—

res  Leben  aufstrahlt,  sich  tief  über  jemand  lagert,
wird  freilich  die  Richtersche  Poesie  mit  ihrer  Idealwelt,
  fruchtlos  sich  erweisen,  während  der  Vorwärtsstrebende
  fest  das  Steuer  in  der  Hand  behält,  und
mit  einstimmt,  wenn  er  dieser  Lebensauffassung  in
dem  Gedicht  „Höhenfahrt“  mit  folgenden  Worten
Ausdruck  verleiht:

Nun  fort,  ihr  harten  niedren  Händel!
Laßt  los  die  Seile,  daß  die  lebenspralle  Hülle
steigt,
und  meine  Gondel,  glanzumreigt,
hinauf  sich  hebt  ins  Luftgelände!

Da  schweb'  ich  —  —!  Erdlich  bin  ich  frei!

Am  Staube  mag  das  Gieren  und  das  Giften  und

das  Schleichen  kleben!

Ich  sieige  —  —!  —  Häuser  schrumpfen  —  Farben
  in  einander  weben  —  —
Wie  leer  ist  doch  des  Alltags  Einerlei!

Ich  steige  —  —  —  schwebe  —  —  —  steige  —  —
Hindurchgewiegt  durch  kühlende  Nebelschnellen,
gleite  ich  sanft  auf  Sonnenmeeres  Wolkenwellen

und  atme  —  —  —  schaue  —  —  —  schweige  —  —

Nur  meines  Lebens  Glücksgestalten
sind  mit  mir.  Meine  Sonnensehnsucht  führt
Steuer,
den  Hüllenkörper  hebt  der  Liebe  Loderfeuer,
den  Hauch  beseelt  des  Freundes  Walten.

Der  letzte  Abschnitt  der  vorliegenden  Sammlung
„Meine  Wege“  ist  für  die  Würdigung  Richters  als

das

einer  hervorragenden  dichterischen  Persönlichkeit
nmicht  minder  zu  übergehen.  Die  Signatur  „Frieden“

  deutet  bereits  den  Grundton  der  Gedichte  an.
Gleich  der  Abendkühle  und  dem  Abendfrieden,  die
den  heißen  arbeitsreichen  Tag  beschließen,  so  weht
auch  durch  diese  Poesie  eine  Friedensstimmung,  welche
  die  kontrastierenden  Tatbestände  des  Lebens,
  wie  Tod  und  Unvergänglichkeit  lieblich  erklürt
  und  zum  versöhnlichen  Ausklang  bringt.  Zum
Beleg  dafür  diene  die  dritte  „Strophe  des  Gedichts:


„Müde.“
Wenn  du  müde  bist,  o  Greis,
von  Kindesspiel  und  Mannespreis,
wenn  dir  dunkle  Rätselwelt
Frage  nur  an  Frage  stellt.—
dann,  du  müder,  kommt  die  Zeit  —  —  —
Enge  Räume  werden  weit  —
Was  kerkergezügelt,
wird  azurgeflügelt  —

O  Licht!  —  —  O  seliger  Sternensang!
Leben,  wie  kurz!  —  —  O  Traum,  wie  lang!  —  —
Verklärte  Augen  —  —  Wangen  —  weiß  —  —  —

Du  glücklicher  Greis!

Aber  der  Dichter  selbst  ist  nicht  müde  geworden,
neue  Rosensträuße  zu  winden  und  uns  mit  deren
Farbenpracht  zu  erfreuen,  wenngleich  es  auf  Grund
des  erwähnten  Schlußgedichtes  den  Anschein  ge-Unser

  Dommerland

—  2s

wimt,  als  ob  der  Dyriker  seine  Leier  aus  der
Hand  legen  möchte.  Leben  heißt  unablässig  wirken
und  deshalb  hat  Richter  im  stillen  weiter  gearbeitet
und  einen  2.  Band  seiner  Dyrik  vorbereitet,  der  in
demselben  Verlage,  wie  der  erstere,  erschienen  ist.
Eine  bunte  Fülle  inneren  Schauens  und  Empfindens,
  eine  Vertiefung  des  Poetischen  und  Verfeinerung
  des  Formellen  tritt  hier  im  Vergleich  zu  den
früheren  Leistungen  zu  Tage.  Ja,  die  Behauptung
ist  keine  Uebertreibung:  die  künstlerische  Gestaltungskraft
  feiert  in  der  neuen  Sammlung  ihre  höchsten
Triumphe.  „Stille  Wasser“  betitelt  sie  Richter  und
veranlaßt  dadurch  den  Leser,  bestimmte  Vorstellungen
  damit  zu  verknüpfen,  welche  mittels  des  bekannten
  Sprüchwortes  gegeben  sind.  Klingt  da
nicht,  entgegnet  wohl  jemand,  eine  Kühnheit  heraus,
  das  poetische  Talent  nicht  zu  gering  anzuschlagen,
  ein  Wagnis,  welches  zur  schärfsten  Kritit
herausfordert?  Indes,  der  Dichter  braucht  sich  davor
  nicht  zu  fürchten,  denn  er  besteht  die  Feuerprobe.
  Es  lag  vielleicht  in  seiner  Absicht,  die  Literaturfreunde
  anzureizen,  das  näher  zu  prüfen,  was
in  einsamen  Stunden  seine  Seele  daheim  oder  in
der  Ferne  erlebte  und  erfuhr.  Hat  das  Buch
„Meine  Wege“  sogleich  bei  dem  Erscheinen  einen
umfassenden  Kreis  von  Anhängern  gewonnen,  so
wird  gewiß  das  Lob  über  dieses  Werk  bei  denjenigen
  größer  sein,  die  sich,  mit  dem  Denken,  Fühlen
und  Wollen  des  Dichters  eins  wissen.  Insofern  gebührt
  dieser  Lyrik  ein  Vorzug  vor  der  früheren,
als  ein  stärkerer  Gesamteindruck  einer  in  sich  abgeschlossenen
  Künstlernatur  aufs  klarste  hervortritt,
und  das  gedankengefühlslyrische  Moment  vollendet
ausgereift  ist.

Als  Motto  schickt  Richter  ein  Gedicht  vorauf,
das  in  einem  Naturbild  gleichnisartig  den  reichen
Wechsel  des  Innenlebens  mit  den  stimmungsvollsten
  Empfindungstönen  erschließt.  Es  lautet:

Stille  Wasser.

Ein  dunkler  Spiegel,  umhütet  von  lichtem  Grün  —
darüber  schwermütige  weiße  Blumen  blühn  —  —
Rings  keines  Windes  Hauch  —  —  —

Da  klingt  es  durch  den  herbstlichen  Tag  —
und  näher  dringt  es  wie  Rauschen  und  Flügelschlag:

Eine  leuchtende  Wolke  von  silbernen  Vogelschwingen!
Die  Hälse  gereckt;  in  die  Ferne  die  Seelen  dringen
  —
in  die  Ferne  zum  sprossenden  Licht.

Nun  streicht  der  Wolke  Widerschein,

über  den  Spiegel  —  —  Welch  schluchzende  Pein?!

Der  zuckt  und  zittert  und  rauht  und  wellt;

aus  heimlichen  Tiefen  ein  Stöhnen  gellt.

Zerrissen  schwankt  der  Wolke  helles  Geflimmer

und  ringt  mit  dem  dunklen  Flutenschimmer  —

und  —  —  weiter  immer  —  verrauscht  der  Flügelschlag
  —  heimwärts!  —

in  des  fernen  Sommers  seligen  Tag.