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mehr  als  Du  je  auf  einem  Haufen  beisammen  ge—
sehen  hast.  Die  Posten  werden  von  6—8  Pferden
mühsam  geschleppt.  Ferner  habe  ich  bemerkt,  daß
es  sehr  leicht  ist,  Landrat  zu  sein;  ich  kam  vorgestern
  abend  an,  und  wenn  nicht  übermorgen  ein
Termin  wäre,  so  hätte  ich  gestern  sehr  gut  wieder
auf  acht  Tage  verreisen  können.“  Und  später:
„Nur  mit  Mühe  widerstehe  ich  der  Neigung,  einen
ganzen  Brief  mit  landwirtschaftlichen  Klagen  anzufüllem
  über  Nachtfröste,  krankes  Vieh,  schlechten
Raps  und  schlechte  Wege,  tote  Lämmer,  hungrige
Schafe,  Mangel  an  Stroh,  Futter,  Geld,  Kartoffeln
  und  Dünger  .  .  Als  ich  von  Angermünde
kam,  war  ich  durch  die  Fluten  der  Zampel  von
Kniephof  abgesperrt,  und  da  mir  niemand  Pferde
anvertrauen  wollte,  so  mußte  ich  die  Nacht  über  in
Naugard  bleiben  mit  vielen  Handlungs=  und  andern
  Reisenden,  die  ebenfalls  auf  das  Sinken  der
Gewässer  warteten.  Nachher  waren  die  Brücken  auf
der  Zampel  fortgerissen,  sodaß  Knobelsdorff  und
ich,  die  Regenten  zweier  großer  Kreise,  hier  auf
einem  kleinen  Fleck  von  Wasser  eingeschlossen  waren,
  und  ein  anarchisches  Interregnum  von  Schivelbein
  bis  Damm  herrscht  .  .  Morgen  erwarte  ich
Bernhard  zurück  und  bin  froh,  daß  ich  die  Landratgeschäfte
  los  werde,  die  im  Sommer  recht  angenehm,
  aber  bei  diesem  Wetter  und  Regen  sehr  unbehaglich
  sind.“

Unter  den  Familien  des  hinterpommerschen  Adels,
in  denen  er  verkehrte,  sollte  die  von  Thadden  in
Triglaff  (Kreis  Greifenberg)  von  besonderer  Bedeutung
  für  ihn  werden.  Der  „alte  Thadden“  gehörte
  in  den  Stürmen  der  Revolutionsjahre  zu  den
rücksichtslosesten.  Verfechtern  der  ungeschmälerten
Rechte  der  preußischen  Krone.  „Er  war  der  Treusten
der  Treuen  einer,“  sagt  seine  Enkelin,  Elisabeth
von  Oertzen-Dorow,  von  ihm,  „und  wenn  damals
beim  Kegelspiel  der  König  und  nur  ein  Kegel  stehen
  blieben,  pflegten  die  Kegeljungen  zu  rufen:
„Thadden-Triglaff!"  Er  war  der  Freund  und  das
Vorbild  der  jüngeren  Adligen  und  auch  „Bismarck,
der  früher  viel  in  Triglaff  ein=  und  ausging,  führt
den  großen  Wendepunkt  seines  Lebens:  Das  Erwachen
  des  lebendigen  Gottesglaubens,  ausdrücklich
auf  meinen  Großvater  zurück.“

In  Triglaff,  wo  u.  a.  auch  Ludwig  von  Gerlach
  und  Albrecht  von  Roon,  der  spätere  Kriegsminister,
  verkehrten  und  mit  Bismarck  zusammenkamen,
  sollte  dieser  auch  seine  Lebensgefährtin  kennen
  lernen,  Johanna  von  Puttkamer,  und  zwar  gelegentlich
  der  Hochzeit  seines  Freundes  Moritz  von
Blanckenburg  mit  Marie  von  Thadden,  wo  Bismarck
  Brautführer  und  zwar  der  seiner  späteren  Gemahlin
  war.

Als  Bismarcks  Vater  1845  gestorben  war,  übernahm
  Otto  die  Bewirtschaftung  Schönhausens  und
verpachtete  Kniephof.  Mit  tiefer  Wehmut  nimmt  er
Abschied  von  der  alten  Heimat,  der  Stätte  seiner
JIugendjahre.  Er  schüttet  seiner  Braut  das  Herz
darüber  aus:  „Die  Rieselwiesen  und  die  Stachel-Unser

  Pommerland

beeren  sind  hier  saftig  grün,  auch  Faulbaum  und
Flieder  haben  Blätter  wie  Dukaten  groß,
und  der  Erdboden  unter  den  Bäumen  und
Büschen  des  Dornbergs  (Park)  war  mit  blauen,
weißen  und  gelben  Blumen  dicht  bezogen,  in
meinen  vollständigen  Wappenfarben  wie  zum  Abschiedsgruß
  prangend.  Auf  der  ganzen  Gegend  von
Wiesengrün,  Wasser  und  entlaubten  Eichen  lag  eine
weiche,  traurige  Stimmung,  als  ich  nach  vielem
Geschäftsverdruß  gegen  Sonnenuntergang  meinen
Abschiedsbesuch  auf  den  Plätzen  machte,  die  mir
lieb,  und  auf  denen  ich  oft  träumerisch  und  schwermütig
  gewesen  war  Ich  ging  recht  niedergeschlagen
  nach  Hause,  jeder  Baum,  den  ich  gepflanzt,
  jede  Eiche,  unter  deren  rauschender  Krone
ich  im  Grase  gelegen,  schien  mir  vorzuwerfen,  dasß
ich  sie  in  fremde  Hände  gebe,  und  noch  deutlicher
taten  das  meine  sämtlichen  Tagelöhner,  die  ich  hier
persammelt  vor  meiner  Tür  fand,  um  mir  ihr  Leid
zu  klagen  über  die  jetzige  Not  und  ihre  Besorgnisse
  vor  der  Zukunft  unter  dem  Pächter.  Die  alten
  Grauköpfe  weinten  ihre  hellen  Tränen,  und
war  auch  nicht  weit  davon.“

In  Schönhausen  sollte  er  nicht  mehr  so  Wurzel
schlagen  wie  in  seiner  pommerschen  Heimat.  Dasselbe
  Jahr  (1847)  sollte  ihn  schon  mitten  in  den
volitischen  Stürmen  sehen,  die  ihn  hinauftragen
sollten  zu  den  schwindelnden  Höhen  des  Schmiedes
der  deutschem  Kaiserkrone,  des  Schiedsrichters  von
Europa  bis  zur  Ruhe  des  Alten  im  Sachsenwalde.


Aber  doch  hat  er  die  Stätten  von  „Wiesengrün,
Wasser  und  Eichen“  nicht  vergessen.  Ueber  zwanzig
Jahre  lang,  noch  als  Kanzler  des  Norddeutschen
Bundes,  bis  1867,  blieb  er  Landstand  des  Naugarder
  Kreises.  Erst  nach  dem  Ankauf  von  Varzin
überließ  er  Kniephof  seinem  Neffen  Philipp  von
Bismarck.  In  den  Tagen  der  endgültigen  Uiebergabe
  äußert  sich  nochmals  seine  Liebe  zur  pommerschen
  Scholle:  „Wenn  ich  dort  bin,  laufe  ich  immer
Gefahr,  festzuwachsen;  ich  finde  es  jetzt  wieder  reizend.
  JIch  habe  mir  dort  mit  den  Bäumen
mehr  zu  sagen  als  mit  den  Menschen.“  Und  als
die  städtischen  Behörden  von  Naugard  ihn  1892
zum  Ehrenbürger  ernannten,  erstattete  er  bei  der
Durchreise  der  Stadt,  die  ihm  am  Bahnhofe  einen
festlichen  Empfang  bereitet  hatte,  seinen  Dank?):
„  Als  alter  Mann  hat  man  die  Neigung,  die
Orte  wiederzusehen,  wo  man  die  ersten  Kindereindrücke
  erhalten;  und  bei  der  hiesigen  Gegend
kann  ich  auf  siebzigjährige  Erinnerung  zurückblicken.
  Viele  der  liebsten  Erinnerungen  knüpfen  sich
für  mich  an  diese  Orte,  seit  dem  Tage,  wo  ich  mit
meinen  Eltern  zum  ersten  Male  dort  durch  das
hübsche  Buchholz  fuhr  und  die  Stadt  vor  mir  liegen
  sah.  Jetzt  ist  es  eine  hohe  Freude  nach  der
Rundreise,  die  ich  fast  durch  ganz  Deutschland  geich



*)  Kreisblatt  für
6.  August  1892.

den  Kreis  Naugard  vom