Sie  sei  froh,  für  sich  selbst  einen  Bissen  Brot  zu
haben  und  wolle  ihn  nicht  mit  Landstreichern
teilen.

Müde  schleppt  der  Alte  sich  weiter;  bei  der  ersten
Hütte  des  Dorfes  angelangt,  klopft  er  aufs  neue
an.  Ein  junges  Weib  gewährt  ihm  freundlich  Ein—
laß,  eine  warme  Suppe  und  ein  freilich  ärmliches
Lager.  Und  als  der  Gast  am  andern  Tage  Abschied
  nimmt,  spricht  er  den  Segenswunsch:  mit
Gold  und  Silber  kann  ich  Dir  nicht  vergelten,  aber
die  erste  Arbeit,  welche  Du  heut  beginnst,  wird  Dir
den  ganzen  Tag  gelingen.  Dann  geht  die  Frau
wieder  in  ihre  kleine  Stube  und  will  ein  Hemdchen
für  ihr  zu  erwartendes  Kind  aus  einem  Restcher
Leinwand  schneidern.  Aber  o  Wunder!  Sie  mißt
und  mißt  den  ganzen  Tag  und  noch  die  halbe
Nacht  dazu,  es  will  des  Ueberflusses  kein  Ende  werden,
  und  als  sie  endlich  ihren  Reichtum  überschaut,
ist  das  ganze  Haus  voll  der  kostbarsten,  feinsten
Leinwand.  Davon  legte  sie  mit  ihrem  Manne  einen
gewinnbringenden  Handel  an,  sehr  zum  Verdruß
ihrer  Schwiegermutter.  Dies  war  nämlich  —  Mutter
  Hidden.  Die  machte  sich,  als  sie  von  dem
Glücke,  das  ihren  Kindern  zum  Lohn  für  ihre
warmherzige  Güte  über  Nacht  ins  Haus  gekommen
war,  gehört  hatte,  die  bittersten  Vorwürfe.  In  allen
  Richtungen  durchstreifte  sie  die  Insel  nach  dem
Wundermann.  Endlich  nach  sieben  Tagen  fand  sie  ihn
bei  Stubbenkammer  und  bat  ihn  unter  vielen  Entschuldigungen,
  sie  doch  in  Zukunft  wieder  zu  besuchen
  und  bei  ihr  zu  verweilen.  Er  versprach  es
und  fand  das  zweite  Mal  wirklich  eine  vortreffliche
Aufnahme.  Am  Morgen  schied  er  mit  dem  gleichen
Wunsche  wie  bei  der  Schwiegertochter.  Schnell  eilt
sie  nach  dem  Beutel,  um  das  Geld  zu  zählen,  denn
sie  meint,  nun  werde  sie  den  ganzen  Tag  Geld  über
Geld  zu  zählen  haben.  In  diesem  Augenblick  brüllt
die  Kuh,  die  sie  zu  tränken  vergaß.  Im  Fluge
stürzt  sie  mit  dem  Eimer  hinaus  zur  Pumpe.  Aber
was  ist  das?  Der  Eimer  ist  voll  zum  Ueberlaufen,
und  doch  kann  sie  die  Hände  nicht  losbekommen
vom  Pumpenschwengel;  kalter  Angstschweiß  läuft
ihr  über  die  Stirn,  aber  sie  muß  pumpen  und  weiter
  pumpen.  Immer  höher  steigt  das  Wasser  und
sie  mit  ihm,  jedoch  ihr  Haus  versinkt  in  den  Fluten
  und  die  schäumenden  Wogen  füllen  ein  weites
Stück  Land  und  trennen  seitdem  Rügen  und  Hiddensoe.


Diese  schöne  Erzählung,  die  offenbar  an  die
große  Sturmflut  von  1304  (andere  schreiben  1309)
anknüpft,  wird  von  Dr.  Grümbke  12)  in  einer  weniger
  gefälligen  Form  geboten,  die  parodistisch  erscheinen
  könnte,  kehrte  das  drastische  Motiv  nicht  in
einer  Reihe  von  Sagen  über  Wasesergeister  wieder.
Da  ist,  abgesehen  davon,  daß  die  Schwiegertochter
zur  bloßen  Nachbarin  verblaßt  ist,  die  erste,  die  die
Flut  herbeiführende  Arbeit  Hiddens  —  die  Ver-12)

  Johann  Jakob  Grümbke,  Streifzüge  durch
das  Rügenland  von  Indigena.  Altona,  1805.

—  Anser  Dommerland  —

25

richtung  eines  natürlichen  Bedürfnisses,  dessen  Aufschub
  einst  dem  berühmten  Tycho  de  Brahe  das

Leben  kostete.“  Doch  das  sind  unwesentliche  Abweichungen.
  Es  bleiben  noch  genug  wesentliche
Züge  übrig,  um  unschwer  in  der  geizigen,  aber

reichen  Mutter  Hidden  die
dende,  aus  einem  Faß  ohne  Boden  schöpfende
Frau  Holle  im  Märchen  zu  erkennen.  So
wird  mit  eins  auch  die  zweifellos  bewußte  Umwandlung
  von  Hidden  in  Hilde  und  Hildr  klar.
Hildr  13)  ist  ein  Beiname  der  dem  Bunde  des
Njördr  und  der  Njörd  entsprossenen  Freyja,
und  diese  wieder  ist  identisch  mit  der  Hulda  oder
Holda  Mitteldeutschlands  und  der  oberdeutschen
Berchta.  Weil  sie  die  Wasserfrau  ist,  steht  sie  in
Verbindung  mit  den  häufig  von  Sturmfluten  heimgesuchten
  Orten.  Ihr  Name  begegnet  uns  erklärlicherweise
  auch  in  der  alten,  1199  gegründeten
Zisterzienserabtei  Hildena  14)  später  Eldena  bei
Greifswald,  deren  Ruinen  auch  1914  wieder  überschwemmt
  wurden,  den  der  Hidden  finden  wir  in
dem  gleichfalls  flutbedrohten,  sagenumwobenen  Hiddeby
  15).  Die  Holda,  welche  schon  von  Burchard
  von  Worms  (gest.  1025)  der  Diana,
paganorum  dea,  gleichgesetzt  wird,  zieht  im  Norden
  als  Huldra,  eine  alte  Frau  in  grauem
Kleide,  an  der  Spitze  ihrer  Herde  durch  die  Wälder.
  Das  stimmt  vortrefflich  zu  der  friesischen  Hidden
  des  Cadovius.  Und  wir  werden  uns  nun  nicht
mehr  wundern,  daß,  wie  Grimm  16)  sagt,  „beider
Göttinnen  (nämlich  der  Holda  und  Bertha)  keine  Spur
sich  zeigt  in  Niederdeutschland".  Denn  der  Holda
und  Berchta  des  übrigen  Deutschland  entspricht
eben  im  Norden  die  Hidden  (Hildr),  die  Tochter
der  Njörd  oder  Nerthus,  welch  letzterer  nach  Müllenhoff
  im  Grunde  die  Freyja  gleich  ist.

Diese  Wesensgleichheit  wird  bestätigt  durch  die
Sage  von  der  üppigen  Richberta  d.  i.  der
„reichen  Berta"t  von  Stavoren,  dem  Vineta
der  Nordsee  an  der  Stelle  der  heutigen  Zuydersee.
  17)  Bei  allem  äußeren  Glanz  fehlt  Richberta
die  Flamme  weiblicher  Güte.  Stolz  auf  das  eigene
und  Neid  über  fremdes  Glück  erfüllen  ihr  liebeleeres
  Herz.  Während  eines  festlichen  Mahles  erscheint
  ein  Pilger  aus  dem  Morgenlande  und  bittet
  um  Brot.  Doch  die  Speise  der  Dürftigen  findet
sich  nicht  im  Hause  schwelgerischer  Tafelfreuden.  Da
bedauert  der  Greis,  daß  das  Edelste  in  dem  fürstlichen
  Haushalt  fehle,  und  verläßt  den  Kreis  der
Gäste.  Nicht  lange  darnach  segelt  ein  Schiff  der

schnee=  und  regensen-13)

  Hierzu  vgl.  Mannhardt,  a.  a.  O.

14)  Hildens-Ache,  vom  althd.  aha,  Wasser.

15)  Karl  Müllenhoff,  Sagen,  Märchen  und  Lieder
  der  Herzogtümer  Schleswig,  Holstein  und
Lauenburg.  Kiel,  1845.

16)  Jakob  Grimm,  Deutsche  Mythologie.  Göttingen;
  n.  A.  von  E.  H.  Meyer,  1875—78.

17)  Wilh.  Ruland,  Rheinisches  Sagenbuch.
Köln.  O.  J.