Unser  Dommerland—

„ganz  besonderen,  freundlich  abgelegenen  Winkels,
der  pastoralen,  fast  ländlichen  Idylle“  an  der  Peter-Paulskirche,
  der  Geburtsstätte  des  Dichters;  denn
in  Hoffmanus  Kindheit  bildete  er  noch  „einen  sast
abgeschlossenen,  unbelauschten  Bezirk,  wie  ein  Kinderparadies“",
  heute  aber  ist  auch  von  diesem  Alt-Stetliner
  Idyll  nichts  mehr  vorhanden.  Was  Hoffmann
  über  die  reizvolle  Lage  und  Umgebung  Stettins
  ausführt,  verrät  ein  überaus  gesundes  Urteil
mid  einen  feinen  Blick  für  das  herrliche  Panorama

umseres  Odertals;  mögen  dielen  aus  der  Fremde
zugewandertem  Stettinern,  die  immer  noch  unembfänglich
  für  diese  Schönheiten  sind,  durch  Hoffmanns

  Schilderungen  die  Augen  geöffnet  werden!
Faar  den  Kenner  aber  ist  es  eine  wahre  Freude,  in
ihnen  gewissermaßen  die  Rohstoffe  zu  manchen  herrlichen,
  begeisterten  Darstellungen  in  Hoffmanns
Dichtungen  zu  finden:  ich  erinnere  neair  für  die
oben  angeführte  allgemeine  Charakteristik  Ponmnerns
an  sein  bekanntes  Gedicht  „Pommerland“,  für  die
letzten  Schilderungen  aber  an  Stellen  in  dem  Roman

  Wider  den  Kirfürsten"“  in  der  Novelle
  „Tauwind“  der  Sammlung  „Von  Frühling

  zu  Frühling"  u.  a.  Wie  die  Oertlichkeiten,  so
sind  auch  Hoffmanns  Erlebnisse  der  Jugend  von
cigenartigstem  Reiz,  und  wir  können  es  nach  seiner
keöstlichen  Darstellung  wohl  verstehen,  wenn  er  belennt:
  Eine  gläcklichere  Kindheit  ist  wohl  nicht
leicht  einem  Menschen  beschert  worden  als  mir.“
Missen  wir  auch  in  seine  Klage  über  die  Beseiligung
  der  alten,  idyllischen  Stadtwinkel  miteinstimmen,
  seine  eigenen  Erinnerungen  und  die  aus  diesen
  geschöpfhem  Schilderungen  in  seoinen  Erzählungen
  bieten  uns  einen  unvergleichlichen  Ersatz.

Marum  Haus  Hoffmanm  mit  so  sichtlichem  Behagen
  gerade  pommersches  Küsten=  und  Seeleben
darstellt.  das  wird  uns  klar  durch  seine  Reisen,  die
er  in  frühester  Kindheit  an  die  Ostsee  und  nach
Ueckerminde  machen  durfte,  „dem  unsäglich  kleinen
Haff=  und  Hafenstädtchen,  wo  meine  Großnuntter
mitterlicherseits,  eines  Schiffskapitäns  ziemlich
wohlhabende  Witwe.,  am  Bollwerk  ein  Haus  besa?,
das,  erstaunlich  einfach,  für  uns  Kinder  aller  Wunder
  Fülle  in  sich  schlo  .  Vor  allem  einen  Kuhstall
und  einen  Heuboden.  Auch  ein  Schwein  gab  es:
leider  jedoch  verbot  uns  eine  barbarische  Haussitte
das  Zusehen  beim  Schlachten.  Und  es  wär'’  so
schön  gewesen  Die  Landschaft  von  Ueckermiiinde
  kann  ich  jetzt  wohl  ohne  Uebertreibung  als
ein  wahres  Musterstiick  von  Reizlosigkeit  bezeichnen
—  aber  was  haben  wir  Kinder  alles  in  diese
Jammernatur  hineingelebt!  Noch  jetzt  werde  ich
warm  in  der  Erinnerung.“  Ja  das  wissen  wir  aus
den  Hoffmannschen  Novellen,  die  zu  den  gelungensten
  gehören,  die  er  geschaffen,  „Tante  Fritzchen“
und  „Von  Haff  umd  Hafen“.  Da  können  wir  wieder
  gleichzeitig  einen  Blick  tun  in  das  Erlebnis  des
Dichters  und  seine  Dichtung,  wir  erleben  gewissermaßen,
  mit,  wie  seine  Gestalten  aus  Wirklichkeit
und  Phantasie  geboren  werden.

Für  deft  Forscher  ist  es  eine  reizvolle  Aufgabe,
diesen  Wechselbeziehungen  nachzugehen;  noch  kürzlich
  konnte  ich  an  Ort  und  Stelle  ihnen  nachspüren
und  mir  ein  lebendiges  Bild  von  Hoffmanns  goldenen
  Jugendtagen  im  Geiste  nachschaffen.

„Doch  auch  die  Ostsee  lernte  ich  sehr  früh  kennen.
  Jedes  zweite  oder  dritte  Jahr  ging  die  Familie
  ins  Bad  nach  Heringsdorf,  das  damals  zum
Glück  noch  ein  sehr  bescheiden-idyllisches  Stranddorf
war,  das  von  dem  jetzigen  Glanz  und  Greuel  noch
nichts  ahnte,  dafür  aber  seine  hohen  und  feinen
Naturschönheiten  viel  reiner  zur  Geltung  brachte.“
fährt  unser  Dichter  in  seinem  Selöstbericht  fort  und
berührt  damit  den  Teil  Pommerns,  dem  er  das
Schönste  seiner  Poesie  gewidmet  hat.  Denn  darüber
besteht  heute  kein  Zweifel,  Hoffmann  hat  das  pommersche
  Meer,  seine  Dünen  und  Küsten  zwar  nicht
erst  für  die  Poesie  entdeckt,  wohl  aber  sie  am  vielseitigsten
  geschildert  und  am  schönsten  besungen.
Kann  er  doch  von  sich  sagen:

„Ich  aber  liebe  dich,  mein  Ostseestrand,

Wie  deine  Woge  singt  so  wild  und  weich,

Und  —  mein  Geheimnis,  wen'gen  nur  bekannt  —
Der  wilden  Dünen  rätselhaftes  Reich.“

Ja  er  liebt  sein  pommersches  Meer  auch  im  Winter,
  wie  seine  Skizze  „Am  Ostseestrand  im  Winter“
beweist,  die  unten  vollständig  zum  Abdrutk  konnnt.
Gerade  sie  ist  ein  Musterbeispiel  für  die  oben  von
mir  aufgestellte  Behauptung,  daß  wir  in  Hoffmanms
  in  dem  neuen  Buche  vorliegenden  „Reisebildern
  und  Erinnerungen"  die  Votarbeiten
umd  die  Nohstoffe  zahlreicher  seiner  Dichtungen
  haben.  Man  vergleiche  nur,  wie  er  in  der
Novelle  „Meeresstimmen",  (der  Sammlung  „Von
Frühling  zu  Frühling“")  den  Eisbruch  auf  der  Ostsee
  schildert!  Ein  ähnliches  Verhältnis  besteht  zwischen
  der  Skizze  „Die  kurische  Nehrung“  und  dem
historischen  Roman  „Landsturm“,  dessen  Handlung
sich  dorl  1812  abspielt.  Aber  auch  so  manche  Schilderung
  in  Hoffmanns  einzigartigen  „Östseemärchen“,
in  anderen  Novellen  wie  „Der  Teufel  vom  Sande“,
„Sonnenwende“  (der  Sammlung  „Von  Frühling  zu
Frühling“")  u.  a.  und  in  den  „Dünenbildern"  (in

seiner  Gedichtsammtung  „Vom  Lebenswege“)  hat
ihren  Stoff  oder  Stimmungsgehalt  aus  seinen

Selbsterlebnissen  erhalten.

Nicht  anders  steht  es  mit  den  Menschen;  auch
für  sie  liefern  Hoffmanns  „Reisebilder  und  Erinmerungen“
  reiche  Ausbenute.  Wie  sehr  er  es  liebt,  das
pommersche  Volk  gerade  in  typischen  Vertretern  aus
Geschichte  und  Gegenwart  darzustellen,  habe  ich  an
anderer  Stelle  bereits  nachgewiesen.  1)  Der  Dichter
aber  kommt  uns  auch  selbst  bei  diesem  Bemühen  zu
Hilfe  und  gibt  uns  Aufschluß  einmal  über  das

1)  O.  Altenburg,  Pommersche  Volkstypen  in  der
Dichtung.  Abhandlung  im  Jahresbericht  des  Stadtgymnasiums
  zu  Stetlin  1912.