Die  Ciebelole.

Erzählung  aus  der  pommerschen  Herzogszeit  von  Otfo  Droß.

In  der  Wendenburg.

Die  große  Treibjagd,  die  Herr  Sambor,  der
reichbegüterte  Wendenedeling,  alljährlich  bald  nach
der  Wintersonnenwende  abzuhalten  pflegte,  hatte
diesmal  eine  so  vorzügliche  Strecke  ergeben,  wie  es
bisher  selten  der  Fall  gewesen  war.  Und  dies  hatte
seine  natürlichen  Gründe.  Das  warme  und  im  ganzen
  trockene  Frühjahr  des  verwichenen  Jahres  war
dem  Aufkommen  des  Jungwildes  außerordentlich
günstig  gewesen.  Dazu  war  die  ausgedehnte  Herrschaft,
  die  Herr  Sambor  im  rechtsodrischen  Pommern
  ungefähr  in  der  Mitte  zwischen  der  Herzogsstadt
  Kammin  und  dem  Flecken  Treptow  besaß,  eine
der  waldreichsten  Pommerns.  Deutete  doch  schon  der
Name  „Horst“,  den  sie  trug  und  den  die  Vorfahren
Herrn  Sambors  einstmals  von  den  Germanen,  die
sie  zum  größten  Teile  verdrängten,  zugleich  mit  dem
Besitz  übernommen  hatten,  den  Waldreichtum  der
Gegend  an.

Doch  war  es  nicht  allein  der  zwischen  der  nahen
Seeküste  und  einer  Reihe  langgestreckter  Strandseen
meilenweit  sich  hinziehende  Laub=  und  Nadelwald,
der  den  starken  Wildstand  verursachte,  sondern  es
bewirkten  diesen  zum  großen  Teil  auch  die  dichten
Rohrkämpe,  das  bergende  Weidicht  und  Erlengegebüsch,
  das  eben  jene  Seen  umsäumte.  Elch,  Wisent,
  Ur  und  Wildschwein  bevölkerten  dies  für  den
Menschen  größtenteils  nur  während  der  Fuostzeit
zugängliche  sumpfige  Gelände;  vor  allem  aber  sah
Herr  Isegrim  diese  herrlichen  Dickichte  als  sein  ureigenes
  Besitztum  an,  auf  dem  er  nicht  nur  allerlei
Jagdgetier  leicht  zu  beschleichen,  sondern  sich  auch  nach
gelungenem  Schafraub  vor  der  unverschämten  Verfolgungssucht
  der  groben  Menschen  und  frechen
Dorfköter  zu  drücken  vermochte,  während  die  teure
Gattin,  geschützt  vor  neugierigen  Blicken,  ebendor#t
umbehelligt  ihre  Mutterpflichten  erfüllen  durfte.

Da  außerdem  nördlich  der  Strandseen  die  wenigen
  menschlichen  Siedelungen  weit  auseinander
lagen,  so  hatte  das  Wild  hier  überall  gu,e,  selten
gefährdete  Stätte.

Nun  war  die  Jagd  abgeblasen  und  die  dem
Grundherrn  zinspflichtigen  Bauern,  die  neben  den
Horster  Knechten  als  Treiber  gedient  hatten,  waren
in  ihre  Dörfer  abgerückt  und  auch  einige  der  Herren
  hatten  sich  heimwärts  begeben.  Die  Mehrzahl

jedoch  saß  in  diesem  Augenblick  in  dem  großen
Saale  der  Burg  des  Jagdherrn  beisammen,  wo
soeben  nach  beendigtem  Mahle  das  übliche  Jagdgelage
  begonnen  hatte.

Es  waren  etwa  ein  Dutzend  Gäste,  die  um  die
lange,  blankgescheuerte,  eichene  Tafel  saßen,  rauhe,
starkknochige  und  wildbärtige  Gesellen  von  teils
trotzigem,  teils  verschlagenem  Blick.  Dicke  Wachslichter,
  die  auf  hohen,  aus  Hirschstangen  zusammengefügten
  Standleuchtern  steckten,  verbreiteten  Licht
genug,  um  die  Wilddecken,  Vließe,  Geweihe  und  Gehörne,
  die  an  den  weißgetünchten  Wänden  hingen,  deutlich
  erkennen  zu  lassen.  Ein  breiter,  aus  Ziegelsteinen
aufgebauter  Kamin  erwärmte  den  Raum,  dicke  Bastmatten
  bedeckten  den  aus  gleichen  Steinen  zusammengefügten
  Estrich  und  hielten  die  Bodenkälte  ab.
An  den  Wänden  zogen  sich  breite  Lattenbänke  hin,
die  mit  dicken,  aus  Schaf=  und  Ziegenfellen  verfertigten
  Schlafsäcken  und  breiten  Kopfrollen  bedeckt
waren.  Auch  einzelne  Federbetten  erblickte  man.

Herr  Sambor  mußte  ein  reicher  Mann  sein,  das
zeigte  nicht  allein  der  kunstvolle  Fachwerkbau  und
die  beträchtliche  Ausdehnung  der  zweistöckigen  Burg,
sondern  auch  die  ganze  Einrichtung  des  Männersaales,
  vor  allem  aber  bewiesen  es  die  vier  Fenster
dieses  Raumes,  die  nicht,  wie  gewöhnlich,  aus  Tierblasen,
  sondern  einer  ganzen  Anzahl  kleiner,  in  Blei
gefaßter  Glasscheibchen  bestanden,  das  bekundete
auch  das  vielerlei  seltene  und  zumteil  prunkvolle
fremdländische  Gewaffen,  das  ringsum  an  den  Wänden
  hing,  das  verrieten  auch  die  zahlreichen  kostbaren
  kupfernen,  zinnenen  und  silbernen  Gefäße
mancherlei  Art,  Kannen,  Becher,  Humpen,  Schüsseln
und  Teller,  die,  auf  den  Wandbretterm  aufgestellt,
das  Auge  des  Beschauers  fesselten.

Mit  Stolz  bezeichnete  soeben  Herr  Sambor  seinem
Tischnachbar,  Herrn  Dobislaw  aus  Muddelmow,
einem  wegen  der  größeren  Entfernung  seiner  Herrschaft
  seltenen  Gaste,  diejenigen  Stücke,  die  als  Beute
aus  den  Kriegszügen  gegen  die  Polen  geplünderten
Edelhöfen,  Klöstern  und  Kirchen  entstammten,  zim
Gegensatz  zu  denen,  die  in  den  großen  Warenlagern
der  mächtigen  See=  und  Handelsstadt  Jumneta  erstanden
  waren,  bevor  noch  der  grimme  Dänenkönig
Niels  diesen  auf  dem  westlichen  Oderwerder  gele-