Hidden  und  Hiddenlee.

Ein  Beitrag  zur  elymologischen  und  mykhologischen  Forschung  von  Adolf  Moepert.

Es  ist  uns  auf  der  Schulbant  so
worden-  und  Geschichts-  und  Reisebücher  über

oft  doziert
Rügen

  wiederholen  es,  daß  der  Name  der  Göttin
Hertha  nur  eine  falsche  Lesart  für  die  Nertbus
  bei  Tacitus  und  die  Lotkalisierung  ihres

Kultus  auf  Rügen  dem  Kopfe  eines  phantasievollen
Gelehrten  des  16.  oder  17.  Jahrhunderts  entsprungen
  sei,  daß  uns  kaum  Zweifel  an  der  Richtigkeit
der  heutigen  Schulmeinung  aufsteigen.  Man  muß
tieser  in  die  Geschichte  Rügens  und  seiner  Umgebung
  eindringen,  um  zu  merken,  daß  jener  Gelehrte
nicht  mit  der  unwissenschaftlichen  Willkür  verfahren
ist,  deren  er  beschuldigt  wird,  sondern  immerhin
mit  reiflicher  Ueberlegung  und  guten  Gründen  hier
den  heiligen  Hain  und  den  See  zu  finden  glaubte,
in  welchem  das  Bild  der  Mutter  Erde  nach  ihrer
Umfahrt  gebadet  und  die  dabei  dienenden  Sklaven
nach  vollzogener  Handlung  versenkt  wurden.  Mit
Hilfe  der  Namenkunde  wagen  wir  einen  Versuch  zur
Ehrenrettung  des  verkannten  Philologen.

Man  hat  viel  gestritten  um  den  Namen  der  einzig
  schönen  Insel  Hiddensoe  1),  des  „söten
Lännekens“,  wie  die  Eingeborenen  sie  nennen,  des
westlichen  Bollwerks  der  Ostseeperle  Rügen,  das  leider
  Jahr  um  Jahr  einige  Quadratmeter  seines  Bodens
  —  und  bei  Sturmfluten  wie  bei  der  jüngsten  an
der  Jahreswende  1914  gar  einige  Hundert  —  an  das
gefräßige  Meer  verliert.  Selbst  die  so  klare  Endung
dänischer  Herkunft,  wie  sie  auch  in  der  Schaproder
Oehe  und  in  der  Greifswalder  Oie,  südöstlich  von
Rügen  erhalten  ist  und  der  Endung  ey  an  der  friesischen
  Küste  (in  „Norderney“)  entspricht,  hat  sich
vielerseits,  indem  das  vorangehende  dazugezogen
wurde,  die  Umwandlung  und  Umdeutung  in  „see“
gefallen  lassen  müssen.  Ueber  die  Bedeutung  des
ersten  Wortteils  hat  ein  neuer  Schriftsteller  2)
gar  sieben,  wie  er  meint,  mögliche  Theorien  aufgestellt,
  um  am  Ende,  da  er  selbst  keinen  Ausweg
sieht  aus  diesem  Labyrinth,  geheimnisvoll  in  der
ihm  unbekannten  polnischen  Sprache  die  Lösung  des

1)  Das  ist  seit  1912  die  amtliche  Schreibweise.

2)  Arved  Juürgensohn,  Hiddensee  oder  Hiddensoe?
  Deutsch  oder  Dänisch?  in  der  „Stralsundischen
  Zeitung“,  153.  Ihrg.  Nr.  189—195,  und
derselbe,  Hiddensee,  das  Capri  von  Pommern.
Stralsund,  1913.

Nätsels  vermuten  zu  lassen.  Andere  behaupten  mit
mehr  Kühnheit  als  Kenntnis  von  Sprache  und  Geschichte,
  der  Name  stamme  ganz  aus  dem  Denischen
und  bedeutete  Hütteninsel.3)  Klug  hat  Professor
Dr.  Haas  den  ersten  Teil  des  Namens  als  Genitiv
  erkannt  und  in  Anlehnung  an  das  sagenhafte
Hithins-Oe  des  Saxo  Grammaticus  von  dem  Königsnamen
  Hithin  oder  Hedin  abgeleitet.  4)
Das  BVölkchen  der  Insulaner  selbst  läßt  sich  aber
durch  diese  teils  gelehrten,  teils  ungelehrten  Erklärungen
  nicht  beeinflussen,  es  führt  nach  wie  vor  den
Namen  auf  die  alte  Mutter  Hidden  zurück,  von  der
das  Eiland  überschwemmt  worden  sei.  Und  das
Bolk  tut  gut  daran.  Es  ist  ein  hochinteressantes
Zeugnis  für  den  Wert  uralter  Volkstraditionen,
wenn  wir  beweisen,  daß  der  erste  Namensteil  auf
eine  gleichnamige  germanische  Mythenfigur  zurückgeht,
  die  weithin  an  der  Nord-  und  Ostsee-Küste
vordem  bekannt  gewesen  ist.

Der  späten  Blüte  der  friesischen  Literatur  dürfte
es  zuzuschreiben  sein,  daß  den  Mythologen  die  von
dem  Pastor  Johamnes  Cadovius
Müller  i.  J.  1691  erwähnte  Göttin  Hidden
  bisher  entgangen  ist.  Dieser  gedenkt  ihrer  in
seinem  erst  in  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts
  gedruckten  Memoriale  linguge
Frisicae.  5)  Die  Stelle,  die  sich  unter  „Oistfreeske
  quiddewooden“  in  Frage  32  findet,  sei  hier
der  Wichtigkeit  wegen  ganz  wiedergegeben.

„Wehr  is  hidden!  Resp.:  hidden  is  in  jidden.
Wo  ist  das  Schuchhorn?  Resp.  Es  lieget  im
Herdloch.  NB.  Iidden  wahr  ein  vierecktes  Loch
im  Schornstein,  darinnen  di  Frisen  im  Heydenthumb
  ihre  lares  setzen,  und  weil  ihre  meiste  Nahrung
  wahr  die  VBiehezucht,  so  ward  dasz  Horn  ihrem
Göttzen  geheiliget,  drum  wahr  dieses  Schuchhorn
am  selbigen  Orthe  am  gewisten  zu  finden.  Dieses
Schuchhorn  ward  genant  hidden,  welches  noch
heutiges  Tages  ein  Frisicher  Frawnsname  ist,
3)  Alfred  Wien,  Die  Insel  Rügen.  Bieleseld
  und  Leipzig.  Ebenso  Fr.  Wilhelm  Segebrecht.
Die  Insel  Hiddensee,  1912.

4)  A.  Haas,  Die  Insel  Hiddensee,  Stralsund,
1896.

5)  Herausgegeben  von  Dr.
1875.

Kükelhan.  Leer,