euch  so  verhaßten  Deutschen,  und  es  dünkt  mich
hundertmal  besser  als  das  unsrige  „Zieh  dem  Po—
len  den  Pelz  ab,  damit  er  dich  selber  wärmt!“  Mit
diesem  Sprichwort  setzen  wir  uns  nur  Lause  in  den
eigenen  Pelz.  Unverständige  Kampfhähne  und  wüste
Raubgesellen,  die  nur  aus  dem  Grunde,  weil  sie
ehrliche  Arbeit  fürchten,  auf  die  wackeren  frommen
Bäter  und  die  deutschen  Siedler  schelten,  die  uns
Wenden  doch  alles  Gute  bringen,  mögen  mich  einen
Deutschenfreund  schelten.
nicht  an.  Ich  meine  es  gut  mit  meinem  Vaterlande
  und  sehe  die  Meinung,  die  ich  verfechte,  für
die  richtige  an.  Ein  Schurke,  der  seinem  Volke  die
Wahrheit  verhiehlt  und  feig  das  Maul  hält,  wo  es
sich  um  das  Wohl  des  Vaterlandes  handelt.  Und
ein  solches  besitzen  wir  heute,  seitdem  wir  eigenen
Fürsten  gehorchen  und  die  endlosen  Raufereien  unler
  ums  selber  aufgehört  haben,  Fehden,  in  denen
wir  diesseits  der  Rega  uns  mit  denen  jenseits  derselben
  prügelten,  in  denen  die  von  der  oberen  mit
denen  der  unteren  Rega,  die  Stargarder  mit  den
Dammern  und  Stettinern,  und  diese  wieder  mit  den
Wollinern  und  Kamminern  katzbalgten.  —

Auch  ich  bin  kein  Freund  der  Polen,  trotzdem
ich  uns  die  Hauptschuld  an  allem  Blutvergießen  beimesse.
  Wir  wollen  doch  uns  selber  nichts  vorlügen.
  Wenn  wir  der  Wahrheit  die  Ehre  geben,  so
waren  doch  wir  meistenteils  nicht  die  unschuldigen

Lämmer  und  jene  die  blutgierigen  Wölfe.  Umgelehrt
  möchte  es  richtiger  sein.  Auch  glaube  ich

nicht,  daß  die  augenblickliche  Freundschaft,  die  wir
mit  den  Polen  haben,  ewig  dauern  wird.  Der  polnische
  Adler  will  überall  nordwärts  vor  sich  seinen
Flug  an  die  See  haben.  Das  Stück  Uferland  zwischen
  Wipper  und  Weichsel  genügt  ihm  nicht.  Zwar
börte  ich,  daß  Ratibor  wegen  seines  Alters  und
leiblicher  Beschwerden  demmächst  der  Herrschaft  entsagen
  und  die  Länder  zwischen  seinem  Sohne  und
seinen  beiden  Neffen  teilen  wolle.  Auch  habe  er
bereits  für  seinen  Sohn  Wartislav,  der  die  Herrschaft
  Steltin  erhalten  soll,  um  eine  der  Töchter  des
Polenherzogs  angehalten,  wie  auch  der  älteste  der
Pomerellenfürsten  dies  beabsichtigen  soll.  Aber  selbst
diese  doppelte  Verbindung  erachte  ich  für  keinen
bleibenden  Schutz  gegenüber  dem  Gelüste  unseres
großen  Vetters  jenseits  der  Grenzwälder.  Ich  halte
daher  für  das  sicherste  Mittel,  unsere  Selbständigkeit
  zu  bewahren,  wenn  wir  unser  menschenarmes,
verödetes  Land  mit  einer  größeren  Anzahl  der  muligen
  und  tüchtigen  Deutschen  bevölkern,  wie  es  anderwärts
  zum  Segen  des  Landes  schon  geschieht,
vor  allem  im  Lande  der  Heveller  unter  dem  kraftvollen
  Fürsten  Albrecht,  den  sie  den  Bären  zubenennen.
  Dadurch  stärken  wir  nicht  nur  die  Wehrkraft
  des  Landes  und  machen  es  zu  einem  blühenden
  Garten  gleich  den  Gefilden  der  Sachsen,  sondern
  haben  uns  auch  des  wirksamen  Schutzes  des
starken  deutschen  Reiches  zu  gewärtigen,  das  dem
Polenvogel  schon  beizeiten  die  Fänge  beschneiden
wird  Schon  allein  um  dies  zu  erreichen,  müssen

Anser  Dommerland.

Ihr  Schimpfen  sicht  mich

57
wir  die  neue  Lehre  schützen  und  hegen.  Denn
Christentum  und  Deutschtum  sind  eins.  Und  nur

deutsche  Siedler  können  unser  Pommerland  retten.

So,  nun  scheltet  mich  einen  Vaterlandsverräter
und  geschwätzigen  Alten!  Ich  habe  meine  Schuldigkeit
  getan.“  —

Wenn  die  Worte  des  alten  Graubarts  auch  nicht
gänzlich  in  den  Wind  gesprochen  waren,  wie  mehrere
  beifällige  Zurufe  während  seiner  Rede  bekundeten,
  so  widerstrebten  doch  fast  alle  seinem  Vorschlage,
  den  Deutschen  das  Land  zu  öffnen,  und
gaben  ihrer  Mißbilligung  und  ihrem  Unwillen  teils
gemäßigten,  teils  ungezügelteren  Ausdruck.  Ja,  es
sielen  bereits  recht  harte  Worte  der  Abweisung  in
der  Nunde,  als  der  Karnitzer  Gutsherr  dem  Grenznachbarn
  spöttisch  zurief:

„Dir  scheint  es  der  neue  deutsche  Herr,  der  Verwandte
  des  Herrn  Bischofs  zu  Wollin,  ja  mächtig
angetan  zu  haben.  Vielleicht  hat  das  Blitzen  seines
Eisenpfluges  deine  Augen  allzusehr  geblendet.“

Allein  Herr  Dubnitz  diente  dem  Spötter  sofort,
indem  er  erwiderte:

„Ja  wahrlich,  es  war  eine  Lust,  dessen  erste
Saat  zu  sehen;  da  stand  Halm  an  Halm  und  ein
volles  schweres  Korn  ist  es,  was  er  im  Herbst  geerntet
  hat;  ich  habe  selber  Saatkorn  von  ihm  entnommen.
  Und  dir  kann  ich  nur  bestens  raten,  recht
bald  zu  ihm  in  die  Lehre  zu  gehen,  damit  dir
nicht  noch  die  letzten  Leute  zu  den  Kamminer
Fischern  entlaufen,  wo  sie  wenigstens  nicht  an
Kohlstrünken  und  Futterrüben  zu  nagen  brauchen,
was  sie  bei  der  halben  Hufe,  die  du  bestellst,  leider
  tun  müssen.  Mir  tätest  Du  zugleich  ’n  Gefallen
  damit,  denn  die  Rüben  zum  Festgericht  pflegten
sie  bei  mir  zu  stehlen.“  —

Nun  hatte  der  Alte  die  Lacher  auf  seiner  Seite
und  es  schien,  als  wollte  sich  die  Unterhaltung  mehr
zum  Scherzhaften  wenden,  da  erhob  stch  am  Ende
des  Tisches  schwerfällig  der  junge  Herr  Jakzo  von
Drosedow.  Er  hatte  sich  bisher  an  der  Unterhaltung
  nur  durch  gelegentliche  Zwischenrufe  beteiligt,

aber  desto  mehr  die  den  Herren  aufwartenden
Knechte  in  Bewegung  gesetzt.  So  war  denn  sein
ohnehin  nicht  allzu  klarsichtiger  Geist  durch  den

starken  Met  nahezu  völlig  in  Nebel  gehüllt,  zugleich
aber  sein  ungezügeltes  Jugendblut  stark  erhitzt.
Nun  rief  er,  durch  den  Widerspruch  der  übrigen
ermutigt,  indem  er  sich  mit  beiden  Fäusten  fest  auf
die  Tischplatte  stützte,  mit  etwas  unsicherer  Stimme:
„Was  faselt  da  der  alte  Kindskopf?  Wir  sollen
uns  den  Deulschen  unterwerfen?  Diesem  bleichsüchtigen
  Lumpengesindel,  das  vor  Hunger  nicht  gerade
gehen  kann?  Wir,  die  freien,  unbezwungenen  Pommern?“"
  Und  indem  er  sich  an  einen  der  Krechte
wendete,  schrie  er  durch  den  Saal:  „Heda,  Gnirko,
schafff  doch  mal  'ne  Bütte  kalten  Brunnenwassers
herbei,  daß  wir  sie  dem  alten  blödsinnigen  Mummelgreis
  über  seinen  närrischen  Schädel  —  —“

Doch  hier  unterbrach  Herrn  Jakzows  wüste
Schimpfrede  der  Wirt  des  Hauses,  Herr  Sambor.