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Richberta  auf  hoher  See,  hie  und  da  suchend  nach
dem  unbekannten  köstlichen  Gut,  welches  jener  seltsame
  Gast  bei  dem  Mahle  vermißte.  Da  verdirbt
durch  eindringendes  Seewasser  Brot  und  Mehl,  und
nun  erkennt  der  Führer,  was  die  wertvollste  Gabe
ist.  Glücklich  über  die  gemachte  Entdeckung  nimmt
er  eine  Ladung  schönsten  Weizens  ein  und  segelt
froh  der  Heimat  zu.  Doch  seine  übermütige  Herrin
gebietet  ihm,  die  Ladung,  die  er  auf  der  rechten
Seite  aufgenommen,  auf  der  linken  über  Bord  zu
werfen.  Unterdes  flehen  ungezählte  Arme  um  die
Erhaltung  der  kostbaren  Gottesgabe.  Richberta  imn
taub  gegen  alle  Bitten,  aber  als  zur  Strafe  der
Hafen  verschlammt  und  infolgedessen  die  Stadt  verarmt,
  verstoßen  die  empörten  Bewohner  sie  ins
Elend,  ohne  freilich  verhindern  zu  können,  daß  das
Meer  in  stürmischer  Nacht  die  Dämme  durchbricht
und  die  Stadt  des  fsündigen  Weibes  vom  Erdboden
wegschwemmt.

Mißbrauch  des  Brotes,  das  sie  zur  Reinigung
von  Schlamm  und  Kot  benutzen  ließ,  wird  in  Tirol
der  mächtigen  Riesenkönigin  Frau  Hitt  vorgeworfen.18)
  Da  zog  ein  schweres,  schwarées  Gewitter
  herauf,  mit  entsetzlichem  Donner  entlud  es
sich  und  in  kurzem  waren  die  reichen  Kornäcker  und
die  Wohnung  der  Frau  Hitt  verschwunden.

Anders  spielt  sich  die  Handlung  ab  in  dem  ergreifenden
  Gedicht  „Frau  Hitt“  von  Karl  Egon
Ebert.  Hier  verweigert  „die  strahlende  Herrin“,  die
reichste  der  Frauen  im  Land,  einer  armen,  mit
ihrem  hungernden  Knaben  sie  anstehenden  Bettlerin
  jedes  Almosen  und  reicht  ihr  einen  Stein  statt
Brot.  Da,  ein  furchtbarer  Fluch  des  gekränkten
Weibes  —  und  der  Himmel  verfinstert  sich,  zuckende
Blitze  leuchten  auf,  und  unter  Donnerschlägen  wird
Frau  Hitt  selbst  in  Stein  verwandelt.

Auch  bei  dieser  Sage,  welche  ja  schon  im  Namen  an
die  von  der  Mutter  Hidden  erinnert,  kann  kein  Zweifel
an  der  ursprünglichen  Gleichheit  der  nur  durch  Lokalfärbung
  anders  gearteten  niederdeutschen  Sage
bestehen.  Jedenfalls  ist  die  Charakteristik  der
Hauptperson,  ihre  Schuld  und  Sühne  nur  um  unerhebliche
  Nuancen  verschieden.

Man  wird  sich  nun  hüten  müssen,  in  diesen  drei
in  den  Hauptmotiven  und  Grundzügen  gleichen  Sagen
  eine  sogenannte  Wandersage  zu  erblicken.  19)
Denn  wo  sollte  die  Entlehnung  begonnen  haben?
Sie  sind  offenbar  aus  dem  gemeinsamen  Urquell  der
germanischen  Mythologie  geschöpft  und  vermutlich
nicht  die  einzigen,  nur  in  wenigen,  meist  durch  die
Lage  der  Oertlichkeit  bedingten  Zügen  verschiedenen
Reste  dieses  dramatischen  Sagenstoffes.

Berücksichtigt  zu  werden  verdient  auch,  daß  auf
Hiddensoe  der  Schwan,  der  heilige  Vogel  des
Njördr,  den  Storch  als  Kinderbringer  ersetzt

18)  Ferdinand  Hirts  Deutsches  Lesebuch.  Ausg.
G.  3.  Teil.  Breslau  1906.

19)  Hierzu  vgl.  Ernst  Bernheim,  Lehrb.  d.  wist.
Methode.  Leipzig  1908.

Unser  Dommerland

und  das  Rind,  der  Nerthus  heilig,  auf  und  nahe
bei  der  Insel  viel  gepflegt  wurde,  wie  die  slawischen
  Namen  Wollung  (alter  Name  für  den  Teil
Rügens  gegenüber  Hiddensoe),  Vilm,  früher  Wollem
  und  Wilm  (Insel  bei  Rügen),  Wolgast  (Stadt
an  der  gegenüberliegenden  pommerschen  Küste),
Wollung  (Landstrich  bei  Greifswald),  Velgast  (Dorf
bei  Stralsund),  zeigen.  20)

Ein  weiteres,  starkes  Argument  für  die
Gleichheit  der  Hidden  und  Hildr  gewinnen  wir,
wenn  wir  nach  der  etymologischen  Bedeutung  beider
Namen  forschen.  Hidden  entspricht  offenbar  der
allnordischen,  sturm=  und  regensendenden  Zauberfrau
  Heidh  (Heidr,  Heidhi)  21),  neben
der  Gudr  und  Hildr  eine  der  bekanntesten  Walküren.
  Es  finden  sich  aber  Belege  dafür,  „daß
Heidr  im  Norden  ein  ganz  gewöhnlicher
  Name  von  fast  appelativischer
  Bedeutung  für  Zauberinnen
war.“  Darum  übersetzt  Müllenhoff  geradezu  Heidhi
mit  Zauberweib,  Here.  Sollte  nicht  die  Wurzel  von
Hedhin  auch  der  Hidden  zu  Grunde  liegen  und  das
Wort  den  männlichen  und  weiblichen  Träger  des
Zauberhutes  (altn.  hottr.,  ays.  hät,  frief.  hoode)
bedeuten?  Man  denke  nur  an  den  Hildesheimer
Herdgeist  Hütchen  oder  Hodeken,  an  den
englischen  Robin  Hood  (Robert  Kapuze),  an
den  oberdeutschen  Butz  (jedenfalls  verkürzt  aus
Kapuze,  caputium),  an  den  westfälischen  Haccelberg
  (Kapuzenträger,  von  dem  noch  im  Nordischen
vorhandenen  hekla,  Kapuze),  an  das  Wort  Gaubller
(von  cuculla),  und  man  wird  eine  wunderbare
Uebereinstimmung  zwischen  diesen  Benennungen  und
unserer  Hypothese  finden.  Hildr  hat  kaum  einen
anderen  Sinn;  „hilderi“  ist  im  Dänischen  „die  Zauberei“.
  „Huldra“  und  zunächst  wenigstens,  auch
„Hulda“,  bedeutet,  die  (bei  ihren  Zauberkünsten)
Verhüllte.  Huldren  heißen  die  Zwerge,  nicht,  wie
man  meint,  weil  sie  unter  der  Erde  wohnen,  sondern,
  weil  sie  durch  die  Tarnkappe  den  Blicken  der
Menschen  „verhüllt“  sind.  Daher  erscheint  „hilde“  oft
in  den  Namen  der  den  Kämpfern  unsichtbar  beistehenden,
  zum  Kampf  schürenden  Schlachtjungfrauen.
  22)

20)  O.  JFock,  Rügensch-Pommnersche  Geschichten,
1.  Bd.  Leipzig  1861.

21)  So  auch  Müllenhoff,
kunde,  5.  Bd.  Berlin  1883.
Hetha  und  Hetheby.

22)  Kriemhild,  die

Deutsche  Altertums-Dieser
  schreibt  auch

„Helmverhüllte“,  Brunhild,
die  „durch  die  Brünne  Verhüllte“,  Balthilde,  die
„durch  den  Gürtel  Verhüllte“",  Klotilde  (Chlodechilde),
  viell.  die  „Kleiderverhüllte“  (von  aspir.  ahd.
lodo,  Ueberwurf,  vgl.  engl.  cloth,  Tuch,  Kleid)?
sind  wohl  alle  ursprünglich  Walkürennamen.  Auch
Heddewich,  einst  wahrscheinlich  auch  männl.  wie
Chlodewech,  dürfte  dazugehören.  Hedde  ist  wohl
sicher  gleich  Hidde  (Hut?),  bei  wich,  wech  vech  darf
man  an  ahd.  vech,  bunt,  denken.  Dieser  Sinn  har-