54

tows  Worten  begonnen  hatte,  Gehör  zu  verschaffen.
Schließlich  schwiegen  auch  die  letzten  Sprecher  und
Herr  Dubnitz  begann:

„Da  wir  nun  einmal  dem  neuen  Gott  Treue  ge—
lobt  haben,  so  schulden  wir  ihm  auch  Gehorsam,
wie  ich  meine;  dazu  ist  es  unsere  Pflicht,  seinen
Dienern  zu  geben,  was  ihnen  gebührt.  Oder  meint
ihr,  daß  wir  für  sie  mehr  aufwenden,  als  vordem
für  die  Priester  unseres  Gottes?  Wir  Herren,  offen
gestanden,  kamen  ja  im  allgemeinen  glimpflicher  davon
  als  das  gewöhnliche  Volk,  aber  dieses  mußte
tüchtig  bluten.  Und  wem  kam  es  zugute?  Etwa
den  Göttern?  Ich  habe  weder  Triglaff  noch  Porenutz
  noch  irgend  einen  andern  unserer  zahlreichen
früheren  Göttergesellschaft  jemals  essen  oder  trinken
sehen.  Selbst  Diwitza  fand  keinen  Gefallen  an  den
saftigen  Hirschkalblenden  und  Wildschweinsschinken,
die  ich  opferte.  Desto  mehr  aber  mein  dicker  Priester
mit  seiner  Familie  und  Sippe;  und  zwar  vertrat
dieser  die  Göttin  in  so  hingebender  Weise,  daß  er
oft  nicht  leben  und  nicht  sterben  konnte.  —

Und  den  wievielten  mußten  wir  unsern  Priestern
von  der  aus  unseren  Kriegszügen  gegen  die  Liu—
tizen,  Polen  und  Rügianer  gemachten  Beute  steuern?
Etwa  den  Zehnten  nur?  Nein,  den  Vierten  und
Dritten,  sofern  wir  sie  nicht  tüchtig  übers  Ohr  hieben.
  Und  wem  ward  es  zuteil?  Einige  Schaustücke
  stellten  die  Füchse  wohl  in  den  Tempeln  auf,
das  meiste  aber  verwandten  sie  unter  tausend  Vorspiegelungen
  für  sich.  Ich  kenne  mehr  als  einen,
der  heute  behäbig  auf  seinen  zahlreichen  Hufen  sitzt
und  herrlich  und  in  Freuden  lebt.  Da  hat  all  das
Lintizensilber  und  Polengold  sein  Ende  genommen,
lum  das  wir  Dummköpfe  uns  die  Schädel  haben,
spalten  lassen."

Hier  murmelten  einige  der  Anwesenden  Beifall.
Die  Tatsache  konnte  man  nicht  bestreiten.

„Habl  ihr,“  fuhr  Herr  Dubnitz  alsbald  fort,
„schon  einen  der  Diener  des  neuen  Gottes  berauscht
gesehen  und  öffentliches  Aergernis  geben?  Unsere
Priester  aber  propften  sich  nicht  nur  tagtäglich  voll,
sondern  tranken  sich  auch  bei  jeder  Gelegenheit  und
Nichtgelegenheit  toll  und  voll.  Unseren  Dresower
Fettwanst  wenigstens  habe  ich  mitsamt  seiner  Kürbisflasche
  mehr  als  einmal  aus  dem  Weggebüsch
müssen  heimkarren  lassen.“

Niemand  widersprach,
Dubnitz  fort:

„So  sahen  unsere  Priester  mit  wenig  Ausnahmen
aus.  Schmäht  also  nicht  die  Diener  des  neuen
Gottes,  weil  ihr  ihnen  geben  müßt,  was  zu  ihrem
Unterhalte  dient.  Ueberdies  verdienen  und  entgelten
  sie  den  Zehnten,  den  sie  erhalten,  um  vieles
mehr  als  jene.  Es  sind  ehrenwerte  Leute,  die  in
der  heiligen  Lehre,  die  sie  uns  vermitteln,  von  gelehrten
  und  weisen  Männern  unterwiesen  wurden,
keine  Schlemmer,  Gaukler  und  witzlosen  Maulhelden,
  wie  unsere  Priester  es  waren,  die  bei  dem
dummen  Volke  sich  ein  Ansehen  zu  geben  wußten,
wenn  sie  in  ihren  langen,  buntbesäumten  und  verund

  so  fuhr  denn  Herr

Unser  HBommerland

brämten  weißen  Gebetsmänteln  und  in  ihren  von
Oel  triefenden,  langen  Bärten  vor  dem  Altar  mit
dem  Opferstabe  herumfuchtelten  oder  mit  geheimnisvoller
  Miene  in  den  Eingeweiden  der  Opfertiere
wühlten.  Und  welche  Künste  haben  sie  uns  gelehrt?
Haben  sie  unsere  Kranken  etwa  geheilt  durch  gedörrte
  Froschaugen,  geröstete  Eidechsenherzen,  Dachsdreck
  oder  ähnliche  Quacksalbereien?

Aber  wer  hat  dich,  Bertkow,  damals  geheilt,
als  dir  das  böse  Fieber  in  den  Eingeweiden  wütete?
  Dein  Priester  war  es,  dem  du  nach  deiner
Klagerede  mit  deinen  halben  Hufen  fronen  mußt!
Wer  machte  deine  Kinder  gesund,  Nachbar  Borant,
als  damals  bei  euch  in  Karnitz  das  große  Kindersterben
  war?  Und  hättet  ihr  euch  damals  von
Wollin  sogleich  die  rechte  Hilfe  geholt  und  nicht  zuvor
  die  armen  Würmer  dem  abgedankten  Volksbetrüger
  ausgeliefert,  so  wäre  die  Seuche  noch
schneller  unterdrückt  worden.  Und  wer  hilft  euch
wider  die  Krankheit  des  Viehs?  Die  lästigen
Priester,  die,  von  Wollin  aus  entsandt,  bescheiden
und  anspruchslos  das  Land  durchwandern,  um
euch  die  neue  Lehre  zu  bringen.

Wer  lehrt  eure  Frauen,  die  neuen,  feinen  wollenen
  Gewebe  anfertigen,  für  die  ihr  in  Wollin  und
Stettin  ganze  Hände  voll  Silber  oder  ganze  Tragballen
  des  besten  Pelzwerkes  zahlen  mußtet?  Wer,
die  Wildnis  roden  und  in  fruchtbare  Gefilde  wandeln?
  Wer,  menschenwürdige  Wohnstätten  bauen,
die  gegen  Herbststürme  und  Winterkälte  wirksamer
schützen  als  rohrgedachte  Lehmhütten?  Etwa  Porenütz,
  der  die  Herbstnebel  bringt  und  den  Wald  entblättert,
  oder  seine  Priester?

Wer  brachte  euch  erst  das  richtige  Ackern,  Säen
und  Ernten  bei?  Ach,  ich  freue  mich  jedesmal,
wenn  ich  nordwärts  von  mir  die  neuerbaute  Steinburg
  des  deutschen  Ritters  erblicke,  die  trotzenden
Mauern  und  die  hohen  Bogenfenster,  in  deren
Glasscheiben  sich  so  wunderbar  schön  die  Morgenund
  Abendsonne  spiegelt.  Das  Herz  lacht  mir  im
Leibe,  wenn  ich  im  Sonnenschein  die  eisenbeschlagenen
  Pflüge  blitzen  sehe,  die  von  den  starkknochigen,
  kraftvollen  Gäulen  wie  im  Spiel  durch  den
schweren  Lehmacker  gezogen  werden.

Was  ist  dagegen  unser  armselige  hölzerne  Hakenpflug?
  Wie  zwerghaft  erscheinen  und  wie  wenig
leisten  dagegen  unsere  einheimischen  Pferdchen?  —
Ach,  wenn  ihr  nur  eure  Augen  auftun  und  die
Wahrheit  einsehen  und  anerkennen  wolltet!  Ich  bin
ein  alter  Mann  und  werde  es  nicht  mehr  erleben,
aber  euch  Jüngeren  sage  ich:  Ihr  werdet  noch  einmal
  den  Einzug  der  frommen  Männer  segnen.“

Diesmal  klang  das  Murmeln,  das  bei  dieser
Prophezeiung  laut  wurde,  nicht  nach  Beifall.  Doch
unbeirrt  fuhr  Herr  Dubnitz  fort:

„Ich  war  in  meiner  Jugend  mit  unserem  unvergeßlichen
  Fürsten  Wartislav,  den  der  Himmel
segnen  möge,  im  Sachsenlande,  als  er  Heila,  seine
erste  Gemahlin,  freite.  Was  ich  dort  sah,  machte
mir  das  Herz  schwellen.  Blühende  Fluren  überall,