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zeugen,  sondern  auch  den  Leser  fortreißen,  damit
er  tatkräftig  zur  Abhülfe  irdischer  Not  und  sozialen
Wehs  und  Beseitigung  jeglicher  Disharmonie  bereit

ist.  Meisterhaft  tritt  diese  Kunst  zu  tage  in  dem
Gedicht:
Topfflicker.
Topfflickermann  —  —  —  Todpfflickerfrau,

in  Lumpen,  zermürbt,  zerrissen  —
von  Staub  und  Rauch  und  Regen  grau,
verhetzt,  vergrämt,  verbissen.

Topfflickermann  —  —  —  Todpfflickerfrau,
müh'n  sich,  aus  zackigen  Stücken

den  Topf,  wie  sie  so  morsch  und  rauh,
wieder  heil  zu  flicken.

Topfflickermann  —  —  —  Topfflickerfrau,
Was  alles  die  Menschen  verderben  —I

Wenn  ich  auf  die  beiden  schau'  —
brennen  mich  ihre  Scherben.

Sie  wollen  auf  die  Verantwortlichkeit  hinweisen,
  die  die  brüderliche  Not  dem  einzelnen  auferlegt.
  Da  im  Seelenleben  sich  alles  in  lebendigem
Flusse  befindet  und  unablässtg  ein  Auf=  und  Abwogen
  offenbart,  kommt  es  darauf  an,  jeden  für
derartige  Probleme  der  Humanität  aufnahmefähig
zu  machen  und  die  Tragik  des  Lebens  zum  Bewußtsein
  zu  bringen.  Wer  das  Menschenleid  gewissermaßen
  plastisch  vor  sich  sieht,  fühlt  innerlich
etwas  von  den  brennenden  Scherben  und  wird  impulsiv
  zum  Handeln  ergriffen.  Mögen  wir  uns  ferner
  versenken  in  das  Stück  Leben,  wie  es  in  den
Gedichten  „der  Leiermann,  „der  Flieger“  u.  a.  sich
darstellt,  so  tritt  uns  einerseits  der  Dichter  als
Idealist  andererseits  als  ein  geistvoller  Denker  entgegen,
  der  die  Rätsel  des  Lebens  zu  beleuchten  und
zu  entschleiern  sucht.

Mit  Rücksicht  auf  die  obigen  Ausführungen  nach
der  sozialen  Seite  ist  unser  Urteil  über  Richters
Lyrik  gerechtfertigt,  wenn  wir  ihre  Bedeutung  zum
Teil  dahin  zusammenfassen:  Der  edeldenkenden
Menschheit  ist  durch  die  Anthologie  insofern  ein
Dienst  geleistet,  als  sie  zu  ernstem  Schaffen  und
zum  Ringen  nach  hohen  Idealen  auffordert.

Außer  der  Stimmungs=  und  Handlungslyrik  finden
  wir  bei  unserm  Dichter  kostbare  Perlen  der  Gelegenheitsdichtung
  —  im  Goetheschen  Sinne,  die  an
wichtige  Lebens=  und  Familienereignisse  (vgl.  „Liebeszeit"
  und  „im  kleinen  Kreise"“)  anknüpft.  Sie
entschleiert  die  Zusammenhänge  einer  sittlichen
Weltordnung  im  persönlichen  Leben  und  gewinnt
die  Erkenntnis  für  das  Verständnis  der  göttlichen
Führungen.  Die  Gelegenheitsdichtung  leitet  ferner
auch  dazu  an,  durch  die  Beurteilung  des  eigenen
Ichs  das  Labyrinth  der  Menschenbrust  überhaupt
kennen  zu  lernen  um  einen  jeden  im  Verkehr  mit
anderen  besser  verstehen  zu  können.

Da  solche  seelischen  Vorgänge  einem
umgrenzten  Lebensabschnitt  angehören,

bestimmt
so  werden

Unser  Dommerland.

sie  vornehmlich  bei  denjenigen  ähnliche  Empfindungen
  erzeugen,  die  sich  in  gleichen  Lagen  befinden
oder  im  reiferen  Alter  noch  einmal  voll  Dankbarkeit
  auf  das  erfahrene  Glück  zurückblicken.  Gerne
begleiten  wir  daher  den  Dichter  auf  die  Höhen,  auf
welche  ihn  die  Liebesfreude  führte,  erraten  zart  den
Sinn  der  Bilder  im  „Schwanenteich"  und  im
„Aethermeer",  um  mit  ihm  Zeuge  der  Weihestunde
zu  werden,  von  der  er  im  lhrischen  Kunstwerk  „Im
Dom“"  zu  singen  weiß.  Es  lautet:

Hell  klingen  Kinderstimmen
vom  hohen  Kirchenchor,

auf  Weihrauchwolken  schwimmen
schweigende  Wünsche  empor,

schräg  durch  vielfarbige  Scheiben
streift  buntes  Sonnenlicht,

und  lärmendes  Straßentreiben
verhallend  sich  draußen  bricht.

Wir  fügen  die  heißen  Hände
zitternd  in  einand:

Daß  doch  das  Leben  jetzt  ende,
nun  es  sein  Leben  fand!

Wenn  es  doch  selig  zerginge,
eh'  es  der  Alltag  zerbricht!
Steig',  Seele,  verlodre,  verklinge
mit  Wolke  und  Ton  und  Licht!

Was  der  Dichter  damals  persönlich  erhoffte,  hat
sich  herrlich  erfüllt.  Die  Seelenharmonie  ist  für
beide  zu  einem  Jungbrunnen,  zur  Kraftquelle  eines
gegenseitigen,  tatenfrohen  Schaffens  geworden,  das
den  Egoismus  ausschließt  und  nur  die  eine  Sehnsucht
  kennt,  wie  hier  so  auch  droben  einst  vereinig!t
zu  werden.  Das  bezeugt  das  Gedicht:

„Trost.“
O  sag'  mir  nichts  von  Scheiden  —
und  klag'  mir  nichts  von  Tod!  —  —
Wir  bleiben  eins  —  wir  beiden  —
auch  durch  die  letzte  Not.

Wir  trugen  ja  im  Leben
einträchtig  Lob  und  Spott.

Drum  wird  empor  uns  heben
vereint  der  eine  Gott.

Wird  schmelzen  die  Seelen  beide

zu  eines  Sternes  Schein  —  —
Der  soll  erstorbnem  Leide

lebendiges  Danklied  sein.

In  dem  Abschnitt  „Hinauf“  läßt  uns  Richter
einen  Blick  tun  in  sein  von  hohem  Pflichtendrang
erfülltes  Leben,  das  darin  gipfelt,  durch  ernste  Arbeit
  an  sich  zu  einer  wahren  Persönlichkeit  heranzureifen
  und  andere  mit  ihm  auf  jene  Sonnenhöhen
fortzureißen  und  mit  Eoigkeitssinn,  Abgeklärtheit
und  sittlichem  Gleichmaß  auszurüsten.  Jedoch  da,
wo  der  Mensch  entgeistet,  entseelt  und  frei  von
Idealen  geblieben  ist,  wo  die  Nacht  ohne  den  funkelnden
  Silberglanz  der  Sterne,  in  denen  ein  höhe-