte,  als  seine
Väter  einst  im  polnischen  Reiche  oder  als  seine  Brüder  jetzt  in
Rußland  und  Osterreich,  wurde  bald  ein  guter  Preuße.  Wie
1813—15  die  preußischen  Litauer  und  Kassuben  es  den  deutschen
Preußen  an  Heldenmut  durchaus  gleich  thaten,  so  haben  1866
und  1870  auch  die  preußischen  Soldaten  polnischer  Zunge  mit
derselben  Hingebung  und  Tapferkeit  für  Preußen  gefochten,  wie
ihre  deutsch  redenden  Kameraden.
        <pb n="134" />
        —  131  —

Der  Feldzug  von  1815.

§  87.  Die  neue  bourbonische  Regierung  Frankreichs  machte
sich  bei  der  Armee  und  Nation  bald  so  verhaßt,  daß  Napoleon
auf  die  Kunde  vom  Hader  der  Verbündeten  seinen  Thron  wiederzuerobern
  beschloß.  Er  verließ  mit  seiner  kleinen  Garde  die
Insel  Elba  und  landete  glücklich  (1.  März  1815)  in  der  Provence;
  die  Truppen  fielen  ihrem  alten  Führer  zu,  König  Ludwig
  XVIII.  entfloh,  und  triumphierend  zog  Napoleon  am  20.  März
in  Paris  ein.  Er  versprach  dem  Ausland,  fortan  Frieden  zu
halten,  und  seinem  Volke,  nicht  mehr  willkürlich  zu  regieren;
aber  man  glaubte  ihm  nicht.  Der  Haß  der  Monarchen,
die  er  einst  gedemütigt,  wie  der  Nationen,  die  er  beschädigt,
war  zu  groß;  sie  erhoben  sich  auf  dem  Wiener  Kongreß  wie
ein  Mann  gegen  ihn  und  erklärten  ihn  als  einen  Ruhestörer  in
die  Acht.  Unter  den  Verbündeten  war  wieder  Preußen,  ohne
sich  einen  Lohn  auszubedingen,  am  eifrigsten;  es  setzte  246  000
Mann  in  Bewegung,  Rußland  168  000,  Osterreich  210  000,
England  100  000.

Napoleon  hatte  dagegen  vor  der  Hand  nur  200  000  Soldaten;
  aber  er  gedachte  schnell  die  Gegner  einzeln  zu  schlagen.
In  der  Nähe  waren  nur  erst  ein  preußisches  und  ein  englischdeutsches
  Heer;  sie  lagen  in  Belgien,  jenes  (116  000  Preußen)
von  Blücher,  dieses  (100  000  Briten,  Deutsche,  Niederländer)
von  Wellington  befehligt,  in  weitgedehnter  Stellung,  ohne  engen
Zusammenhang.  Mit  dem  Kern  seiner  Armee,  134  000  Mann,
warf  sich  Napoleon  zwischen  sie  und  griff  am  16.  Juni  bei
Ligny  mit  78  000  Mann  den  Feldmarschall  Blücher  an,  der
hier  86  000  Mann  hatte,  auch  auf  Wellingtons  versprochene
Hilfe  rechnete.  Dieser  hielt  aber  nicht  sein  Wort,  da  er  zu  derselben
  Zeit  einen  heftigen  Kampf  mit  Ney  bei  Quatrebras  zu
bestehen  hatte.  Nach  furchtbarem  Gemetzel  endete  die  Schlacht
durch  Napoleons  Kriegskunst  ungünstig  für  die  Preußen.  Fast
wäre  im  Handgemenge  der  greise  Feldmarschall  selber  umgekommen;
  nur  seines  Adjutanten  Grafen  Nostitz  Geistesgegenwart
rettete  ihn  vor  der  Gefangenschaft.  —  Am  17.  Juni  führten
Wellington  und  Blücher  ihre  Heere  zurück.  Napoleon,  der  die
Preußen  vernichtet  glaubte,  wendete  sich  nun  mit  72  000  Mann

gegen  das  britisch-deutsche  Heer,  welches  in  der  Stärke  von
9
        <pb n="135" />
        —  132  —

68  000  Mann  auf  den  Höhen  von  Mont  St.  Jean  (unweit
Brüssel)  eine  feste  Stellung  bezog.  Hier  nahm  Wellington  am
18.  Juni  (mittags)  die  Schlacht  an;  denn  er  baute  fest  auf
Blüchers  Hilfe,  und  dieser  hielt  sein  Versprechen.  Schon  wankte
Wellingtons  Heer,  von  Napoleon  furchtbar  bestürmt,  nach  hartnäckigstem
  Widerstande,  und  weil  die  Nacht  noch  fern,  sah
Wellington  Rettung  nur,  wenn  die  Preußen  kämen;  —  da,  im  entscheidenden
  Augenblick,  um  5  Uhr  nachmittags,  erschien  das  preußische
  Heer.  Es  hatte  nach  der  Niederlage  bei  Ligny  sich  sofort  zu
einem  neuen  Angriff  bereit  gemacht  und  war  seit  dem  grauenden
Morgen  auf  dem  Marsche  nach  Mont  St.  Jean.  Von  Blücher
unaufhörlich  angetrieben,  arbeitete  es  sich  mit  fast  übermenschlicher
Anstrengung  durch  die  von  strömendem  Regen  grundlos  aufgeweichten
  Wege  heran;  zu  rechter  Zeit  war  es  da  und  fiel,  das
Korps  von  Bülow  voran,  Napoleon  in  die  Seite.  Nun  hielt
das  englisch-deutsche  Heer  mit  letzter  Kraft  fest,  und  als  auch
das  preußische  Korps  von  Zieten  siegreich  anstürmte,  die  Dörfer
la  Haye  und  Papelotte,  wie  Bülow  das  Dorf  Planchenois,  eroberte,
  da  löste  sich  das  französische  Heer,  rings  umklammert,  in
wilder  Flucht  auf.  Bis  tief  in  die  Nacht  hinein  setzte  Gneisenau
mit  den  Preußen  die  Verfolgung  des  geschlagenen  Kaisers  fort;
er  zertrümmerte  ihm  die  Armee  bis  zur  Vernichtung.

Diese  Schlacht,  von  den  Preußen  nach  Napoleons  Hauptquartier,
  der  Meierei  La  belle  Alliance  (von  den  Engländern
aber  nach  Wellingtons  Hauptquartier  Waterloo)  genannt,  machte
dem  Reiche  Napoleons  ein  Ende.  Er  dankte  notgedrungen  noch
einmal  ab;  die  Preußen  zwangen  Paris  zur  Übergabe.  Am
7.  Juli  zogen  die  Verbündeten  ein,  und  Blücher  ließ  die  Franzosen
  jetzt  auch  das  Los  Besiegter  fühlen.  Als  dann  die  Monarchen
  anlangten,  setzten  sie  Ludwig  XVIII.  wieder  als  König
von  Frankreich  ein  und  schlossen  mit  ihm  am  20.  November
1815  den  zweiten  Pariser  Frieden.  Vergebens  forderten  die
deutschen  Patrioten  die  Rückgabe  der  einst  deutschen  Länder  Elsaß
und  Lothringen;  Nußland  und  England  widersprachen,  und  Osterreich
  unterstützte  Preußens  Forderung  fast  gar  nicht.  So  brauchte
denn  Frankreich  nur  kleine  Landstriche  an  seinen  Ostgrenzen  abzutreten
  (das  Saarbecken  an  Preußen);  außerdem  mußte  es  die
geraubten  Schätze  der  Kunst  und  Wissenschaft  ausliefern,  700
Millionen  Francs  Kriegskosten-Entschädigung  zahlen  (davon  145
        <pb n="136" />
        Millionen  an  Preußen),  und  drei  Jahre  lang  150  000  Mann
verbündeter  Truppen  in  seinem  Gebiet  ernähren.  Napoleon  aber
wurde  bis  an  seinen  Tod  (1821)  auf  der  Felseninsel  St.  Helena,
bewacht  von  den  Engländern,  in  Gefangenschaft  gehalten.
Die  großen  Streitmassen,  die  Preußen  1815  rasch  wieder  ins
Feld  stellen  konnte,  verdankte  es  seinem  Wehrsystem.  Das  Gesetz
vom  3.  September  1814  führte  allgemeine  Wehrpflicht
(mit  dreijährigem  Dienst  bei  der  Fahne)  ein  und  verstärkte  das
stehende  Heer  außerordentlich  durch  die  Landwehr.  Sein  Volk
für  die  unvergleichlichen  Opfer  von  1813  und  14  zu  belohnen
und  es  zu  den  neuen  Opfern  von  1815  noch  mehr  zu  befeuern,
erließ  Friedrich  Wilhelm  III.  auf  Steins  und  Hardenbergs  Rat
das  Edikt  vom  22.  Mai  1815,  in  welchem  er  eine  Repräsentativ-Verfassung
  zu  geben  versprach.  Doch  trieb  auch  ohnedies
  die  nationale  Wut  gegen  Napoleon  das  Volk  der  alten  Provinzen
  zu  den  heroischen  Leistungen  dieses  Feldzugs.
Der  Erfolg  des  Befreiungskrieges  war  hauptsächlich:  die  glorreiche
  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates  und  der  Beweis
der  Kraft  seines  Volkes.

VIII.  Vom  Schluß  des  Wiener  Kongresses  1815
bis  zur  Thronbesteigung  Wilhelms  I.  1861.

Friedrich  Wilhelms  III.  spätere  Negierungszeit
(1815—1840).

g  88.  Am  26.  September  1815  schlossen  die  Herrscher  von
Nußland,  Preußen  und  Osterreich  unter  sich  die  Heilige  Allianz,
einen  Bund,  in  welchem  sie  sich  verpflichteten,  ihre  Völker  wie
Familienväter  und  gleichsam  als  Statthalter  Gottes  christlich  zu
beherrschen  und  Religion,  Frieden  und  Gerechtigkeit  aufrecht  zu
erhalten.  Die  meisten  Fürsten  Europas  traten  diesem  Bunde
bei,  der  indes  fast  nur  die  Verstärkung  des  unumschränkten
Herrschertums  zur  Wirkung  hatte.

Auch  den  Untertanen  einigen  Einfluß  auf  die  öffentlichen
Dinge  zu  verschaffen,  war  das  Bestreben  des  Staatskanzlers
        <pb n="137" />
        —  134  —

Fürsten  Hardenberg.  Doch  hemmte  ihn  darin  das  Mißtrauen,
welches  sich  bald  zwischen  Fürsten  und  Völkern  in  Deutschland
einschlich.  Besonders  in  Mittel--  und  Süddeutschland  verlangte
ein  Teil  der  Bevölkerung  heftig  nach  liberalen  Verfassungen,  die
in  vielen  Mittel=  und  Kleinstaaten  auch  gewährt  wurden.  Am
eifrigsten  politisierten  die  Studenten.  Schon  das  Wartburgfest
  (1817),  bei  welchem  Mitglieder  der  Jenaer  Burschenschaft
volksfeindliche  Schriften  verbrannt  hatten,  reizte  den  Unwillen
der  deutschen  Regierungen.  Als  aber  ein  Student  Karl  Sand
den  für  einen  russischen  Spion  geltenden  Schriftsteller  v.  Kotzebue
(März  1819)  ermordete,  wurde  auf  Metternichs  Antrieb  durch
die  Karlsbader  Beschlüsse  im  August  1819  eine  Untersuchung
  und  Verfolgung  der  demagogischen  Umtriebe  angeordnet.


Unter  diesen  Umständen  kam  die  schon  1815  verheißene
Verfassung  Preußens  nicht  zu  stande,  und  Friedrich  Wilhelm
führte  statt  „Reichsstände“  (d.  h.  statt  eines  allgemeinen  Landtags)
  nur  Provinzialstände  ein  (5.  Juni  1823).  Diese  waren
  zur  Hälfte  aus  Rittergutsbesitzern,  als  dem  ersten  Stande,
zur  Hälfte  aus  den  Vertretern  der  Städte  und  Bauern  gebildet
und  erhielten  die  Befugnis,  über  Gesetzentwürfe,  die  ihre  Provinzen
  angingen,  ein  Gutachten  abzugeben.

§  89.  Viel  Befriedigung  gewährte  die  Verwaltung  des
Königs.  Er  gab  ihr  feste  Einheit,  indem  er  das  Staatsgebiet
in  8  Provinzen,  diese  in  Regierungsbezirke,  diese  in  Kreise  teilte,
über  die  Landräte  der  Kreise  den  Regierungspräsidenten,  über
die  Regierungspräsidenten  den  Oberpräsidenten  der  Provinz  setzte,
die  Oberpräsidenten  aber  dem  Staatskanzler  unterordnete,  der
hinwieder  von  dem  1817  eingerichteten  Staatsrat  beaufsichtigt
wurde.  Da  die  Beamtenschaft  mit  großer  Macht  ausgerüstet
war  und  sich  in  Preußen  von  jeher  durch  Geschicklichkeit  und
Pflichttreue,  Ordnung  und  Arbeitsamkeit  auszeichnete,  so  brachte
sie  in  kurzer  Zeit  die  durch  den  Krieg  und  die  neuen  Gebietsverhältnisse
  sehr  verwirrten  Geschäfte  in  den  rechten  Gang  und
richtete  die  neuen  Erwerbungen  auf  preußische  Art  ein.

Um  den  Staatshaushalt  erwarb  sich  Friedrich  Wilhelm
die  meisten  Verdienste.  In  den  Jahren  von  1806  bis  1815
war  der  Staat  in  tiefe  Schulden  geraten,  die  im  Jahre  1820
        <pb n="138" />
        —  135  —

sich  auf  218  Millionen  Taler  beliefen.  Um  diese  zu  tilgen  und
zugleich  die  großen  neuen  Ausgaben  für  Festungen,  Waffen,
Schulen,  Ämter  bestreiten  zu  können,  opferle  der  König  großmütig
  seine  Domänen  und  ließ  den  größten  Teil  derselben  verkaufen,
  ersparte  durch  Beurlaubung  viel  beim  Militär  und  setzte
fest,  daß  die  gesamten  Staatsausgaben  ein  bestimmtes  Maß  nicht
überschreiten  dürften.  Auf  den  Nat  des  Ministers  v.  Klewiz  hob
er  1818  die  Toraccise  auf  und  führte  statt  derselben  in  den  größeren
Städten  die  Mahl=  und  Schlachtsteuer,  in  den  kleinen  Städten
und  auf  dem  platten  Lande  die  Klassensteuer  ein.  Dadurch
erleichterte  er  den  Verkehr,  und  Handel  und  Wandel  hob  sich.

Denselben  Zweck  erreichte  er  im  großen  durch  die  Gründung
des  preußisch-deutschen  Zollvereins  (1834),  dem  mit  Ausnahme
von  Osterreich,  Mecklenburg  und  den  Hansestädten  alle  deutschen
Staaten  beitraten.  Durch  ihn  wurde  nicht  bloß  die  deutsche
Industrie,  da  die  Zollschranken  zwischen  den  Zollvereinsstaaten
wegfielen,  mächtig  gefördert,  sondern  auch  ein  großer  Schritt  zur
Einigung  Deutschlands  unter  Preußens  Führung  getan.

Ebenso  wohltätig  erwies  sich  Friedrich  Wilhelms  Regierung
für  die  geistige  Bildung  der  Nation.  Das  höhere  Schulwesen
  wurde  1817  einem  besonderen  Ministerium  „der  geistlichen,
Unterrichts=  und  Medizinal-Angelegenheiten“  untergeben  und  kam
durch  die  weise  Verwaltung  des  Ministers  v.  Altenstein  sehr  in
Flor.  Neben  den  Gymnasien  blühten  nun  auch  die  Realschulen.
Die  Universitäten  zu  Halle  und  Wittenberg  wurden  in  Halle
vereinigt  (1817),  und  für  die  Rheinlande  die  Universität  zu  Bonn
gegründet  (1818).  Daß  aber  Preußen  auch  im  Volksunterricht
alle  anderen  Großstaaten  weit  überflügelte,  war  hauptsächlich
eine  Folge  der  allgemeinen  Schulpflichtigkeit,  die  der  König
  durchführte.

In  den  kirchlichen  Dingen  gelang  ihm  ein  altüberliefertes
Streben  seines  Hauses:  er  vereinigte  die  beiden  evangelischen
Bekenntnisse,  das  lutherische  und  das  reformierte,  in  der  Union
(1817)  zur  „Evangelischen  Landeskirche.“  Er  selbst  arbeitete  für
sie  eine  Agende  aus,  die  jedoch  bei  manchen  Lutheranern  (Alt-Lutheranern)
  auf  Widerstand  stieß.  —  Der  römischen  Geistlichkeit
verstattete  er  (durch  Vertrag  mit  dem  Papste  1821)  großen  Einfluß
  auf  seine  katholischen  Untertanen.  Als  sie  aber,  von  den
Jesuiten  geleitet,  die  Rechte  der  Evangelischen  und  des  Staates
        <pb n="139" />
        —  136  —

verletzte  (besonders  in  betreff  der  gemischten  Ehen  zwischen  Protestanten
  und  Katholiken),  ja  sogar  das  Volk  am  Rhein  und  in
Posen  wider  die  Regierung  aufhetzte,  ließ  der  König  den  ungehorsamen
  Erzbischof  von  Köln  v.  Droste-Vischering  verhaften
  und  auf  eine  Festung  bringen  (1837).  Ebenso  erging  es
dem  gleich  aufsässigen  Erzbischof  von  Posen,  Martin  Dunin
(1839).  Jener  mußte  in  Minden,  dieser  in  Kolberg  als  Staatsgefangener
  sitzen.  Als  Schutzherr  der  Evangelischen  nahm  auch
der  König  1837  die  in  Tirol  wegen  ihres  Glaubens  bedrückten
lutherischen  Zillertaler  aufj;  er  siedelte  sie  bei  Erdmannsdorf
in  Schlesien  an.

Unter  seiner  wahrhaft  landesväterlichen  Verwaltung  machte
das  Land  in  jeder  Art  der  Kultur  die  größten  Fortschritte:  der
Wohlstand  und  die  Bevölkerung  wuchsen  in  den  25  Friedensjahren
  von  1815—1840  um  die  Hälfte;  die  Wissenschaften  nahmen
  einen  solchen  Aufschwung,  daß  Preußen  hierin  selbst  die  am
weitesten  vorgeschrittenen  Nationen  zu  überholen  begann.  Erhalten
  wurde  dieser  segensreiche  Frieden  teils  durch  die  Achtung,
welche  man  vor  Preußens  militärischer  Kraft  hatte,  da  es  nach
seiner  Landwehrverfassung  bei  einem  Kriege  immer  sein  ganzes
Volk  in  Waffen  stellen  mußte  und  konnte,  teils  durch  die  Abneigung
  des  Königs,  Anlaß  zu  Störungen  der  europäischen  und
der  deutschen  Machtverhältnisse  zu  geben.  Er  schloß  sich  in  betreff
der  ersteren  gewöhnlich  den  Ansichten  des  ihm  verschwägerten
Kaisers  von  Rußland  (seit  1825  Nikolaus,  Gemahl  Charlottens,
der  Tochter  des  Königs),  in  den  deutschen  Dingen  meist  den
Maßregeln  Osterreichs  an.  Da  nun  Kaiser  Nikolaus  und  noch
mehr  der  Minister  Metternich  überall  das  Aufkommen  konstitutioneller
  Einrichtungen  bekämpften,  so  übertrug  sich  ein  Teil  der
dadurch  bei  den  Liberalen  erregten  Mißstimmung  auch  auf  die
preußische  Regierung.

Dennoch  war  der  König  bis  an  seinen  Tod  beim  Volke  sehr
beliebt;  es  freute  sich  seiner  schlichten,  bürgerlichen  Art,  die  besonders
  in  seinem  Privatleben  (auch  nach  seiner  zweiten  Verheiratung
  mit  der  zur  Fürstin  von  Liegnitz  erhobenen  Gräfin
Auguste  v.  Harrach  1824)  gemütvoll  hervortrat,  und  dankte  ihm
für  die  großen  Erfolge  seiner  wohlgeordneten  Verwaltung.

Friedrich  Wilhelm  III.  starb  am  7.  Juni  1840  zu  Berlin.
Der  Staat,  den  er  neu  eingerichtet,  hatte  unter  ihm  eine  Bevöl-
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        —  137  —

kerung  von  15  Millionen  auf  5049  Quadratmeilen  erreicht  (1834
hatte  er  noch  das  kleine  Fürstentum  Lichtenberg  erworben);  die
Einnahmen  waren  auf  89  Millionen  Taler  gestiegen;  die  Streitmacht
  bestand  im  Frieden  aus  140  000  Mann  Linie,  dazu  für  den
Kriegsfuß  noch  aus  280  000  Mann  Reserve  und  Landwehr  ersten
und  110  000  Mann  zweiten  Aufgebots.

5§  90.  Ein  Artikel  der  Deutschen  Bundesakte  verhieß  allen
deutschen  Staaten  landständisohe  Verfassung.  Mehrere  derselben,  besonders
  Baden,  Bayern,  Württemberg,  erhielten  auch  bald  mehr
oder  minder  liberale  Konstitutionen;  Frankreich  hatte  eine  solche
bereits  durch  die  Charte  von  1814.  Hierauf,  sowie  auf  das  Gesetz
  vom  22.  Mai  1815  beriefen  sich  diejenigen,  welche  auch  für
Preußen  eine  moderne  Konstitution  wünschten.  Zu  diesen
gehörten  vornehmlich  die  liberalen  Beamten,  welche  die  Stein-Hardenbergsche
  Reform  vollführt  hatten,  einige  Führer  des  Befreiungskrieges
  (z.  B.  Gneisenau,  Grolman)  und  die  meisten
patriotischen  Schriftsteller  (z.  B.  Arndt)  und  Gelehrten  (Schleiermacher).


Den  Verfassungsfreunden  entgegen  arbeiteten  die  Höflinge,  ein
Voher  Teil  der  Bureaukratie  und  des  Adels,  besonders  aber

sterreich  und  Rußland,  welche  den  Einfluß  eines  liberalen
Preußens  auf  Deutschland  fürchteten.

Zwischen  beiden  Parteien  vermittelte  Hardenberg,  immer  bemüht,
  nach  Möglichkeit  die  Grundsätze  der  Reformzeit  von  1808
bis  1812  durch  die  Verwaltung  praktisch  zu  bethätigen.

Der  König  hielt  an  seiner  Überzeugung,  daß  die  absolute
Monarchie  für  den  preußischen  Staat  die  notwendige  Form  sei,
um  so  fester,  weil  die  Bewohner  der  neuen  Provinzen,  zumal
die  katholischen  und  die  Polen,  noch  keineswegs  gut  preußisch  gesiunt,
vielmehr  den  wichtigsten  Interessen  des  preußischen  Staates  abgeneigt
  waren:  die  allgemeine  Wehrpflicht  und  die  straffe  Verwaltung
  waren  in  fast  allen  neuen  Gebieten  unbeliebt;  die
Gleichberechtigung  der  Konfessionen  mißfiel  besonders  in  den  früher
bischöflichen  Teilen  Westfalens  und  der  Rheinprovinz;  das  Deutschtum
  war  dem  polnischen  Adel  und  Klerus  verhaßt.

Die  Einbuße  an  Geltung  und  Ansehen,  welche  Preußen  beim
deutschen  Volke  durch  seine  Nachgiebigkeit  gegen  die  Politik
Metternichs  erlitt,  brachte  der  König  wieder  ein  durch  die  musterhafte
  innere  Verwaltung  seines  Staates  und  besonders  durch  seine
deutschnationale  Handelspolitik.  Der  Zollverein,  den  Preußen
mit  beträchtlichen  eigenen  Opfern  gründete,  gab  der  Industrie
        <pb n="141" />
        —  138  —

und  dem  Handel  einen  ungeahnten  Aufschwung.  Seine  Grundsätze
  waren  eine  gemäßigte  Handelsfreiheit  und  die  Einheit  des
deutschen  Volkes.  Osterreich  konnte  seiner  verschiedenen  Verkehrsverhältnisse
  wegen  in  eine  Zolleinigung  mit  Deutschland  nicht  treten
  und  mußte  letzteres  daher  dieser  preußischen  Führerschaft  überlassen.
  Zuerst  wurde  der  Zollverein  1827  mit  einigen  Enklaven
geschlossen,  1828  mit  Hessen-Darmstadt,  1831  mit  Kurhessen,
1833  mit  Bayern,  Württemberg,  Sachsen  und  den  thüringischen
Staaten,  1835  mit  Baden  und  Nassau,  1836  mit  Frankfurt  a.  M.
Die  Finanzminister  Motz  und  v.  Maaßen  und  die  Geheimräte
Eichhorn  und  Kühne  erwarben  sich  um  dies  Werk  viele  Verdienste.
Durch  den  Zollverein,  sowie  durch  die  zahlreich  gegründeten  Real,
Gewerbe-,  Ackerbau=  und  Handelsschulen,  wurde  der  Aufschwung
der  Industrie  ungemein  befördert.

Das  Aufblühen  der  materiellen  Kultur  beschleunigte  der
Umstand,  daß  man  mehr  und  mehr  die  WMissenschaft  auf  das
praktische  Leben  anwandte,  Land-  und  Forstwirtschaft,  wie  städtisches
  Gewerbe  vernunftgemäß  betrieb.

In  dieser  Zeit  machte  der  deutsche  Geist  die  großartigsten  Fortschritte
  auf  dem  Gebiet  des  Wissens.  Preußen  hatte  daran
einen  hervorragenden  Anteil.  Viele  Gelehrte  ersten  Ranges,  wie
Alerander  von  Humboldt  (geb.  1769  zu  Berlin,  1859),
Karl  Ritter  (geb.  1779  zu  Ouedlinburg,  1  1859  zu  Berlin),
Leopold  Ranke  (geb.  1795  zu  Wiehe  i.  Th.,  k  1886  zu  Berlin),
brachte  es  hervor;  andere,  wie  Hegel  und  die  Gebrüder  Grimm,
zog  es  an  sich.  —  In  der  Poesie  war  bei  Hofe  vorzüglich
die  romantische  Richtung  beliebt,  welcher  Ludwig  Tieck  (geb.
1773  zu  Berlin,  gest.  1853),  v.  Fouqué,  v.  Eichendorff,
A.  von  Arnim  folgten;  allgemeinen  Beifall  hatten  die  Dichtungen
  Adelberts  von  Chamisso  (geb.  1781  zu  Boncourt  in
der  Champagne,  als  Knabe  nach  Berlin  übergesiedelt,  wo  er
1838  starb)  und  K.  Immermanns  (geb.  1796  zu  Magdeburg,
  gest.  1840).  Die  mit  dem  Bestehenden  Unzufriedenen
fanden  Geschmack  an  den  Phantasien  des  sogenannten  „jungen
Deutschland“,  dessen  literarisches  Haupt  H.  Heine  war  (geb.
1799  zu  Düsseldorf,  aus  jüdischer  Familie,  gest.  1856  zu  Paris).
Während  in  den  oberen  Kreisen  der  Gesellschaft  verfeinerte
Asthetik  und  ideale  Philosophie  gepflegt  wurden,  verbreitete  die
Pestalozzische  Volkspädagogik,  von  der  Regierung  in  Preußen
eingeführt,  eine  gewisse  Aufklärung  selbst  in  den  untersten  Schichten
  des  Volks.
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        —  139  —

Friedrich  Wilhelm  IV.  (1840—1861).

§  91.  Auf  Friedrich  Wilhelm  III.  folgte  dessen  ältester
Sohn,  Friedrich  Wilhelm  IV.,  geb.  am  15.  Oktober  1795
(seit  1823  vermählt  mit  Elisabeth  von  Bayern),  ein  geistreicher,
frommer  und  deutschgesinnter  Fürst.  Auch  er  war  überzeugt,
daß  die  besondere  Natur  und  die  eigentümlichen  Aufgaben  des
preußischen  Staates  das  Fortbestehen  des  Absolutismus  nötig
machten;  doch  milderte  er  denselben  (1842)  durch  Beschränkung
der  Zensur  und  durch  langsamen  Ausbau  des  Instituts  der
Provinzialstände,  deren  „Vereinigten  Ausschuß“  er  nach  Berlin
  berief.  —  In  den  kirchlichen  Dingen  begünstigte  er  die
Strenggläubigkeit,  die  auch  in  der  Schule  und  im  Staate
herrschen  sollte.  Dennoch  bildeten  sich  neue  Sekten:  1842  die
„Lichtfreunde“  und  „freien  Gemeinden“;  1844  (hervorgerufen
durch  den  Widerwillen  gegen  den  „heiligen  Rock“,  den  die
katholische  Geistlichkeit  in  Trier  ausstellte)  die  „Deutschkatholiken“.

Um  dem  Wurnsche  eines  großen  Teiles  der  Nation  nach
einer  verfassungsmäßigen  Mitwirkung  an  der  Leitung  des  Staates
  nachzukommen,  errichtete  der  König  durch  Patent  vom  3.  Februar
  1847  den  „Vereinigten  Landtag“,  eine  Ständeversammlung
  für  das  ganze  Reich,  ohne  deren  Zustimmung  fortan
keine  neuen  Steuern  oder  Anleihen  eingeführt  werden  durften.
Doch  war  die  liberale  Partei  mit  diesem  Zugeständnis  nicht  zufrieden,
  und  als  im  folgenden  Jahre  am  22.  Februar  in  Paris,
am  13.  März  in  Wien  eine  siegreiche  Revolution  stattfand,  verhieß
  Friedrich  Wilhelm  (den  18.  März  1848  vormittags)  auch
Preußen  eine  freiere  Verfassung,  sowie  eine  Verbesserung  des
Deutschen  Bundes.  Gleichwohl  kam  es  am  Nachmittag  des
18.  März  in  Berlin  zu  einem  Straßenkampfe,  infolgedessen  hier
monatelang  Unordnung  herrschte.  Auch  in  Posen  brach  eine
Empörung  aus;  die  Polen,  geführt  von  Mieroslawski,  erhoben
sich  hier  gegen  die  Deutschen,  wurden  aber  von  den  preußischen
Truppen  bald  bezwungen.

Am  22.  März  berief  der  König  eine  „Preußische  Nationalversammlung“
  ein,  um  mit  ihr  eine  neue  Verfassung
zu  vereinbaren.  Sie  trat  am  22.  Mai  in  Berlin  zusammen.
Da  aber  die  Unordnungen  fortdauerten,  und  die  Vereinbarung
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        —  140  —

mit  der  Nationalversammlung  nicht  den  erwünschten  Fortgang
nahm,  so  ernannte  der  König  am  9.  November  konservative
Männer  —  Graf  Brandenburg,  Otto  v.  Manteuffel  —  zu  Ministern,
  welche  die  volle  Autorität  der  Krone  wiederherstellen
sollten.  Nachdem  er  dann  am  5.  Dezember  die  Nationalversammlung
  aufgelöst  hatte,  verordnete  („oktroyierte“)  er  eine  Verfassung,
  die  sehr  freisinnig  war.  Am  30.  Mai  1849  erließ  er
ein  neues  Wahlgesetz  für  die  zweite  Kammer,  das  Dreisteuerklassen-Wahlsystem,
  vereinbarte  sodann  mit  dem  neuen  Landtag
  die  „revidierte“  Verfassung  und  verkündete  dieselbe  am
31.  Januar  1850  als  Staatsgrundgesetz.  Durch  Verordnung
vom  12.  Oktober  1854  baute  er  sie  durch  Schöpfung  des  Herrenhauses
  weiter  aus.

§5  92.  Er  versuchte  auch  Deutschland  neu  zu  ordnen.  Weil
er  aber  den  Rechten  der  deutschen  Fürsten  nicht  zu  nahe  treten
wollte,  auch  einen  Krieg  mit  den  eifersüchtigen  Nachbarstaaten
(besonders  Osterreich  und  Rußland)  scheute,  so  lehnte  er  die  ihm
von  der  deutschen  Nationalversammlung  am  3.  April  1849  angetragene
  deutsche  Kaiserkrone  ab;  ohnehin  mißfiel  ihm  die
demokratische  Verfassung,  die  er  damit  zugleich  annehmen  sollte.
Obwohl  er  nun  die  deutschen  Fürsten  mit  Waffengewalt  beschützte,
  die  Revolution  in  Dresden  (Mai  1849),  in  der  Pfalz
und  in  Baden  (Juni  1849)  niederschlagen  ließ  und  den  Beherrschern
  Sachsens,  Badens,  Bayerns  die  abgefallenen  Länder
wiedergab,  so  gelang  ihm  doch  die  erstrebte  preußisch-deutsche
Union  nicht.

Eben  so  wenig  richtete  er  in  Schleswig-Holstein  und
in  Kurhessen  aus;  dort  hatte  sich  das  Volk  1848  gegen  die
Dänen,  hier  1850  gegen  den  Kurfürsten  erhoben.  An  beiden
Stellen  wurde  es  in  seinem  guten  Rechte  von  Preußen  unterstützt.
  Aber  auf  Rußlands  und  Osterreichs  Drohung  gab  Friedrich
  Wilhelm  nach  und  nahm  die  Bedingungen  an,  die  seinem
Minister  Manteuffel  auf  der  Konferenz  zu  Olmütz  (29.  November
  1850)  gestellt  worden  waren.  Demnach  erkannte  er  1851
den  Frankfurter  Bundestag  (der  sich  im  Juli  1848  aufgelöst
  hatte  und  nun  von  neuem  hergestellt  wurde)  wieder  an,  ließ
zu,  daß  die  Kurhessen  von  Bayern  und  Osterreichern  unterworfen
wurden,  und  unterzeichnete  das  Londoner  Protokoll  (8.  Mai
        <pb n="144" />
        —  141  —

1852),  welches  Schleswig-Holstein  an  die  Dänen  überlieferte.
Im  Sommer  1852  wurde  auch  die  kaum  gegründete  kleine
deutsche  Flotte  durch  Versteigerung  wieder  beseitigt.

§6  93.  Einen  Zuwachs  erhielt  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.
der  Staat  durch  die  Erwerbung  der  Fürstentümer  Hohenzollern-Sigmaringen
  und  -Hechingen,  deren  Fürsten  dieselben
  zum  Nutzen  deutscher  Einheit  an  Preußen  abtraten
(6.  und  8.  April  1850),  ferner  durch  den  Ankauf  des  Jadebusens
  an  der  Nordsee  (1853),  wo  der  König  den  Bau  eines
Kriegshafens  für  die  von  ihm  gegründete  preußische  Flotte
begann.  Dagegen  verlor  er  das  Fürstentum  Neuschatel  (Neuenburg),
  welches  jedoch,  ein  persönlicher  Besitz  der  preußischen
Könige,  in  den  Staat  nie  einverleibt  worden  war.  Es  hatte  sich
1848  völlig  als  republikanischer  Kanton  der  Schweiz  eingerichtet.
Um  Krieg  mit  Osterreich,  welches  sich  einmischte,  zu  vermeiden,
verzichtete  Friedrich  Wilhelm  1857  auf  seine  ohnehin  unbedentenden
  Rechte  an  dieses  Ländchen.  —  Wenigstens  den  Nutzen
hatte  die  auswärtige  Politik  des  Königs,  daß  sie  dem  Lande  den
Frieden  erhielt,  in  dessen  Schutz  der  Nährstand  immer  mehr
gedieh,  und  Volkszahl  und  Wohlstand  rascher  zunahmen  als  in
den  meisten  andern  deutschen  und  europäischen  Staaten.

Nach  keiner  Seite  hin  war  Friedrich  Wilhelms  IV.  Tätigkeit
  so  ausdauernd  wie  in  der  kirchlichen  Richtung.  Die  Belebung
  des  christlichen  Glaubens,  wo  derselbe  schwach  geworden,
lag  ihm  vor  allem  am  Herzen.  „Ich  und  mein  Haus“  (erklärte
er  feierlich)  „wir  wollen  dem  Herrn  dienen“.  Um  die  evangelische
  Kirche  freier  von  der  Gewalt  des  Staates  zu  machen,
gründete  er  für  sie  1850  den  evangelischen  Ober-Kirchenrat.
Er  förderte  die  „Innere  Mission“;  auch  die  „Evangelische  Allianz“.
Die  Volksschule  erhielt  1854  durch  Einführung  der  „Regulative“
eine  mehr  auf  das  Religiöse  gehende  Richtung.

Vielseitig  und  feingebildet,  schätzte  und  liebte  Friedrich  Wilhelm
  die  Wissenschaften  und  schönen  Künste  sehr.  Auch  die
letzteren  kamen  nun,  dank  seiner  Pflege,  in  Preußen  zu  hoher
Blüte;  von  seiner  Freigebigkeit  und  seinem  Kunstsinn  zeugt  insbesondere
  der  Kölner  Dom,  dessen  Riesenbau,  im  Mittelalter
  begonnen,  nach  dreihundertjähriger  Unterbrechung  seit  1842
weitergeführt  wurde.
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        —  142  —

8  94.  Schon  bei  der  ersten  großen  Industrieausstellung
des  Zollvereins,  in  Berlin  1844,  zeigte  sich  der  außerordentliche
Fortschritt  der  Gewerbe.  Dieser  erhielt  Flügel  durch  die  Erfindungen
  der  Neuzeit,  besonders  in  der  Benutzung  der  Dampfkraft
und  des  Maschinenwesens,  der  Eisenbahnen  und  Telegraphen.
Bei  der  Welt-Industrieausstellung  im  Krgystallpalast  zu
London  1851  mußten  Engländer  und  Franzosen  sich  in  manchen
Stücken  von  dem  Gewerbefleiß  des  Zollvereins  übertroffen  sehen.
Gleichen  Schritt  damit  hielt  in  Preußen  der  Ackerbau  (von
1849—1852  wurden  41/8  Million  Morgen  Landes  urbar  gemacht).

Unter  den  Künsten  hatten  auch  sonst  Bildhauerei  und  Architektur
  geblüht  (Schinkel  lgeb.  1781  in  Neu-Ruppin,  1  18411,
Gottfried  Schadow  (geb.  1764  in  Berlin,  1850),  Rauch);
jetzt  taten  es  die  Malerei  ihnen  gleich  (Berliner  und  Düsseldorfer
  Schule)  und  die  Musik  (die  Berliner  Opernkomponisten
Meyerbeer  und  Lortzing).  In  der  Wissenschaft  ging  fortdauernd
von  Preußen  viel  neues  Licht  aus:  Gründung  der  vergleichenden
  Sprachforschung  (Grimm,  Bopp,  Pott),  der  Infusorienkunde
  (Ehrenberg),  der  Meteorologie  (Dove),  der  neueren
Geographie  (Ritter),  Erfindung  des  Augenspiegels  (Helmholtz)
und  anderes.

Die  Regentschaft  1858—1861.

§  95.  Im  Herbst  1857  erkrankte  der  König  so  bedenklich,
daß  er  in  Ermangelung  von  Kindern  seinen  ältesten  Bruder,  den
Prinzen  Friedrich  Wilhelm  Ludwig  (geboren  am  22.  März  1797
zu  Berlin,  seit  1829  vermählt  mit  Augusta  von  Weimar)  mit  der
Stellvertretung  in  den  Regierungsgeschäften  betrauen  mußte.
Da  der  König  nicht  genas,  so  trat  der  Prinz  von  Preußen  am
9.  Oktober  1858  die  selbständige  Regentschaft  an.  Er  entließ
das  Ministerium  Manteuffel  und  bereitete  eine  neue  Politik  vor.
Schon  durch  die  Festigkeit,  mit  der  er  während  des  italienischen
Krieges  1859  Preußens  Interessen  gegen  Osterreich  wahrnahm,
sowie  durch  seine  Erklärungen  bei  Gelegenheit  einer  Zusammenkunft
  mit  dem  französischen  Kaiser  Louis  Napoleon  in  Baden-Baden
  1860  erwarb  er  sich  allgemeines  Ansehen.  Die  Hauptstütze
der  preußischen  Macht  zu  verstärken,  unternahm  er  eine  Reorganisation
  des  Heeres,  wobei  ihm  sein  Kriegsminister  v.  Roon
treffliche  Dienste  leistete.  Als  Friedrich  Wilhelm  IV.  am  2.  Januar
1861  seinen  Leiden  erlag,  folgte  er  diesem  nunmehr  als  König.

–
        <pb n="146" />
        —  143  —

IX.  Wilhelm  I.  (1861—1888).

§  96.  Am  18.  Oktober  1861  nahm  König  Wilhelm  in
Königsberg  feierlich  seine  Krönung  vor.  Mit  seiner  Thronbesteigung
  beginnt  ein  neuer  großer  Abschnitt  in  der  Geschichte
des  preußischen  Staates.  So  lange  die  Heeresreorganisation
noch  nicht  ganz  durchgeführt  war,  begnügte  sich  der  König  mit
den  Erfolgen,  die  auf  friedlichem  Wege  zu  erreichen  waren.  Zur
Förderung  des  Verkehrs  schloß  er  mit  Frankreich  am  2.  August
1862  einen  Handelsvertrag  und  setzte  dessen  Annahme  bei
allen  Staaten  des  Zollvereins  durch.  Ein  ähnlicher  Handelsvertrag
  wurde  1863  mit  Belgien  geschlossen.  Um  Preußens
Ansehen  in  Deutschland  wiederherzustellen,  geschah  im  Mai  1862
eine  Mobilmachung  gegen  den  Kurfürsten  von  Hessen,  infolge
deren  dieser  in  seinem  Lande  die  1850  aufgehobene  Verfassung
wieder  einführte.  Als  kleine  Anbahnung  einer  deutschen  Militäreinheit
  erfolgten  1862  Militärkonventionen  mit  Koburg-Gotha,
Altenburg,  Waldeck.

Einen  entscheidenden  Schritt  that  der  König  in  demselben
Jahre  1862  durch  Einsetzung  des  Ministeriums  Bismarck.

Otto  v.  Bismarck  (geb.  am  1.  April  1815  zu  Schönhausen
in  der  Altmark),  bisher  preußischer  Gesandter  (in  Frankfurt  a.  M.,
Petersburg,  Paris),  wurde  am  24.  September  1862  mit  der
Leitung  der  auswärtigen  Politik  Preußens  betraut.  Er  übernahm
  sie  im  Sinne  der  Überlieferungen  Friedrichs  d.  Gr.,  wie
er  denn  sofort  es  aussprach,  „die  deutsche  Frage  könne  nur
durch  Blut  und  Eisen  gelöst  werden“,  und  bald  zeigte,  daß
sein  Grundsatz  sei,  ohne  Vorurteil  jedesmal  das  zum  Besten  des
Staates  Notwendige  zu  thun.

Als  im  russischen  Polen  ein  Aufstand  ausbrach,  ging  die
preußische  Regierung  eine  Konvention  mit  Rußland  ein  (Februar
1863),  welche  den  Schutz  Posens  bezweckte.  Das  Reformprojekt
des  österreichischen  Kaisers  Franz  Joseph,  wonach  Preußen  die
Führung  Deutschlands  an  Osterreich  überlassen  sollte,  lehnte  der
König  ab  (August  1863).  Dagegen  verband  er  sich  nach  dem
Tode  Friedrichs  VII.  von  Dänemark  (15.  November  1863)
mit  Ssterreich  zur  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  Der  Dänische
  Krieg  (1.  Februar  bis  1.  August  1864),  in  welchem
        <pb n="147" />
        —  144  —

die  Preußen  ruhmvoll  am  18.  April  die  Düppeler  Schanzen
stürmten  und  am  29.  Juni  die  Insel  Alsen  eroberten,  endete
mit  der  völligen  Trennung  der  Herzogtümer  Schleswig,  Holstein
und  Lauenburg  von  der  Krone  Dänemark.  Dieselben  wurden
im  Wiener  Frieden  (nach  den  Präliminarien  vom  1.  August,
definitiv  am  30.  Oktober  1864)  von  dem  dänischen  Könige
Christian  IX.  an  die  beiden  siegreichen  deutschen  Großmächte
ohne  Vorbehalt  abgetreten.  Letztere  einigten  sich  im  Vertrage
zu  Gastein  (14.  August  1865)  dahin,  daß  vorläufig  Schleswig
unter  preußische,  Holstein  unter  österreichische  Verwaltung  gegeben
  wurde;  sein  Mitbesitzrecht  auf  Lauenburg  überließ  Osterreich
  dem  Könige  Wilhelm  für  1⅜m  Millionen  Taler.

Der  Deutsche  Krieg  von  1866.

§  97.  Damit  Preußen  aus  seinem  Rechte  an  Schleswig-Holstein
  möglichst  wenig  Nutzen  ziehe,  wollten  Osterreich  und  die
meisten  deutschen  Staaten  aus  jenen  beiden  Ländern  einen  neuen
Kleinstaat  unter  dem  Prinzen  von  Augustenburg  bilden.  Osterreich
  überwies  daher  dem  Gasteiner  Vertrage  zuwider  eigenmächtig
  die  Entscheidung  über  Schleswig-Holsteins  Besitz  dem
deutschen  Bundestage  (1.  Juni  1866),  und  als  nun  Preußen
seine  Truppen  in  Holstein  einrücken  ließb,  sprach  der  Bundestag
auf  Osterreichs  Antrag  am  14.  Juni  gegen  Preußen  die  Exekution
  aus.  Man  gedachte  den  preußischen  Staat  klein  zu  machen
und  war  voll  hochmütiger  Siegeszuversicht.  Denn  zu  Osterreich
standen  alle  mächtigeren  deutschen  Staaten  (Bayern,  Württemberg,
Baden,  Sachsen,  Hannover,  Kurhessen,  Hessen-Darmstadt,  Nassau
u.  a.);  zu  Preußen,  welches  sich  indes  mit  Italien  verbündet  hatte,
nur  Mecklenburg-Schwerin,  Oldenburg,  Koburg  und  ein  paar
andere  Kleinstaaten.  Das  österreichische  Heer  galt  für  stärker
und  tüchtiger,  als  es  war,  das  preußische  wurde  unterschätzt.

Unbeirrt  durch  das  drohende  Geschrei  der  Gegner,  wie  durch
die  Bedenken  Kleinmütiger,  gestützt  auf  die  Armee,  deren  Zahl
und  Schlagfertigkeit  er  durch  die  Neugestaltung  derselben  ungemein
  erhöht  hatte,  und  beraten  in  den  politischen  Dingen  von
Bismarck,  in  den  militärischen  besonders  vom  General  v.  Moltke
(geb.  26.  Oktober  1800)  ging  König  Wilhelm  entschlossen  in  den
Kampf  für  Preußens  Ehre  und  Deutschlands  Einheit.  Schlag
        <pb n="148" />
        —  145  —

auf  Schlag  warf  er  rings  die  Feinde  nieder.  Am  17.  Juni
wurde  Hannover,  am  18.  Dresden,  am  19.  Kassel  von  den
Preußen  besetzt:  die  sächsischen  Truppen  zogen  sich  nach  Böhmen,
die  kurhessischen  nach  Süddeutschland  zurück;  die  hannöverschen
mußten  nach  einem  rühmlichen  Gefecht  bei  Langensalza  (am  27.)
kapitulieren  (am  29.).

Mit  derselben  Schnelligkeit  ging  es  über  die  Osterreicher
her,  deren  Hauptmasse  unter  dem  Feldzeugmeister  Benedek  in
Böhmen  stand.  Von  drei  Seiten  brachen  (23.  bis  26.  Juni)  die
Preußen  hier  ein,  durch  die  Lausitz  die  „Erste  Armee“  unter  dem
Prinzen  Friedrich  Karl  (100  000  Mann),  von  Dresden  her  die
„Elbarmee“  unter  General  Herwarth  v.  Bittenfeld  (40  000
Mann),  von  Landeshut  und  Glatz  aus  die  „Zweite  Armee“  unter
dem  Kronprinzen  (116  000  Mann).  Die  entgegenstehenden  Teile
des  österreichischen  Heeres  wurden  zurückgeworfen:  General  Graf
Clam-Gallas  erlitt  bei  Münchengrätz  (am  28.)  und  bei  Gitschin
  (am  29.)  von  der  Elb=  und  ersten  Armee  Niederlagen;
  drei  andere  österreichische  Armeekorps  wurden  nach  einander
  von  dem  preußischen  General  v.  Steinmetz  geschlagen,
bei  Nachod  (am  27.),  bei  Skalitz  (am  28.),  bei  Schweinschädel
(am  29.).

Benedek  zog  nun  seine  Truppen  (noch  220  000  Mann,  darunter
  20  000  Sachsen)  in  einer  festen  Stellung  bei  Königgrätz
zusammen.  Hier  griff  ihn  König  Wilhelm  Dienstag  den  3.  Juli
morgens  8  Uhr  mit  der  „Elb-“  und  „Ersten  Armee“  an.  Die
Schlacht  war  hartnäckig  und  mörderisch;  bis  gegen  Mittag  stand
der  Kampf  gleich.  Da  erschien  die  „Zweite  Armee“  auf  dem
Schlachtfelde  und  erstürmte  Chlum,  den  Schlüssel  der  österreichischen
Stellung.  Damit  war  der  Sieg  für  die  Preußen  gewonnen;  er
kostete  ihnen  freilich  9000  Mann  an  Toten  und  Verwundeten.
Mit  einem  Verlust  von  5  Fahnen,  160  Kanonen,  44  000  Mann
(darunter  20  000  Gefangene)  trat  Benedek  den  Rückzug  an.

Diese  Schlacht,  auch  an  Umfang  (es  standen  hier  230  000
Mann  gegen  220  000)  eine  der  größten  aller  Zeiten,  entschied  den
ganzen  Feldzug.  Bis  drei  Meilen  vor  Wien  drangen  die  Sieger
nach  und  waren  im  Begriff,  Preßburg  zu  nehmen,  als  Kaiser
Franz  Joseph  den  Frieden  nachsuchte,  der  (nach  den  Präliminarien
  von  Nikolsburg,  26.  Juli)  zu  Prag  am  23.  August  abgeschlossen
  wurde.  Kraft  desselben  schied  Osterreich  aus  Deutsch-Pierson,

  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.  10
        <pb n="149" />
        —  146  —

land  aus,  erkannte  die  Einrichtungen,  die  Preußen  im  Norden  des
Mains  treffen  würde,  sowie  die  politischen  Beziehungen,  in  welche
der  Süden  Deutschlands  zu  dem  Norden  treten  möchte,  im  voraus
an,  überließ  sein  Anrecht  auf  Schleswig-Holstein  an  Preußen
und  zahlte  letzterem  noch  20  Millionen  Taler  Kriegskosten.
Italien  erhielt  den  Besitz  Venetiens.

§  98.  Süddeutschland  wurde  unterdessen  von  einem  kleinen
preußischen  Heere  (von  45  000  Mann),  der  sogenannten  „Mainarmee“,
  bezwungen.  Unter  Führung  des  Generals  Vogel  v.  Falckenstein
  verhinderte  die  Mainarmee  lange  Zeit  die  Vereinigung  der
feindlichen  Streitkräfte  (40  O00  Bayern  und  46  000  Mann  von
den  andren  Bundesstaaten),  siegte  bei  Kissingen  (am  10.  Juli)
über  die  Bayern,  bei  Aschaffenburg  (am  14.)  über  deren  Verbündete
  und  besetzte  Frankfurt  a.  M.  (am  15.).  Dann  unter  dem
General  v.  Manteuffel  siegte  sie  bei  Tauberbischofsheim  und
Würzburg  (am  24.,  25.  und  26.)  über  die  Gesamtmacht  der
Feinde.  Weitere  Niederlagen  wandte  Süddeutschland  ab,  indem
es  um  Frieden  bat.  Derselbe  kam  im  August  auf  folgende  Bedingungen
  zu  stande:  Württemberg  bezahlte  an  Preußen  8,  Baden
  6,  Hessen-Darmstadt  3,  Bayern  30  Millionen  Gulden  Kriegskosten;
  außerdem  schlossen  diese  Staaten  mit  Preußen  ein  Schutzund
  Trutzbündnis  und  stellten  ihre  Heere  für  den  Kriegsfall  unter
den  Oberbefehl  des  Königs  von  Preußen.  Dagegen  brauchten  sie
keine  Landabtretungen  zu  machen  (außer  einigen  kleinen  Grenzstrichen
  von  Hessen-Darmstadt  und  Bayern).

Sachsen  endlich  zahlte  kraft  Friedensvertrages  an  Preußen
10  Millionen  Taler  Kriegskosten  und  verzichtete,  wie  auch  der
Großherzog  von  Hessen-Darmstadt  für  Oberhessen  tat,  auf  einen
Teil  seiner  Souveränität.

§  99.  Preußen  ordnete  nämlich  die  deutschen  Dinge  in
folgender  Weise.  Schleswig-Holstein,  Hannover,  Kurhessen,  Nassau,
Frankfurt  a.  M.  und  einige  darmstädtische  und  bayrische  Gebietsteile
  (im  ganzen  1309  O.-M.  mit  4½  Mill.  Einwohnern)  wurden
  in  den  preußischen  Staat  einverleibt.  Die  übrigen  norddeutschen
  Staaten  (1320  Q.-M.  mit  5⅛  Mill.  E.)  traten  zu  ihm
in  ein  enges  Bundesverhältnis,  welches  dem  Könige  von  Preußen
als  „Präsidenten  des  Norddeutschen  Bundes““  den  Befehl
über  die  Kriegsmacht  zu  Land  und  Wasser  und  viele  andere
        <pb n="150" />
        —  147  —

wichtige  Rechte  einräumte.  Die  Gesetzgebung  für  den  norddeutschen
  Bund  übten  der  norddeutsche  Bundesrat  —  eine  Versammlung
  der  Bevollmächtigten  der  einzelnen  Regierungen  —
und  der  norddeutsche  Reichstag,  den  die  Abgeordneten  der  Bevölkerungen
  bildeten.  Der  Zollverein  mit  Süddeutschland  blieb
bestehen,  erhielt  aber  im  Zollparlament  auch  eine  Volksvertretung.


So  hatte  Preußen  einen  gewaltigen  Zuwachs  an  Machtmitteln,
  und  Deutschland  die  feste  Grundlage  für  seine  Einigung
gewonnen.

Schleswig-Holstein.

§  100.  Die  cimbrische  Halbinsel  ist  seit  Urzeiten  zwischen
Deutschland  und  Skandinavien  Brücke  und  Kampfplatz  gewesen.
Im  10.  Jahrhundert  n.  Chr.  saßen  hier  im  Norden  der  Schlei
Dänen,  zwischen  Schlei  und  Eider  Friesen  und  Sachsen,  südlich
der  Eider  in  der  Mitte  und  im  Westen  Holsteins  Sachsen  und
Ditmarschen,  im  Osten  die  slawischen  Wagrier.  Gegen  die  Dänen
gründete  König  Heinrich  I.  der  Sachse  934  die  Mark  Schleswig;
ihrerseits  befestigten  jene  die  Grenze  an  der  Schlei  mit  Wall  und
Graben  („Danewerk").  Nachdem  aber  Kaiser  Konrad  II.  der
Franke  die  Mark  Schleswig  1026  an  Knut  d.  Gr.  abgetreten,
herrschten  die  Dänen  bis  zur  Eider.  Von  Südosten  her  griffen
die  heidnischen  Slawen  um  sich,  die  Wagrier,  die  Polaben  (in
Lauenburg),  die  Obotriten.  Da  setzte  der  Sachsenherzog  Lothar
v.  Supplinburg  1111  den  Ritter  Adolf  v.  Schauenburg  zum
Grafen  über  die  Grenzgaue  Holstein  und  Stormarn.  Wie  die
Anhaltiner  Brandenburg,  so  haben  die  Schauenburger  Schleswig-Holstein
  dem  Deutschtum  gewonnen.

Nach  Bezwingung  der  Wagrier  und  Polaben  wurde  Wagrien
mit  Holstein  vereinigt,  das  Land  der  Polaben,  Lauenburg  mit
der  Feste  Ratzeburg,  eine  eigene  Grafschaft  (1143);  Ansiedler
aus  Holland,  Friesland,  Westfalen  halfen  das  flawische  Wesen
verdrängen.  Von  der  Dänenherrschaft,  die  nach  dem  Sturze
Heinrichs  des  Löwen  und  begünstigt  von  dem  Hohenstaufen  Kaiser
Friedrich  II.  sich  über  Transalbingien  und  bis  zur  Odermündung
ausgedehnt  hatte,  wurden  die  Lande  südlich  der  Eider  durch  die
Schlacht  bei  Bornhöved  (22.  Juli  1227)  befreit,  wo  die  nächstbeteiligten
  niederdeutschen  Stände  (Holstein,  Schwerin,  Mecklenburg,
  Bremen,  Lübeck,  Sachsen)  mit  vereinter  Macht  dem  Könige
Waldemar  II.  eine  furchtbare  Niederlage  beibrachten.  Seitdem
schritt  das  Deutschtum  wieder  vor,  gefördert  besonders  durch  die

107
        <pb n="151" />
        —  148  —

deutschen  Bürgerschaften.  Daher  verliehen  die  Grafen  von  Holstein
  ihren  Städten  (Oldenburg,  Plön,  Itzehoe,  um  1240  Kiel,
dann  Rendsburg)  gern  das  reichliche  Lübecker  Recht.  Auf  dem
Lande  erhielt  sich  die  Volksfreiheit  am  kräftigsten  bei  den  Bauern
in  Ditmarschen  (zwischen  den  Mündungen  der  Elbe  und  Eider).

Zur  Verteidigung  der  Eidergrenze  hatten  die  dänischen  Könige
schon  im  11.  Jahrhundert  Prinzen  ihres  Hauses  als  Herzöge
von  Süderjütland  in  Schleswig  (dänisch  Hedaby)  eingesetzt.
Diese  nahmen  allmählich  eine  unabhängigere  Stellung  an,  und
nachdem  Herzog  Erich  von  Schleswig  mit  Hilfe  der  Holsteiner
die  Truppen  seines  Vetters,  des  dänischen  Königs  Erich,  in  der
Schlacht  auf  der  Loheide  bei  Schleswig  1261  besiegt  hatte,  mußte
sich  Dänemark  mit  der  Lehnshoheit  über  das  Herzogtum  Schleswig
begnügen.  Die  Schauenburger  hinderten  auch  ferner,  daß  Schleswig
  an  Dänemark  fiel,  und  als  König  Christoph  II.  es  an  sich
reißen  wollte,  schlug  ihn  der  Graf  Gerhard  der  Große  von
Holstein-Rendsburg  wieder  hinaus  (1325)  und  eignete  sich  dann
selber  die  Herrschaft  hier  an;  unter  seiner  Regierung  wurde  das
Deutsche  in  Schleswig  die  Amtssprache.  Die  Dänen  wußten  sich
zuletzt  seiner  nicht  anders  zu  erwehren  als  durch  Meuchelmord
(1340).  Doch  behaupteten  sich  Gerhards  Söhne  im  südlichen  Schleswig,
  und  sein  Enkel  Gerhard  VI.  erwarb  1386  von  der  dänischen
Königin  Margareta  die  Belehnung  mit  ganz  Schleswig  als  einem
erblichen  Herzogtum.  Gerhard  VI.  gelang  es  auch,  die  Friesen,
  die  damals  von  schweren  Fluten  (den  „Manntränken")  großes
  Unglück  litten,  zu  unterwerfen;  als  er  aber  ebenso  den  Ditmarschen
  die  Freiheit  nehmen  wollte,  wurde  er  von  diesen  besiegt
und  erschlagen  (1404).  Seine  Nachkommen  bestanden  um  Schleswig
  harte  Kämpfe  mit  den  Königen  der  skandinavischen  Union,
behaupteten  sich  aber,  besonders  mit  Hilfe  der  Hansa,  in  ihrem
Besitz  und  Recht.

Die  Vereinigung  Schleswigs  mit  Holstein  war  der  Verbreitung
  des  Deutschtums  in  den  dänischen  Gegenden  Schleswigs
nützlich,  gereichte  aber  auch  den  Ständen  beider  Lande  zum  großen
  Vorteil,  da  dieselben  durch  Zusammenhalten  ihre  Vorrechte
und  Freiheiten  besser  wahren  konnten.  Darum,  als  die  Rendsburger
  Linie  des  Hauses  Schauenburg  1459  mit  Adolf  VIII.  ausstarb,
  und  nun  in  Schleswig  nach  dänischem  Lehnsrecht  (welches
weibliche  Erbfolge  zuließ)  Adolfs  Neffe,  Christian  von  Oldenburg,
  den  die  Dänen  1448  zum  Könige  gewählt  hatten,  in
Holstein  aber,  wo  deutsches  Lehnsrecht  galt,  ein  anderer  Verwandter
  erbberechtigt  war,  zogen  die  Stände  der  beiden  Lande  es
vor,  einen  gemeinsamen  Herrn  zu  wählen,  und  zwar  entschieden
        <pb n="152" />
        —  149  —

sie  sich  für  Christian,  weil  Adel  und  Geistlichkeit  von  der  Herrschaft
  eines  fremden  Königs  mehr  Vorteil  für  ihre  Sonderinteressen
erwarteten.  Doch  ließen  sich  die  Stände  vorher  von  ihm  nicht
bloß  ihre  Privilegien,  sondern  auch  die  staatsrechtliche  Einheit
Schlewig-Holsteins  („up  ewig  ungedeelt")  verbriefen  und  wählten
dann  (zu  Ripen  im  März  1460)  den  König  Christian  I.  zum
Herzog  von  Schleswig  und  Grafen  von  Holstein.  400  Jahre
lang  hat  seitdem  die  Kraft  Schleswig-Holsteins  zu  Meer  und
Land  dem  dänischen  Reiche  gedient.  Der  dänische  König  aber
war  nun  für  Holstein,  welches  der  Kaiser  1474  zum  Herzogtum
erhob,  ein  deutscher  Reichsstand.

Christians  I.  Söhne  teilten  die  landesherrlichen  Güter  und
Einkünfte  in  Schleswig-Holstein  so,  daß  der  ältere,  König  Johann,
  den  „Segeberger  Anteil"  (mit  Rendsburg),  der  jüngere,
Herzog  Friedrich,  den  „Gottorper  Anteil“  bekam;  die  Regierung
der  beiden  Lande  blieb  gemeinsam.  Zur  Unterjochung  der  Ditmarschen-Bauern
  brachten  der  König-Herzog  und  der  Herzog  mit
Hilfe  der  benachbarten  niederdeutschen  Fürsten  und  Edelleute  ein
Heer  von  20  000  Mann  ins  Feld;  sie  erlitten  aber  zwischen  den
Gräben  und  Deichen  der  Marsch  bei  Hemmingstedt  (Februar
1500)  von  den  Bauern  (Isebrand  und  die  tapfere  Telse)  eine
harte  Niederlage.  Anderwärts  in  Schleswig-Holstein  gelang  es  der
Ritterschaft,  begünstigt  von  den  Königen,  die  Bauern  zu  Knechten
herabzudrücken.

Nachdem  Johanns  Sohn,  König  Christian  II.  (der  Schwager
Joachims  I.  von  Brandenburg),  1523  von  seinem  Oheim  Friedrich
  vertrieben  worden,  regierte  in  Dänemark  und  Schleswig-Holstein
  die  jüngere,  gottorpsche  Linie  des  Hauses  Oldenburg.
Mit  ihr  kam  das  Luthertum  hier  zur  Herrschaft,  welchem  das
Volk  rasch  zufiel.  Völlig  durchgeführt  wurde  die  Reformation
in  Schleswig-Holstein  1542  mit  Zustimmung  der  Stände  und
unter  der  geistlichen  Leitung  Bugenhagens.  Das  Hochdeutsche  —
die  Sprache  der  lutherischen  Bibel  —  wurde  nun  hier  die  Sprache
der  höheren  Bildung.

1544  wurden  die  Domänen  der  Herzogtümer  wieder  geteilt;
der  König  nahm  den  „Sonderburger  Anteil“,  sein  ältester
Bruder  den  „Gottorper".  Einig  blieben  die  Zweige  der  Familie
  im  Haß  gegen  die  Ditmarschen,  und  diese  erlagen  endlich
der  Ubermacht  (besiegt  in  der  Schlacht  bei  Heide  1559);  fortan
mußten  die  Ditmarschen  den  Herzögen  von  Holstein  huldigen
und  zinsen.

Die  Greuel  des  Dreißigjährigen  Krieges,  an  welchem  König
Christian  IV.  teil  nahm,  verheerten  zweimal  Schleswig-Holstein;
        <pb n="153" />
        —  160  —

nach  der  Schlacht  bei  Lutter  am  Barenberge  (1626)  kamen  Tillys
und  Wallensteins  Raubscharen,  1643  unter  Torstenson  die  schwedischen.
  Die  Nordseeküste  verwüstete  noch  eine  gewaltige  Sturmflut
  (11/12.  Oktober  1634),  welche  weite,  fruchtbare  Landstriche
in  Hallige  verwandelte.

Die  Ergiebigkeit  des  Bodens  und  die  für  den  Handel  so
günstige  Lage  des  Landes  verhalfen  den  Herzogtümern  bald  wieder
  zu  Wohlstand.  Dauernden  Nachteil  brachte  das  Streben  der
königlichen  Linie,  die  Gottorper  Herzöge  von  der  Mitregierung
in  Schleswig-Holstein  auszuschließen;  denn  diese  suchten  nun  bei
Schweden  Schutz.  Schweden  bewirkte  auch  (1660),  daß  die  dänische
  Lehnsgewalt  über  Schleswig  beseitigt,  und  dem  Gottorper
Herzog  für  seinen  Anteil  an  Schleswig  die  Souveränität  zugesprochen
  wurde.  Aber  die  Dänen  nahmen  dies  Zugeständnis  bald
wieder  zurück.  Als  Karl  XlI.  im  Nordischen  Kriege  unterlag,  beraubte
  der  König  von  Dänemark  (1714)  den  Herzog  von  Gottorp
seines  Anteils  an  Schleswig  völlig  und  regierte  nun  in  diesem
Lande  allein.  Zwar  gelangte  durch  Verheiratung  des  Herzogs
Karl  Friedrich  von  Gottorp  mit  Anna,  Tochter  Peters  d.  Gr.,
der  jüngere  Zweig  des  Hauses  Gottorp  auf  den  russischen  Thron;
aber  in  einem  Vertrage  zwischen  Rußland  und  Dänemark  (1773)
überließen  die  Gottorper  Herzöge  ihr  Recht  an  Schleswig  und
Holstein  den  königlichen  Oldenburgern,  wogegen  diese  ihnen  die
deutschen  Grafschaften  Oldenburg  und  Delmenhorst  abtraten,  welche
der  Oheim  des  Großfürsten  Paul,  der  Herzog  Friedrich  August
von  Gottorp,  erhielt.

Die  Sonderburger  Linie,  welcher  nun  ganz  Schleswig-Holstein
gehörte,  hat  um  diese  Lande  einige  Verdienste  gehabt:  Friedrich  VI.
hob  1805  die  Leibeigenschaft  auf,  trat  für  Holstein  und  das  Herzogtum
  Lauenburg,  welches  er  im  Kieler  Frieden  1814  erworben,
1815  in  den  deutschen  Bund  und  ordnete  1831  liberaler  eingerichtete
  Provinzialstände  an.  Dagegen  verletzte  1846  König
Christian  VIII.  zu  gunsten  der  Dänen  die  alten  Rechte  der  Herzogtümer
  und  das  Interesse  der  Deutschen,  indem  er  (in  seinem
„offenen  Brief")  Schleswig-Holstein  mit  Dänemark  zu  einem
Gesamtstaat  zu  verbinden  unternahm.  Als  dann  sein  Nachfolger
Friedrich  VII.  1848  die  Einverleibung  Schleswigs  in  Dänemark
versuchte,  erhoben  sich  die  Schleswig-Holsteiner  mit  den  Waffen
dagegen.  Preußen  half  ihnen  anfangs  (1848  Zerstörung  des
Danewerkes,  Sieg  bei  Düppel),  überließ  sie  dann  aber  (1850)
ihrem  Schicksal.  Die  Dänen  bezwangen  nun  die  beiden  Herzogtümer
  und  verhängten  über  die  Deutschen  in  Schleswig  harten
Druck.  Um  so  mehr  waren  die  Schleswig-Holsteiner  geneigt,
        <pb n="154" />
        —  151  —

nach  dem  Aussterben  der  älteren  Linie  des  Hauses  Sonderburg
1863  den  Prinzen  Friedrich  von  Augustenburg  (aus  einer  Sonderburger
  Nebenlinie)  zu  ihrem  Herzog  zu  machen,  um  nur  von
Dänemark  los  zu  kommen.  Der  Gefahr,  daß  hier  ein  neuer
deutscher  Kleinstaat  entstand,  machte  indes  Preußen,  nachdem  es
1864  im  Verein  mit  Osterreich  die  Herzogtümer  den  Dänen  abgenommen,
  bei  Königgrätz  1866  ein  Ende.

Hannover.

§  101.  Das  alte  Herzogtum  Sachsen  (zwischen  Ems  und
Unterelbe,  Nordsee  und  Harz),  die  Heimat  Wittekinds,  Heinrichs  I.,
Ottos  d.  Gr.,  kam  nach  dem  Tode  Lothars  v.  Supplinburg
1137  in  den  Besitz  des  ursprünglich  welschen  Geschlechts  der
Welfen,  welches  auch  Bayern  besaß.  Aus  diesem  Hause  war
Herzog  Heinrich  der  Löwe  von  Sachsen  und  Bayern;  er  gebot
an  der  Nord--  und  Ostsee  wie  ein  König  und  erwarb  sich  um  die
Germanisierung  der  Slawen  in  Transalbingien,  Mecklenburg,
Pommern  große  Verdienste.  Nachdem  er  in  seinem  Kampfe  mit
Friedrich  Rotbart  unterlegen  war  (1180),  wurde  das  alte  Sachsen
in  eine  Menge  von  weltlichen  und  geistlichen  Landesherrschaften
zerstückelt.  Die  Welfen  behielten  nur  ihre  Familiengüter,  welche
1235  zum  reichsunmittelbaren  Herzogtum  Braunschweig-Lüneburg
  erhoben  wurden.  Durch  häufige  Erbteilungen  zersplitterten
sie  noch  ihre  geringe  Macht.  Die  Hauptlinien  waren  Braunschweig-Wolfenbüttel
  und  Braunschweig-Lüneburg.  Das  letztere
Haus  trat  früh  dem  Luthertum  bei;  der  Lüneburger  Herzog  Ernst
der  Bekenner  gehörte  zu  den  Unterzeichnern  der  Augsburger
Konfession  1530  und  zum  Schmalkaldischen  Bunde.  Sein  Sohn,
Herzog  Wilhelm,  erwarb  1582  Hoya,  1585  Diepholz;  sein  Enkel,
Georg,  erbte  Kalenberg  (1634)  und  machte  Hannover  zu  seiner
Residenz.  Georgs  Söhne  teilten  1648  ihren  Besitz;  so  entstanden
die  Zweige  Lüneburg-Celle  und  Lüneburg-Hannover.

Zu  größerer  Bedeutung  gelangten  die  Welfen,  als  Herzog  Ernst
August  von  Lüneburg--Hannover  1692  die  Kurwürde  erhielt;
noch  weit  mehr  aber,  als  Ernst  Augusts  Sohn  und  Nachfolger,
Georg,  der  durch  seine  Mutter  Sophie  (eine  Tochter  des  Böhmenkönigs
  Friedrich  v.  d.  Pfalz  und  der  englischen  Prinzessin  Elisabeth
  Stuart)  von  den  Stuarts  abstammte,  1714  den  britischen
Thron  bestieg.  Das  Kurfürstentum  Hannover,  welchem  1705
durch  Erbschaft  Celle  und  Lauenburg,  1719  im  Stockholmer
Frieden  die  ehemaligen  Bistümer  Bremen  und  Verden  zufielen,
hatte  von  jener  Erhöhung  der  Welfen  mehr  Schaden  als  Nutzen;
        <pb n="155" />
        —  152  —

es  war  nun  ein  Nebenland  einer  fremden  Krone,  und  seine  Söhne
mußten  für  englisches  Geld,  welches  zumeist  den  regierenden  Ständen
  zufloß,  Englands  Kriege  mitfechten.  Im  Sieben  jährigen
Kriege  fochten  sie  wenigstens  für  eine  gute  Sache,  und  nachdem
an  Stelle  des  unfähigen  Herzogs  von  Cumberland,  der  über  die
hannöverschen  Truppen  die  Niederlage  bei  Hastenbeck  und  die
schmachvolle  Kapitulation  von  Kloster  Zeven  (1757)  gebracht
hatte,  der  Prinz  Ferdinand  von  Braunschweig  getreten  war,  bedeckten
  sie  sich  mit  Ruhm  (bei  Krefeld  1758,  bei  Minden
1759,  bei  Wilhelmsthal  1762).  Dann  aber  wurden  die  hannöverschen
  Soldaten  vom  König-Kurfürsten  Georg  III.  nach  Amerika
zum  Kriege  gegen  die  Vereinigten  Staaten  verkanft  (1776—82)
und  bluteten  dort  ruhmlos  für  eine  fremde  und  schlechte  Sache.
1803  führte  die  Untüchtigkeit  der  hannöverschen  Regierung  wieder
eine  Kapitulation  des  hannöverschen  Heeres  (vor  den  Franzosen
bei  Artlenburg)  herbei.  Von  dem  eroberten  Lande  schlug  Napoleon
  1807  einen  Teil  zum  „Königreich  Westfalen",  welches  er
seinem  Bruder  Jerome  verlieh,  den  Rest  (1810)  zu  Frankreich
  selbst.

Nachdem  Preußens  Siege  1813  das  Land  befreit  hatten,
wurde  1814  auf  Betrieb  Englands  im  Interesse  der  Welfen  aus
dem  früheren  Kurfürstentum  Hannover  und  vielen  anderen  nordwestdeutschen
  Gebieten  (die  größtenteils,  wie  Ostfriesland,  vordem
preußisch  gewesen)  ein  „Königreich  Hannover“  gebildet.
1837  hörte  die  Vereinigung  Hannovers  mit  der  englischen  Krone
auf.  Letztere  verblieb  der  weiblichen  Linie  des  Welfenhauses,  die
männliche  Linie  erbte  Hannover.

Nach  dem  Tode  des  Königs  Ernst  August  1851  bestieg  dessen
Sohn  Georg  V.,  obwohl  seiner  Blindheit  wegen  zum  Regieren
unfähig,  den  Thron.  Die  Feindschaft,  die  er  gegen  den  preußischen
  Staat  bewies,  zog  ihm  1866  den  Verlust  seines  Landes
zu,  welches  nun,  wie  die  Lebensinteressen  Preußens  es  geboten,  in
den  preußischen  Staat  einverleibt  wurde.

Hessen-Nassau.

§*  102.  Das  Volk  der  Katten  (zwischen  Taunus,  Spessart,
Habichtswald  und  Brocken),  welches  Tacitus  unter  den  kriegerischen
  Germanen  als  besonders  tapfer  rühmt,  ging  im  3.  Jahrhundert
  n.  Chr.  in  den  Völkerbund  der  Franken  aufz;  doch
blieben  Name  und  Sinnesart  der  Katten  ihren  Nachkommen
zwischen  Eder  und  Werra,  den  Hessen.  Unter  diesen  verbreiteten
  die  Heidenbekehrer  Bonifatius  und  Sturm  eine  höhere
        <pb n="156" />
        —  153  —

Kultur,  jener  besonders  durch  Gründung  der  Kirchen  zu  Fritzlar
und  Amöneburg  (740),  dieser  durch  Gründung  der  Klöster  Fulda
und  Hersfeld  (744).  Mit  dem  Christentum  brachten  diese  Missionen
  in  die  Waldwüsten  Hessens  auch  einen  besseren  Anbau  des
Bodens.  Bald  entstand  hier  aber  unter  der  fränkischen  Herrschaft
auch  ein  gebieterischer  Adel,  dessen  Macht  und  Vorrecht  in  dem
Grenzkriege  mit  den  Sachsen  und  durch  die  Verleihungen  der
karolingischen  Könige,  dann  der  fränkischen  Herzöge  sehr  zunahmen.
Im  nördlichen  Hessen,  dem  eigentlichen  „Hessen  gau“,  kam  die
Grafenwürde  1247  an  einen  Prinzen  Heinrich  v.  Brabant,
der  1292  vom  Kaiser  Adolf  die  Erhebung  der  Landgrafschaft
Hessen  zu  einem  erblichen  Reichsfürstentum  erlangte  und  in
Kassel  seine  Residenz  aufschlug.

Nach  dem  Untergange  der  Hohenstaufen  war  Franken  (das
Land  am  Main),  ebenso  wie  Schwaben,  in  eine  Anzahl  reichsunmittelbarer
  Herrschaften  zerfallen;  auch  hier  gab  es  daher  fortwährend
  Fehden,  bei  denen  sich  die  schwächeren  Mitstände  der
stärkeren  durch  Verbündung  zu  erwehren  suchten  (Adelsbünde  der
„Sterner",  „Schlegler“,  „Löwen“  im  14.  Jahrhundert).  Doch  auch
hier  wuchs  immer  die  Fürstenmacht;  so  gewann  der  Landgraf  von
Hessen  1327  Gießen,  1450  Ziegenhain  und  Nidda,  um  1500
die  Grafschaft  Katzenellenbogen,  1505  Homburg.  Eine  sehr
bedeutende  Rolle  spielte  Hessen  dann  unter  Philipp  dem
Großmütigen  (geb.  1504,  Sohn  des  Landgrafen  Wilhelm  II.
und  Annas  v.  Mecklenburg).  Im  Kampf  mit  dem  Ritter  Franz
v.  Sickingen  (#  1523)  und  mit  den  aufständischen  Bauern  (1525)
focht  Hhilipp  mutig  und  erfolgreich;  von  weit  größerer  Bedeutung
aber  war,  daß  er  mit  Feuereifer  sich  zum  Schilde  der  lutherischen
Reformation  aufwarf.  Er  hat  sich  um  dieselbe  sehr  verdient
gemacht.

Luther  mit  Zwingli  zu  einigen  bemühte  er  sich  vergebens;  dagegen
  vollendete  er  nach  ihrem  Religionsgespräch  zu  Marburg
  1529  die  Reformation  in  seinem  Lande,  indem  er  die
Klöster  aufhob;  aus  den  eingezogenen  Kirchengütern  stiftete  er  die
Universität  Marburg  und  baute  die  Festung  Ziegenhain.
1531  schloß  er  mit  Kursachsen  und  anderen  protestantischen  Reichsständen
  den  Schmalkaldischen  Bund,  unter  dessen  Schutz  die
evangelische  Sache  mächtig  erstarkte.  Philipp  war  es  auch,  der
Württemberg  durch  den  Sieg  bei  Laufen  1534  den  Osterreichern
entriß  und  dem  lutherisch  gewordenen  Herzog  Ulrich  wiedergab.
Ebenso  führte  er  Braunschweig  dem  Luthertum  zu,  indem  er  hier
1542  den  katholischen  Herzog  vertrieb.  Im  Schmalkaldischen
Kriege  befiegt,  büßte  er  1547  dem  Kaiser  Karl  V.  mit  seiner
        <pb n="157" />
        —  154  —

Freiheit;  der  Passauer  Vertrag  1552  endete  seine  Haft  und  sicherte
den  Protestantismus  in  Deutschland.

Den  Fehler  der  meisten  deutschen  Dynastieen,  ihre  Macht  durch
Erbteilung  zu  schwächen,  beging  auch  die  hessische;  dem  Testament
Philipps  gemäß  spaltete  sich  nach  seinem  Tode  (1567)  dies  Fürstenhaus
  in  mehrere  Linien,  von  denen  indes  seit  1604  nur  zwei  bestanden:
  die  ältere,  nach  ihrem  Sitz  Hessen-Kassel  genannt,  und
die  jüngere,  Hessen-Darmstadt.  Jene  trat  zur  reformierten
Kirche  über  und  hatte  daher  im  Dreißigjährigen  Kriege  die  schwere
Hand  des  Kaisers  desto  härter  zu  empfinden.  Doch  hielt  die  kraftvolle
  und  kluge  Landgräfin  Amalie  (Witwe  Wilhelms  V.  und
Regentin  für  ihren  unmündigen  Sohn  Wilhelm  VI.)  standhaft
am  schwedischen  Bündnis  fest,  und  sie  erreichte  dadurch  im  Westfälischen
  Frieden  1648  für  Hessen-Kassel  manche  Vorteile,
namentlich  den  Besitz  der  Abtei  Hersfeld.

Im  138.  Jahrhundert  entehrten  sich  die  Landgrafen  von  Hessen
durch  den  Handel,  den  sie  mit  ihren  Landeskindern  trieben.  Die
hessischen  Truppen,  als  tapfer  und  ausdauernd  bekannt,  waren  eine
gesuchte  Ware.  Landgraf  Friedrich  I.  verkaufte  sie  an  England  und
verwandte  den  Erlös  in  Schweden,  dessen  Krone  er  (1720)  durch
Heirat  erhalten  hatte.  Seine  Nachfolger  in  Hessen,  Wilhelm  VIII.
(1751—1760)  und  Friedrich  II.  (1760—1785),  setzten  den  Soldatenhandel
  fort.  Anfangs  dienten  die  Verkauften  wenigstens
deutschen  Zwecken,  indem  England  sie  im  Siebenjährigen  Kriege  für
Preußen  fechten  ließ,  und  so  nahmen  sie  an  den  Siegen  Ferdinands
von  Braunschweig  (besonders  bei  Minden  1759)  rühnlichst  teil;
dann  aber  verkaufte  Friedrich  II.  sie  nach  Amerika  zum  Kriege
gegen  die  englischen  Kolonien  (1776—1782).  Auch  sein  Sohn
Wilhelm  IX.  lieferte  den  Engländern  Truppen  und  zwar  gegen
eine  jährliche  Summe  von  36  000  Pfund  Sterling  ein  stehendes
Korps  von  12  000  Mann.  Von  diesen  Einkünften  sammelten
die  Landgrafen  Friedrich  II.  und  Wilhelm  IX.  einen  großen  Schatz
baren  Geldes.

1802  wurde  die  Landgrafschaft  Hessen-Kassel  durch  einen
Reichsdeputationsbeschluß  zum  Kurfürstentum  erhoben,  1807
aber  von  Napoleon  mit  andern  mitteldeutschen  Gebieten  zu  einem
„Königreich  Westfalen“  unter  Jerome  Bonaparte  vereinigt.  Jerome
  gab  in  seiner  Hauptstadt  Kassel  durch  sittenloses  Leben  ein
schlimmes  Beispiel;  doch  schaffte  die  Franzosenherrschaft  auch
manche  alte  Mißbräuche  im  Staate  ab.  Diese  wurden,  als
Kurfürst  Wilhelm  I.  (früher  Landgraf  Wilhelm  IX.),  ein  harter
Despot,  1813  zurückkehrte,  von  demselben  nach  Möglichkeit
wiederhergestellt.  Auf  dem  Wiener  Kongreß  vergrößerte  man
        <pb n="158" />
        —  155  —

½  durch  den  Erwerb  von  Fulda  und  Isenburg
1815).

Willkür,  Eigennutz  und  Starrsinn  waren  auch  den  Nachfolgern
Wilhelms  I.  eigen.  Die  Verfassung,  die  Wilhelm  II.  (1821—
1847)  im  Jahre  1831  notgedrungen  gab  und  die  sein  Sohn
Friedrich  Wilhelm  (Mitregent  seit  1831)  ausführen  sollte,  brach
letzterer  bald  wieder  (Ministerium  Hassenpflug).  Friedrich  Wilhelm
  geriet  dadurch  mit  seinem  Volke  in  einen  langen  Streit.
Auch  die  Interessen  des  preußischen  Staates,  zwischen  dessen  Ländern
  Kurhessen  wie  ein  eingeschobener  Keil  lag,  wurden  von  ihm
oft  durchkreuzt,  bis  endlich  Preußen  1866  diesem  Kleinstaat  ein
Ende  machte.

§  103.  Die  Grafen  von  Nassau,  ein  fränkisches  Geschlecht,
(seit  1149  namhaft)  teilten  sich  1255  in  zwei  Linien.  Die  ältere,
Walramsche,  herrschte  links  der  Lahn  (Nassau-Weilburg)  —  aus
dieser  war  Kaiser  Adolf  (1292—98)  —,  die  jüngere,  Ottonische,
rechts  der  Lahn;  von  letzterer  siedelte  im  15.  Jahrhundert  ein
Zweig  nach  den  Niederlanden  über  und  erheiratete  das  Fürstentum
  Orange  in  Südfrankreich  (Nassau-Oranien).  Kaiser  Adolfs
Nachkommen  brachten  es  über  den  Stand  von  Kleinfürsten  nie
hinaus,  obwohl  sie  1366  reichsunmittelbar  wurden  und  durch
manche  Erwerbung  ihr  Gut  mehrten.  Der  Reformation
wandten  sich  die  Nassauer  Grafen  früh  zu  und  vertraten  sie  nach
Kräften;  Erbteilungen  (Nassau-Weilburg,  Nassau-Wiesbaden,
Nassau-Saarbrücken,  Nassau-Usingen)  schwächten  auch  diese  Dynastie.
  Beim  Untergang  des  deutschen  Reiches  sicherten  sie  durch
Beitritt  zum  Rheinbund  ihren  Besitz,  der  nun  zu  einem  unteilbaren
  Herzogtum  erhoben  wurde  (1806),  und  rundeten  ihn
(1815)  durch  Erwerbung  der  deutschen  Besitzungen  des  Hauses
Oranien  (Dietz,  Hadamar,  Dillenburg  u.  a.)  ab.  1816  vereinigte
Herzog  Wilhelm  nach  dem  Aussterben  der  letzten  Nebenlinie  des
Walramschen  Hauses  alle  nassauischen  Lande,  unierte  in  ihnen
auch  die  reformierte  und  lutherische  Kirche  und  errichtete  1818
allgemeine  Landstände.  Nach  seinem  Tode  1839  folgte  ihm  in
der  Regierung  sein  Sohn  Adolf,  welcher  1866  von  Preußen  entthront
  wurde.  —

Die  Stadt  Frankfurt  am  Main,  schon  zur  Zeit  der  Karolinger
  gegründet,  wurde  1245  freie  deutsche  Reichsstadt.
Ihre  zumal  für  den  Handel  so  günstige  Lage  zwischen  dem  Norden
  und  Süden  Deutschlands  verhalf  ihr  zu  Reichtum  und  politischer
  Wichtigkeit;  die  Gunst  der  deutschen  Kaiser  förderte  ihre
Interessen  (1330  Stiftung  der  jährlichen  Messen  durch  Ludwig
        <pb n="159" />
        —  156  —

den  Bayer).  Gegen  Ende  des  Mittelalters  wurde  es  Brauch,  die
deutschen  Kaiser  in  Frankfurt  zu  wählen,  seit  Mitte  des  16.  Jahrhunderts
  war  Frankfurt  auch  die  Krönungsstadt  der  Kaiser,
obwohl  sie  sich  dem  lutherischen  Bekenntnis  zugewandt  hatte.
Nach  dem  Umsturz  des  deutschen  Reiches  errichtete  Napoleon  1810
ein  „Großherzogtum  Frankfurt"  (unter  dem  Mainzer  Fürst-Primas
  v.  Dalberg).  1815  als  freie  Stadt  wieder  hergestellt,
  wurde  Frankfurt  der  Sitz  der  deutschen  Bundesversammlung.


Da  die  Frankfurter  Patrizier  1866,  ebenso  wie  der  Herzog
Adolf  von  Nassau,  für  Österreich  Partei  ergriffen,  so  besetzte
Preußen  beide  Kleinstaaten  und  verband  sie  als  „Regierungsbezirk
  Wiesbaden“  mit  Kurhessen  („Regierungsbezirk  Kassel"“)  zu
einer  preußischen  Provinz  Hessen-Nassau.  —

Durch  die  Eroberungen  v.  J.  1866  wurde  der  preußische
Staat  um  ein  Viertel  seines  früheren  Bestandes  vergrößert  und
trefflich  abgerundet;  für  seine  Landmacht  waren  besonders  die
kriegstüchtigen  Bevölkerungen  von  Hannover  und  Hessen,  für
seine  Seemacht  die  vorzüglichen  Seeleute  Schleswig-Holsteins  und
Ostfrieslands  eine  sehr  erhebliche  Verstärkung.  Zugleich  wurde
sein  deutscher  Charakter  noch  schärfer  ausgeprägt,  da  jetzt  nur  noch
ein  Zwölftel  seiner  Bevölkerung  nicht  deutsch  war.

Auf  6400  O.-M.  mit  24  Millionen  Einw.  angewachsen,  hatte
Preußen  jetzt  hinreichende  Mittel,  um  mit  eigener  Kraft  und  ohne
übermäßige  Anstrengung  den  Rang  eines  der  ersten  Großstaaten
Europas  behaupten  zu  können.  Weil  ihm  aber  zugleich  der
Schutz  des  nichtpreußischen  Deutschlands  oblag,  so  hatte  es  den
deutschen  Mittel-  und  Kleinstaaten  gewisse  Verpflichtungen  auferlegt.
  Die  nördlich  des  Mains  befindlichen  waren  mit  ihm  zum
norddeutschen  Bundesstaat  fest  vereinigt,  die  südlich  des  Mains  gelegenen
  standen  mit  ihm  vorerst  nur  im  Verhältnis  eines  Staatenbundes.
  Da  von  dem  Norddeutschen  Bunde  vier  Fünftel  und
vom  deutschen  Zollverein  fast  zwei  Drittel  der  Bevölkerung  Preußen
  waren,  so  bestand  zwischen  den  Interessen  des  preußischen
Staates  und  denen  der  großen  Mehrheit  des  deutschen  Volkes
kein  Unterschied.  —

Die  Heeres-Reorganisation,  ohne  welche  die  Erfolge  von  1866,
sowie  die  späteren  von  1870,  nicht  möglich  gewesen  wären,  hatte
der  König  gegen  den  Willen  des  Abgeordnetenhauses,  welches
die  dafür  nötigen  Ausgaben  ablehnte,  durchgesetzt  und  war  dadurch
  mit  demselben  in  einen  „Verfassungs-Konflikt“  gekommen.
Dieser  Streit  wurde,  nachdem  das  Werk  des  Königs  sich
        <pb n="160" />
        —  157  —

im  Felde  so  glänzend  bewährt  hatte,  dadurch  beigelegt,  daß
der  Landtag  auf  Antrag  der  Regierung  (14.  August  1866)
beren  Maßregeln  nachträglich  genehmigte  (dafür  „Indemnität"
erteilte).

Der  Französische  Krieg  von  1870—1871.

5  104.  Die  Franzosen  sahen  den  Aufschwung  Preußens
mit  Neid,  die  beginnende  Einigung  Deutschlands  mit  Besorgnis;
sie  wollten  an  Kriegsruhm  und  Macht  die  ersten  sein  und  bleiben.
  Aus  Rücksicht  auf  die  Stimmung  seines  Volkes  und  gedrängt
  von  seiner  Umgebung,  beschloß  Napoleon  III.  Krieg
gegen  Preußen.  Zum  Vorwande  nahm  er,  daß  die  Spanier
dem  Prinzen  Leopold  von  Hohenzollern-Sigmaringen  ihre  Krone
angetragen;  er  verlangte,  daß  dieser  sie  ablehne.  Dann,  als  dies
geschah,  forderte  er  weiter,  der  König  von  Preußen  solle  versprechen,
  daß  der  Prinz  auch  in  Zukunft  jenen  Antrag  niemals
annehme.  Solcher  Anmaßung  trat  Wilhelm  I.  mit  Würde  entgegen
  (zu  Ems,  13.  Juli  1870);  Napoleon  erklärte  ihm  nun
den  Krieg  (19.  Juli).

Frankreich  rechnete  auf  den  Abfall  Süddeutschlands;  aber
dieses  blieb  seinen  Verpflichtungen  getreu;  die  Beherrscher  Badens,
  Bayerns  und  Württembergs  stellten  sofort  ihre  Truppen
unter  den  Befehl  des  Königs  von  Preußen.  Niemals  hatte  ein
Fürst  über  ein  so  gewaltiges  Kriegsheer  verfügt  wie  jetzt  Wilhelm
  I.  Mehr  als  eine  Million  Streiter  erhoben  sich  auf  seinen
Ruf;  an  Feldtruppen  standen  zunächst  600  000  Mann  bereit
(nämlich  440  000  Preußen  und  160  000  Mann  aus  den
übrigen  deutschen  Staaten).  Frankreich  dagegen  brachte  fürs
erste  nur  425  000  Soldaten  ins  Feld.

Den  Oberbefehl  über  die  deutsche  Kriegsmacht  führte  der
König  selbst,  unter  Beirat  des  Generals  v.  Moltke.  Es  wurden
  drei  Armeen  zum  Schutze  des  Rheins  aufgestellt:  die  „Erste"
unter  Steinmetz  bei  Trier,  die  „Zweite“  unter  Prinz  Friedrich
        <pb n="161" />
        —  158  —

Karl  bei  Mainz,  die  „Dritte“  (zu  welcher  die  Süddeutschen  und
zwei  preußische  Korps  gehörten)  unter  dem  Kronprinzen  von
Preußen  in  der  bayrischen  Rheinpfalz.  Gegen  die  beiden  ersten
stand  Napoleon  mit  seiner  Hauptmacht,  gegen  die  dritte  der
Marschall  Mac  Mahon  mit  einem  kleineren  Heere.  Letzterer  erlitt
  am  4.  August  bei  Weißenburg  und  am  6.  August  bei
Wörth  eine  Niederlage,  während  ein  Teil  des  französischen
Hauptheeres  ebenfalls  am  6.  in  der  Schlacht  bei  Spichern  (unweit
  Saarbrückens)  besiegt  ward.

Napoleon  zog  sich  nun  mit  der  Masse  seines  Heeres  auf
die  starke  Festung  Metz  an  der  Mosel  zurück  und  übergab  den
Oberbefehl  an  den  Marschall  Bazaine.  Dieser  hielt  hier  in  fester
Stellung  mit  200  000  Mann  der  herandringenden  „Ersten“  und
„Zweiten“  Armee  der  Deutschen  tapfer  stand.  Aber  in  zwei
mörderischen  Schlachten,  den  blutigsten  des  ganzen  Krieges,  bei
Vionville  am  16.  August  und  bei  Gravelotte  und  St.  Privat
  am  18.  August  bezwungen,  mußte  er  mit  seiner  Armee  sich
in  Metz  einschließen  lassen.  Dieser  große  Erfolg  entschied  schon
über  das  Schicksal  des  ganzen  Feldzuges;  man  verdankte  ihn
vor  allem  der  zähen  Tapferkeit  der  Brandenburger,  die  bei
Vionville  stundenlang  den  Feind  festgehalten,  und  dann  dem
Heldenmut  der  preußischen  Garde  bei  St.  Privat.  Aber  es  sind
dort  auch  von  dem  brandenburgischen  Armeecorps  fast  7000
Mann  (mehr  als  ein  Viertel)  und  von  der  Garde  8100  Mann
(ein  Viertel)  getötet  oder  verwundet  worden.

König  Wilhelm  ließ  nun  einen  Teil  der  „Ersten“  und  „Zweiten“
Armee  unter  dem  Befehl  des  Prinzen  Friedrich  Karl  rings  um  Metz
stehen;  den  Rest  entsandte  er  unter  dem  Befehl  des  Kronprinzen
Albert  von  Sachsen  an  die  Maas.  Eben  dorthin  marschierte  von
Chalons  her  mit  einem  neugebildeten  Heere  der  Marschall  Mac
Mahon,  bei  welchem  sich  auch  der  Kaiser  befand;  er  wollte  dem
in  Metz  eingeschlossenen  Bazaine  Hilfe  bringen.  Aber  inzwischen
war  ihm  die  Armee  des  Kronprinzen  von  Preußen  bereits  in
den  Rücken  gekommen,  und  an  der  Maas  stieß  er  auf  die  Armee
des  Kronprinzen  von  Sachsen.  Von  beiden  am  1.  September
bei  Sedan  umzingelt  und  angegriffen,  verlor  er  die  Schlacht,
und  nun  mußte  sein  ganzes  Heer  (83  000  Mann)  samt  der
Festung  Sedan  und  dem  Kaiser  Napoleon  kapitulieren  (2.  September).
  „Da  es  mir  nicht  vergönnt  war,  inmitten  meiner
        <pb n="162" />
        —  159  —

Truppen  zu  sterben,  so  übergebe  ich  meinen  Degen  Eurer  Ma—
jestät“,  schrieb  der  Kaiser  an  seinen  Besieger.  Es  wurde  ihm
zum  Aufenthalt  bis  zum  Frieden  das  Schloß  Wilhelmshöhe  bei
Kassel  angewiesen.

§  105.  Auf  die  Nachricht  von  dem  Unglück  seines  Kaisers
fiel  das  Pariser  Volk  von  ihm  ab  und  rief  die  Republik  aus.
Die  neue  Regierung,  welche  es  sich  gab,  wurde  in  ganz  Frankreich
anerkannt  und  setzte  den  Krieg  fort.  Denn  die  Franzosen  konnten
  den  Gedanken  nicht  ertragen,  daß  sie  besiegt  seien  und  den
Frieden  mit  Landabtretungen  erkaufen  sollten.  Wie  sie  früher
auf  ihre  überlegene  Bewaffnung  mit  Chassepots  und  Mitrailleusen
und  auf  die  Vorzüglichkeit  ihrer  Soldaten,  zumal  der  wilden
Zuaven  und  Turkos,  gebaut,  so  verließen  sie  sich  jetzt  auf  die
Menschenmassen,  die  nun  überall  in  Frankreich  zu  den  Waffen
griffen  und  teils  große  regelmäßige  Heere,  teils  Banden  von
Freischärlern  (Franctireurs)  bildeten.  Aber  auch  Deutschland
entsandte  zur  Verstärkung  seiner  Streitkraft  immer  neue  Scharen,
besonders  preußische  Landwehr.

Der  Kampf  war  jetzt  ein  Festungskrieg.  Es  handelte  sich
für  die  Deutschen  darum,  die  drei  großen  Bollwerke  Frankreichs,
Straßburg,  Metz  und  Paris,  einzunehmen.  Straßburg,  welches
  General  Uhrich  tapfer  verteidigte,  wurde  nach  mehrwöchentlicher
  Belagerung  von  einem  badisch-preußischen  Korps  unter
General  v.  Werder  am  27  September  erobert.  Aus  Metz
suchte  sich  Bazaine  durch  einen  Ausfall  am  31.  August  und
1.  September  einen  Weg  zu  bahnen;  er  wurde  aber  in  dem
Treffen  bei  Noisseville  von  ostpreußischer  Linie  unter  General
v.  Manteuffel  und  preußischer  Landwehr  unter  General  v.  Kummer
  zurückgeschlagen,  und  er  hielt  sich  nun  so  lange,  bis  die
drohende  Hungersnot  ihn  zur  Ergebung  zwang.  Am  27.  Oktober
  kapitulierte  auch  er;  Metz  öffnete  den  Preußen  die  Tore,
und  das  ganze  Heer  Bazaines  (167.000  Mann  und  6000  Offiziere)
  streckte  die  Waffen.

Weit  länger  widerstand  Paris,  welches  seit  dem  19.  September
  von  den  Deutschen  eingeschlossen  war.  Die  ungeheure
Stadt,  mit  einem  Kranz  von  Festungswerken  umgeben  und  von
einem  sehr  zahlreichen  Heere  unter  General  Trochu  verteidigt,
sollte,  wie  Metz,  durch  Hunger  bezwungen  werden.  Doch  zeigte
        <pb n="163" />
        —  160  —

es  sich,  daß  sie  mehr  Lebensmittel  enthielt,  als  man  geglaubt
hatte.  Ausfälle,  welche  die  Pariser  unternahmen,  wurden  stets
blutig  zurückgeschlagen,  am  glänzendsten  von  der  preußischen
Garde  bei  le  Bourget  (30.  Oktober).  Schwieriger  war  es,
alle  die  Heere  abzuwehren,  die  aus  den  Provinzen  von  Süden,
Westen  und  Norden  zum  Entsatz  der  Hauptstadt  heranzogen.
Besonders  von  der  Loire  her,  wo  sie  Orleans  erobert,  drangen  die
Franzosen  in  großen  Massen  an.  Sie  erlagen  jedoch  dort  den
Truppen,  mit  denen  nun  Prinz  Friedrich  Karl  herbeieilte,  namentlich
  dem  10.  (hannöverschen)  Korps  unter  dem  General  v.  Voigts-Rhetz,
  welches  am  28.  November  bei  Beaune  la  Rolande  einen
entscheidenden  Sieg  erfocht,  worauf  am  5.  Dezember  Orleans  wieder
  von  den  Deutschen  besetzt  wurde.  Dann  trieb  Prinz  Friedrich
  Karl  mit  dem  3.,  9.  und  10.  Korps  und  mit  Truppen,  die
dem  Großherzog  von  Mecklenburg-Schwerin  untergeben  worden,
den  Feind  in  einer  Reihe  siegreicher  Treffen  (8.—12.  Januar
1871)  bis  nach  Le  Mans  zurück.  Um  dieselbe  Zeit  wurde  eine
im  nördlichen  Frankreich  gebildete  Armee  unter  General  Faidherbe
  von  dem  preußischen  General  v.  Göben  mit  dem  1.  und
8.  Korps  (Ostpreußen  und  Rheinländer)  in  einer  großen  Schlacht
bei  St.  Quentin  (19.  Januar)  zertrümmert.

Inzwischen  hatte  König  Wilhelm  das  Bombardement  auf
die  Befestigungen  von  Paris  beginnen  lassen  (27.  Dezember),
und  da  die  Vorräte  an  Lebensmitteln  in  dieser  Stadt  nun  zu
Ende  gingen,  so  sah  sie  sich  endlich  genötigt,  zu  kapitulieren
(28.  Januar).  Gleich  darauf  ereilte  auch  die  letzte  Armee,
welche  die  Republik  noch  besaß,  das  Verderben.  Ein  großes
Heer  unter  General  Bourbaki,  unterstützt  von  einem  Haufen
Freischärler,  welche  der  Italiener  Garibaldi  führte,  drang  über
Dijon  ostwärts  vor,  um  die  Verbindung  der  Deutschen  mit  der
Heimat  zu  zerschneiden.  Diese  Gefahr  wandte  indes  General
v.  Werder  ab,  der  mit  seinem  badisch-preußischen  Korps  in
einer  festen  Stellung  vor  Monbliard  (Mömpelgard)  der  Ubermacht
  drei  Tage  lang  (15.,  ,  17.  Januar)  unerschütterlich
stand  hielt.  Hierdurch  Eueme  andere  preußische  Korps  unter
Manteuffel  Zeit,  dem  Heere  Bourbakis  in  den  Rücken  zu
kommen  und  dasselbe  auf  seinem  Rückzug  über  den  Jura  so  in  die
Enge  zu  treiben,  daß  es  (noch  90  000  Mann  stark)  nach  der
Schweiz  übertreten  und  dort  die  Waffen  strecken  mußte  (1.  Februar).
        <pb n="164" />
        —  161  —

Jetzt  gaben  die  Franzosen  die  Unmöglichkeit  längeren  Widerstandes
  zu,  und  die  französische  Nationalversammlung  nahm
(2.  März)  den  Frieden  auf  die  Bedingungen  an,  welche  Bismarck
  den  Bevollmächtigten  der  Republik  (Favre  und  Thiers)
gestellt  hatte:  Frankreich  mußte  das  Elsaß  und  den  deutschredenden
  Teil  Lothringens  mit  Metz  an  Deutschland  abtreten
und  sich  verpflichten,  5  Milliarden  Francs  (4  Milliarden  Mark)
Kriegskosten  zu  zahlen.  Die  endgiltige  Festsetzung  des  Friedensvertrages
  erfolgte  am  10.  Mai  1871  zu  Frankfurt  a.  M.
Die  deutschen  Truppen,  von  denen  ein  Teil  am  1.  März  in
Paris  eingezogen  war,  räumten  nun  allmählich  das  Land;  nur
die  Champagne  und  einige  andere  Gebiete  blieben  bis  zur  völligen
  Abzahlung  der  Kriegskosten  (im  September  1873)  besetzt.

Dieser  glorreiche  Krieg  hatte  kaum  7  Monate  gedauert,
aber  den  Siegern  so  viele  Trophäen  gebracht,  wie  niemals  einer;
die  Deutschen  hatten  in  den  zahlreichen  gewonnenen  Schlachten
und  Festungen  im  ganzen  370  000  Gefangene  gemacht  (darunter
11.000  Offiziere)  und  7400  Geschütze  und  107  Adler  und  Fahnen
erbeutet.  Solche  Siegeszeichen  verherrlichten  den  Einzug,  den
Wilhelm  I.  am  16.  Juni  1871  feierlich  in  Berlin  hielt.

§  106.  Auch  der  Wunsch  nach  Einheit  wurde  dem  deutschen
  Volke  durch  diesen  Krieg  erfüllt.  Im  November  1870
vereinigten  sich  die  süddeutschen  Staaten  durch  Verträge,  die
sie  im  Hauptquartier  Wilhelms  I.  zu  Versailles  mit  dem  norddeutschen
  Bunde  abschlossen,  zu  einem  deutschen  Reiche  unter
Führung  des  Königs  von  Preußen.  Wilhelm  I.  nahm  dann
auf  Gesuch  der  deutschen  Fürsten  und  des  norddeutschen  Reichstags
  für  sich  und  seine  Nachfolger  auf  dem  preußischen  Throne
den  Titel  „Deutscher  Kaiser“  an;  am  18.  Januar  1871  geschah
  zu  Versailles  feierlich  die  Verkündigung  dieses  großen  Ereignisses.
  Ein  allgemeiner  deutscher  Reichstag,  der  am
21.  März  desselben  Jahres  in  Berlin  eröffnet  wurde,  genehmigte
die  neue  Reichsverfassung,  durch  welche  die  damals  16  Millionen
  zählende  Bevölkerung  der  25  deutschen  Mittel=  und  Kleinstaaten
  mit  dem  preußischen  Volke  (damals  25  Millionen)
wenigstens  dem  Auslande  gegenüber  zu  einer  einzigen  Nation
verbunden  wurde.

Pierson,  bLeitf.  d.  preuß.  Gesch.  11
        <pb n="165" />
        —  162  —

Wilhelm  J.  nach  1871.  —  Friedrich  III.  (1888).

8  107.  Nach  der  deutschen  Reichsverfassung  waren  viele
wichtige  Dinge  —  insbesondere  das  Heer,  die  Flotte,  die  auswärtigen
  Angelegenheiten,  das  Post-,  Telegraphen-,  Münz=  und
Zollwesen,  das  Straf=  und  Handelsrecht  —  von  den  Einzelstaaten
auf  das  Reich  übergegangen.  Der  Bundesrat,  aus  Vertretern
der  Einzelstaaten,  und  der  Reichstag,  aus  den  vom  deutschen
Volke  gewählten  Vertretern  bestehend,  übten  gemeinsam  die
Gesetzgebung;  der  Kaiser  hatte  die  ausführende  Gewalt.  Da  derselbe
  zugleich  König  des  fast  zwei  Drittel  des  ganzen  Reiches
ausmachenden  Staates  Preußen  war,  so  leitete  er  tatsächlich
alle  der  Verfassung  gemäß  gemeinsamen  Angelegenheiten  der
deutschen  Nation.  Wilhelm  I.  hat  während  der  langen  Regierungszeit,
  die  dem  Hochbetagten  noch  beschieden  war,  rastlos
tätig  mit  gleichem  Pflichteifer  für  Deutschlands  und  für  Preußens
Wohl  gesorgt.

Mit  Hilfe  seines  großen  Kanzlers  Bismarck,  den  er  sich
gewählt,  und  den  er  gegen  alle  Anfeindungen  an  seinem  Posten
erhielt,  hatte  er  das  neue  Reich  gegründet,  und  mit  dessen  Hilfe
auch  befestigte  er  es  und  baute  es  aus.  Im  Einvernehmen  mit
dem  Bundesrat  und  dem  Reichstag  wurde  das  gesamte  bürgerliche
  Recht  und  Rechtsverfahren  zur  Sache  des  Reiches  gemacht
(1873)  und  ein  oberstes  Reichsgericht  eingesetzt  (1878).  Es  wurde
gleiches  Maß,  Gewicht  und  Geld  eingeführt;  es  wurde  (seit  1879)
dem  deutschen  Gewerbe,  sowie  dem  Ackerbau  durch  Zölle  gegen
das  Ausland  mehr  Schutz  verliehen,  und,  um  der  Nation  für
die  Zukunft  neue  Erwerbsfelder  zu  eröffnen,  die  Gründung  überseeischer
  Kolonieen  (Kamerun,  Ostafrika,,  Neuguinea  1884—86)
begonnen.

Zugleich  machte  sich  Wilhelm  I.  an  die  schwere  Aufgabe,
die  Lebenslage  der  unteren  Volksklassen,  der  besitzlosen  Arbeiter
zu  verbessern.  Hiefür  müsse  —  erklärte  er  (1881)  —  von  Reichswegen
  gesorgt  werden.  Es  kamen  denn  auch  (1883  und  84)
Gesetze  zustande,  welche  den  Arbeiter  gegen  Not  durch  Erkrankung
und  durch  Unfälle  versicherten.  Ein  Gesetz,  welches  demselben
auch  eine  Versorgung  im  Alter  gewährleistete,  wurde  vorbereitet;
die  Ausführung  erlebte  der  greise  Monarch  nicht  mehr;  er  hinterließ
  den  Entwurf  als  sein  Vermächtnis  den  Nachfolgern.

Seine  dringendste  Sorge  war  indes,  das  Reich  nach  außen
zu  sichern  und  den  Frieden  zu  erhalten;  diesem  Bemühen  widmete
        <pb n="166" />
        —  163  —

er  sich  mit  dem  äußersten  Wirkeifer  und  dem  größten  Erfolge.
Von  Frankreichs  unversöhnlicher  Rachsucht  bedroht,  bekam  Deutschland
  noch  einen  neuen  Feind  an  Rußland,  welches  nach  einem
glücklich  geführten  Türkenkriege  aus  Furcht  vor  Englands  und
Osterreichs  Einschreiten  auf  dem  Berliner  Kongreß  (Juli  1878)
einen  Teil  der  Früchte  seines  Sieges  aufgegeben  hatte  und  dafür
nicht  sich,  sondern  Bismarck  die  Schuld  zuschob.  Dieser  doppelten
Gefahr  zu  begegnen,  stellte  Wilhelm  I.,  unterstützt  von  Bismarcks
Staatskunst,  Schutzbündnisse  mit  Osterreich  (1879)  und  mit  Italien
(1887)  her.  Auch  legte  er,  damit  Deutschlands  innere  Einigkeit
nicht  Schaden  nehme,  die  Streitigkeiten  bei,  die  1872  zwischen
dem  preußischen  Staate  und  der  römischen  Kirche  über  die
Grenzen  der  beiderseitigen  Machtbefugnis  entstanden  waren.  Vor
allem  aber  verstärkte  und  vervollkommnete  er  unablässig  die
deutsche  Wehrmacht,  Heer  und  Flotte.  Eine  gewaltige,  für  den
Kampf  zugleich  nach  West  und  Ost  ausreichende  Vermehrung
der  im  Kriegsfall  verwendbaren  Wehrmänner  —  bis  auf  zwei
Millionen  —  durch  das  Wehrgesetz  vom  11.  Februar  1888  war
die  letzte  große  Tat  seines  Lebens.

Auch  in  den  nur  oder  zunächst  Preußen  angehenden  Dingen
des  öffentlichen  Lebens  hat  die  Regierung  Wilhelms  I.  noch
Großes  geleistet:  es  wurden  sämtliche  Eisenbahnen  in  den  Besitz
und  in  die  Verwaltung  des  Staates  gebracht,  was  dem  Verkehrswesen
  sehr  nützte  und  den  Staat  reich  machte;  es  wurde  (1887)
der  Bau  des  Nordostseekanals  begonnen  (eröffnet:  1895);  es
wurde  für  Kunst  und  Wissenschaft  viel  getan.  Aber  das  Hauptverdienst
  dieses  Königs  um  Preußen  bleibt  immer,  daß  er  es  bis
zu  den  Grenzen  seines  natürlichen  Machtgebietes  vergrößert  hat.

In  Krieg  und  Frieden  ruhmgekrönt,  von  seinem  Volke  geliebt,
  von  der  Welt  verehrt,  starb  Wilhelm  I.,  91  Jahre  alt,
am  9.  März  1888  zu  Berlin,  ein  würdiger  Nachfolger  des
Großen  Kurfürsten  und  Friedrichs  des  Großen  und  ihr  glücklicher
  Vollender.

§  108.  Zu  den  großen  Erfolgen  seiner  Regierung  hot  Wilhelm  I.
selber  sehr  viel  gethan.  Er  setzte  das  glänzende  Ziel:  die  Erhöhung
Preußens  und  die  Einung  Deutschlands;  er  schuf  das  gewaltige  Machtmittel:
  die  verbesserte  und  vergrößerte  Armee;  er  wählte  die  vortrefflichen
  Gehilfen,  mit  denen  er  das  Werk  verrichtet  hat:  den  Meister
der  Staatskunst  Bismarck  und  die  Meister  der  Kriegskunst  Roon  und
Moltke.  Es  gelang  ihm  sein  großes  Werk,  weil  er  pflichttren  und  mit
seltener  Sachlichkeit  des  Urteils  stets  alles,  auch  seine  persönlichen  Neigun-
        <pb n="167" />
        —  164  —

gen,  dem  Staatswohl  unterordnete,  und  weil  er  auch  die  wertvollste  der
Herrschergaben  besaß,  die,  sich  die  rechten  Männer  zu  Dienern  zu  wählen.

Albert  v.  Roon  (geb.  am  30.  April  1803  zu  Pleushagen  bei
Kolberg,  gest.  am  23.  Febr.  1879  zu  Berlin),  seit  1859  Kriegsminister,
führte  die  vom  Könige  befohlene  Neugestaltung  des  Heeres  —  Verdoppelung
  der  Regimenter,  Verjüngung  des  Offizierkorps,  bessere  Bewaffnung
  der  Truppen  —  schnell  und  gründlich  durch.

Helmuth  v.  Moltke  (geb.  am  26.  Okt.  1800  zu  Parchim  in  Mecklenburg,
  gest.  am  24.  April  1891  zu  Berlin),  seit  1858  Chef  des  Generalstabes,
  leitete  1866  und  1870  als  rechte  Hand  Wilhelms  I.  den  Krieg
und  erwies  sich  dabei  als  großer  Feldherr,  namentlich  durch  seine  Kunst,
so  gewaltige  Heeresmassen  rasch  und  sicher  zu  bewegen  und  sie  nach
dem  Grundsatz  „Getrennt  marschieren  und  vereint  schlagen“  zu  rechter
Zeit  an  den  rechten  Platz  zu  schaffen.

Bismarck,  seit  1862  mit  der  Leitung  der  Regierung  des  preußischen
Staates,  seit  1871  auch  mit  der  des  Deutschen  Reiches  betraut,  löste  durch
seine  allen  Gegnern  überlegene  Staatskunst  erst  die  schleswig-holsteinische,
dann  die  deutsche  Frage  mit  staunenswertem  Geschick  und  Erfolg  —  Befreiung
  Schleswig-Holsteins  von  der  Dänenherrschaft,  Vergrößerung  des
preußischen  Staatsgebietes,  Errichtung  des  Norddeutschen  Bundes,  dann
des  Deutschen  Reiches,  Erwerbung  Elsaß-Lothringens  für  Deutschland  —
und  sicherte  das  Gewonnene  durch  glückliche  Friedenspolitik  und  durch
Stiftung  des  Dreibundes.  In  der  inneren  Politik  sind  besonders  der
Erwerb  überseeischen  Kolonialbesitzes  für  Deutschland,  heilsame  Verstaatlichung
  der  preußischen  Eisenbahnen  und  Unternehmung  der  Sozialreform
größtenteils  sein  Werk.  Er  starb  am  30.  Juli  1898.

Wilhelm  I.  erkannte  die  Verdienste  seiner  drei  „Paladine"“  mit  den
Worten  an,  die  er  am  Tage  nach  der  Schlacht  bei  Sedan  sprach:  „Sie,
Kriegsminister  v.  Roon,  haben  unser  Schwert  geschärft;  Sie,  General
v.  Moltke,  haben  es  geführt;  und  Sie,  Graf  v.  Bismarck,  haben  seit
Jahren  durch  die  Leitung  der  Politik  Preußen  auf  seinen  jetzigen  Höhepunkt
  gebracht.“"  Zum  äußeren  Zeichen  seiner  Dankbarkeit  erhob  er  1871
Roon  und  Moltke  in  den  Grafenstand,  Bismarck  (den  er  1865  mit  dem
Grafentitel  geschmückt  hatte)  in  den  Fürstenstand.  Die  Erkenntlichkeit
der  deutschen  Nation  gegen  Bismarck  äußerte  sich  unter  anderem  in  der
allgemeinen  Ehrenfeier  seines  slebzigsten  Geburtstages  am  1.  April  1885,
ebenso  ihre  Verehrung  Moltkes  durch  eine  allgemeine  Festfeier  seines
neunzigsten  Geburtstages  am  26.  Okt.  1890.

§  109.  Es  folgte  in  der  Regierung  auf  Wilhelm  I.  dessen
Sohn  Friedrich  III.  (geboren  am  18.  Oktober  1831  zu  Potsdam,
vermählt  seit  1858  mit  Viktoria  von  England).  Er  gehört  zu  den
Mitbegründern  des  Deutschen  Reiches:  er  führte  in  den  Feldzügen
von  1866  und  1870  mit  Erfolg  die  ihm  unterstellten  Heere,  und
er  trug  bei  zur  Stärkung  des  Einheitsgefühles  im  deutschen  Volke,
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        —  165  —

indem  er  durch  seine  persönliche  Liebenswürdigkeit  die  Herzen  auch
der  nichtpreußischen  Deutschen  gewann.  Auch  hat  er  als  Kronprinz
  manches  Verdienstliche  getan  für  die  Pflege  der  Künste
und  Wissenschaften.  Mitten  aus  innerem  und  äußerem  Glück  riß
ihn  aber  (1887)  eine  furchtbare  Krankheit  und  raffte  ihn  wenige
Monate  nach  seiner  Thronbesteigung  hin.  Nach  einem  qualvollen
Siechtum,  welches  er  mit  Heldenmut  trug  („Lerne  zu  leiden,
ohne  zu  klagen“)  starb  er  am  15.  Juni  1888  zu  Potsdam.

Wilhelm  II.  (1888--Zjetzt).

§5  110.  Sein  Sohn  und  Nachfolger  Wilhelm  II.  (geboren  am
27.  Januar  1859  zu  Berlin),  vermählt  seit  27.  Februar  1881  mit
Auguste  Victoria  von  Schleswig-Holstein  (geboren  am  22.  Oktober
  1858),  erbte  die  großen  Errungenschaften  Wilhelms  I.  und
überkam  auch  zur  Weiterführung  die  große  Unternehmung,  welche
dieser  am  Abend  seines  Lebens  begonnen  hatte:  die  Sozialreform.
Da  über  die  zu  diesen  und  zu  anderen  politischen  Zielen  einzuschlagenden
  Wege  zwischen  ihm  und  Bismarck  Meinungsverschiedenheiten
  bestanden,  so  entließ  er  ihn  (20.  März  1890).  —  Durch
Zugeständnisse  in  Afrika  an  England  erwarb  er  von  diesem  die
Insel  Helgoland  für  Deutschland  (1890)  und  von  China  den
wertvollen  Hafen  von  Kiautschou  (1898).  Doch  mußte  bald  darauf
  gegen  dieses  Reich  eine  deutsche  Expedition  im  Verein  mit
den  Truppen  anderer  europäischer  Mächte  und  Japans  unter  dem
Gesamt-Oberbefehle  des  Grafen  Waldersee  ausgesandt  werden,  um
Sühne  wegen  der  Ermordung  des  deutschen  Gesandten  v.  Ketteler
und  anderer  Schandtaten  der  Chinesen  zu  nehmen  (1900/01).
Im  Jahre  1904  erfolgte  dann  ganz  plötzlich  ein  großer  Aufstand
der  Hereros  in  Deutsch-Südwestafrika  gegen  die  deutsche  Herrschaft;
er  wurde  1907  nach  schweren  Opfern  glücklich  beendet.

Im  Mai  1889  wurde  das  schon  unter  Wilhelm  I.  geplante  Gesetz
behufs  Alters=  und  Invaliden-Versorgung  der  Arbeiter  von  Kaiser  und
Reich  beschlossen  und  trat  am  1.  Januar  1891  in  Wirksamkeit.  Danach
gewährt  das  Reich  allen  Arbeitern  und  Arbeiterinnen,  wenn  sie  dauernd
erwerbsunfähig  (invalid)  geworden  find,  oder  wenn  sie  das  siebzigste
Lebensjahr  vollendet  haben,  eine  jährliche  Geldbeihilfe  (Rente)  zur  Versorgung.
  Die  Kosten  für  die  seit  1885  eingeführte  Arbeiter-Unfall-Versicherung
  werden  von  den  Arbeitgebern  allein,  die  der  Krankenversicherung
von  diesen  zu  einem  Drittel  und  von  den  Arbeitnehmern  zu  zwei  Dritteln
getragen;  für  die  Alters=  und  Invaliden-Versorgung  zahlen  zu  gleichen
Teilen  der  Arbeitgeber,  der  Arbeitnehmer  und  das  Reich.  Diese  gemeinnützigen
  Einrichtungen  beziehen  sich  auf  Millionen  männlicher  und
weiblicher  Arbeiter  und  find  für  diesen  Stand  eine  große  Wohltat.
        <pb n="169" />
        Wachstum  des  brandenburgisch-preußischen  Staates.

 

Regenten.

Erwerbungen.

Umfang.

Bevölkerung.

Einnahme.

Truppenzahl.

 

Kurfürst  riedrich
  n1  9.

Friedrich  II.

Albrecht
Achilles

Johann  Cicero

Joachim  I.
Nestor
Joachim  II.  u.
Joh.  v.  Küstrin
Joachim
Friedrich
ohann
Jcham.

erhält  1415

einen  Teil

 

1442  Teile  der  Uckermark

1450  Wernigerode
1455  die  Neumark

1462  Kottbus,  Peitz

1482  Krossen,  Züllichau,  Sommerfeld



Teile  der  Uckermark

1490  Zossen

1524  Ruppin

1555  Beeskow  und  Storkow

1614  Kleve,  Mark,  Ravensberg
1618  Herzogtum  Preußen

die  Altmark  (81  Q.-M.),
Mittelmark  (230),  Priegnitz  (61),
der  Uckermark

erwirbt  1420  Teile  der  Uckermark

 

381  QO.-M.

42

*43  „

14
5
150
22

614

34
5

653
7

660

32
692

23

715

100
657

1472

 

 

 

 

170  000  E.

188  500  „

293  550  „  17500  rhn.  Gld.

308750„  35000  „
312  550,

329  350  „

Joachim  II.:
342  05ö0,  80  000  rhn.  Gld.

355  400  „

300  000  Taler

 

899  100  „

 

166
        <pb n="170" />
        Georg  Wilhelm

Friedrich
Wilhelm  d.  G.

Friedrich  III.
(I.)

rriedrich
m  Wilhelm  1.

Friedrich  II.
der  Große.

Friedrich  Wilhelm
  II.

 

tritt

erwirbt

1793  1

tritt

1657  Lauenburg  und  Bütow
1648  Magdeburg,  Halberstadt
1648  Minden
1686  Schwiebus

Bestand  1688;:
1702  Mörs,  Lingen

1707  Tecklenburg
(Neufchatel,  nie  dem
Staate  einverleibt)

1694  Schwiebus  ab
Bestand  1713:
1713  Ober-Geldern
1720  Vorpommern  b.  z.  Peene
Bestand  1740;:
1742  Schlesien  mit  Glatz
1744  Ostfriesland

1772  Westpreußen  nebst  Ermland
  und  dem  Netzedistrikt

Bestand  1786:
1792  Ansbach-Bayreuth
Danzig,  Thorn
Südpreußen  (Posen)
1795  Neuostpreußen  (Warschau),
  Neuschlesien

1795  das  linksrhein.  Gebiet  ab:

 

Bestand  1797:

362

149

22
10
2015

2145

680
54

645
3524
159
22
1015

860

 

 

900  000

1  500  000  „

1  731000  ,

2:486  000  „„

5  659  000  „

8  687  000  „

 

400  000

2500  000

4000  000

7  000  000

20  000  000

30  000  000

7y

#

*

 

3000  Mann
(im  J.  1641).

28  000  Mann

30  000

167

83  000  „

200  O0dp  „
        <pb n="171" />
        Regenten.

Erwerbungen.  Umfang.Bevölkerung.  Einnahme.  Truppenzahl.

 

edrich  Wil-Friehr
  III.

 

Übertrag:  6537  Q.-M.

erwirbt  1803  das  Eichsfeld,  Nordhausen,
Mühlhausen,  Erfurt,  Paderborn,
Münster,  Hildesheim,  Quedlinburg,
Elten,  Essen,  Werden  173  „

Bestand  1806:7  5710  9  743  000  E.]6U00  O00  Tlr.  250  000  Mann

*

 

tritt  im  Tilsiter  Frieden  ab:  die
polnischen  Erwerbungen  von  11875
1793,  1795;  ferner:
Danzig,  Thorn,  Teile  des  —2841
Netzedistrikts,  Kottbus,  Peitz,
Ansbach-Bayreuth,  Altmark,  O„4
Wernigerode,  Magdeburg,  66
Halberstadt,  Minden,  Mark,
Ravensberg,  Kleve,  Ostfriesland,
  Tecklenburg,  Lingen,
die  Erwerbungen  von  1803,

Bestand  1807—18153:  2860  „  4938000,  17000  000

168

 

2

1815  zurũck  von  alten  Gebieten:
Danzig,  Thorn,  Kottbus,
Peitz,  Altmark,  Wernigerode,
Magdeburg,  Halberstadt,
Minden,  Mark,  Navensberg,
Kleve,  Tecklenburg,  Eichs-  1062
feld,  Nordhausen,  Mühlhausen,
  Erfurt,  Paderborn,
Münster,  Quedlinburg,  Essen,
Elten,  Werden,  Großherzogtum
  Posen  1
        <pb n="172" />
        Dazu  an  neuen  Gebieten:
in  Sachsen,  Thüringen  und  #  378
der  Lausitz,
Schwedisch-Vorpommern,  80
am  Rhein  und  in  Westfalen
Bestand  1815:
Dazu  1834  Lichtenberg
Bestand  1840:

Friedri

Wilerwirbt

  1850  Hohenzollern

helm  IV.

Wilhelm  I1.

Wilhelm  II.

 

li

—

r

1853  Jadebusen  (¼/)
Bestand  1861:

1865  Lauenburg

Bestand  1865

1866  Hannover
Kurhessen
Nafsau
Frankfurt
Schleswig

r*
r—i

699
173

165

155

Holstein
Hessen-Darmstädtische
Grenzberichtigung
Homburnrege
Bayrische  Grenzberichtigung

  10

Bestand  186:

1

 

2169

5038
11
5049

21

5070
21
5091

1309

6400

10  500  000  ,

14  929  000  „

18  492  000,

19  400  000  %

24  300  000

89  000  000

135  342  000

150  715.000

201  435.000

Tlr.)

 

1890  Helgoland
Bestand  1890:

 

6400

 

30  000  000  „

 

1  730  000  000  Mk.

140  000  Linie,
280  000  Reserveu.
  Landwehr
I.  Aufgebots,
110  000  Landwehr
  II.  Aufgebots.


217  000  Linie,
450  000  Reserve
  u.  Ldw.  I.
114  000  „  II.

——

2981  L  #

Norddeutsche
Friedensstärke
320  000  M.,
Kriegsstärke
977  000  M.
(Davon  ⅜

Preußen.)

6991  L##

     
 

Deutsche  Friedensstärke
  etwa

Kriegsstärke  etwa
4½  Mill.  M.

8681  1

 

169
        <pb n="173" />
        Jeittasel  der  preußischen  Geschichte.

I.  Bis  zum  Großen  Kurfürsten  (bis  1640).

 

Gleichzeitiges
Brandenburg.  Preußen.  in  den  später  preuß.  Prov.  in  dem  übrigen  Deutschland.

 

325  v.  Chr.  Bericht  des  Massiliers
  Pytheas  über  113  v.  Chr.  Cimbern  und
das  Bernsteinland  der  Teutonen.

Gutten.  9n.  Chr.  Schlacht
Um  90  n  Chr.  Sueven  (Semno-=  998  n.  Chr.  Tacitus  über  die  im  Teutoburger

nen.)  Astier.  50  n.  Chr.  Colonia  Agrip-  Walde  (Herbina.

  mann  u.  Varus).  |
320  Trier  Hauptstadt  von

Gallien.

.  ·  449Angeln·und,Sachse-s375VegimidekVöcker-Seit
  dem  6.  Jahrh.  Wenden.  500  Gestatast  der  Ästier  nach  Britannien.  wanderung.

an  den  Ostgotenkönig  .  .  481—511  Chlodwig  Stifter
Theoderich  d.  Gr.  744  Abtei  Fulda  gestiftet.  chs.
754  Bonifatius  7.  des  Frankenreichs

»  «732KarlMartell.
7727e7de30chsmkr188  (th-751—768Pipindekmeine.

784  Köln  Erzbistum.  768—814  Karl  der

787  Bist.  Osnabrückgestiftet.  Große.

791  Bist.  Münster  gestiftet,  800  Kaiserkrönung  Karls

795  Bistum  Paderborn  ge-  des  Großen  zu  Rom.
stiftet.

813—1553  Aachen  Krönungsstadt

  der  deutschen
Könige.

170
        <pb n="174" />
        928  Eroberung  Branni—
bors.

Gründung  der  Nord—
mark.

946  Bistum  Havelberg  gestiftet.

949  Bistum  Brandenburg  gest.
Erste  Erwähnung  des  Spreegaus
  (Spriavani).

965  Gero  F.

965—1133  Grafen  der  Nordmark
aus  den  Häusern  Haldensleben,
  Walbeck,  Stade  u.  a.

983  Aufstand  der  Obotriten  und
Zutizen.

 

Um  890  Wulfstans  Reisebericht.


997  Bischof  Adalbert  v.  Prag
wird  von  den  Pruzzen

erschlagen.
1009  Erzbischof  Brun  .

814  Bist.  Halberstadt  gest.
820  Abtei  Corvey  gestiftet.

934  Gründung  der  Mark
Schleswig.

965  Bekehrung  Mieskos  I.
von  Polen.

968  Stiftung  des  Erzbistums
  Magdeburg  und
der  Bistümer  Zeitz
und  Merseburg.

1026  Schleswig  von  Konrad
  II.  an  Dänemark
abgetreten.

 

 

814—840  Ludwig  der
Fromme.

843  Vertrag  zu  Verdun.
843—876  Ludwig  d.  Deutsche.
876—887  Karl  der  Dicke.
887—899  Arnulf.

899—911  Ludwig  das  Kind,
letzter  Karolinger  in
Deutschland.

911—918  Konrad  1.
919—1024  Sächsische  Kaiser.
919—936  Heinrich  I.
933  Schlacht  bei  Riade.
936—973  Otto  der  Große.

955  Schlacht  auf  dem  Lechfelde
  bei  Augsburg.

962  Gründung  des  deutschrömischen
  Kaiserreichs.

973—983  Otto  II.
983—1002  Otto  III.

1002—24  Heinrich  II.
1024—1125  Salische  Kaiser.
1024—1039  Konrad  II.
1039—1056  Heinrich  III.

1056—1106  Heinrich  IV.

1077  in  Canossa.

171
        <pb n="175" />
        Gleichz

Brandenburg.  in  den  später  preuß.  Prov.

Preußen.

eitiges
in  dem  übrigen  Deutschland.

 

1111  Adolf  v.  Schauenburg
  Graf  v.
Holstein.

1124  Otto  von  Bamberg,
Apostel  der  Pommern.

1128  Gründung  des  Bistums
  Kammin.

1137  Heinrich  der  Stolze,
Herzog  von  Sachsen.

1143  Lauenburg  wird  eine
eigene  Grafschaft.

1163  Abtrennung  ?Schlesiens
von  Polen.

1168  Zerstörung  des  Tempels
  von  Arkona.

1175  Zerstörung  Julins
(Wollins).

1134—1319  Brandenburg
unter  den  Ballenstädtern.


1134—1170  Albrecht  der
Bär,  erster  Markgraf
von  Brandenburg.

1150  Pribislaw  v.  Brandenburg  kx.

1157  Unterwerfung  Jaczos  von

Köpenick.

1170—1184  Otto  I.  1178  Stiftung  Olivas

1181  Pommern  wird  Herzogtum.


1184—1205  Otto  II.
1205—1220  Albrecht  II.

1220—1266  Johann  I.  und
1220—1267  Otto  III.

1212  Christian  von  Oliva-Bischof
  von  Preußen.

·  1227  Schlacht
1228  Orden  von  Dobrin.

Bornhöved.

bei

 

 

1  l100n  1920  ptann  1

1106—1125  Heinrich  V.
1115  Schlacht  am  Welfesholze.

1125—1137  Lothar  d.  Sachse.
1127  Konrad  von  Wettin,
Markgraf  v.  Meißen.
1138—1254  Staufische  Kaiser.
1138—1152  Konrad  III.
1140  Welfen  u.  Ghibellinen.
1152—1190  Friedrich  Rotbart.

1180  Sturz  Heinrichs  des
Löwen.
—  OGtto  v.  Wittelsbach
wird  Herzog  v.  Bayern.
1190  Gründung  des
deutschen  Ritterordens.

1190—1250  Blüte  der  mittelhochdeutschen
  Literatur.
(Nibelungenlied;  Walter
  v.  der  Vogelweide,
Wolfram  v.  Eschenbach).
1190—1197  Heinrich  VI.
1198—1208  Philipp  von
Schwaben.
1208—1215  Otto  IV.
1215—1250  Friedrich  II.
1215—1233  Eike  von  Rep- 



kow  (Sachsenspiegel).

19186  Stifliunn  dver  Mottel-172
        <pb n="176" />
        1237  Erste  Erwähnung  Berlins.

1250  Eroberung  der  Uckermark.

1260  Eroberung  der  Neumark.
1266—1309  Otto  IV.  mit  dem
Pfeile.
1278  Treffen  bei  Frohse.
1308—1319  Waldemar.
1307  Berlin  und  Kölln  vereinigt.
1316  Schlacht  bei  Gransee.
1319—1323  Interregnum.
1320  Heinrich  von  Landsberg  F.
1324—1373  Brandenburg
unter  den  Wittelsbachern
  (Bayern).
1824—1351  Ludwig  der  Altere.
1325  Nikolaus  von  Bernau  f.
(Berlin  im  Bann).
1348  Der  falsche  Waldemar
  (I  1357).

 

ICGUV91COCGU  Er·—
rung  Preußens
durch  den  deutschen
  Orden.

1232  Thorn  u.  Kulm  gegr.

1237  Beitritt  des  Schwertbrüderordens.


1255  Gründung

Königsbergs.


1288—1294  Abdeichung  des
Danziger  Werders.

1309  Marienburg  Residenz
des  Hochmeisters.

—  Erwerbung  Danzigs.

1329  Statuten  Werners  v.
Orsele.

1346  Erwerbung  Esthlands.

 

1240  Kiel  erhält  lübisches
Recht.

1241  Mongolenschlacht  auf
d.  Wahlstatt  b.  Liegnitz.

1245  Frankfurt  a.  M.  wird
freie  deutsche  Reichsstadt.


1247  Heinr.  v.  Brabant  wird
Graf  v.  Hessen.

1261  Breslau  erhält  Magdeburger
  Recht.

—  Schlacht  auf  d.  Loheide
bei  Schleswig.

1292  D.  Landgrafschaft  Hessen

wird  reichsunmittelbar.



1325—1340  Graf  gerser

d.  Gr.  von  Holstein
herrscht  in  Schleswig.

1330  Die  Frankfurter  Messe
gestiftet.

 

—.—  —  “  -

orden.
1230  Hermann  v.  Salza.

1235  Braunschweig  =  Lüneburg
  wird  Herzogtum.

1241  Hansabund.

1250—1254  Konrad  IV.
1254—  1273  Interregnum.
1273—91  Rudolfv.  Habsburg.
1273  Erwin  v.  Steinbach.
1278  Schlacht  auf  d.  Marchfelde
  (Ottokar  von
Böhmen  P).
1292—98  Adolf  von  Nassau.
1298—  1308  Albrecht  I.  von
Osterreich.
1308  Aufstand  der  Schweizer.
1308—1318  Heinrich  VII.  von
Luxemburg.
1314—1347  Ludwig
der  Bayer.
1315  Schlacht  b.  Morgarten.
1322  Schlacht  bei  Mühldorf
(Friedrich  v.  Osterreich).
1338  Kurverein  zu  Rense.

1340  Die  erste  Schießpulverfabrik
  in  Augsburg.

—  173  —
        <pb n="177" />
        Brandenburg.

Preußen.

in  den  später  preuß.  Prov.

Gleichz

 

eitiges
in  dem  übrigen  Deutschland.

 

1351—1365  Ludwig  der  Römer.

1365—1373  Otto  der  Faule.
1373  Vertrag  zu  Fürstenwalde.
1373—1415  Brandenburg

unter  den  Luxemburgern.

1373—1378  Karl  IV.  (Wenzel).
1378—1415  Sigmund.
1388—1411  Jobst  von  Mähren.

1411  Friedrich  VI.  Burggraf  von
Nürnberg,  Statthalter  in
der  Mark.

1412  Treffen  am  Kremmer  Damm.

1414  Bezwingung  der  Quitzows.

1415—1440  Friedrich  I.
von  Hohenzollern,
Kurfürst  (belehnt
1417).

 

1432  (23.  April)  die  Hussiten  vor

 

1351—1382  Winrich
v.  Kniprode.

1370  Schlacht  bei  Nudau.

1398  Eroberung  Gotlands.

1398  Eidechsenbund.

1402  Kauf  der  Neumark.

1410  Schlachtbei  Tannenberg
  (Jagello
  v.  Polen
u.  Litauen).

1411  Friede  zu  Thorn.

1412  Landesrat  eingesetzt.
1413  Absetzung  Heinrichs
von  Plauen.

1355  Einverleibung  Schleiens
  in  die  Krone
öhmen.

1357  Erhebung  Jülichs  zum
Herzogtum.

1380  Erhebung  Bergs  zum
Herzogtum.

1386  die  Schauenburger  mit
Schleswig  belehnt.

1400  Größte  Macht
Femgerichte.

1404  Gerhard  VI.  von  Holstein
  u.  Schleswig  von
den  Ditmarschen  erschlagen.



der

1417  Adolf  VI.  Graf  von
Kleve  wird  Herzog.
1423  Kursachsen-Wittenberg
kommt  nach  dem  Aussterben
  der  Anhaltiner

an  die  Wettiner.

 

 

1347—1378  Karl  IV.
1348  Der  schwarze  Tod.

1356  Die
Bulle.

1363  Die  zollernschen  Burggrafen
  von  Nürnberg
(seit  1192)  werden
Reichsfürsten.

1378—1400  Wenzel.  1

1386  Schlacht  bei  Sempach.

1388  Schlacht  bei  Döffingen
(Eberhard  der  Greiner).

1390  Erste  Papiermühle  in  1

Nürnberg.
1400—10  Ruprecht  v.  d.  Pfalz.

1410—1437  Sigmund.


goldene

174

1414—1418  Konzil  zu
Kostnitz.

1415  Hus  verbrannt.

1419—1434  Hussitenkriege.


m  —

1131—43  CKauzil  zu  VBasel.
        <pb n="178" />
        Vernau.

1440—1470  Friedrich  II.
der  Eiserne.

1442  Unterwerfung  Berlins.

1448  Schwanenorden.
1450  Erwerbung  v.  Wernigerode.

1455  Rückkauf  der  Neumark.

1462  Erwerbung  von  Kottbus
und  Peitz.

1470—1486  Albrecht  Achiles.



11473  Dispositio  Achillea.

1482  Vertrag  zu  Kamenz.

1486—1499  Johann  Cicero.


1490  Erwerbung  von  Zossen.

1499—1535  Joachim  I.
Nestor.

1506  Universität  Frankfurt  a.  O.

 

1440  Preußischer  Bund  (zu
Marienwerder).

1454—1466  Westpreußischer
Städtekrieg.

1463  Seesieg  der  Danziger
auf  dem  Frischen  Haff.

1466  1
Thorn.

1469—1476  Paul  Beneke,
Danziger  Seeheld.

1473—1543  Kopernikus.


z  u

 

1456  Universität  Greifswald
  gegründet.
1460  Vereinigung
Schleswig-Holsteins.



1460—1863  Schleswig-Holsein
  unter  der  Herrschaft
  der  dänischen

Könige.

1464  Pommerscher  Erbfolgekrieg.


1474  Erhebung  Holsteins
zum  Herzogtum.
1483—1546  Luther
(geb.  u.  gest.  zu

Eisleben).

1500  Schlacht  bei  Hemmingstedt.



——.—

 

U'

1438—1740  Habsburgische
Kaiser.

1438—1439  Albrecht  II.  von
Ssterreich.

1440—1493  Friedrich  III.

1448  Graf  Christian
von  Oldenburg
wird  König  von
Dänemark.

1450  Gutenberg.

1455  Der  sächsische  Prinzenraub.


175

1493—1519  Maximilian  1.
1495  Reichstag  zu  Worms.
Ewiger  Landfriede.
Eberhard  im  Barte,
Herzog  v.  Württemberg.
        <pb n="179" />
        Brandenburg.

Preußen.

Gleich;
in  den  später  preuß.  Prov.

eitiges

in  dem  übrigen  Deutschland,

 

1510  Judenverfolgung.

1515  Ordnung  für  die  Städte.

1516  Kammergericht  gegründet.

1517  Anwartschaft  auf  Schleswig-Holstein.


1524  Heimfall  Ruppins.

1529  Vertrag  zu  Grimnitz.

1535—1571  Joachim  II.
Hektor  und  Johann
von  Küstrin.

1537  Erbvertrag  mit  Friedrich  von
Liegnitz.

1539  1.  Nov.  Einführung
der  Reformation.

1540  Hans  Kohlhase  hingerichtet.

1550  Lampert  Distelmeier.
1555  Kaufv.  Beeskow  u.  Storkow.

 

1511  Albrecht  von  Brandenburg
  =  Ansbach  wird
Hochmeister.

1523  Reformat.  i.  Preußen
(G.  v.  Polenz).

1525  Vertrag  zu  Krakau.


1525—1568  Albrechtl.

Herzog  von

Preußen.

1543  Universität  Königsberg
  gegründet.

 

 

1510  Prinz  Johann  (III.)
von  Kleve  u.  Mark
heiratet  Maria,  Erbtochter
  v.  Jülich,  Berg,
Ravensberg.

1517  Die  95  Thesen.

1518  Anfang  des  Luthertums
  in  Schlesien.

1520  Luther  verbrennt  die
Bannbulle

1521  Jülich,  Berg  u.  Ravensberg
  mit  Kleve  u.
Mark  vereinigt.

1526  Schlesien  kommt  mit
Böhmen  u.  d.  Lausitz  an
das  Haus  Habsburg.

1529  Religionsgespräch  zu
Marburg.

1530  Herzog  Ernst  der  Bekenner
  von  Lüneburg.

1534  Reformat.  i.  Pommern.

—  Philipp  d.  Großmütige
siegt  bei  Laufen.

1535  Wiedertäufer  in  Münster.


1542  Durchführung  der  Reformation
  in  Schleswig-Holstein.


 

1519—1556  Karl  V.

1521  Luther  in  Worms;  auf
der  Wartburg  (Bibelübersetzung).


1525  Bauernkrieg.

—  Kurf.  Friedr.  d.  Weise
von  Sachsen  F.

1526  Böhmen  und  Ungarn
kommen  an  Ssterreich.

1528  Albrecht  Dürer  F.

1529  Der  Protest  in  Speier.

1530  Augsburger
Konfession  (Melanchthon).


1531  Bund  zu  Schmalkalden.

—  Schlacht  bei  Kappel.
(Zwingli  41).

1534  Georg  Wullenweber.
1545—1563  Konzil  zu  Trident.

1546—1547  Schmalkaldischer
Krieg.
1547  Schlacht  b.  Mühlberg.
1552  Metz,  Toul  u.  Verdun
v.  d.  Franzosen  besetzt.
—  Vertrag  zu  Passau.

(Moritz  v.  Sachsen).

—  176
        <pb n="180" />
        Pierson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.

1569  Anwartschaft  auf  Preußen.

1571—1598  Johann  Ge—
org.

1580  Einführung  der  Konkordienformel.


1598—  1608  Joachim
Friedrich.

1598  Geraer  Hausvertrag.

1605  Geheimes  Staatsrats-Kollegium.


1608—  1619  Johann  Sigismund.


1609  Jülichscher  Erbfolgestreit

(Vertrag  zu  Dortmund).

1613  Johann  Sigismund  wird
reformiert.

1614  Vertrag  zu  Kanten.

1618  Vereinigung  Preußens
  mit  Brandenburg.


1619—1640  Georg  Wilhelm.


1635  Friede  zu  Prag.

 

1568—1618  Albrecht  II.
Friedrich.

1605  Joachim  Friedrich  von
Brandenburg  wird
Statthalter.

1611  Johann  Sigismund
erhält  die  Belehnung
mit  Preußen.

 

1559  Schlacht  bei  Heide.

1575—1624  Jakob  Böhme.
1597—1639  Martin  Opitz.

1604—1655  Friedr.  v.  Logau.
1609  Wilhelm  von  Jülich-Kleve-Berg
  F.

1616—1664  Andreas  Gryphius.


1623  Achtung  Georgs  von
Jägerndorf.

1628  Wallenstein  vor  Stral--sund.


1630  Gustav  Adolf  landet
auf  Ruden.

1631  Zerstörung  Magdeburgs
  durch  Tilly
20.  Mai  (neuen  Stils).

1634  Hannover  wird  Residenz
  des  Herzogs  von
Lüneburg-Kalenberg.

1637  Bogislam  XIV.  von
Pommern  F.

 

1555  Augsb.  Religionsfriede.
1556—1564  Ferdinand  I.
1564—1576  Maximilian  II.
1576  Hans  Sachs  k.
1576—1612  Rudolf  II.
1582  Gregorianischer  Kalend.
1608  Enpangelische  Union.
1609  Mazestätsbrief.
1610  Katholische  Liga  (Max
von  Bayern).
1612—1619  Matthias.
1618—1648  Dreißigjähriger
  Krieg.
1619—1637  Ferdinand  II.
1620  Schlacht  am  Weißen
Berge  bei  Prag  (Friedrich
  V.  von  der  Pfalz).
1623  Tilly  und  Christian
von  Braunschweig.
1626  Wallenstein  und  Ernst
von  Mansfeld.
—  Schlacht  b.  Lutter  (Christian
  IV.  v.  Dänemark).
1629  Restitutionsedikt.
—  Friede  zu  Lübeck.
1630  Kepler  F.
1631  Schlacht  bei  Leipzig.
1632  Schlacht  bei
Lützen  (Gustav
Adolf  K.
1634  Wallenstein  F.
—  Schlachtbei  Nördlingen.
1636  Schlacht  bei  Wittstock.

—  177  —
        <pb n="181" />
        II.  1640  bis  1701.

 

Brandenburg-Preußen.

Gleichzeitige  s
in  den  später  preuß.  Prov.  in  dem  übrigen  Deutschland.  in  Europa.

 

1640—1688  Friedrich
Wilhelm  der  Große
Kurfürst.

1641  Adamvon  Schwarzenberg#.

1648  Erwerbung  von
Magdeburg,  Halberstadt,
  Minden,
Hinterpommern,
Kammin.

1649  Einrichtung  der  Post.
1650  Otto  von  Guericke.

1655  Universität  Duisburg  gegründet.


1656  Verträge  zu  Königsberg  und
Marienburg.

—  28.—30.  Juli  (nU.  St.)
Schlacht  bei  Warschau
  (Sparr).

—  Vertrag  zu  Labiau.

1657  Verträge  zu  Wehlau  und
Bromberg.

1659  Treffen  bei  Nyborg.

1660  3.  Mai  (n.  St.)  Friede
  zu  Oliva.

 

1637—1657  Ferdinand  III.
1639  Bernhardv.  Weimar  T

1614  Schlacht  bei  Jüterbog.  1642  Kichelien  1.
1648  Wesefe  lusn  "v4  —  Marin.  .
Friede.  1643—1715  Ludwig
XIV.  von  Frankreich.

1649  Hinrichtung  Karls  1.

Stuart,  Königs  von
England.

1653  Reduktions  =  Kommissionen
  in  Schlesien(Un-  1653—58  Cromwell,  Proterdrückung
  des  evan-  tektor  v.  Großbritangel.
  Gottesdienstes).  nien.

1654—  1660  Karl  X.
Gustav  von
Schweden.

1658  —1705  Leopold  1.

 

 

178  —
        <pb n="182" />
        12*

1661  Gründung  der  kurfürstlichen

Bibliothek  in  Berlin.
1662  Hieronymus  Rode  gefangen.
1665  Paul  Gerhardt.

1666  Huldigung  der  Stadt  Magdeburg.


1667  Luise  Henr.  von  Oranien  .

—  Einführung  der  Accise.

1668  Friedrich-Wilhelms-Kanal.

1672  v.  Kalckstein  hingerichtet.

—  Der  Große  Kurfürst  rettet

Holland.

—  Stiftung  der  französischen

Kolonie  in  Berlin.

1673  Friede  zu  Vossem.

1675  Gefecht  bei  Türkheim.

—  25.  Juni  (n.  St.)  Überfall
von  Rathenow.

—  28.  Juni  (nu.  St.)
Schlacht  bei  Fehrbellin.


1677  Eroberung  Stettins.

1678  Eroberung  Stralsunds.

1679  Winterfeldzug  überdie  Haffe.

—  Friede  zu  St.  Germain  en
Laye.

1681  Seetreffen  am  Kap  St.
Vincent.

 

1675  Aussterben  der  Piasten
von  Liegnitz,  Brieg,
Wohlau.

 

1663  Reichstag  zu  Regensburg
  ständig.

1681  Überfall  Straßburgs.

 

1664  Schlacht  bei  St.  Gotthard.


1667—68  Erster  und

1672—78  Zweiter  Raubkrieg
Ludwigs  XIV.

1675  Turenne  f.

1678  Friede  zu  Nimwegen.
1680  Reunionskammern.

179  —
        <pb n="183" />
        Brandenburg-Preußen.

Gle

in  den  später  preuß.  Prov.

ich  ze  i#ti
in  kem  Arches  Deutschlchde

in  Europa.

 

1682  Besetzung  Emdens.
1683  Kolonie  in  Guinea.
1685  Potsdamer  Edikt.
1686  Das  Testament  des  Großen
Kurfürsten.
1688—1713  Friedrich  III.
(I.  König).
1689  Eroberung  von  Bonn.
1692  Universität  Halle  gegründet
(Thomasius).
—  Erboergleich  zu  Potsdam.
1694  Sam.  Pufendorf  .
—  Rückgabe  von  Schwiebus.
1695  Anwartschaft  auf  Ostfriesland.


1697  Danckelmans  Sturz.
Kolbe  v.  Wartenberg.
1698  Erwerbung  von  Quedlinburg
  und  Nordhausen.

—  Francke  gründet  das  Hallesche
Waisenhaus.

1699  Akademie  d.  Künste  (Schlüter,
  E.  v.  Göthe).

1700  Societät  (Akademie)  der
Wissenschaften  (Leibniz).

—  18.  Februar.  Einführung
des  neuen  Kalenderstils.

—  Miener  Krontraktat.

 

1692  der  Herzog  von
Kannover  wird
Kurfürst.
1693  Wetzlar  Sitzde  Reichs-Kam
  mergeri  ichts.

 

1683  Die  Türken  vor  Wien.

(Johann  Sobieski).

1689  Verwüstung  der  Pfalz.

1697  Kurfürst  August  der
Starke  von  Sachsen
wird  katholisch  und

König  von  Polen.

 

1685  Aufhebung  des  Edikts
von  Nantes.

1686  Erstürmung  von  Ofen
(v.  Schöning).

1688  Wilhelm  III.
von  Oranien,
Erbstatthalter  Hollands,
  stürzt  Jakob  II.

Stuart  vom  englischen
Thron.

1688—97  Dritter  Raubkrieg.
1689—1725  Peter  der
Große.

1691  Schlacht  bei  Salankemen.


1697—1718  Karl  XlII.
von  Schweden.
1697  Schlacht  bei  Zenta.
—  Friede  zu  Ryswick.
1699  Friede  zu  Karlowitz.
1700  Karl  II.  von  Spanien  x.

180
        <pb n="184" />
        III.  Seit  1701.

 

Preußen.

Gleichzeitiges

außerhalb  Deutschlands.

 

1701  17.  Jan.  Schwarzer  Adlerorden  gestiftet.

—  18.  Januar.  Erhebung  Preußens
  zum  Königreiche.

1702  Oranische  Erbschaft  (Lingen,  Mörs).

1705  Königin  Sophie  Charlotte  k.
1707  Erwerbung  von  Neuschatel  (Neuenburg)
und  Valengin.
—  Erwerbung  von  Tecklenburg.
1709—1711  Pest  in  Preußen.
1711  Wartenbergs  Sturz.
1713—1740  Friedrich  Wilhelm  I.
1713  Erwerbung  von  Obergeldern.
—  Gründung  des  Lagerhauses  in  Berlin.
—  Vertrag  zu  Schwedt.  (Vorpommernsegquest.)
1715  Eroberung  von  Rügen.

1717  Verwandlung  des  Lehnpferdes  in  eine
feste  Steuer.

1720  Verkauf  der  afrikanischen  Kolonieen.

1720  Friede  zu  Stockholm.  Erwerung
  Vorpommerns  bis  zur
Peene.

 

in  Deutschland.

1704  Schlacht  bei  Höchstädt  und
Blenheim.  (Prinz  Eugen  von
Savoyen.  Marlborough.  Leopold
  von  Dessau)g.

1705—1711  Joseph  1.
1706  Karl  XII.  bei  Steinau.
1707  Altranstädter  Konvention.

1711—1740  Karl  VI.

1714  Friede  zu  Rastatt  und  Baden.
—  Karl  XII.  in  Stralsund.

 

1700—1721  Nordischer
Krieg.
1700  Friede  zu  Travendal.
—  Schlacht  bei  Narwa.
1701—1714  Spanischer  Erbfolgekrieg.


1706  Schlachten  bei  Ramillies  und
Turin.

1708  Schlacht  bei  Oudenarde.
1709  Schlacht  bei  Malplaquet.
—  Schlacht  bei  Pultawa.
1713  Utrechter  Friede.
—  Pragmatische  Sanktion.


1714—1727  Georg  I.  (v.  Hannover)
König  von  England.

1715—1774  Ludwig  XW.v.  Frankreich.

1717  Schlacht  bei  Belgrad.

1718  Friede  zu  Passarowitz.

—  Derßerzog  von  Savoyen  wird
König  von  Sardinien.

1721  Nystädter  Friede.

181
        <pb n="185" />
        Preußen.

Gleich  zeitiges

in  Deutschland.

außerhalb  Deutschlands.

 

1721  Stiftung  des  Potsdamer  Waisenhauses.

1723  Errichtung  des  Generaldirektoriums  und
der  Oberrechenkammer.

1725  Vertrag  zu  Herrenhausen.

1726  Vertrag  zu  Wusterhausen.

1727  Gründung  der  Charité  in  Berlin.

1728  Vertrag  zu  Berlin.

1730  Fluchtversuch  des  Kronprinzen  Friedrich;
—  Dessen  Haft  in  Küstrin.

1732  Die  protestantischen  Saljzburger.


1733  Einführung  des  Kantonsystems.

1733—1740  Kronprinz  Friedrich  in  Neu-Ruppi
und  Rheinsberg.  «

1739  “  ]*  gedruckt  (1741  veröffenticht).

1740—1786  Friedrich  II.  der  Große.
1740—1742  Erster  schlesischer  Krieg.
1741  3.  Januar.  Einzug  Friedrichs  des  Großen
  in  Breslau.
—  10.  April  Schlacht  bei  Mollwitz.
—  9.  Okt.  Vertrag  zu  Klein-Schnellendorf.
—  7.  Nov.  Huldigung  in  Breslau.

1742  17.  Mai  Schlacht  bei  Czaslau
und  Chotusitz.

 

1738  Wiener  Frieden:  Lothringen  an
Frankreich  abgetreten.

1740—1780  Maria  Theresia.


1741—1748  Österreichischer  Erbfolgekrieg.
  (Marschall  Moritz  von
Sachsen).

1742—1745  Karl  VII.  (v.  Bayern).

 

1724  Thorner  Blutgericht.

1727  Newton  kf.
1727—1760  Georg  II.  von  England.

1733—1735  Polnischer  Erbfolgekrieg.

1734  Eroberung  Danzigs  durch  die
Russen  (Stanislaus  Lesczinski).

182

1741—1762  Elisabeth  von
Rußland.
        <pb n="186" />
        1742  11.  Juni  Friede  zu  Breslau:
Erwerbung  von  Ober=  und  Niederschlesien
  und  Glatz.

1743—1745  Plauenscher  Kanal.

1744  Erwerbung  von  Ostfriesland.

1744—1746  Finow#kanal.

1744—1745  Zweiter  schlesischer
Krieg.
1745  4.  Juni  Schlacht  bei  Hohenfriedberg
  und  Striegau.
—  30.  Sept.  Schlacht  bei  Soor.
—  23.  Nov.  Treffen  bei  Katholisch-Hennersdorf.
—  53  De-  Schlacht  bei  Kessels-Orf.

—  25.  Dez.  Friede  zu  Dresden.
1746  Swinemünde  gebaut.
—  Friedrichs  d.  Gr.  „hist.  de  mon  temps.“

1747—1756  Entwässerung  des  Nieder-Oderbruchs.

1747  Codex  Fridericianus  (Cocceji).

—  Gründung  der  ersten  Realschule  (durch
Hecker  in  Berlin).

1750—1753  Voltaire  in  Berlin
1756—1763  Siebenjähriger  Krieg.
1756  16.  Jan.  Vertrag  zu  Westminster.
—  29.  Aug.  Einfall  in  Sachsen.
—  1.  Okt.  Schlacht  bei  Lobasitz.
—  16.  Okt.  Kapitulation  zu  Pirna.
1757  10.  Jan.  Friedrichs  Ordre  an  Finckenstein.
—  6.  Mai  Schlacht  bei  Prag
(Schwerin  F).

 

1743  Schlacht  bei  Dettingen.
1744  Frankfurter  Union.

1745  Vertrag  zu  Füssen.
1745—I6  Franz  I.  (von  Lothringen).


1747  7.  April  Leopold  v.  Dessau  1.

1748  Friede  zu  Aachen.
—  Klopstocks  „Messias“.
1750  Sebastian  Bach  .

1757  Reichsexekutionskrieg  gegen
Preußen.

—  Schlacht  bei  Hastenbeck.
—  Konvention  zu  Kloster  Zeven.

 

1745  Vertrag  zu  Warschau.

1746  Schlacht  bei  Culloden.

1755  Erobeben  zu  Lissabon.  —  Pomal.


1756  1.  Mai  Vertrag  zu  Versailles.

183
        <pb n="187" />
        Preußen.

Gleichzeitiges

in  Deutschland.

1  außerhalb  Deutschlands.

 

1757  18.  Juni  Schlacht  bei  Kolin
(Daun).
—  30.  Aug.  Schlacht  bei  Großjägersdorf.
—  7.  Sept.  Gefecht  bei  Moys  (Winterfeld  1).
—  16.  Okt.  Hadik  vor  Berlin.
—  5.  Nov.  Schlacht  bei  Roßbach.
—  22.  Nov.  Treffen  bei  Breslau  (Bevern
gefangen).
—  5.  Dez.  Schlacht  bei  Leuthen.
Friedrich  d.  Gr.  in  Lissa.
1758  Belagerung  von  Olmütz.
—  25.  Aug.  Schlacht  bei  Zorndorf
(Seydlitz.)
—  14.  Okt.  Schlacht  bei  Hochkirch.
(Keith  P).
1759  Treffen  bei  Kay.  —  Graun  .
—  12.  Aug.  Schlacht  bei  Kuners—
dorf.
—  (E.  v.  Kleist).
—  Verlust  von  Dresden.  —  Finck  bei  Maxen
gefangen.
1759—65  Nicolais  „Literaturbriefe“.
1760  23.  Juni  Schlacht  b.  Landeshut  (Fouquc).
—  15.  Aug.  Schlacht  b.  Liegnitz
(Laudon).
—  9.  Okt.  Tottleben  und  Lascy  in  Berlin
(Gotzkowski).  ç
—  3.  Nov.  Schlacht  bei  Torgau

(Zieten).

 

1758  Schlacht  bei  Krefeld
(Ferd.  von  Braunschweig).



1759  Gefecht  bei  Bergen.
—  Schlacht  bei  Minden.

184

1759  Händel  1.  1

1760  Die  Encyklopädisten.  Voltaire
und  Rousseau.

1760—1820  Georg  III.  von  England.
        <pb n="188" />
        1761  Lager  bei  Bunzelwitz.
—  Fall  von  Schweidnitz;  von  Kolberg
(v.  d.  Heyde).
—  WMarkotsch’  Verräterei.
1762  5.  Mai  Friede  mit  Rußland.
—  2.  Nai  Friede  mit  Schweden  (zu  Hamurg).

21.  Juli  Schlacht  bei  Burkersdorf.

—  156.  Aug.  Treffen  bei  Reichenbach.
—  9.  Okt.  Eroberung  von  Schweidnitz.
29.  Okt.  Schlacht  bei  Freiberg
(Prinz  Heinrich).
1763  15.  Febr.  Friede  zu  Hubertusburg.

1763  Einführung  der  königlich  preußischen
Lotterie.
1764  Bund  mit  Rußland.
1765  Gründung  der  Königlichen  Bank  in
Berlin.
—  Nicolais  „Allg.  deutsche  Bibliothek“.
1766  Regie.
1769  Joseyh  II.  in  Neiße.

1772  Erste  Teilung  Polens:  Erwerbung
  Westpreußens,  Ermlands
  und  des  Netzedistrikts.

—  Gründung  der  Seehandlungs-Gesellschaft.

1772  27.  Sept.  Friedrich  1I.  wird  als  König

von  Preußen  in  Marienburg  gehuldigt.
1778—74  Bromberger  Kanal.

1778—79  Bayrischer  Erbfolgekrieg.

 

1762  Treffen  bei  Wilhelmsthal.

1765  Lessings  „Minna  v.  Barnhelm“.

1765—90  Joseph  II.

1768  Winckelmann  f.

1773  Goethes  „Götz“  u.  „Werther“.
1778  Herders,  Stimmen  der  Völker“.

 

1761  Pitts  Entlassung.

1762  Peter  III.  von  Rußland.

—  Friede  zu  Fontainebleau.
1762—1796  Katharina  II.
von  Rußland.

—  185

1764—1795  Stanislaus  Poniatowski
  König  von  Polen.  1T

1768  Konföderation  zu  Bar.

1768—1774  Russisch-türkischer  Krieg.

1768  James  Watt  (Damfmaschinc

1770  Schlacht  bei  Tschesme.

1773  Vertrag  zwischen  Rußland  und
Dänemark  über  das  Haus
Gottorp.

1774—1793  Ludwig  XVI.

1775—1782  Nordamerikanischer  Freifeiherrieg
  (Washington.  Frankin).



1778  Linné  .
        <pb n="189" />
        Preußen.

Gleichzeitiges

in  Deutschland.  I

außerhalb  Deutschlands.

 

1779  Friede  zu  Teschen.
1780  Erwerbung  eines  Teils  von  Manzsfeld.

1781  Kants  „Kritik  der  reinen  Vernunfté".

1784  Entwurf  des  allgem.  preuß.  Landrechts
(Carmer).

1785  Deutscher  Fürstenbund.

1786—97  Friedrich  Wilhelm  II.
1787  Eroberung  Hollands.
1788  Wöllners  Religionsedikt.

1790  Vertrag  zu  Reichenbach.

1791  Entlassung  Hertzbergs  Zusammenkunft
in  Pillnitz.

1792  Erwerbung  von  Ansbach-Bayreuth.

—  Aufnahme  des  Roten  Adlerordens.

—  Bund  mit  Osterreich.

—  Feldzug  in  die  Champagne.

—  Kanonade  von  Valmy.

1793  Eroberung  von  Mainz.

—  Schlachten  bei  Pirmasens  und  in  den
Weißenburger  Linien.

—  Zweite  Teilung  Polens:  Erwerbung
  von  Danzig,  Thorn,
Posen.

1794  Schlachten  bei  Kaiserslautern.  —  Einführung
  des  allgem.  Landrechts.

—  Schlacht  bei  Szczekocyn.

r

 

 

1780  Wielands  „Oberon“".
—  Mozart.  Haydn.
1781  Toleranzedikt  Josephs  II.

1790—92  Leopold  II.

1792—1806  Franz  II.  (als  Kaiser
Franz  I.  von  Osterreich  1804
bis  1835).

 

1779  Cook.  (G.  Forster).
1780  Galvani.

1789  Französische  Revolution.
  (Mirabeau).

1792  Targowitzer  Konföderation.
—  Frankreich  Republik.

1793  Hinrichtung  Ludwigs  XVI.
—  Erste  Koalition.

1794  Sturz  Robespierres
—  Schlacht  b.  Maciejowice  (Kosciuszko).
  Ende  Polens.

186
        <pb n="190" />
        1795  Dritte  Teilung  Polens:  Er—
werbung  von  Warschau.
—  Friede  zu  Basel.  1797  Volta.
1796  Besetzung  von  Nürnberg.  —  Friede  zu  Campo-Formio.
1797—1840  Friedrich  Wilhelm  III.  1798  Bonapartes  Feldzug  nach  Agypil

  ten.  —  Schlacht  bei  Abukir.
798  lUers  „W  tein“.
1798  Schiller  allenstein  1799  Zweite  Koalition  (Suworow).

—  Napoleon  Bonaparte  erster
Konsul.

1800  Nordische  Neutralität.  —  Alex.  v.  Humboldts  Reise  nach
Südamerika.

1802  Die  Landgrafschaft  1800  Schlacht  bei  Marengo.
Kelten  u  assel)  wird  1801  Friede  zu  Lünevile.

1803  Gleim  f.  —  Sakularisation  von  Paderborn.  1801  *  .w.Z  a  lexan  der  I.
1803  Säkularisation  von  Münster.  1804  Napoleon  I.  Kaiser
—  Reichsdeputations-Hauptschluß.  der  Franzosen  (905
—  Kapitulation  von  Artlenburg.  1769  1  1  1)  geb.

1805  Haugwitz  schließt  den  Vertrag  zu  Schön-  1805  Schlacht  b.  Austerlitz.  1805  Dritte  Koalition.

brunn.
Friede  zu  Preßburg.  —  Schlacht  bei  Trafalgar  (Nel-1806
  Besetzung  Hannovers.  1806  Stiftung  des  Rheinbundes.  son  4).

10.  Okt.  T  Saalfeld  ..
Louis  Ferd  aehen  bei  aclfe  (eim  —  Auflösung  des  deut-—

  14.  Okt.  Schlacht  bei  Jena  und  schen  Reichs.
Auerstädt.  —  Nassau  wird  Herzogtum.

—  156.  Okt.  Kapitulation  von  Erfurt.

—  27.  Okt.  Napoleons  Einzug  in  Berlin.
—  28.  Okt.  Pr  in  Hohenlohe  kapituliert  bei
Prenzlau.

 

 

187
        <pb n="191" />
        Gleichzeitiges
Preußen.  in  Deutschland.  außerhalb  Deutschlands.

 

1806  20.  Skt.  Kapitulation  von  Stettin.

—  1.  Nov.  Kapitulation  von  Küstrin.

—  7.  Nov.  Kapitulation  bei  Ratkau.

—  8.  Nov.  Kapitulation  von  Magdeburg.

—  21.  Nov.  Kontinentalsperre.

1807  4.  Jan.  Entlassung  Steins.  "

—  I.,  8.  Febr.  Schlacht  b.  Preuß.  1807—1813  Königreich  Westfalen.
Eylau.

—  26.  April  Vertrag  zu  Bartenstein.

—  Verteidigung  Kolbergs  (Nettelbeck,
  Gneisenau).  !

—  Verteidigung  von  Graudenz  (Courbière).

—  Fall  Danzigs.

—  10.  Juni  Treffen  bei  Heilsberg.

—  14.  Juni  Schlacht  bei  Friedland.
  *#•-—

  9.  Juli  Friede  zu  Tilsit:  Abtretung
  des  halben  Gebietes.

—  4.  Okt.  Stein  erster  Minister.

—  9.  Okt.  Edikt  über  das  Grundeigentum.

1807—8  Fichtes  „Reden  an  die  deutsche  Nation“".

1  n  8
1808  Klrins  „und  Scharnhorst  1808  Aufstand  der  Spanier.

—  1.  Juni  Aufhebung  der  Erbuntertänigkeit.

—  3.  Aug.  Die  neuen  Kriegsartikel.  Q„
1809  Auflösung  des  deutschen  Ordens.

—  19.  Nov.  Städteordnung.  —  Sähost  bei  Aspern  (Erzherzog
—  16.  Dez.  Steins  Achtung.  "

1809  W*“3  '°  —  Schlacht  bei  Wagram.

—  Schill  fällt  in  Stralsund.  —  Friede  zu  Wien.  —  Hofer.

188  —
        <pb n="192" />
        1810  Universität  Berlin  gegründet.

1812

1813

6.  Juni  Hardenberg  Staatskanzler.


19.  Juli  Tod  der  Königin  Luise.

30.  Okt.  Einziehung  der  geistlichen  Güter.
2.  Nov.  Gewerbefreiheit.

Universität  Frankfurt  a.  O.  nach  Breslau
  verlegt.

Erste  Turnanstalt  (durch  Jahn  in  Berlin).
14.  Sept.  Edikt  über  die  gutsherrlichen
und  bäuerlichen  Verhältnisse.

Heinrich  von  Kleist  K.

11.  März  die  Juden  erhalten  Staatsbürgerrecht.
  .

30.  Dez.  Yorcks  „Konvention“.
zu  Tauroggen.
11.Jan.Ostpreußische  Ständeversammlung.
22.  Jan.  Friedrich  Wilhelm  nach  Breslau.
3.  Febr.  Aufruf  der  Freiwilligen.


5.  Febr.  ost=  und  westpreußischer  #udtag,
28.  Febr.  Vertrag  zu  Kalisch.
10.  März  Stiftung  des  eisernen  Kreuzes.
17.  März  Aufruf  „an  Mein
Volk“.  „

2.  April  Gefecht  bei  Lüneburg.

5.  April  Treffen  bei  Möckern.

2.  Mai  Schlacht  bei  Großgörschen.


19.  Mai  Treffen  bei  13

20.,  21.  Mai  Schlachtb.  Bautzen.
26.  Mai  Gefecht  bei  Hainau.

4.  Juni  Treffen  bei  Luckau.

 

1810—13  Großherzogtum  Frankfurt.

1813  30.  Mai  Fall  Hamburgs.
—  17.  Juni  Überfall  bei  Kitzen.

 

1811—1828  Unabhängigkeitskriege
der  mittel--  und  südamerikanischen
  Kolonieen.

1812  Brand  von  Moskau.
—  Schlacht  an  der  Beresina.

189  —
        <pb n="193" />
        Preußen.

Gleichzeitiges

in  Deutschland.

außerhalb  Deutschlands.

 

1813  4.  Juni  Waffenstillstand  zu

—

Poischwitz.

28.  Juni  Scharnhorst  .

14  Juli  Vertrag  zu  Reichenbach  mit  England.
23.  Aug.  Schlacht  bei  Großbeeren
  (Bülow).

26.  Aug.  Körner  1f.

—  Schlacht  an  der  Katzbach
(Blücher).

26.,  27.  Aug.  Schlacht  bei
Dresden.

27.  Aug.  Schlacht  b.  HagelbergHirschfeld).
29.,  30.  Aug.  Schlacht  bei  Kulm
(Kleist  v.  Nollendorf).

6.  Sept.  Schlacht  bei  Dennewitz
  (Bülow,  Tauenzien).

9.  Sept.  Vertrag  zu  Teplitz.

3.  Okt.  Schlacht  bei  Wartenburg
  (Vorck).

16.  bis  19.  Okt.  Schlacht  bei
Leipzig.  (16.  Okt.  Schlacht
bei  Möckern,  Yorckk.

22.  Nov.  Eroberung  von  Stettin.

29.  Dez.  Eroberung  von  Danzig  (Rapp).

1814  1.  Jan.  Blüchers  Rheinübergang.

29.  Jan.  Schlacht  bei  Brienne.
1.  Febr.  Schlacht  bei  La  Rothiere.
3.  Febr.  Treffen  bei  La  Chaussse.

 

1813  11.  Aug.  Abbruch  des  Kongresses
  zu  Prag.

—  12.  Aug.  Österreichs  Kriegserklärung
  an  Frankreich.

—  16.  Sept.  Gefecht  a.  d.  Göhrde.
—  1.  Okt.  Tschernyschew  in  Kassel.
—  8.  Okt.  Vertrag  zu  Ried.

—  30.  Okt.  Schlacht  bei  Hanau.
—  9.  Nov.  Kongreß  zu  Frankfurt.

 

190

1814  Stephenson  (Lokomotive).
—  14.  Jan.  Kieler  Friede.
        <pb n="194" />
        1814  11.,  12.  u.  14.  Febr.  Treffen  bei  Mont-—.—


—

mirail,  Chateau  Tierry  Vauchamps.
27.  Febr.  Schlacht  bei  Bar  sur  Aube.
9.  März  Schlacht  bei  Laon
(Athies).

20.  März  Schlacht  bei  Arcis  sur  Aube.
30.  März  Schlacht  bei  Paris
(Montmartre).

31.  März  Einzug  in  Paris.
30.  Mai  Erster  Pariser  Friede.

M3.  Sept.  Landwehrgesetz  (allgemeine  Wehrpflicht).


10.  Febr.  Erwerbung  halb
Sachsens  und  der  übrigen
neuen  Gebiete  (am  Rhein  und
in  Vorpommern).

15.  Mai  Besitzergreifung  der  Rheinlande.
22.  Mai  Verheißung  einer  Verfassung.
16.  Juni  Schlacht  bei  Ligny.
18.  Juni  Schlacht  bei  Bellealliance.


3.  Juli  Gefecht  bei  Issy.
7.  Juli  Blüchers  Einzug  in  Paris.
20.  Nov.  Zweiter  Pariser  Friede.

1816  Bülow  v.  Dennewitz  .
1817  Union  der  lutherischen  und  reformierten

Kirche.
Einrichtung  des  Staatsrates.  —  Universität
  Halle-Wittenberg.

1818  Mahl=  und  Schlachtsteuer,  Klassensteuer

eingeführt.
Universität  Bonn  gegründet.

 

1814  1.  Nov.  Wiener  Kongreß
  eröffnet  (Metternich).

1815  8.  Juni  deutsche  Bundesakte.

—  9.  Juni  Wiener  Kongreßakte.

1817  Wartburgfest.

1818  Kongreß  zu  Aachen.

 

1814  5.—18.  Febr.  Kongreß  zu  Chatillon.


—  1.  März  Vertrag  zu  Chaumont.

—  2.  April  Napoleons  Absetzung.

1814—1824  Ludwig  XVIII.  von
Frankreich.

1815  3.  Jan.  Bund  in  Wien  zwischen
Osterreich,  England,  Frankreich
gegen  Preußen  und  Rußland.

—  1.  März  Napoleons  Rückkehr
von  Elba.

—  Gründung  des  Königreichs  der
Niederlande.

26.  Sept.  Heilige  Allianz.


191
        <pb n="195" />
        Preußen.

Gleichzeitiges

in  Deutschland.

außerhalb  Deutschlands.

 

1819  Blücher  .

1821  Vertrag  mit  dem  Paypste.
1822  Hardenberg  .
1823  Einführung  von  Provinzialständen.

1824  Verheiratung  des  Königs  mit  der  Gräfin
Aug.  v.  Harrach  (Fürstin  v.  Liegnitz).

1830  Vorck  v.  Wartenburg  .

1831  Hegel  Kx,  Gneisenau  1,  Stein  F.

1833  Abschluß  des  preußisch-deutschen
  Zollvereins.

1834  Erwerbung  des  Fürstentums  Lichtenberg.

1837  Ansiedlung  der  lutherischen  Zillertaler.
—  Kölner  Kirchenstreit.  —  Verhaftung  des
Erzbischofs  von  Köln.

1838  Eröffnung  der  ersten  preuß.  Eisenbahn
(Berlin-Potsdam).
1839  Verhaftung  des  Erzbischofs  von  Posen.
1840—1861  Friedrich  Wilhelm  IV.
1842  Vereinigter  Ausschuß.
—  Kölner  Dombaufest.

 

1844  Der  heilige  Rock  in  Trier.  Joh.  Ronge.

1819  Kotzebues  Ermordung  durch
Sand.

—  Karlsbader  Beschlüsse.
1820  Wiener  Schlußakte.

1821  Webers  „Freischütz“.

1827  Beethoven  f.

1831  Kurhessen  erhält  e.  Verfassung.

1885—1848  Ferdinand  I.  v.  Ssterreich.

1837  Die  Verbindung  Hannovers
  mit  der  englischen
  Kronehört  auf.

1842  Brand  von  Hamburg.

 

1821  Kongreß  zu  Laibach.

—  Napoleon  Fauf  St.  Helena.
1822  Kongreß  zu  Verona.
1824—1830  Karl  X.  von  Frankreich.

1825—  1855  Nikolaus  I.
Kaiser  von  Rußland.

1830  Eroberung  Algiers  durch  die
Franzosen.

—  Julirevolution  in  Paris.

1830—1848  Louis  Philipp  König  der
Franzosen.

1831  Gründung  des  Königreichs
Belgien.

1837  Viktoria  Königin  von  Großbritannien.


192  —
        <pb n="196" />
        Pierson,  Leitf.  d.  preuß.  Gesch.

1—

1850  6.  u.  8.  April  Erwerbung  der
hohenzoller  schen  Lande.

—  8.  Nov.  Rückzug  aus  Hessen  (Bronzell).

—  29.  Nov.  Vertrag  zu  Olmütz.

1844  Berliner  Industrieausstellung.

1847  Vereinigter  Landtag.

1848  18.  März  Patent  des  Königs.
Straßenkampf  in  Berlin.
—  209.,  30.  April  Besiegung  der  Polen  bei

Tions,  bei  Mieloslaw.

—  22.  Mai  Eröffnung  der  National-Versammlung

  in  Berlin.
—  6.  Juni  Gefecht  bei  Düppel.

—  26.  Aug.  Waffenstillstand  zu  Malmö.
—  0.  Nov.  Ministerium  Brandenburg-Manteuffel.



—  5.  Dez.  Auflösung  der  Nat.-Versammlung.

—  —  Oktroyierte  Verfassung.

1849  Elektrischer  Telegraph  eingeführt.
—  3.  April  Ablehnung  der  deutschen  Kaiserwürde.



—  6.  bis  9.
Aufstandes.

—  Juni  Unterdrückung  des  Aufstandes  in

der  Pfalz  und  in  Baden.

1850  31.  Jan.  Revidierte  Verfassung.



Mai  Unterdrückung  des  Dresdner

 

1848  13.  März  Revolution  in  Wien.
—  Sturz  Metternichs.

1848  18.  Mai  Eröffnung  der  deutschen
  National-Versammlung
in  der  Paulskirche  zu  Frankfurt
  a.  M.

—  29.  Juni  Erzherzog  Johann
Reichsverweser.

1819  27.  März  Reichsverfassung.

—  28.  März  Wahl  des  Königs
von  Preußen  zum  erblichen
deutschen  Kaiser.

1850  Mai  Wiedereröffnung  des  Bundestages.


 

1846  Krakau  österreichisch.
Christians  VIII.
Brief“.

1848  Februarrevolution

in  Paris.

—  Goldlager  in  Kalifornien  entdeckt.


—  Franz  Joseph  Kaiser
von  ÖOsterreich.

„Offener

1851  Erste  Weltindustrie-Ausstellung
zu  London.
        <pb n="197" />
        Preußen.

Sreichzeitigesn

in  Deutschland.

außerhalb  Deutschlands.

 

1852  8.  Mai  Londoner  Protokoll.

—  Zolleinigung  mit  Hannover  und  Oldenburg.


3  Handelsvertrag  mit  Ssterreich.
—  Erwerbung  des  Jadebusens.
1854  Schulregulative.
—  Gründung  des  Herrenhauses.

1857  Verzicht  auf  Neuschatel.
—  Der  Prinz  von  Preußen  wird
Stellvertreter  des  Königs.
1858—1861  des  Prinzen  Wilhelm
Regentschaft.
—  Militär-Reorganisation.
1859  Alexander  v.  Humboldt  .

1861  König  Wilhelms  I.  Krönung.
1862  Preußisch-französischer  Handelsvertrag.
24.  Sept.  v.  Bismarck  wird
Minister  (bis  1890).
Konvention  mit  Rußland.

Dänischer  Krieg.
18.  April  Erstürmung  von
Düppel.
—  29.  Juni  Eroberung  von  Alsen.
—  30.  Okt.  Friede  zu  Wien.

—

1863
1864•

128  Kenkchor  Grieon

 

1866  14  J  uNMi-1852

  Versteigerung  der  deutschen
Flotte.

1859  Schillerfest.
1860  Bunsen  und  Kirchhoff  entdecken
  die  Spektralanalyse.

1863  Franz  Josephs  Reformprojekt.
Fürstentag  in  Frankfurt  a.  M.

1865  Vertrag  zu  Gastein.

 

Auflösuna?

1852—1870  Napoleon  III.
Kaiser  der  Franzosen.

1855—1881  Alexander  II.
Kaiser  von  Rußland.

1856  Der  orientalische
Krieg  durch  den  Frieden
  von  Paris  beendet.


1859  Italienischer  Krieg.

—  Friede  zu  Villafranca.

1861—1878  Viktor  Emamuel
  König  von  Italien.


1861  Befreiung  der  Bauern  in  Rußland.


1861—  1865  Nordamerikanischer  Bürgerkrieg.


1861—1867  Französische  Expedition
nach  Mexiko.

1863  Tod  Friedrichs  VII.  von  Dänemark.


1864  (13.  Mai  bis  26.  Juni)  Londoner
  Friedenskonferenz.

1865  Aufhebung  der  eklaverei  in
den  Verein.  Staaten  von  Nordamerika.


—  Lincoln  Pf.
        <pb n="198" />
        .  V  LC0#1#G  .·.  n—.—  ——  —  N#  —

—  17.  Juni  Besetzung  Hannovers.  des  deuts  ch  en  Bundes.
—  18.  Dresdens.

—  19.  —  —  —  Kassels.

—  27.  —  Tresffen  bei  Langensalza.

—  —  —  —  —  Nachod.

—  28.  —  —  —  Münchengrätz.

—  —  —  —  —  Skalitz.

—  Kapitulation  bei  Langensalza.
—  DTreffen  bei  Gitschin.

—  3.  Juli  Schlacht  bei  König-—

  14.  —  —  —  Aschaffenburg.

—  25.  —  —  —  Tauberbischofsheim.
  ·

—  26.  Juli  Präliminarien  zu
Nikolsburg.

—  23.  Aug.  Friede  zu  Prag.  —
Einverleibung  von  Hannover,
Kurhessen,  Nassau,  Frankfurt
  a.  M.  und  Schleswig-Holstein
  in  den  preußischen
Staat.

1867  Einführung  der  Freizügigkeit  1867  Norddeutscher  Bund  187  r  kurger  Wrage.  zu
im  Norddeutschen  Bunde.  errichtet.  Paris.
—  Kaiser  Max  von  Mexiko  hin-,

  gerichtet.
1869  Einführung  der  Gewerbefrei—  1868  Vertreibung  der  Königin  Isaheit

  im  Norddeutschen  Bunde.  bella  von  Spanien.

 

 

 

195
        <pb n="199" />
        Preußen  und  Dentschland.  Gleichzeitiges  außerhalb  Deutschlands.

 

1870—71  Französischer  Krieg.
1870  13.  Juli  Benedetti  in  Ems.  6
—  19.  —  Frankreichs  Kriegserklärung.  1870  18.  Juli.  Das  Konzil  zu  Rom

erklärt  den  Papst  in  Sachen  des
—  4.  Aug.  Treffen  bei  Weißenburg.  Glaubens  und  der  Moral  für  un-—

  6.  Aug.  Schlachten  bei  Wörth  und  bei  Spichern.  fehlbar.
—  14.  Treffen  bei  Courcelles.

—  16.  —  Schlacht  bei  Vionpille.  .
—  18.  —  Schlacht  bei  Gravelotte  (St.  Privat).
—  30.  Treffen  bei  Beaumont.

—  31.  August  und  1.  Sept.  Treffen  bei  Neisseville.
—  I.  Sept.  Schlacht  bei  Sedan.

—  2.  —  Kapitulation  von  Sedan.  —  4.  Sept.  Frankreich  Republik.

19  Einschließung  von  Paris.  Muliener  ee  Rams  hurch  de
—  27.  —  Fall  Straßburgs.  Herrschaft  des  Papstes.

27.  Oktbr.  Kapitulation  von  Metz.

—  30.  —  Treffen  bei  le  Bourget.

196

—  27.  Nov.  Treffen  bei  Amiens.

—  28.  —  Schlacht  bei  Beaune  la  Rolande.
.  bis  3.  Dez.  Treffen  bei  Champigny.

 

—
1
1
        <pb n="200" />
        1870  6.  Dez.  Einnahme  von  Orleans.
—  8.  —  Treffen  bei  Nutts.

—  27.  —  Beginn  des  Bombardements  auf  Paris.

1871  3.  Jan.  Treffen  bei  Bapaume.

—  9.  —  Treffen  bei  Villersexel.

—  15.  bis  17.  Jan.  Schlacht  bei  Belfort  (Montbsliard).

—  18.  Jan.  Proklamation  Wilhelms  I.  von
Preußen  zum  deutschen  Kaiser.

—  19.  —  Schlacht  bei  St.  Quentin.

—  28.  —  Kapitulation  von  Paris.

—  1.  Febr.  Bourbakis  Heer  tritt  nach  der
Schweiz  über.

—  1.  März  Einzug  deutscher  Truppen  in  Paris.

—  2.  —  Annahmeder  Friedenspräliminarien

durch  die  französische  Nationalversammlung  in
Bordeaux.

—  21.  März  Erster  deutscher  Reichstag  zu
Berlin.

—  10.  Mai  Friede  zu  Frankfurt  a.  M.

1872  Vertreibung  der  Jesuiten  aus  Deutschland.
—  Dreikaiserbün  dnis.

1873  Mai  Kirchengesetze.

 

1871  18.  März  Aufstand  der  Pariser
„Kommune“.

—  8.  Sept.  des  Kaisers  von  Ssterreich
  Zusammenkunft  mit  dem
deutschen  Kaiser  zu  Salzburg.

1873  Mai:  Sturz  Thiers';  Mac  Mahon
wird  Präsident  der  französischen
Republik.

—  Industrie-Weltausstellung  zu  Wien.

197
        <pb n="201" />
        Preußen  und  Deutschland.

Gleichzeitiges  außerhalb  Deutschlands.

 

1874  13.  Juli  Mordversuch  auf  Bismarck.
1875  Neue  Kirchengesetze.
1876  Justizreform.

1878  Mordversuche  auf  Kaiser  Wilhelm  (11.  Mai,
2.  Juni).
—  13.  Juni  bis  13.  Juli  Berliner  Kongreß.
—  13.  Juli  Berliner  Friede.
—  21.  Okt.  Sozialistengesetz.
1879  Gewerbeausstellung  zu  Berlin.
—  Zollreform.
—  15.  Oktbr.  Bündnis  zwischen  Deutschland
und  Osterreich.
1880  Vollendung  des  Kölner  Domes.
1881  17.  Nov.  Erklärung  Kaiser  Wilhelms  betreffend
  soziale  Reformen.
1882  Anschluß  Hamburgs  an  den  Zollverein.
1883  Krankenversicherungs-Gesetz.
1884  Unfallversicherungs-Gesetz.
1884—86  Erwerbung  von  Kolonieen  in  Afrika
und  Australien.
1886  Abänderung  der  Kirchengesetze  von  1873,  1875.
1887  Bund  Deutschlands  und  ÖOsterreichs  mit  Italien.
—  Beginn  des  Nordostseekanal-Baues.
1888  Friedrich  III.  —  Wilhelm  II.

 

1877—1878  Russisch-türkischer
Krieg.

878  Humbert  I.  König  von  Ztalien.

—  Tod  Pius'’'  IX.  —  Leo  XIII.  wird
Papst.

—  Industrie-Weltausstellung  zu  Paris.

198

1881  13.  März.  Ermordung
Alexanders  II.  von  Nuße
land  durch  die  Nihilisten.  —
Alexander  III.  wird  Kaiser.
        <pb n="202" />
        1890  Kaiserin  Augusta  #6
—  Erwerbung  Helgolands.
1891  Moltke  1.

1895  Eröffnung  des  Kaiser  Wilhelm-Kanals.

1898  Erwerbung  von  Kiautschou.
—  Bismarck  f.

1900  1.  Jan.  Inkrafttreten  des  Bürgerl.  Gesetzbuches.
1900—01  Chinesische  Expedition.
1904—07  Südwestafrikanischer  Krieg.

1908  Reichssteuerreform.

1909  Erfindung  des  lenkbaren  Luftschiffes
durch  Graf  Zeppelin.

 

1889

1897
1898

Pariser  Weltausstellung.

Griechisch-türkischer  Krieg.
Spanisch-amerikanischer
Krieg.

1899—1902  Südafrikanischer  Krieg

1904
1905

Englands  gegen  die  Buren.
Russisch-japanischer  Krieg.

Aufhebung  der  Union  zwischen
Schweden  und  Norwegen.

1905—08  Revolution  in  Rußland.

1906

1908

1909  Vereinigung  von  Bosnien  und

Vertrag  von  Algeciras  wegen
Marokkos.
Ermordung  Karls  I.  von  Portugal.

Revolution  in  der  Türkei.

Unabhängigkeits-Erklärung  Bulgariens.


Herzegowina  mit  Osterreich-Ungarn.

199
        <pb n="203" />
        <pb n="204" />
        Die  Standbilder  der  LSieges-Allee  in  Berlin.

1134—1170  Markgraf  Albrecht  der  Bär  (Wigger,  Otto).

1170—1184
1183—1205
1205—1220
1220—1266
1266—1281
1266—1308
1308—1319
1319—1320

1324—1351
1351—1365

1365—1373

tto  I.  (Sibold,  Pribislaw).
Otto  II.  (Johann  zu  Putlitz,  Heinrich  von  Antwerpen).
Albrecht  II.  (Eike  von  Repkow,  Hermann  von  Salza).
Johann  I.  und  Otto  III.  (Simeon,  Marsilius).
Johann  II.  (Günther  I.  von  Lindow  und  Ruppin,
Conrad  Belitz).  .
Otto  IV.  mit  dem  Pfeil  (Droiseke  von  Kröcher,  Johann
von  Buch).
Waldemar  der  Große  (Siegfried  von  Feuchtwangen,
Heinrich  von  Meißen).
Heinrich  (Wartislaw  IV.  von  Pommern,  Wedigo  von
Plotho).
Ludwig  I.  (Johann  von  Buch,  Johann  II.  von  Nürnberg).
Ludwig  II.  der  Römer  (Hasso  von  Wedel,  Friedrich
von  Lochen).
Otto  der  Faule  (Thilo  von  Brügge,  Thilo  von  Wardenberg).


1373—1378  Kaiser  Karl  IV.  (Dietrich  Portitz,  Klaus  von  Bismarck).
1378—1415  König  Sigmund  (Lippold  von  Bredow,  Bernd  Ryke).
1415—1440  Kurfürst  Friedrich  I.  (Hans  von  Hohenlohe,  Wend  von  Ileburg).

1440—1470

1470—1486

1486—1499

1499—1535

*

Friedrich  II.  der  Eiserne  (Friedrich  Sesselmann,  Wilke
Blankefelde).

Albrecht  Achilles  (Werner  v.  d.  Schulenberg,  Ludwig
von  Eyh).

Johann  Cicero  (Eitelwolf  vom  Stein,  Busso  von
Alvensleben).

Joachim  1.  Nestor  (Albrecht  von  Magdeburg  u.  Mainz,
Dietrich  von  Bülow).  ·
        <pb n="205" />
        202

—  —

1535—1571  Kurfürst  Joachim  II.  Hector  (Georg  von  Ansbach,  Mathias  von

1571—1598

1598—1608

1608—1619

1619—1640

1640—1688

1688—1713

1713—1740

1740—1786

1786—1797

1797—1840

1840—1861

1861—1888  Kaiser

Jagow).

Johann  Georg  (Rochus  von  Lynar,  Lampert  Distelmeier).


Joachim  Friedrich  (Hieronymus  Schlick,  Johann  von
Löben).

Fohann  Sigismund  (Fabian  zu  Dohna,
v.  d.  Knesebeck).

Georg  Wilhelm  (Konrad  von  Burgsdorff,  Adam  von
Schwartzenberg).

Friedrich  Wilhelm  der  Große  (Georg  von  Derfflinger,
Otto  von  Schwerin).

Friedrich  I.  (Kurfürst  Friedrich  III.]  (Andreas  Schlüter,
Eberhard  von  Dankelman).

Friedrich  Wilhelm  I.  (Leopold  von  Anhalt-Dessau,
Rüdiger  von  Ilgen).

Friedrich  II.  der  Große  (Kurt  Chr.  von  Schwerin,
Joh.  Sebastian  Bach).

Friedrich  Wilhelm  II.  (Joh.  Heinr.  Kasimir  v.  Karmer,
Immanuel  Kant).

Friedrich  Wilhelm  III.  (Gebhard  Leberecht  von  Blücher,
Karl  Freiherr  vom  Stein).

Friedrich  Wilhelm  IV.  (Alexander  von  Humboldt,
Christian  Nauch).

Wilhelm  der  Große  (Oitto  von  Bismarck,  Helmuth  von
Moltke).

Thomas

iSN  VEMLI-ZOS  ERCSO  Släi  NS.,  BERLIN  WST.
        <pb n="206" />
        ITarkgraf  Hlbrecht  der  Bär  (1134  -1170).

 

Wigger,  Bischof  von  Brandenburg,  Otto  von  Bamberg,

wirkte  zur  Zeit  Albrechts  des  Bären.  Freund  Albrechts  des  Bären,
ist  der  „Apostel  der  Pommern“.
        <pb n="207" />
        IHarkgraf  Otto  I.  (1170—1184).

 

 

Abt  Sibold  von  liehnin,  Fürst  Dribisla#d,

leitete  das  von  Otto  I.  gegründete  ein  den  Askaniern  befreundeter  Wenden-Kloster
  Lehnin.  l  häuptling,  war  Pate  Ottos  I.
        <pb n="208" />
        ITlarkgrat  Ötto  II.  (1184—1205).

otcchn  2
*  W

GGAnCEISO

 

 

 

 

 

 

 

 

Johaoann  Sans  Ecler  zu  Dutlitz,  Peinrich  von  Hntwerpen,
ein  Vasall  Ottos  II.,  Prior  des  Domkapitels  von  Brandengründete

  das  Nonnenkloster  Marienfließ  burg  zur  Zeit  Ottos  II.,  gehört  zu  den
bei  Pritzwalk.  ältesten  märkischen  Geschichtsschreibern.
        <pb n="209" />
        Iarkgraf  Hlbrecht  II.  (1205—1220).

 

Eike  von  Repkow,  Hermann  von  Salza,

Zeitgenosse  Albrechts  II.,  verfaßte  das  Hochmeister  des  Deutschen  Ordens  zur
berühmte  norddeutsche  Rechtsbuch  den  Zeit  WMbrechts  II.,  begann  die  Unter-„Sachsenspiegel“.
  werfung  der  heidnischen  Preußen.
        <pb n="210" />
        Markgrafen  Johann  I.  und  Otto  III.  (1220-  1266).

2  *  r

 

Simeon,  Propft  von  Berlin,  HMilarlilius,  Schulfheiß  von  Berlin,

wirkte  zur  Zeit  der  erste  bekannte  Inhaber  dieser  Würde,
Johanns  Il.  und  Ottos  III.  lebte  unter  Johann  I.  und  Otto  III.
        <pb n="211" />
        Iarkgraf  Johann  II.  (1266—1281).

 

Graf  Süntlier  I.  von  Lindow  Konrad  Belitz,
und  Ruppin,  Rafsmann  von  Berlin,

war  ein  hervorragender  Vasall  lebte  zur  Zeit  Johanns  II.
Johanns  II.
        <pb n="212" />
        Iarkgraf  Otto  IV.  mit  dem  Pfeil  (1266—1308).

 

 

 

 

Droiseke  von  Kröcher,  Johann  von  Buch  der  Hltere,

stand  als  kluger  Ratgeber  und  tapferer  erlöste  Otto  IV.  aus  der  Gefangen-Krieger
  Otto  IV.  zur  Seite.  1  schaft  der  Magdeburger.
        <pb n="213" />
        ITlarkgrat  Valdemar  der  Große  (1308—1319).

 

Siegfried  von  Feuchtwangen,  1  Seinrich  von  leißen,
Hochmeister  des  Deutschen  Ordens  und  #  genannt  Frauenlob,
Zeitgenosse  Waldemars  des  Großen,  war  einer  der  berühmtesten  Dichter
machte  die  Marienburg  zum  Hauptsitz  zur  Zeit  Waldemars  des  Großen.

des  Ordens.
        <pb n="214" />
        INarkgrat  Seinrich  (1319—1320).

 

 

 

PHerzog  Wartislaso  IV.  Wedigo  von  Plotho,

von  Pommern,  Retter  Waldemars  des  Großen  in  der
ein  gefürchteter  Krieger,  wurde  zum  Schlacht  bei  Gransee,  lebte  zur  Zeit
Vormund  des  Markgrafen  Heinrich  des  Markgrafen  Heinrich.

bestellt.
        <pb n="215" />
        (Tlarkgraf  Luduwig  I.  (1324  -  1351).

 

 

 

 

—  —
Johann  von  Buch  der  Jüngere,  ZBurggraf  Johann  II.  von  Itürnberg,

war  ein  hervorragender  Rechtsgelehrter  ein  Hohenzoller,  verwaltete  die  Mark
unter  Ludwig  l.  als  Landeshauptmann  Ludwigs  I.
        <pb n="216" />
        Markgraf  Luduwig  II.  der  Römer  (1351-  1365).

 

Halso  der  Rote  von  Wedel,  friedrich  von  hochen,

unterstützte  Ludwig  II.  den  Römer  im  galt  als  einer  der  tapfersten  Helden
Kampfe  gegen  den  falschen  Waldemar.  Ludwigs  II.  des  Römers.
        <pb n="217" />
        I#Rkgraf  Ofto  der  Faule  (1365—1373).

 

Thilo  von  Brügge,  Thilo  von  Wardenberg,

Schultheiß  von  Berlin,  bekleidete  zu:  Ratsherr  von  Berlin,  verfocht  energisch
gleich  das  Amt  eines  Vogts  Ottos  die  Rechte  Ottos  des  Faulen  gegen  die
des  Faulen.  Luxemburger.
        <pb n="218" />
        Kailer  Karl  IV.  (1373—1378).

 

Dietrich  Dortitz,  Klaus  von  Bismarckh,

Erzbischof  von  Magdeburg,  zeichnete  Landhofmeister  der  Mark,  tat  sich  als
sich  als  kluger  Ratgeber  Karls  IV.  aus.  Gegner  Kaiser  Karls  IV.  hervor.
        <pb n="219" />
        König  Sigmund  (1378—1415).

—  4  2  ——  14.
"„  l.
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—  —  —   —

sl————..——-—-—-—----[I=  ..

 

Lippold  von  Bredo,  Bernd  Ruke,
kämpfte  als  Landeshauptmann  der  war  ein  Vertreter  des  alten  Berliner
Mittelmark  für  König  Sigmund  gegen  Patriziergeschlechts  der  Rykes  zur  Zeit
Magdeburg.  #  König  Sigmunds.
        <pb n="220" />
        Kurfürst  Friedrich  I.  (1415—1440).

—.  .  .  —  ----------SI«-s-
  F-—--A—.-..

 

Smköansoonöobenlohe,  Vend  von  Ileburg,

galt  als  einer  der  vornehmsten  Waffen=  unterstützte  Friedrich  l.  bei  der  Besitz-Henossen
  Friedrichs  I.  und  fiel  in  der  ergreifung  der  Mark  Brandenburg.
Schlacht  am  Kremmer  Damm  (1412).  I
        <pb n="221" />
        Kurfürit  Friedrich  II.  der  Siserne  (1440—1470).

—.

........————.

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friedfichsellelmamh  Vilke  Blankefelde,
Bischof  von  Lebus,  wird  genannt  als  Bürgermeister  von
bekleidete  das  Amt  eines  Kanzlers  Berlin  zur  Zeit  Friedrichs  II.
Friedrichs  II.  des  Eisernen.  des  Eisernen.
        <pb n="222" />
        Kurfürslt  Elbrecht  Hchilles  (1470  -  1486).

 

Werner  von  der  Schulenburg,  #  liudig  von  Syb,
leistete  Albrecht  Achilles  als  tapferer  war  ein  treuer  Feldhauptmann  des
Krieger  und  humorvoller  Unterhändler  Kurfürsten  Albrecht  Achilles  und
nützliche  Dienste.  märkischer  Geschichtsschreiber.
        <pb n="223" />
        Kurfürst  Johann  Eicero  (1486  —1499).

 

 

Eitelwolf  vom  Sstein,  6  Busso  von  Hloensleben,
ein  gelehrter  Ratgeber  Johann  Ciceros,  kurfürstlicher  Obermarschall,  diente
machte  sich  um  die  Gründung  der  Johann  Cicero  als  tüchtiger  Staats-Universität
  Frankfurt  a.  O.  verdient.  1  mann.
        <pb n="224" />
        Kurfürst  Joachim  I  IIestor  (1499  -1535).

 

Erzbilchot  Albrecht  von  Magdeburg  Dietrich  von  Büloi,

und  Mainz,  Bischof  von  Lebus,  Erzieher  Joachims  J.
der  Bruder  Joachims  I.  Nestor,  war  Nestor,  stand  diesem  auch  später  als
ein  Gönner  Peter  Vischers  und  ein  Ratgeber  zur  Seite.

Gegner  Luthers.
        <pb n="225" />
        Kurfürst  Joachim  II.  Hector  (1535  -  1571).

 

IIlarkgraf  Seorg  von  Ansbach,  Ilathias  von  Jagow,
ein  Verwandter  Joachims  II.  Hector,  letzter  Bischof  von  Brandenburg,  reichte
zeigte  sich  als  treuen  Bekenner  des  dem  Kurfürsten  Joachim  II.  Hector  den
Evangeliums.  Kelch  bei  dessen  Ubertritt  zur  lutherischen

Lehre.
        <pb n="226" />
        Kurfürft  Johann  Seorg  (1571—1598).

 

———

7

 

Rochus  Sraf  von  Lynar,  Lampert  Dütelmeier,
bedeutender  Baumeister  und  Artillerist,  der  berühmteste  märkische  Staatsmann
baute  für  Johann  Georg  die  Festungs-  und  Rechtsgelehrte  im  Zeitalter  der
werke  von  Spandau  und  Cüstrin  und  Reformation,  diente  Johann  Georg  als

einen  Teil  des  Berliner  Schlosses.  Kanzler.
        <pb n="227" />
        Kurfürft  Joachim  Friedrich  (1598—1608).

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——  *&amp;amp;K  .G.  —

 

 

Graf  Hieronymus  öchlich,  i  Johann  von  Uöben,
war  Oberkammerherr  Joachim  Friedrichs  bekleidete  unter  Joachim  Friedrich  das
und  sein  vertrautester  Freund.  „  Amt  des  Kanzlers.
        <pb n="228" />
        Kurfürst  Johann  Sigismund  (1608—1619).

 

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verteidigte  seinen  Herrn  gegen  die  An
griffe  der  Protestanten

Thomas  von  dem  Knelebeck

Landeshauptmann  Johann  Sigi

i

Johann  Sigismunds,

Preußens.

graf
iesem  bei  der  Erwerbung

Graf  Fabion  zu  Dohna,

berstburg
half  die

O
——
        <pb n="229" />
        Kurfürft  Seorg  Wilhelm  (1619—1640).

 

 

 

 

Konrad  von  Burgsdorff,  Graf  Adam  von  Schwartzenberg,
war  ein  kluger  brandenburgischer  Kriegs=  erster  Minister  Georg  Wilhelms,  trat
oberster  zur  Zeit  Georg  Wilhelms.  für  Anschluß  Brandenburgs  an  den

Kaiser  ein.
        <pb n="230" />
        Kurfürft  Friedrich  Wilhelm  der  Sroße  (1640—1688).

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Freihen  von  Schwerin,
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Otto
stand  dem  Gro
asident  des  Geheimen  Rats  und  ver
trautester  Freund  zur  Seite

präs

ühmte  Generalfeldmarschall

des  Großen  Kurfürsten.

Georg  Reichsfreiherr  von  Derfflinger,
der  ber

war
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        König  Friedrich  I.  (Kurfürft  Friedrich  III.]  (1688  —1713).

 

Hndreas  sSchlüter,
ein  berühmter  Bildhauer  und  Baumeister
  unter  Friedrich  I.,  schuf  das
Reiterdenkmal  des  Großen  Kurfürsten,
erbaute  die  Schlösser  von  Berlin  und
Charlottenburg  und  schmückte  das
Zeughaus.

 

Eberhard  Freiherr  von  DancRelman,

war  Erzieher  und  erster  Minister
Friedrichs  l.
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        König  Friedrich  Wilhelm  I.  (1713—1740)

 

 

 

 

fürft  Leopold  von  Hnhalt-Dellau,  Peinrich  Rüdiger  von  Ilgen,

Feldmarschall  Friedrich  Wilhelms  l.,  der  größte  Staatsmann  Preußens  zu

ist  bekannt  als  der  Lehrmeister  des  Anfang  des  18.  Jahrhunderts,  wirkte
preußischen  Heeres.  unter  Friedrich  Wilhelm  I.
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        König  Friedrich  II.  der  Srobe  (1740—1780).

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Graf  Eurt  Ehristoph  von  Schverin,  Jchann  Lebastian  Bach,
Generalfeldmarschall  Friedrichs  des  war  einer  der  bedeutendsten  Musiker

Großen,  siel  mit  der  Fahne  in  der  aller  Zeiten  und  wurde  darum  auch
Hand  in  der  Schlacht  bei  Prag  (1757).  von  Friedrich  dem  Großen  hochgeschätzt.
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        König  Friedrich  Wilhelm  II  (1786—1797).

 

Graf  Johann  Heinrich  Sasimir  Immanuel  Kant,
von  Carmer,  Zeitgenosse  Friedrich  Wilhelms  II.,
Großkanzler  der  Justiz  unter  Friedrich  gilt  als  der  größte  Philosoph  der
Wilhelm  II.,  ist  der  Verfasser  des  Neuzeit.

„Allgemeinen  preußischen  Landrechts“.
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        König  Friedrich  Wilhelm  III  (1797—1840).

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Sebhard  Leberecht  Fürlt  Blücher  Karl  Freiherr  vom  und  zum  Stein,
von  Wahlltatt,  der  bedeutendste  Minister  Friedrich
war  der  berühmteste  Heerführer  Wilhelms  III.,  legte  den  Grund  zur

Friedrich  Wilhelms  III.  im  Befreiungs=  Wiedergeburt  des  preußischen  Staates
kampfe.  nach  seinem  Zusammenbruche  1806.
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        König  Friedrich  Wilhelm  IV.  (1840  —1861).

 

Hlexander  von  Humboldt,  Ehristian  Rauck,

lebte  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  und  der  hervorragendste  deutsche  Bildhauer

ist  der  Altmeister  der  neueren  Natur=  zur  Zeit  Friedrich  Wilhelms  IV.,  schuf

forschung.  das  Reiterstandbild  Friedrichs  des

Großen  in  Berlin  und  die  Figur  der

Königin  Luise  im  Mausoleum  zu
Charlottenburg.
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        Kailer  Wilhelm  der  Sroße  (1861—  1888).

 

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Graf  bSelmuth  von  Hloltke,
der  größte  Feldherr  des  19.  Jahrhunderts,
  führte  das  preußische  Heer
in  den  siegreichen  Kriegen  Kaiser
Wilhelms  I.

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fürlt  Otto  von  Bismarc,
der  größte  Staatsmann  des  19.  Jahrhunderts,
  bewirkte  die  Einigung
Deutschlands  durch  Kaiser  Wilhelm  I.
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        Das  Haus  H5G

Friedrich  VI.,  Burggraf  von  Nürnberg,  J.
Friedrich  II.  1  171.  Ar
Johann  Cicero  f  1499.
Joachim  I.  Nestor  1  1535  (Gemahlin  Elisabeth  von  Schleswig-Holstein).  Albrecht,  Erwischof  von  Mainz  und  Magde

Joachim  II.  Hektor  1571.  Johann  von  Küstrin  1571.  Alk

 

 

I
Johann  Georg  1568.
Joachim  Friedrich  1608.  Christian  von  Bayreuth  (das  Haus  erlischt  1769).  Joachim  Ernst  von  Ansbach  (das  Haus

Johann  Sigismund  1619.  (Gem.  Anna  von  Preußen).  Johann  Georg  von  Jägerndorf.  Christian,  Administrator

l
Georg  Wilhelm  1  1640.

Friedrich  Wilhelm  der  Große  1688  (1.  Gem.  Luise  von  Oranien).  (2.
Karl  Emil  +F  1674.Friedrich  (III.)  I.  König  von  Preußen  1  1713  (Gem.  Charlotte  von  Hannover).  Ludwig  1  1687.
Friedrich  Wilhelm  I.  +  1740  (Gem.  Sophie  von  Hannover).

Wilhelmine  driedri  de  Große  August  Wilhelm  1758.  Heinrich  1802.

 

 

 

 

 

 

v.  Bayreuth  —
t17s8.  Friedrich  Wilhelm  II.  1797.  (Gem.  Friederike  von  Hefsen-Darmstadt).  "
Friedrich  Wilhelm  III.  1  1840  (Gem.  Luise  von  Mecklenburg-Strelitz).
Friedrich  Wilhelm  IV.  1S  (Gem.  Elisabeth  von  Bayern).  Wilhelm  I.  1  1888  (Gem.  Augusta  von  Weimar).
Friedrich  III.  1  1888  (Gem.  Victoria  von  England).  Luise  (Gem.  Friedrich  von  Baden).  Fri

Is  ·
Wilhelmll.(Gem.AugusteVictoriavonSchleswig-Hocstein);Charlotte.Heinrich.SigismundinVictorimWal

Wilhelm.  Eitel  Friedrich.  Adalbert.  August  Wilhelm.  Oskar.  Joachim.  Victoria=  Luise.
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        benzollern.

Kurfürst  von  Brandenburg,  1  1440.
erecht  AUchilles  K.  1486.
Friedrich  Markgraf  von  Ansbach.  Sigismund  von  Bayreuth.

 

 

 

burg.  —  Kasimir.  Georg  von  Jägerndorf.  Albrecht  I.  von  Preußen.
l  l  l
recht  Alcibiades  von  Bayreuth  (Kulmbach).  Georg  Friedrich  1#  1603.  Albrecht  II.  Friedrich  1618.
+  1557.  (Gem.  Marie  Eleonore  von  Kleve.)

—  ——  —  —  ——
Anna.
erlischt  1806).  nna.  Eleonore.

von  Magdeburg.

Gem.  Dorothea  von  Holstein).
—

lipp  von  Schwedt  (das  Haus  erlischt  1788).  Albrecht.  Karl.  Christian.
—  —
l

—  —

Friedrich  (1  1741  bei  Mollwit).  Wilhelm  (1  1744  vor  Prag).  Kark.

 

 

 

Ferdinand.

ouis  Ferdinand  (1  1806  bei  Saalfeld).  August.

 

 

 

 

Ludwig.  Heinrich.  Wilhelm.
—  —  —  ——
Karl.  Albrecht.  Fricdrich.  Adalbert.  Waldemar.
—  —  —  —  —  n
drich  Karl.  Albrecht.  Alexander.  Georg.

 

demar  .  Sophie.  Margarete.
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