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die  letzten  fünfzehn  Jahre  seines  Lebens,  bin  ich
zu  Kriegszeiten  stets  in  seiner  ummittelbaren  Nähe,
in  seiner  Leibschar  gewesen  und  in  Friedenszeiten
weilte  ich  oft  bei  ihm  in  seiner  Burg  zu  Kammin.
War  also  damals  kein  unerfahrenes  Bürschlein
mehr,  konnte  füglich  beurleilen,  ob  seine  Taten  dem
Lande  unheilsam  oder  ersprießlich,  seine  Gedanken
töricht  oder  klug  waren  und  ob  er  sich  wirklich  als
Schwächling  zeigte,  wie  es  hier  verlautete.  Num,
daß  er  persönlich  kein  Feigling  war,  hat  er,  dünkt
mich,  noch  in  seiner  Todesstunde  bewiesen.  Ich
sehe  heute  noch  das  Scheusal,  den  feigen  Mörder,
in  einer  gräßlichen  Entstellung  vor  mir.  Oder  haltet
  ihr  den  etwa  für  eine  Weiberseele,  der  mit  der
Todeswunde  im  Leibe  noch  vom  Lager  aufspringt
und  dem  Mörder  den  ganzen  Unterkiefer  mitsamt
den  beiden  Backen  abreißt.  So  gebärdet  sich  keine
Hasenseele.“

Als  keine  Erwiderung  erfolgte,  fuhr  Herr  Dubnitz
  fort:  „Jch  hab’'  in  mehr  als  einem  Dutzend
Schlachten  und  Scharmützeln  an  seiner  Seite  gekämpft,
  aber  Schlaffheit  und  Furcht  habe  ich  nie
bei  ihm  bemerkt.  Mehrmals  war  ich  mit  ihm  im
dichtesten  Kampfgetümmel  und  ich  sage  euch:  Da
flogen  die  Polen=  und  Lintizenschädel  nur  so,  gerade
  als  wenn  unsere  Knechte  mit  ihren  Krummmessern
  die  Kohlköpfe  absäbeln.  Darum  war  es
auch  nicht  Feigheit,  daß  er  nach  langen  Kämpfen
mit  dem  Polenherzog  diesen  sich  geneigt  und  freundlich
  gesinnt  machte  und  ihn  um  riester  bat,  die
uns  in  der  Christenlehre  unterweisen  sollten.  Denkt
euch  doch  in  seine  Lage  hinein!  Jahrhundertelang
hajte  unser  kleines  L'’ndchen,  das  doch  nur  von  der
Oder  bis  zur  Persante  und  wenig  darüber  hinaus
recht,  gen  Sonnenuntergang  mit  den  Liutizen  jenseits
  der  Randow,  den  Rügianern  und  Dänen,  im
Osten  mit  den  Hinterpommern  und  Preußen,  im
Süden  mit  den  Polen  blutige  Kämpfe  durchfochten.

Hunderttausende  von  Menschen  waren  in  diesen
ewigen  Raufereien  getötet  oder  in  die  Knechtschaft
fortgeführt  worden,  ganze  Ortschaften  vom  Erdboden

  verschwunden.  Das  Volk  war  bettelarm  geworden,
  Waffen  waren  kaum  für  die  Hälfte  der  streitbaren
  Männerschaft  vorhanden.  Da  schlug  Boleslav
  die  Hinterpommern  und  Preußen  in  der  furchtbaren
  Schlacht  bei  Nakel,  in  der  Fürst  Spantebor
fiel  und  vierzigtausend  Mann  von  den  schlachtkundigen
  Polen  erschlagen  sein  sollen.  Die  beiden
Söhne  des  gefallenen  Fürsten,  Svantopolk  und  Bogislaff
  erkannten  Herzog  Boleslav  als  ihren  Oberherrn
  an  und  das  Volk  wurde  zum  Christentum  bekehrt.
  War  auch  das  unterjochte  Land  auf  Jahrzehnte
  hinaus  geschwächt  und  für  sich  allein  ohnmächtig,
  so  bildete  es  doch  nunmehr  im  Berein  mit
den  Polen  eine  nicht  geringe  Gefahr  für  unser  Ländchen.
  Und  bei  unserm  leider  nur  allzusehr  zum
Raufen  geneigten  Sinn  war  zu  befürchten,  daß  über
kurz  oder  lang  die  Bewohner  der  Grenzgebiete  wieder
  in  Balgereien  mit  den  Polen  geraten  würden.
Denn  leider  gehorchte  noch  nicht  alles  Volk  dem

Anser  Dommerland

sie  für  ihn  als  Fürsten

Fürsten  wie  heute.  Mancher  von  euch  mag  ja  auch
davon  gehört  haben,  wie  damals  nicht  nur  Stettin
  und  Damm  und  die  Landschaft  dort  herum,
sondern  auch  andere  Stätten  auf  des  Fürsten  verständigen
  Rat,  die  ewigen,  volksverderberischen
Räubereien  und  Ueberfälle  zu  unterlassen  und  das
Christentum  anzunehmen,  frechmäulig  antworteren,
sie  hätten  kein  Verlangen  nach  dem  Christentum,
und  wenn  er  sie  dazu  drängen  wollte,  so  dankten
und  er  möchte  lieber  auf
seine  Güter  gehen  und  Kohl  bauen.  —  Dazu  gehovrchten
  sie  keinem  seiner  Befehle  mehr  und  suchten
elwas  darin,  sich  aufsässig  gegen  ihn  zu  zeigen.
Sollte  er  da  etwa  die  Dinge  gehen  lassen,  wie  sie
wollten?  Und  was  wäre  das  Ende  vom  Liede  gewesen?
  Der  Polenherzog  im  Verein  mit  den  Hinterpommern
  und  dem  Dänenkönige  hätten  unser
Ländchen  alsbald  in  Grund  und  Boden  gestampft.
So  wär's  gekommen,  so  wahr  ich  Dubnitz  heiße.
Das  aber  konnte  Wartislav  weder  als  Herr  noch
als  Vater  des  Landes  zulassen.  Darum  bat  er  Boleslav,
  ihm  zu  helfen,  sein  Regiment  wieder  zu  befestigen
  und  sein  Bolk  an  mildere  Sitten  zu  gewöhnen.“
  «

Wiederum  war  es  Herr  Jakzo,  der  an  dieser
Stelle  dem  Redner  zurief:  „Wir  wollen  keine  Weibsbilder
  werden!“  Allein  Herr  Dubnitz  achtete  seiner
nicht  und  fuhr  fort:  „Und  hat  Herr  Wartislav  damit
  nicht  kurz  und  recht  gehandelt,  desgleichen  durch
sein  ferneres  weises  Tun?  Henute  ist  unser  Land
wieder  erstarkt,  das  Volk  zu  neuem  Wohlstande  gelangt,
  soweit  es  bisher  bei  unseren  Verhältnissen
nur  möglich  war.  Die  Dänen  lassen  uns  in  Ruhe,
denn  nicht  umsonst  nahm  der  edle  Fürst  nach  seiner
ersten  Gemahlin  Tode  Sda,  des  Dänenkönigs  Tochter,
  zum  Weibe.  Ihre  beiden  Söhne,  Bogislav  und
Kasimir,  für  die  zur  Zeit  Herr  Ratibor  die  Regierung
  führt,  waren  als  Blutsverwandte  der  Dänenkönige
  bisher  ein  starkes  Unterpfand  des  Friedens.

Und  Fürst  Ratibor  hat  seines  Bruders  Vermächtnis
  ebenso  wie  dessen  beide  Söhne  treulich  gehütet
  und  in  des  Verstorbenen  Sinne  fortgewirkt.
Daß  er  als  Gattin  Boleslavs  Tochter  Primislava,
nahm,  hal  uns  die  Polen  nur  noch  mehr  verbunden.
  Herr  Ratibor  hat  das  Volk  im  Zaume  gehalten
  und  nur  gegen  die  stets  unruhigen  Liutizen
zum  Schwerte  gegriffen.  Diese  hat  er  allerdings
gründlich  aufs  Haupt  geschlagen,  so  daß  jetzt  das
ganze  Land  von  der  Randow  und  Peene  bis  über
die  Tolleuse  hinweg,  Demmin,  Treptow,  Grimmen,
Triebsees,  Barth  und  andere  starke  Oerter  für  immer
  zur  Nuhe  gebracht  und  zum  Christentum  bekehrt
  sind.  Und  das  letztere  freut  mich  aufrichtig,
denn  die  neue  Lehre  sänftigt  der  Menschen  Sinn
und  ist  der  beste  Helfer  des  Friedens.  Und  Frieden
  kann  allein  unserem  Lande  frommen,  nachdem

der  stete  Unfriede  das  Land  verwüstet  und  die
Menschen  vertilgt  hat.  Nur  im  Frieden  kann  ein

Volk  erstarken  und  zu  Wohlstand  gelangen.

„Friede
ernährt,  Unfriede  verzehrt“  ist

ein  Sprichwort  des