Hans  Hoffmann  und  wir  Pommern.

Was  Lubwig  Giesebrecht  um  die  Mitte  des  vo—
rigen  Jahrhunderts  Jahrzehnte  hindurch  und  da—
rüber  hinaus  unseren  Vorfahren  gewesen,  das  ist
uns  Hans  Hoffmann.  Beide  Männer  hatten  ja  schon  in
ihrer  äußeren  Erscheinung  eine  gewisse  Aehnlichkeit:
  Ludwig  Giesebrecht  hieß  im  Schüler=  und
Volksmunde  „Der  lange  Ludwig“,  in  späteren  Jahren
  kuzweg  „Der  Lange“,  und  Hans  Hoffmann
hat  ihn  an  Körpergröße  vielleicht  noch  übertroffen.  1)
Im  übrigen  aber  scheinen  auf  den  ersten  Blick  bei
beiden  Dichtern  die  Verschiedenheiten  zu  überwiegen.
  Muß  ich  doch  gleich  feststellen,  daß  ein  unmittelarer
  Einfluß  des  älteren,  längst  anerkannten
Pommerndichters  auf  seinen  Schüler  von  diesem
selbst  mit  einer  Art  boshafter  Offenheit  geleugnet
wird;  H.  Hoffmann  nämlich  schreibt  von  ihm:
„Der  deutsche  Literaturunterricht  in  den  höheren
Klassen,  an  sich  mein  Lieblingsfach,  war  grenzenlos
  trucken  und  langweilig,  obgleich  —  oder  weil?  —
er  von  einem  gedrucktem  und  vielfach  gepriesenen
Dichter,  Ludwig  Giesebrecht,  erteilt  wurde,  den  ich
als  Menschen  verehrte,  als  Lehrer  nicht:  er  war
freilich  nahe  an  siebzig,  also  wie  das  mit  Lehrern
so  geht,  total  abgerackert.  Ich  rächte  mich  dadurch,
daß  ich  während  seines  Vortrags  unter  dem  Tisch
nicht  nur  Goethe,  sondern  auch  Heine,  Immermann
und  andere  offiziell  noch  nicht  erwähnenswerte  Poeten
  las  und  zu  einem  nicht  geringen  Teile  auswendig
  lernte.  Vermöge  des  natürlichen  Nachahmungstriebes
  und  einer  dem  Primaner  ebenso  natürlichen
Jugendeselei  machte  ich  auch  selbst  ungeheuer  viele
Gedichte,  die  ihre  Daseinsberechtigung  darin  fanden,
  daß  sie  mich  selbst  sehr  glücklich  machten,  so
lange  bis  ich  sie  erkannte  und  verbrannte.  Andere
Leute  habe  ich  nie  damit  belästigt.“  Doch  welche
Gegensätze  auch  sonst!  Ludwig  Giesebrecht,  der  ge-1F

  Auf  eine  andere  körperliche  Eigenschaft  weist
er  selbst  in  einem  Brief  an  seine  Eltern  vom  Jahre
1873  hin:  „Wie  dankbar  bin  ich  der  Natur,  daß  sie
mich  so  überaus  mager  erschaffen  hat,“  und  an  anderer

  Stelle:  „Abermals  hatte  ich  Gelegenheit,
meine  Magerkeit  zu  segnen.“  Vgl.  Hans  Hoffmanns
  Briefe  aus  Sizilien  vom  Juli  1873,  aus

der  Urschrift  herausgegeben  von  G.  Eskuche,  Jahresberichl
  des  Stadtgymnasiums  in  Stettin  1910.

Von  Professor  Dr.  C.  Alkenburg  in  Stellin.

borene  Mecklenburger,  wandert  1816  in  Stettin  ein
und  muß  sich  bei  aller  Stammesverwandtschaft  in
pommersche  Art  erst  hineinleben.  Bei  dem  gründlichen
  Studium  der  pommerschen  Vergangenheit
aber  erwacht  bald  in  ihm  die  Liebe  zum  pommerschen
  Volk  und  zur  pommerschen  Heimat,  und  der
Forscher,  seit  1829  Sekretär  der  1824  begründeten
Gesellschaft  für  pommersche  Geschichte  und  Allertumekunde,
  wird  bald  ihr  bester  Deuter  und  Kenner,
  und  daneben  quellen  aus  dem  Urgrund  eines
edlen,  vollen  Herzens  seine  gedankenvollen  Lieder
zum  Preise  pommerscher  Art  in  Geschichte  und
Sage,  pommerscher  Leute  und  pommerscher  Landschaft.
  Bei  allem  Reichtum  des  Giesebrechtschen
Geistes  ist  der  Grundzug  seiner  Dichtungen  der  in
der  Kraft  religiösen,  sittlichen  und  vaterländischen
Empfindens  wurzelnde  Gedankenernst.  Sagt  er  doch
selbst  einmal:  „Studien  in  der  Geschichte,  in  der
Philosephie  und  in  der  antiken,  Poesie  sind  meines
Ermessens  dringendes  Bedürfnis  zur  Bildung  eines
Poeten.“  Aber  auch  Giesebrechts  im  ganzen  reflektierende
  Lyrik  ist  geboren  aus  dem  Erleben  einer
großen  Dichterseele,  die  mit  immer  wachsender
Liebe  und  Treue  an  der  neuen  Heimat  hängt.
Haus  Hoffmann,  der  geborene  Stettiner,  ist  von
vornherein  durch  die  festesten  Bande  mit  seiner  Heimat
  verknüpft.  Doch  als  der  24jährige  Philologe  mit
seinem  Lebensberuf  Schiffbruch  erleidet  und  Rom,
Athen  und  Troja  gesehen  hat,  da  kommt  der  junge  Dichter
  wiederholt  in  Gefahr,  an  südländischer  Schönheit
  sich  zu  berauschen  und  der  nordischen  Heimat
zu  vergessen.  In  seines  Herzens  Ueberdrang  schafft

er  dte  von  der  Sonne  des  Südens  durchglühten
Novellein  „Unter  blauem  Himmel“,  „Bozener  Märchen“,
  „Im  Lande  der  Phäaken“,  Neue
Korfugeschichten"  und  preist  in  jubelnder  Lebensfreude

  und  mit  heiterem  Humor,  was  ihm  auf
Capri  und  Korfu  oder  sonstwo  im  Süden  das
Herz  so  wunderbar  geweitet  und  seine  Lebenslust
gehoben  hat.  Wie  sehr  schon  die  ersten  Erlebnisse
unter  südlichem  Himmel  sein  Herz  ergriffen  haben,
zeigen  einige  schlichte  Sätze  an  die  Eltern  (a.  a.  O.):
„Ganz  wunderbar  war  die  Seefahrt  (nach  Messina),
  die  ich  gestern  ½6  Uhr  antrat.  Erst  die
herrliche  Ausfahrt,  dann  der  Sonnenuntergang,
dann  der  Mondschein,  und  endlich  die  köstliche,