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vorbereitet  wie  sie.
hatte,  sich  zu  fassen.

Vollkommen  ruhig  trat  sie  ihm  entgegen  mit  un—
befangener  Begrüßung.

Er  stutzte,  erkannte  sie,  und  dunkles  Rot  über—
goß  sein  Gesicht.  Sie  freute  sich  des;  und  dann
empfand  sie  nichts  mehr  als  grengenloses  Staunen.
Das  war  er?  Dieser  behäbige,  korpulente  Herr  mit
dem  dicken  roten  Gesicht,  der  Brille  und  dem  grauen
Haar?  Unmöglich!  Das  konnte  nicht  der  Jüngling
  mit  dem  idealen  Kopf  sein,  der  einst  seiner
Schönheit  wegen  berühmt  war!  Sie  starrte  ihn  an
—  und  lachte.  Sie  lachte  sich  selbst  aus.  Wie  hatte
sie  umir  —?  —  —  Ja,  jetzt  erkannte  sie  ihn  doch;
im  Profil  fand  sie  die  edlen  Züge  wieder,  freilich
vergröbert,  verschwommen,  gleichsam  materialisiert.

„Er  sieht  gut  aus,“  flüsterte  die  Hausfrau  ihr
befrtedigt  zu.  „Mein  Mann  sagt,  er  sei  gescheit
und  liebenswürdig.  Sie  haben,  ihn  wohl  nicht
näher  gekannt,  Frida?“

Sie  zuckte  ein  wenig  mit  den  Achseln.  „Es  ist
so  lange  her!  Ich  suche  nach  der  Brücke,  die  vom
Einst  zum  Jetzt  hinüberführt,  und  finde  sie  nicht."

Bei  Tisch  saß  sie  ißm  gegenüber.  Er  hatte  das
Wort;  sie  hörte  zu  und  beobachtete  ihn.  Ein  alltäglicher
  Erdensohn  war  es,  der  da  sprach:  kein
Funke  von  Geist,  von  Feuer,  von  Schwung  und
Poesie  blitzte  auf.  Wo  war  das  alles  geblieben?
Er  hatte  es  doch  besessen?  Oder  täuschte  sie  sich?
Hatte  sie  es  nur  in  ihn  hineinphantassert?  Mit
Gewändern,  die  sie  selbst  ihm  umgehängt,  einen
Helden  aus  ihm  gemacht?

Nein,  sie  war  ungerecht!  Er  war  es  doch  gewesen,
  der  ihr  geistiges  Leben  erweckt  und  genährt
hatte.  An  ihm  war  sie  ja  emporgewachsen.  Wieviel
  verdankte  sie  ihm!  Und  plötzlich  wucte  sie,
daß  nicht  er  es  war,  der  sich  verändert  hatte;  er
war  wohl  derselbe  geblieben,  der  er  gewesen;  sie
aber  sah  mit  anderen  Augen,  hatte  eine  höhere
Schätzung  der  Dinge  und  Menschen  sich  zu  eigen

Gott  sei  Dank,  daß  sie  Zeit

gemachtj.
Lasten  wälzten  sich  ihr  von  der  Seele;  die  innere
  Spannung  wich.  Immer  heiterer  ward  sie,

immer  lebendiger.  Bald  schiffte  sie  im  vollen  Fahrwasser
  ihrer  oft  gerühmten  Unterhaltungskumst,  war
der  Mittelpunkt  des  kleinen  Kreises,  und  der  Gast
richtete  sast  nur  noch  an  sie  das  Wort.  Sie,  die
Bescheidene,  ward  sich  mit  Stolz  ihrer  Ueberlegenheit
  bewußt.  Wie  hatte  sie  einst  zu  ihm  aufgeblickt,
  als  zu  einem  höheren  Wesen;  jedes  Wort  aus
seinem  Munde  war  ihr  wie  eine  Offenbarung  gewesen.
  Und  nun?  Wie  sie  ihn  überwachsen  hattel
Freudig  empfand  sie  all  den  inneren  Reichtum,  die
Fülle  von  Kräften,  über  die  sie  gebot,  und  die  sie
zu  nutzen  gelernt,  all  die  Lebensenergie,  die  ihr
geholfen,  sich  aufzuraffen  aus  ihrem  Elend  und  ihr
Dasein  befriedigend  zu  gestalten.  Sie  hatte  sich  entwickell
  zu  einem  ganzen  Menschen  —  und  das,  ja
das  verdankte  sie  dennoch  diesem  unbedeutenden
Manne  mit  dem  breiten  roten  Gesicht,

Unser  Dommerland

die  er  in  ihr  entzündet,  dem  Schmerz,  den  er  ihr
bereitet.  Der  Schöpfer  ihrer  Seele  war  er  gewesen
—  wie  durfte  sie  ihm  zürnen  oder  gar  in  gering
achten?

Alle  Bitterkeit  schmolz  aus  ihrem  Herzen  dahin.
Freundlich  sprach  sie  zu  ihm.  Wollte  es  ihr  doch
plötzlich  scheinen,  als  wäre  er,  indem  er  sie  verschmäht,

  ihr  Wohltäter  gewesen.  Hätte  sie  sich  an
seiner  Seite  entwickelt,  wie  sie  es  getan?  Wäre  sie

nicht  vielleicht  in  dem  alltöäglichen  Philisterdasein,
das  ihm  genügte,  verkümmert?  Eine  Frau,  die
liebt,  bleibt  dort,  wo  der  Geliebte  steht:  ja,  hätte
sie  ihn  mit  emporziehen  können,  aber  sie  sah  es  ja
deutlich,  die  Flügel  fehlten  ihm,  er  wäre  immer  zurückgestürzt

  zur  Erde,  und  das,  das  hätte  sie  lief
unglücklich  gemacht.  Das  ersehnte  und  erhoffie

Glick  wäre  in  Scherben  gegangen.

Immer  bedrückter  und  stiller  blickte  er  sie  an,  als
denke  er  vergangener  Zeiten.  Wandelte  ihn  ein
späte  Rene  an,  begriff  er  jetzt  erst,  welchen  Wert
die  Seele  gehabt,  die  er  einst  sein  eigen  genannt
und  dann  vergessen?

Sie  aber  hob  stolz  und  frei  das  Haupt.  Nun
erst  schloß  sie  ab  mit  ihrer  Mergangendeit.  Wie
arm,  wie  beklagenswert  war  sie  sich  stets  erschienen,
weil  sie  allein  stand,  wie  hatte  sie  im  liefsten  Junern
  denen  recht  gegeben,  die  für  das  Weib  nur  in
der  Liebe  den  Zweck  des  Lebens  erkennen.  Heute
begriff  sie,  daß  es  ein  Berbrechen  sei  gegen  das
reiche  Leben,  seinen  Inhalt  ausschöpfen  zu  wollen
mit  dieser  Liebe,  die  so  vergänglich  und  oft  so
irdisch  is.  Eine  Phase  war  sie  in  der  Entwicklung
  des  Menschen,  eine  Leiter,  um  emporausteigen,
nicht  einziger  Zweck  des  Daseins.

Etwas  aus  sich  zu  machen,  etwas  Tüch  iges  und
Edles  zu  sein,  ein  Mensch,  der  wirkt  und  schaffi,
die  er  in  ihr  entzündet,  dem  der  wirkt  und  schafft,
sich  selöst  und  anderen  zum  Nutzen  und  zur  Freude,
und  dabei  immer  aufwärtsklimmen,  höher  und  höher
—  war  das  nicht  auch  ein  Ziel,  des  Lebens  wert,
das  höchste  vielleicht,  und  eins,  das  erst  die  neue
Zeit  für  die  Frau  erobert  hatte?

Ctwas  von  den  Menschen.
Von  Kakkarina  zitelmann.

Ein
drängt,.

geistreicher  Mensch  wird  bewundert,
umschmeichelt  und  —  schnell  dergessen.

lilln-Ein

  gütiger  Mensch  wird  geliebt.  Man  such!
bei  ihm  Trost  und  Hilfe  in  den  Stunden  der  Triübsal
  und  Not.

Ein  tiefer  Mensch  wird  nur  von  wenigen  erkannt
  und  beachtel.  Die  aber  schöpfen  aus  ihm

Lahung  und  Kraft  wie  aus  cinem  kühlen  Bronnen.

Einige  gibt  es  endlich,  die  geistreich  und  gütig
und  tief  sind.  Das  sind  die  Leuchten,  die  vor  uns
einherziehen  und  uns  das  Leben  lebenswert  machen,
  die  über  dasselbe  hinausweisend  uns  goldene

der  Liebe,  Fernen  erschliehen.