Festgewand  der  Leute  nicht  ganz  dem  Glanze  des
Christbaums  entsprach.

Mein  Bursche,  in  Civil  Musiker  am  Stadttheater
in  H.,  fing  zu  spielen  an,  und  noch  nie  habe  ich
so  inbrünstig  das  „O  du  fröhliche,  o  du  selige“
von  rauhen  Männerstimmen  singen  hören.  Der  Di—
visionspfarrer  ging  in  seiner  Predigt  davon  aus,

daß  der  ein  wahrer  Christ  sei,  der  „sein  Leben
lässet  für  seine  Freunde“,  wie  es  Christus  getan

babe,  und  wir  es  jetzt  im  Kampfe  fürs  Vaterland
tun  Eine  eigenartige  Begleitung  gab  das  Donnern
  der  Kanonen,  das  jeden  an  den  Ernst  der  Zeit
erinmerte.  Ergriffen  folgte  alles  der  schlichten  Predigt,
  die  mit  einem  Gebet  für  unsere  Krieger  und
unsere  Lieben  daheim  schloß.  Nach  „Stille  Nacht,
beilige  Nacht“  hatte  ich  die  große  Freude,  drei  Angehörigen
  der  Batterie  das  eiserne  Kreuz  überreichen
zu  können,  meinem  Trompeter,  dem  letzten,  der  mir
von  dreien  geblieben,  einem  Unteroffizier  und  einem
Kanonier.  Diese  Freude  unter  dem  Weihnachtsbaum,
die  die  schmerzliche  Sehnsucht  nach  den  Lieben  daheim,
  die  immer  wieder  durchbrechen  wollte,  doch

übertönte.  Dann  konnte  ich  acht  Beförderungen  verkünden,
  sieben  zu  Gefreiten  und  einer  zum  Unteroffizier.


Sodann  gings  an  das  Verlosen  der  Gaben,  die
in  kleine  Paketchen  gebunden  waren.  Liebesgaben,
alles  Liebesgaben,  wenn  auch  nicht  aus  unserer
Heimat,  aus  Hannover  waren  sie  zu  uns  verschla—
gen.  Aber  wie  unermeßlich  groß  mußten  die  Spen—
den  sein,  wenn  jeder  Soldat  im  Heere  solch  Päckchen
  erhielt.  Leider  waren  die  Weihnachtspakete
unserer  Lieben  nicht  angekommen,  aber  —  an  Entbehrungen
  jeder  Art  ist  man  im  Felde  gewöhnt.
Munitionstransport  geht  vor,  damit  ist  die  Sache
erledigt.

Für  die  Offiziere  war  auf  einer  Kiste  besonders
aufgebaut,  und  auch  ich  fand  mein  Päckchen.  Voll
Rührung  öffnete  ich  es,  und  staunte,  was  mir  der
Wachtmeister  alles  eingepackt  hatte.  Ein  Tabaksbfeischen
  —  meine  war  entzwei,  das  wußte  er,
Briefbogen  —  um  welche  ich  ihn  immer  anschnurrte,
und  Kuchen.  Diese  meine  Vorliebe  kannte  er.

Jeder  von  den  Mamschaften  erhielt  7  Zigarren,
ein  paar  Zigarelten,  ein  Päckchen  Tabak,  eine  warme
Unterjacke  oder  Hose  und  noch  irgend  eine  Kleinigkeit.
  So  reichlich  waren  wir  bedacht.  Ein  in  geliehener
  Feldküche  gebrauter  Punsch  stärkte  den  Ma—
gen,  der  Staat  hatte  jeder  Batterie  40  Liter  Not—

Unser  Dommerland  9

wein  geliefert.  Wie  innig  und  kameradschaftlich  das
Verhältnis  zwischen  den  Mannschaften  war,  ist  mir
so  recht  voll  innerer  Herzensfreude  an  dem  Abend
klar  geworden.  Und  nicht  nur  zwischen  den  Mannschaften,
  sondern  auch  zwischen  Mannschaften  und
Offizieren.  Man  wollte  mich  garnicht  loslassen  den
Abend,  dann  wollten  noch  viere  ein  Lied  singen,
einer  ein  Solo,  usw.  und  zum  Schluß  möchte  ich
noch  ein  Gedicht  folgen  lassen,  mit  dem  unser
„Batteriedichter“",  in  Civil  Drechsler,  uus  an  dem
Abend  überraschte:

Das  Weihnachtsfest,  es  brach  heran
Im  Feld  auch  für  den  Kriegersmann.
Auch  er  vergißt  da  alle  Schmerzen,
Denkt  an  Daheim  mit  frohem  Herzen,
Zum  Himmel  wendet  er  den  Blick;
Denkt  an  sein  braves  Weib  zurück.
Denkt  an  die  liebe  Kinderschar

Mit  Augen  hell  und  sonnenklar,

Wie  sie  den  Weihnachtsbaum  umstehn
Und  für  des  Vaters  Rückkehr  flehn.

Da  dringts  in  ihn,  aus  Himmelshöhn:
O,  Weihnachtszeit,  wie  bist  du  schön.
So  mancher  Jüngling  zog  hinaus
Ins  Feld  vom  lieben  Elternhaus.
Er  denkt  der  lieben  Eltern  heut

Voll  Kindeslieb  und  stolzer  Freud.
Bin  ich  auch  heut  der  Heimat  fern,
Ich  tu's  für's  Vaterland  so  gern.
Und  zieh  ich  wieder  bei  Euch  ein,
Dann  muß  auch  wieder  Friede  sein.
Auch  an  sein  Lieb  denkt  er  zurück
Zur  Weihnachtszeit  voll  Liebesglück,
Er  blickt  hinauf  zu  Himmelshöhn:
O,  Weihnachtszeit,  wie  bist  du  schön.

Ihr  Kameraden,  alt  und  jung,

Cuch  bleibt  in  der  Erinnerung,

Daß  Ihr  die  stille  Weihenacht

Heut  feiert  nach  der  blutgen  Schlacht.
Wenn  wir  auch  heut  im  Felde  stehn,
Und  sehnsuchtsvoll  zurücke  seh'’n,

Jetzt  heißt's:  Erfülle  deine  Pflicht,
Drum,  Kameraden,  wanket  nicht;

Ihr  denkt  zurück  an  diese  Zeit

Im  Frieden  oft  mit  Freudigkeit.

Wo  Ihr  auch  wohnt,  im  Tal,  auf  Höhn,
Die  Weihnachtszeit  im  Feld  war  schön.

–—  —  ——.—.——.g—