Paul  Kichter.

Eine  Würdigung  des  Dichters  von  Oberlehrer  Wendt,  Pölitz

Persönliches  Leben  zu  wecken,  der  Menschheit
einen  Wahrheits=  und  Schönheitsdienst  zu  leisten,
das  ist  die  Aufgabe  derer,  die  durch  hervorragende
Geistesgaben  und  künstlerische  Veranlagung  dazu  berufen
  sind.  Je  nachdem  die  Zeilverhältnisse  politische
  und  soziale,  wirtschaftliche  oder  ethische  Güter
erstrebenswert  erscheinen  lassen,  wird  auch  die  Beurteilung
  der  kulturfördernden  Gedanken  sich  vollziehen.
  Und  doch  bleiben  die  letzteren  gerade  dann
die  Hauptsache,  wenn  sie  von  großen  Männern  ausgehen,
  die  ihre  Mitwelt  für  ihren  Ideenreichtum  zu
begeistern  vermögen.  Lernen  wir  ja  an  dem  Persönlichkeitsleben
  der  Geisteshelden  zugleich  unsere
eigene  Seele  und  die  anderer  kennen,  welche  gleich
uns  zur  Mitarbeit  an  der  Förderung  hoher  Ideale
verpflichtet  sind.  Paul  Richter,  der  bekannte  Poet
in  Stettin,  ist  solch  ein  Stimmungsträger  und  Idealist,
  der,  um  mit  Schiller  zu  reden,  seine  Anhänger
zu  führen  weiß  „durch  das  Morgentor  des  Schönen
auch  in  der  Erkenntnis  Land.“  Was  er  empfunden
und  sich  durch  heiße  Lebenskämpfe  und  fortschreitende
  innere  Entwicklung  erarbeitete,  hat  er  niedergelegt
  in  dem  Werke  „Meine  Wege“  (Verlag  Teetzmann
  und  Randel,  Stettin  1913).  die  früher  bekannt
  gegebenen  poetischen  Schöpfungen  in  demselben
  Verlage  „Von  der  Insel  deiner  Seele“  und
„Mason  der  Weise“  haben  in  dem  obigen  Werke  eine
beachtenswerte  Ergänzung  gefunden.  Wie  wundersam
  mutet  uns  schon  das  Titelblatt  an:  Allerlei
Rosenblüten,  die  mit  Dornen  verbunden  sind,  umrahmen
  die  Ausschrift.

Die  sinnige  Vereinigung  von  Rosen  und  Dornen
  berechtigt  zu  dem  Schluß,  daß  auch  der  Lebensernst
  dem  Poeten  nicht  erspart  geblieben  ist.  Freud
und  Leid,  sie  finden  als  persönliches  Erlebnis  hier
ihre  dichterische  Form  und  den  lyrischen  Ausdruck.
Der  Gedankengehalt  wird  daurch  in  eine  seelenvolle
Stimmung  getaucht,  die  unmittelbar  eine  ästhetische
Formgebung  voraussetzt.

Folgen  wir  zur  Würdigung  des  Dichters  dem
Gesamtaufbau  seiner  Lyrik,  die  in  die  Abschnitte

zerfällt:  Kindheit,  Liebeszeit,  Im  kleinen  Kreise,
Hinauf!  Leben,  Frieden,  so  tritt  uns  darin  der

Niederschlag  eines  hochstrebenden  Genius  entgegen.
In  der  Szenerie,  Handlung  und  den  Charakterschilderungen
  sowie  Lebensschicksalen  begegnen  uns

Bilder,  deren  Farbenfrische  und  Manmigfaltigkeil
ihren  Eindruck  nicht  verfehlen.  Unbewußt  eilen
wir  oft  an  vielen  glücklichen  Marksteinen  des  Lebens
vorüber,  die  mehr  oder  minder  einen  Teil  unseres
Daseins  ausmachen,  bis  sie  von  anderen  ans  Licht
gezogen  und  zum  Bewußtsein  gebracht,  die  wechselnden
  Wellen  und  Strömungen  des  Seelenlebens

rosig  verklären.  Allein  durch  die  Kenntnis  des
Seelenlebens  der  Minnenschen  vertieft  sich  nicht
minder  das  eigene.  Die  Erfahrungen  geistesverwandter

  Naturen  müssen  sich  in  Selbsterlebnisse  umgestalten,
  un  Herz,  Geist  und  Willen  zu  erheben.
Gewiß  gibt  es  keinen  herrlicheren  Genuß  als  sich
in  die  Gedankenwelt  der  Geisteshelden  zu  versenken,
damit  durch  sie  der  Reichtum  unseres  Innenlebens
beglückt  wird.  Mit  Recht  singt  darum  Richter  in
dem  Liede:

„Mein  Herz.“

Mein  Herz  gleicht  einer  Wiese,

drauf  manche  Blume  steht  —  —  —
So  manch  Gedanke  schauend

und  sinnend  darüber  geht  —  —  —

Die  Blumen  leben  der  Sonne,
Und  alles  duftet  und  glüht.

Wie  viele  doch  brach  der  Sturmwind?
Wie  viele  sind  verblüht?

Immer  kleiner  und  enger

schrumpft  das  blühende  Band  —
weiter  stetig  und  breiter

schleicht  das  tote  Land.

Aber  je  schmaler  das  Blühen,
desto  voller  der  Glanz.

Reiner  wird  stets  der  Blüten,
schwerer  der  Früchte  Kranz.

Mein  Herz  gleicht  einer  Wiese,

drauf  Blum'  um  Blume  vergeht  —  —
Ich  harre  geduldig,  bis  endlich

die  letzte,  die  eine  noch  steht.

Bis  alle  meine  Gedanken
um  diese,  die  hehrste,  sich  müh'n,
und  tausend,  vieltausend  Gärten
aus  ihren  Früchten  erblüh'fn.