Indes,  so  groß  die  Aehnlichkeit  der  Lautformen
auch  sein  mag,  ein  Beweis  läßt  sich  daraus  schwer
konstruteren.  Der  ergibt  sich  aber  sonnenklar  aus
der  Sprache  unserer  treulosen  Stammesvettern  jenseits
  der  Nordsee.  Im  Cnglischen  beißt  nämlich
hidden  genau  „verborgen“,  es  ist  das  Parlizipium
der  Vergangenheit  von  hide,  verbergen,  einem  starken
  Zeitwort,  welches  wie  alle  seinesgleichen,  zweifellos
  aus  dem  Altgermanischen  hervorgegangen  ist.
Demgemäß  sind  Hidden  und  Hulda
dem  Sinne  nach  durchaus  identisch.
In  dieser  vollkommen  gleichen  Bedeutung  liegt  die
restlose  Erklärung  für  die  Vertauschung  der  beiden
Namen,  welche  von  den  aus  Mittel  deutschland
  gekommenen  Mönchen  des  1296  gegründeten
Klosters  ausgegangen  sein  mag.

Neben  der  Göttin  Hidden  scheint  auch  die  vielangezweifelte
  Hertha  in  diesem  Teile  der  Östsee
den  Küstenbewohnern  früh  bekannt  gewesen  zu  sein.
Ich  weiß  nicht,  ob  die  alte  Bezeichnung  der  Halbinseln
  Darß  und  Zingst,  schräg  gegenüber  von
Hiddensoe,  als  Provinz  Hertes  burg  von  Mythologen
  je  beachtet  worden  ist.  Hier  lag  das
von  Stralsunder  Chronisten  des
!1  6.  Jhrh.  erwähnte  feste  Schloß
Herthaborg  (so  1453,  1464  Harteborch).  Die
Stelle  war  noch  im  Anfange  des  vorigen  Jahrhunderts,
  wie  die  Stralsundischen  Geschichtsschreiber
  Zober  und  Mohnite  23)  bezeugen,  in  der  Nähe
des  Dorfes  Prervow  sichtbar.  Enthält  die  Ortsbezeichnung
  den  Namen  der  Hertha,  was  wegen
der  Genetivform  leicht  geglaubt  werden  kann,  dann
ist  erwiesen,  daß  dieser  ebenso  echt  ist  wie  der  der
Hidden,  und  daß  die  Herthafage  auf  Rügen  älter
ist,  als  wir  bisher  annahmen,  wird  damit  höchst
wahrscheinlich.  Der  Schluß  liegt  nahe,  daß  das
Bewußtsein  der  mythischen  Beziehungen  dieser  Ostsee-Küstengebiete
  auch  nach  der  slawischen  Besiedelung
  im  deutschen  Volke  nicht  erloschen  und  bei  der
sächsischen  Kolonisation  wieder  aufgelebt  ist.  Und
wir  schließen  weiter:  Wo  so  viele  Erinnerungen  an
die  Hertha  und  die  ihr  in  allem  ähnliche  Hidden
  fortleben,  waren  Gründe  genug  gegeben,  um
die  Hauptstätte  des  Nerthuskultus,  des  Tacitus

moniert  mit  den  mythischen  Vorstellungen  der  alten
Germanen  und  der  angeblich  göttlichen  Herkunft  der
Merovinger.

23)  Stralsundische  Chroniken,

herausgegeben
von  Mohnike  und  Zober  1.  Teil.

Stralsund  1833.

...-  unferpommefland

—  27

„Ccastum  nemus  in  insula  Oçeani,  auf  Rügen  zu
mutmaßen,  mindestens  ebenso  viel,  als  für  Feo—
marn,  Alsen  und  die  Hamburger  Elbinsel  sprechen,
an  die  Müllenhoff  und  andere  gedacht  haben.  Man
kann  sich  nun  die  Verschiedenheit  der  Lesarten  in,
der  Germania  folgendermaßen  erklären:  Der  richtige,
  durch  die  nordische  Mythologie  bezeugte  Name
Nerthus  war  im  Mittelalter  in  Vergessenheit  geraten
  und  bei  den  einzelnen  deutschen  Stämmen
durch  andere  zum  Teil  ursprünglich  adjektivische  Benennungen,
  an  der  Ostsee  durch  den  Namen  Hertha,
ersetzi  worden.  Da  aber  auf  diese  Göttin  genau
zutraf,  was  Tacitus  von  der  längst  vergessenen
Nerthus  berichtet,  deshalb  scheute  man  sich  nicht,  das
unsichere  Nerthus  in  Hertha,  wie  Hidden  in  Hilda,
umzuändern.  Es  braucht  also  der  Name  nicht  durch
eine  Variante  in  der  „Germania“  entstanden  zu  sein;
umgekehrt  spricht  manches  für  seine  Priorität  und
nachträgliche  Interpolation  in  den  Text  des  Tacitus.


Wir  kommen  zum  Schluß.  Hiddensoe  ist  ein
gang  durchsichtiger,  durchaus  germanischer,  friesischdänischer
  Name  mit  mythischer  Bedeutung.  Er  bezeichnet
  die  „Insel  der  Hidden",  einer  göttlichen
Frau,  welche  der  Holle,  Hitt,  Berchta,  Freyja  im
übrigen  Deutschland,  der  Nerthus  der  Alten,  gleich
ist.  Er  ist  nicht,  „Schall  und  Rauch“,  sondern  in
haltsreich  wie  selten  einer.  Er  bekräftigt  in  Verbindung
  mit  den  Namen  Herthaburg  und  Hildena,
die  beide  über  1450  zurückreichen,  die  Vermutung,
daß  Rügen  uralter  mythengeweihter  Boden  und  die
Kultstätte  der  bei  Tacitus  erwähnten  Nerthus  ist.

Daß  gerade  die  Insel  Hiddensoe  trotz  jahrhundertelanger
  flawischer  Herrschaft  ihren  alten
germanischen  Namen  behalten  hat,  ist  für  den  nich!
auffallend,  welcher  weiß,  daß  das  Hochland  von
Hiddensoe  von  den  Kreidefelsen  der  dänischen  Insel
  Möen  sichtbar  ist.  Daß  das  Eiland  einst  tatsächlich
  von  Wenden  bewohnt  war,  beweisen  Ortsnamen,
  wie  Grieben,  Gellen  und  die  Swantewitschlucht.
  Aber  weil  der  Ort  selbst  den  Augen  nicht
enlschwand,  konnte  der  Name  nicht  so  leicht  dem
Gedächtnis  entschwinden.  Und  so  ragt  dieser  sagenumspommene
  Name  aus  der  Vorzeit  zu  uns  herüber
als  ein  wertvolles  Denkmal  für  die  Religionsgeschichte
  unserer  heidnischen  Vorfahren  und  als  ein
klassssches  Beispiel  für  die  fortdauernde  Richtigkeit
des  Wortes  Jacob  Grimms,  daß  „von  dem  weiten
Felde  der  Volkssagen  her  unserer  Mythologie  die
ergibigste  Ausbeute  bevorsteht.“