—  Unser  Pommerland

vermochte  ich  dagegen  in  Swinemünde  auch  jetzt
nicht  zu  entdecken.

Die  Szene  war  gegen  den  Sommer  nicht  wesentlich
  verändert,  nur  das  Treiben  am  Hafen  beträchtlich
  herabgestimmt,  die  zahlreichen  Schiffe  lagen
meist  abgetakelt  und  schläfrig  im  Eise,  doch  befand
sich  auch  eine  Anzahl  großer  Dampfer  in  voller
Löscharbeit  und  bezeugte,  daß  der  Seeverkehr  troßz
des  scharfen  Frostes  nicht  völlig  eingestellt  ist.  Die
Dampffähre  gondelte  munter  wie  in  der  Badezeit
zwischen  beiden  Ufern  hin  und  her;  die  Swine  war
außer  in  den  abgeschlossenen  Ausbuchtungen  eisfrei.
  Die  Kiefernwaldungen  drüben  kümmern  sich
auch  nicht  viel  um  die  Jahreszeit,  kurz,  es  ist  von
keiner  besonderen  Sehenswürdigkeit  zu  vermelden.
Man  friert,  während  man  im  Sommer  schwitzt,  das
ist  im  ganzen  die  auffallendste  Wandlung  der  Verhältnisse
  Dahingegen  hatte  zum  Glück  die  Ostsee
selbst  für  eine  wirksame  Novität  gesorgt:  sie  hatte
Eis.  Es  war  ein  fremdartig  überraschender  Anblick
  für  mich,  als  ich  beim  König-Wilhelms-Bade
von  der  Düne  zum  Strande  niedersteigend  plötzlich
wider  meine  Erwartung  eine  mächtige,  unabsehbare
Eisfläche  vor  mir  sah.  Die  wilde  Ostsee  lag  augenscheinlich
  vom  Frost  gebändigt  in  starrer  Ohnmacht
zu  meinen  Füßen:  ich  hatte  es  ihr  nicht  zugetraut,
das  ihr  so  etwas  passieren  könnte;  und  ich  war
ordentlich  stolz  darauf,  als  hätte  ich  zu  ihrer  Unkerjochung
  etwas  beigatragen.  Jedenfalls  war  es
ein  Schauspiel,  das  ich  noch  nicht  gesehen  hatte,  ein

regelrecht  zugefrorenes  wirkliches  Meer  in  seiner
ganzen  uferlosen  Weite  des  Ausblicks,  ein  Schauspiel

  von  vollwirkender  Großartigkeit.  Es  war  sreilich
  kein  sauber  glänzender,  untadeliger  Spiegel,
wie  ihn  unsere  wackern  Havelseen  in  guten  Wintern
ergeugen,  sondern  bei  genauerem  Zusehen  ein  buntscheckiges,
  holpriges  Flickwerk,  ein  unruhiges  Schollengeschiebe,
  aber  es  war  doch  Eis,  eine  zusammenhängende,

  feste  Decke,  und  gerade  die  Menge  hervortretender
  Punkte,  an  denen  das  Auge  messend

dieselbe  recht  in  voll  gedehnter
Breite  erscheinen.  Und  gleichwie  der  Krieger  in
Zivil  zuweilen  bei  passender  Gelegenheit  mit  der
Rechten  zuckend  nach  der  leeren  Schwertseite  greift,
so  tastet  der  winterliche  Fußwanderer  wohl  träumend
  nach  einem  imaginären  Paar  Halifax  —  o  ja,
welch  eine  unvergleichliche  Wonne  müßte  das  sein,
so  auf  soliden  Schlittschuhen  über  die  freie,  schweigende
  Ostsee  hinausfliegen,  um  den  Kreidefelsen  von
Stubbenkammer,  dem  Vorgebirge  von  Arkona  vorbei
  geradewegs  nach  Kopenhagen  oder  nach  Schweden
  hinüber!  Es  soll  ja  in  einem  besseren  Jahrhundert
  schon  dagewesen  sein,  daß  man  auf  Schlitten
  von  der  pommerschen  zur  schwedischen  Küste
hinüberfuhr,  warum  sollte  es  in  unserem  Säkulum
undenkbar  sein?  Ich  wenigstens  habe  dieses  nie  für
völlig  entartet  halten  mögen,  trotz  aller  Sünden  der
alternden  Kulturmenschheit.
lnd  doch  war's  diesmal

schöne  Eisdecke,  die  da  mit  so

haften  lann,  ließ

eitel  Illusion.  Die
sicherem  Anstande

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vor  mir  ausgebreitet  lag,  war  kaum  etwas  viel
Besseres  als  eine  optische  Täuschung.

Was  zuerst  stutzig  machte,  war  ein  auffallend
starkes  Rauschen  wie  bei  lebhaftem  Wellenschlage,
jedoch  von  einer  besonderen  und  ungewohnten
Klangfarbe,  mehr  ein  potenziertes  Knirschen  und
Rascheln;  man  hörte  deutlich,  daß  es  nicht  dumpf
unter  der  Eisdecke  hervordrang,  sondern  direkt  von
dieser  selbst  ausging.  Doch  erst  wenn  man  dicht
am  Ufer  stillsteht  und  aufmerksamer  hinblickt,  bemerkt
  man,  daß  die  ganze  Eismasse  sich  in  leiser
Bewegung  befindet,  sich  in  bangen,  schweren  Wellen
  hebt  und  senkt  wie  ein  dickflüssiger  Brei.  Die
letzten  kleinen  Brandungswellen  spritzen  dabei  fortwährend
  einen  lockeren  Eisgrus  auf  den  Sand  und
haben  so  einen  längs  des  ganzen  Strandes  endlos
hinlausenden  Schneewall  aufgehäuft,  der  aussieht,
als  wäre  der  Wellenschaum  selbst  unmittelbar  zu
Eis  erstarrt.  Betrachtet  man  dieses  Schaumeis  ganz
aus  der  Nähe,  so  unterscheidet  es  sich  wesentlich
mur  durch  die  gröbere  Teitur  von  den  echten  Schnecflocken
  des  Himmels.

Das  ungefähr  war  der  Anblick  der  winterlichen
Ostsee,  wie  sie  sich  mir  während  der  Morgenwanderung
  nach  Heringsdorf  darstellte.  Erst  dort  konnte
ich  von  der  Aussichtshöhe  des  Kulms  feststellen,  daß
auch  die  endlose  Ausdehnung  des  Eises  eine  Augentäuschung
  gewesen,  da  in  Wahrheit  nur  ein  mäßig
breiter  Streif  längs  der  Küste  mit  jener  zweifelhaften
  Schollendecke  belegt  war.  Ich  sah  auch  von
derselben  Höhe  aus,  wie  ein  Fischerboot  sich  durch
das  Geschiebe  hindurcharbeitete,  schwer  und  mühsam
  allerdings,  aber  die  Leute  waren  doch  ersichtlich
  in  der  Lage,  die  Ruder  regelrecht  zu  benutzen
und  in  das  schlaffe  Eis  einzutauchen  als  in  einen,
zähen  Brei.  Und  später  flog  das  Boot  lustig  über
das  offene  Wasser  dahin.  Außer  diesem  einen  kleinen
  Fahrzeug  entdeckte  ich  während  des  ganzen  Tages
  kein  Segel  und  keine  Dampfsäule  am  weiten
Horizont.  Das  Meer  ist  verödet  wie  das  Land.

Das  Schauspiel,  welches  der  winterliche  Strand

selber  bietet,  ist  ein  ödes  und  trostloses.  Keiner
menschlichen  Seele  begegnete  ich  auf  der  langen

Strecke;  die  Fischerboote  von  Ablbeck  lagen  tatlos
und  verdrossen  im  festgefrorenen  Sande,  und  ganz
trübseltg  nahmen  sich  die  schwarzen  ekelette  der
Badeanstalten  aus.  Nur  Schwärme  von  Krähen
hocken  im  Sande  und  auf  dem  Eise,  aber  das  sind
ungemütliche  Bögel,  die  von  vornherein  an  Herbst,
Sturm,  Vergänglichkeit  und  Verwesung  erinnern.

Man  ist  so  sehr  gewöhnt,  dies  Gestade  von  fröhlichem
  und  dauernd  festlichem  Menschenleben  überwimmelt
  zu  sehen,  daß  nun  die  ruhende  Einsamkeit
  der  Natur  als  Oede  und  unbehagliche  Verlassenheil
  erscheint.

Auch  Ahlbeck  und  Heringsdorf  machten  kein
freundliches  Gesicht.  Ich  war  vor  Jahren  einmal
mach  Schluß  der  Badezeit  dort  gewesen  und  hatte
mich  entz'ickt  an  der  friedlichen  Heimlichkeit  der  stillen
  Dörfer,  an  der  wunderbaren,  fast  weihevollen