Pommersche  Bücherschau.

Prof.  Dr.  Robert  Holsten:  Die  Volkskunde
des  Weizackers.  *-  —

Hierzu  als  Einleitung:  Der  Oberflächenbau
  des  Kreises  Pyrit  in  Pommern
von  Dr.  Fritz  Soenderop.  236  Seiten.
Die  Bau=  und  Kunstdenkmäler  des  Regierungsbezirks
  Stettin,  herausgegeben  von  der  Gesellschaft  für
Pommersche  Geschichte  und  Altertumskunde.  Anhang
zu  Heft  VII.  Stettin  1914.

Der  Gedanke,  eine  Einzelbeschreibung  umseres
Weizackers  heraus  zugeben,  liegt  weit  zurück.  Bereits
  Prof.  Blasendorff,  selbst  ein  Kind  dieser
Scholle,  faßte  den  Plan  hierzu,  sammelte  eifrig
Stoff,  kam  aber  nicht  mehr  zur  Bearbeitung  desselben;
  nach  seinem  Tode  wurde  das  ganze  von
ihm  angehäufte  Material  dem  Provinzialkonservator
Geheimrat  Lemke  zur  weiteren  Verwendung  von  den
Angehörigen  übergeben,  der  mit  der  Bearbeitung
Prof.  Holsten  betraute.  Er  konnte  wohl  kaum  eine
mehr  geeignete  Persönlichkeit  finden,  als  diesen,  der,
selbst  Pommer,  große  Liebe  zu  seiner  engeren  Heimat
  besitzt  und  in  seiner  Eigenschaft  als  langjähriger
  Gymnasialdirektor  in  Pyritz  Gelegenheit  fand,
nicht  nur  selbst  zu  sammeln,  sondern  es  auch  verstand,
  seine  zahlreichen  Schüler  für  die  heimische
Volkskunde  zu  interessteren  und  so  zum  Sammeln
anzuregen.

Das  ganze  auf  diese  Weise  zusammengetragene
Material  liegt  nun  in  dem  stattlichen  Bande  vor,
den  die  Pommersche  Gesellschaft  für  Geschichte  und
Altertumskunde  herausgegeben  hat.  Zur  Vervollständigung
  schickt  der  Geologe  Fr.  Soenderop  eine
Schilderung  der  morphologischen  Verhältnisse  des
fraglichen  Gebietes  voraus.

Der  Holsten'sche  Beitrag  beginnt  mit  einer  kurzen
  Darstellung  der  landschaftlichen  und  einer  längeren

  der  geschichtlichen  Verhältnisse  des  Weizackers,

soweit  diese  für  unsere  vorkommende  Frage  von
Bedeutung  waren.  Nach  den  Forschungen  Holstens

  war  der  eigentliche  Weizacker  in  der  Steinzeit
wegen  seiner  großen  Nässe  und  der  geringen  Unwegsamkeit
  des  Plöne=  und  Madütales  noch  nicht
besiedelt;  erst  als  gegen  Ende  dieser  Kulturperiode
ein  Wechsel  im  Klima  eintrat  und  sich  eine  längere
Trockenzeit  einstellte,  kam  es  zur  menschlichen  Besiedlung
  (bronzezeitliche  Gräber),  die  fortan  bestehen
blieb,  wie  die  vorgeschichtlichen  Funde  uns  lehren.
Zur  flawischen  Zeit  muß  die  Bevölkerung  hier  recht
dicht  gesessen  haben.  Im  Jahre  1124  brachte  Otto
von  Bamberg  den  Weizackerleuten  das  Christentum,

Von  6.  Buschan,  Stettin.

und  mit  ihm  erschienen  die  Deutschen.  Die  ersten
Kolonisten  (Mitte  des  13.  Jahrhunderts)  dürften
aus  der  Altmark  gekommen  und  von  den  Kolbatzer
Mönchen  geholt  worden  sein.  Die  Ausführungen
Holstens  auf  Seite  101  ff.  machen  dies  sehr  wahrscheinlich,
  indessen  erscheinen  mir  die  angeblichen
Parallelen,  die  er  hinsichtlich  der  Sitten  und  Gebräuche
  zwischen  Wejzacker  und  der  Altmark  zieht,
nicht  beweiskräftig,  denn  die  Behauptung,  daß  die
betreffenden  Sitten  nur  in  diesen  beiden  Gegenden
anzutreffen  wären,  trifft  nicht  zu;  verschiedene  von
ihnen  kommen  auch  noch  anderswo  vor,  so  begegnen
  wir  dem  Schnappbock  u.  a.  sogar  in  der
Schweiz  (Klausnen  in  Kaltbrunn,  Kt.  St.  Gallen).

Eine  vorzügliche,  bis  in  die  Einzelheiten  gehende
  Darstellung  erfährt  weiter  die  Weizackertracht,
unter  Berücksichtigung  der  Stoffe,  aus  der  sie  angefertigt
  wird,  und  der  Art  ihrer  Herstellung.  Die
bemerkenswertesten  Stücke  der  Frauenkleidung  sind
die  Hüftkissen  und  der  Josip,  den  Verfasser  über
die  Altmark,  wo  er  allerdings  nicht  mehr  vorkommt,
  vom  Rheine  (zusammen  mit  dem  Kult  des
heiligen  Mauritius)  herleitet.  Leider  ist  die  volkstümliche
  Tracht  im  Weizacker  im  Aussterben  begriffen;
  im  Jahre  1910  wurde  sie  nur  noch  von  acht
Männern  und  325  Frauen  getragen.  Holsten  tritt
auch  der  Frage  nach  dem  Alter  derselben  näher;  an,
der  Hand  der  Urkunden  stellt  er  fest,  daß  sie  bereits
  in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts
dort  vorhanden  war.

Im  nächsten  Kapitel  beschäftigt  sich  Verfasser  mit
den  Siedelungen  im  Weizacker:  Dorf=  und  Hofanlagen,
  Form  des  Hauses  und  seiner  inneren  Einrichtung;
  sodann  behandelt  er  die  Landwirtschaft,
die  Mahlzeiten,  die  Familienfeste,  die  volkstümliche
Heilkunde,  Aberglaube,  Sagen  und  Märchen  und
schlient  mit  einer  Darstellung  der  volkstümlichen
Dichtung,  der  Sprache  und  des  Charakters  der
Weizackerbewohner.  Eine  ausführlichere  Schilderung
widmet  Holsten  darunter  den  Hochzeitsgebräuchen,
die  verschiedentlich  auf  noch  weit  zurückliegenden
Vorstellungen  beruhen,  wie  der  erste  Tanz  der  jungen
  Frau  mit  ihrem  nächsten  Verwandten  (Ueberreste
  des  Matriarchats).

Das  Kapitel  über  Aberglauben  ist  leider  recht
kurz  (nur  zwei  Seiten)  ausgefallen;  ich  meine,  hier
hätte  sich  dem  Verfasser  eine  große  Fundgrube  bei
näherem  Nachforschen  erschließen  müssen  (kirchliche
Feste,  Zwölften  u.  a.  m.).

38,  zum  Teil  bunt  ausgeführte  Tafeln,  vervollständigen
  das  vorliegende  Werk,  das  sicher  allen