24

darmit  die  Frisiche  Heyden  Isidem
oder  Dianam  vorgebildet,  welcher  sie
auch  dieses  Horn  gewidmet  haben.“  Unter  dem  hier
genannten  Schuhhorn  ist  ein  jedenfalls  aus  Rindsborn
  gefertigtes  Werkzeug  zum  Anztiehen  der  Schuhe
zu  verstehen,  welches  nach  einer  Mitteilung  des
Herausgebers  Dr.  Kükelhan  noch  zu  seiner  Zeit
vielfach  im  Herdloch,  einer  Nische  in  der  Mauer
neben  dem  Feuerherde,  aufbewahrt  worden  sein
soll.  Es  war  also  die  Hidden  bei  den  Friesen
nicht  ein  gespensterhaftes  Wesen  der  niederen  Mythologie,
  sondern  wie  die  Identifizierung  mit  der
Isis  und  Diana  zeigt,  eine  Göttin;  Herd  und  Herde
waren  ihr  heilig.  Hidde  (auch  Hedde,  Hydde,
Idden)  ist  ein  altfriesischer  Vorname:
er  wird,  wie  bei  den  Friesen  gewöhnlich,  für  Männer
  und  Frauen  gleicherweise  gebraucht.  6)  So  hies
der  berühmteste  friesische  Sprachforscher  Joof
Hiddes  Halbersma,  wobei  das  End-.
ebenso  wie  n  bei  Hidden,  ursprünglich  den  Genitiv
bezeichnet;  Hiddes  ist  der  Sohn  eines  Hidde.  Wir
finden  diesen  Namen  überall  im  Niedersächsischen,
in  Hiddesen  in  Lippe-Detmold,  ferner
  in  Hiddensen,  Hiddestorf,  Hiddewhausen,
  Hiddingsen,  Hiddinghausen,
  in  Hüddesum  bei  Hildesheim,  mit
der  friesischen  Endung  um,  welche  dem  hochdeutschen
  -heim  entspricht,  und  hoch  oben  bei  Schleswig
in  Hiddeby  oder  Haddeby,  d.  i.  Hiddestadt.
Von  dem  erstgenannten  Ort  hat  das  Abdelsgeschlecht
derer  von  Hiddissen  den  Namen  entlehnt,
wie  die  Familie  der  Huddesen  (Huddetzem),
zu  Stralsund  von  1385—1560  nachweisbar,  von
dem  nahen  Hiddensoe  herübergekommen  sein  dürfte.
Der  Wappenschild  der  letzteren  ist  in  Spitzen  geteilt
  7),  während  der  bei  der  noch  blühenden  Familie
  von  Hiddissen  einen  Mann  mit  blutigem  Arm
geigt.

Huddentze  heißt  unser  Hiddensoe  in  der  sogenannten
  Roeskilder  Matrikel  und  in  Rügenschen
Urkunden  des  14.  Jahrhunderts,  und  dies  ist  nicht
der  einzige  Lautwechsel,  welchen  der  Inselname  im
Laufe  der  Zeit  erfahren  hat.  Saxo  Grammaticus
  (gest.  1204),  der  erste  dänische  Geschichtsschretber,

  schreibt  in  seiner  „Historia  Daniae"  von
der  insulao  Hythis,  Hithini  oder  Hithinsö.

  Wie  er,  so  leiten  auch  die  nordische.C
Sagas  mit  den  Formen  Hedinsey  und  Hedinsö
  diesen  oder  einen  ähnlichen  Inselnamen
von  einem  männlichen  Personennamen  her,  welcher,
mythischen  Ursprungs,  heute  noch  ein  in  Skandina-6)

  Val.  Bernhard  Brons,
Emden,  1878.

Namen.

Friesische

7)  Nachrichten  die  Ratspersonen  der  Stadt  Stralsund
  betreffend.  Von  Bürgermeister  Dinnies.  8
Bände.  1773.  Ungedrucktes  Werk  in  der  Stralsunder
  Ratsbibliothek.

UAnser  Dommerland

vien  verbreiteter  Familienname  ist.  8)  Auf  Hiddensoe
  spielt  nach  Saxo  die  auch  in  der  Edda  und  im
Gudrunliede  und  wohl  auch  im  zweiten  Teile  des
Nibelungenliedes  verarbeitete  Hildasage.  Hier
soll  der  König  Hithinus,  der  die  geliebte
Hilda  ihrem  Vater,  dem  jütländischen  König  Hoginus,
  entführt  hatte  und  deshalb  von  ihm  verfolgt
  wurde,  in  dem  folgenden  Waffengange  mit
ihm  zugleich  gefallen  sein.  Hedhin  ist  der
„Mantel-“oder  „Hutträger“;  es  ist,  wie
schon  Müller  9)  ahnen  läßt  und  Mannhardt  10)  als
gewiß  hinstellt,  nur  ein  Beiname  des  Odin.
Ist  also  Hiddensoe  die  Wodaninsel?

Dem  widerspricht,  daß  sich  in  Hiddensoe  und
Umgegend  keine  Spuren  eines  besonderen  Wodankultes
  finden,  ferner,  daß,  wie  aus  den  Rentamisregistern
  des  früheren  Zisterzienserklosters  auf  Hiddensoe
  sich  ergibt,  der  Name  im  16.  Jahrhundert
zeitweilig  in  „Hildersehe“  und  „Hildenssehe“
  umgewandelt  worden  ist,  endlich  die  örtliche
Ueberlieferung  von  der  Mutter  Hidden.

Wie  wir  bald  noch  deutlicher  erkennen  werden,
ist  jeder  Zweifel,  daß  der  Name  der  Inlel  nicht
von  dem  göttlichen  Wesen  Hidden  herrühren  sollte,
ausgeschlossen.  Und  damit  ist  dann  auch  bewiesen,
daß  die  Aussprache  Hidden-soe,  mit  dem  Ton  auf
der  Endung,  falsch  ist.  Richtig  dagegen  ist  es,
Hiddens-oe  zu  sprechen  und  die  erste  Silbe  zu  betonen.
  Hiddensoe  war  eine  den  Germanen  heilige
Insel  wie  Helgoland,  das  alte  Fositesland.  Aber
welcher  Platz  ist  der  neuentdeckten  Gottheit  im  Götterhimmel
  der  Germanen  anzuweisen?  Darüber  sollen
  uns  einige  Sagen  Aufschluß  geben.

Mutter  Hidden,  erzählt  man  11),  lebte  im  Anfang
  des  14.  Jahrhunderts.  Damals  war  Hiddensoe
  noch  keine  Insel,  sondern  hing  mit  Rügen
zusammnen,  dessen  erhöhten  Nordwestrand  es  bildete.
In  einem  weiten  Grunde,  zwischen  den  beiden  heutigen
  Inseln,  lag  ein  Fischerdörfchen  und  nahe  dabei
  ein  einzelnes  Haus,  der  reichen  Witwe  Hidden
gehörig,  die  wegen  ihres  Geizes  und  ihrer  Hartherzigkeit
  bei  allen  Dorfbewohnern  höchst  unbeliebt
war.  Ihren  eigenen  Sohn  hatte  die  habgierige
Alte  aus  dem  Haufe  gewiesen,  weil  er  ein  blutarmes
  Mädchen  heimgeführt  hatte.

An  einem  kalten  Novemberabend,  während
fürchterlicher  Sturm  Schnee  und  Regen  gegen  die
Fenster  peitscht,  pocht  ein  zitternder  Greis  im
Mönchsgewande  an  die  Hütte,  Herberge  und  einen
Bissen  Brot  heischend.  Zornig  wirft  da  das  hartherzige
  Weib  die  kaum  geöffnete  Tür  wieder  zu

ein

8)  Vgl.  Sven  Hedin.
letzten  Silbe.

9)  Wilh.  Müller,  Mythologie  der  deutschen  Hel-Der

  Ton  ruht  auf  der

densage.  Heilbronn,  1886.

10)  Wilh.  Mannhardt,  Germanische  Mythen.
Berlin,  1858.

11)  Gustav  A.  Ritter,  Deutschlands  Wunderhorn.

  Berlin.  O.  J.