8  Unser  Dommerland:

Durch  sie  erstand  ihm  nun  auch  in  Reinfeld  eine
zweite  pommersche  Heimat  und  zugleich  ein  treusorgendes
Elternhaus.  In  Altkolziglow,  dem  Reinfelder  Kirchdorf,
wurden  sie  am  28.  Juli  1847  getraut.  Wie  manche
Sommerwochen  hat  später  Johanna  mit  den  Kindern
hier  Ferien  gemacht  oder  in  Stolpmünde  gebadet.  Wie
oft  hat  auch  Bismarck  selbst  aus  der  Unruhe  des  Tagewerks
  sich  hierher  in  das  stille  Reinfeld  geflüchtet!
Wenn  er  von  Heimweh-Sehnsucht  geplagt  war  —  und
der  starke  Mann  hatte  sein  Lebenlang  immer  mit  Heimweh

  zu  kämpfen,  so  oft  seine  Familie  nicht  um  ihn

war  —,  dann  zogen  seine  Gedanken  ihn  meist  in  dies
hinterste  Stück  Hinterpommerns  hinüber.  Im  Sommer
1857,  als  er  noch  Bundestagsgesandter  in  Frankfurt  a.  M.
war,  warf  er  seiner  Frau  von  Memel  her  „liebende
Blicke  über  die  See  nach  Stolpmünde“  zu.  „Wenn
letzter  nicht  rund  wäre  und  meine  Augen  besser  und
das  Wetter  klarer,  so  könnte  ich  dich  vielleicht  in  dieser
Sonnenuntergangsstunde  auf  der  Stolpmünder  Mole  erblicken;
  Berge  sind  wenigstens  nicht  zwischen  uns,  denn
ich  glaube  kaum,  daß  die  Fichten  von  Weitenhagen  bei
der  Freih'  an  die  gerade  Linie  von  hier  nach  der  Molenspitze
  reichen.“  Und  im  Juni  1859,  als  er  ohne  die
Seinen  in  St.  Petersburg  trotz  der  „rastlosen  Unruhe
von  Geschäfts=  und  Hofleben“  krank  liegen  mußte:  „Man
wird  Gott,  den  Seinigen  und  sich  selbst  fremd  und  hat
keinen  Ton  mehr,  der  einem  selbst  gefallen  könnte  auf
der  verstimmten  Seelenklaviatur.  Diesem  Leben  fehlt,
was  ich  das  sonntägliche  Element  nennen  moöchte,  nicht
Franksurter  sondern  Kolziglower  Sonntag,  ein  Tropfen
Himmelsruhe  in  dieses  fieberheiße  Durcheinander,  etwas
Feiertag  in  diese  Werkstatt,  wo  Lüge  und  Leidenschaft
rastlos  auf  dem  Ambos  menschlichen  Unverstandes
hämmern.“

Mit  dem  Herbst  1862,  als  Bismarck  an  die  Spitze

des  preußischen  Ministeriums  berufen  ward,  begann
seine  große  Zeit,  die  Aufrichtung  des  neuen  Deutschlands
  unter  Führung  des  vergrößerten  Preußens  auf
den  Trümmern  des  zusammengebrochenen  Deutschen
Bundes.  In  diese  Zeit  fällt  seine  Erwerbung  der
Herrschaft  Varzin,  die  er  am  1.  Juni  1867  übernahm
und  damit  seine  endgültige  Einbürgerung  im  Pommernland.
  Heimatluft  war  es,  die  hierher  ihn  zog;  denn
Reinfeld,  das  er  nach  dem  Tode  seines  Schwiegervaters
gleichfalls  in  Besitz  nahm,  lag  nur  4  Meilen  entfernt
und  dazu  der  4000  Hektar  große  Wald,  der  seine  ganze
Liebe  in  Anspruch  nahm.  Hier  hat  er  oft  Monate  lang
der  Ruhe  gepflegt,  so  viel  die  Politik  die  Ruhe  ihm
ließ.  Hier  hat  er  auch  manche  für  die  Staatslenkung
wichtige  Maßnahme  durchdacht,  besprochen  und  in  die
Wege  geleitet.  Staatsmänner  wie  Kalnoky  und  Abgeordnete
  wie  Bennigsen  haben  hier  mit  ihm  verhandelt.
Hier  hat  er  endlich  auch  am  27.  November  1894  seiner
treuen  Johanna  die  Augen  zugedrückt  und  damit  das
Beste,  was  Pommern  überhaupt  ihm  gegeben,  verloren.
Bald  nachher,  noch  vor  dem  Weihnachtsfest,  verließ  er
Varzin  dann  für  immer  und  siedelte  über  nach  Friedrichsruh.
  Es  war  ein  Abschied  wie  von  der  eigenen  Vergangenheit,
  denn  auf  allen  Lebensstationen  hatte  ihn
Pommern  begleitet.

Jetzt  schläft  er  bald  siebenzehn  Jahre  dort  in  seiner
steinernen  Grabesgruft,  und  die  Kronen  des  Sachsenwaldes
  rauschen  über  ihm  das  Schlummerlied.  Aber
von  dort  bis  zu  uns  und  hinab  bis  zur  Königsau  und
hinauf  bis  zum  Wasgau  und  Bodensee  spannt  sich  der
blaue  deutsche  Himmel  über  ein  einiges  Volk  und  ein
einiges  Land,  und  von  allen  Grenzen  her  grüßen  sie
den  jetzt,  der  nach  Gottes  Willen  dazu  das  Größte
geschafft  hat.

Wir  Pommern  aber  nicht  zuletzt,  denn  er  war  unser.

Weihnachten  im  Felde.

Nie  werde  ich  es  vergessen,  das  sagt  wohl  ein
jeder,  der  eine  Weihnachtsfeier  im  Felde  miterlebt
hat.  Es  war  uns  zwar  nicht  vergönnt,  wie  sonst,
am  heiligen  Abend  zu  feiern,  denn  da  war  erhöhte
Alarmbereitschaft  befohlen.  Infolgedessen  wurden
die  Batterien  einzeln  zur  Feier  zurückgezogen,  d.  h.
nur  die  Mannschaften,  die  Geschütze  blieben  in
Feuerstellung  und  wurden  in  der  Nacht  von  den
Kanonieren  anderer  Batterien  mit  bedient.  Meine
Batterie  war  am  26.  dran,  und  geheimmisvoll  hatte
schon  am  Tage  der  Wachtmeister  die  Vorbereitungen
  getroffen.  In  dem  Dorfe  P.,  in  welchem  die
Pferde  in  armseligen  kleinen  Bauerscheunen  untergebracht
  waren,  war  eine  solche  ausgeräumt,  die

Pferde  wurden  indes  draußen  angebunden.  Da  es
eine  schöne  warme  Nacht  war,  war  es  keine  große
Härte.  Um  5  Uhr  war  alles  versammelt,  und  überrascht
  betrat  ich  den  veränderten  Raum.  Auf  der
Scheundiele  zwei  lange  Tische  aus  irgendwelchen  Brettern
  mit  Gaben,  auf  einer  Kiste  ein  Weihnachtsbaum
  mit  brennenden  Lichtern,  in  den  Tennen  enggedrängt
  die  Mannschaften  mit  feierlichen  Gesichtern,
dazwischen  auf  Stroh  ein  Blüthner  Flügel.
„Woher  ist  denn  der?“  —  „Besorgt,“  war  die  lächelnde
Antwort.  Schon  pustete  draußen  ein  Auto,  und  ich
eilte  heraus,  um  den  Divisionspfarrer  zu  empfangen,
  um  dessen  Erscheinen  ich  gebeten.  Auch  er
staunte  über  unsern  festlichen  Raum,  wenn  auch  das