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Stimmung  der  sich  selbst  zurückgegebenen  Natur:
aber  das  war  im  Oktober,  wo  die  Bäume  noch  im
freudigen  Schmuck  des  bunten  Herbstlaubes  rausch—
ten,  das  Leben  des  Waldes  noch  das  lärmvolle
Treiben  der  entflohenen  Sommergäste  überdauerte,
die  goldene  Spätsonne  noch  warm  und  wohlig  darüber
  schten  und  dem  schweigsamen  Bilde  Licht  und
heitere  Farbe  gab.  Und  damals  war  wirklich  Nuhe
im  Lande;  die  verschlossenen  Häuser  und  Gärten
schienen  sich  in  behaglich  schweigender  Beschaulichkeit
  von  dem  Geschwirre  und  Geplapper  der  wilden
Sommertage  sanftmütig  zu  erholen.

Das  war  jetzt  alles  ganz  anders.  Kein  Leben
und  doch  keine  rechte  Ruhe,  Verödung  und  doch
keine  Einsamkeit.  Schon  ehe  ich  vom  Strande  her-Gulbfstieg,
  dröhnte  mir  unruhiges  Hämnern  und
Klappern  entgegen,  und  ein  breiter,  plelfenstriger
Kasten,  der  sich  alsbald  auf  der  Düne  neben  dem
Kurhause  im  Rohbau  präsentierte,  verriet  mir  die
Ursache.  Und  so  zeigt  sich  auch  im  Innern  des  Ortes
  eine  hastige  Bautätigkeit  mit  all  ihrem  Wirrwarr
und  ihrem  Unbehagen.  Man  hat  die  stolze  Schöne
der  Sommermonate  bei  ihrer  Toilette  überrascht:
und  das  tut  wunderselten  gut.  Es  geht  hier  eben
umgekehrt  wie  in  den  Gropßstädten:  gerade  wenn  in
diesen  die  Bauzeit  aufhört,  fängt  sie  hier  an;  trozz
aller  Ungunst  der  Witterung  müssen  die  Wintermonate
  benutzt  werden,  mit  dem  ersten  Frühling
muß  alles  wieder  im  vollen  Wichs  dastehen,  marß
aller  Bauschutt  und  Kalkgeruch  verschwunden  sein.
So  mischt  sich  denn  der  Eindruck  der  Menschenverlassenheit
  höchst  sonderbar  und  unerquicklich  mit
dem  eines  unruhigen  Werktreibens;  Heringsdorf
gleicht  fast  einer  kalifornischen  Stadt,  die  sich  nach
Erschöpfung  einer  Goldmine  plötzlich  entleert  hat
umnd  sich  nach  Entdeckung  einer  neuen  eben  wieder
zu  füllen  beginnt.

Etwas  Kalifornisches  hat  ja  auch  das  ganze
Aussehen  und  die  Bauart  der  Häuser  und  Billen
an  sich.  Im  Sommer,  wenn  das  lustige  Grün  alles
siberkleidet  und  freundlich  vermittelt,  pflegt  man
für  dergleichen  Dinge  mildere  oder  auch  gar  keine
Augen  zu  haben,  jetzt  aber  drängt  es  sich  auf;  es
ist  meist  ein  recht  unsolides  Wesen,  was  sich  da  breit
macht,  eine  schäbige  Eleganz,  ein  Geprotze  aufsgeputzter
  Hütten,  ein  gedankenloses  Säulengeflunker,
selten  einmal  ein  ruhig  schönes  und  anständiges
Landhaus,  das  sich  hier  auf  der  Düne  unter  dem
schlichten  Buchenlaub  zu  Hause  fühlen  kann.  Dafür
  ist  Heringsdorf  ja  auch  einer  Aktiengesellschaft
zugehörig,  welche  es  für  ihre  Pflicht  hält,  das  geehrte
  Publikum  aller  Ecken  und  Enden  an  ihre
Eristenz  zu  erinnern:

Da  steht  im  Wald  geschrieben
Ein  stilles  ernstes  Wort  —

nämlich  alle  paar  hundert  Schritt  stattliche  Holztafeln
  mit  der  stimmungsvollen  Mahnung:  „Kuranlagen
  Dem  Schutze  des  Publikums  empfohlen.
Akt.-Ges.  Seebad  Heringsdorf.“  O  Poesie  jung-—

  Anser  Dommerland

fräulicher  Waldeinsamkeit!  Ach  ja,  wer  das  alte
Heringsdorf  gekannt  hat,  mag  wohl  erstaunen,  mit
wie  sicherem  Besen  eine  Aktiengesellschaft  aus  dem
lieblichsten  Erdenwinkel  die  Poesie  auszufegen  versteht.
  Und  wenn  noch  wenigstens  ein  wirklich  vornehmes
  Weltbald  dabei  herausgekommen  wäre!  Aber
—  kurzum,  die  Winterstimmung  eines  Seebades  ist
eine  verdrießliche  und  nörglige.

Denn  freilich,  auch  die  landschaftlichen  Reize
kommen  nicht  zu  ihrem  Recht,  denn  was  ist  das
köstliche  Juwel  der  norddeutschen  Landschaft,  unser
Buchenwald,  ohne  seine  Vlätter?  Der  Blick  in  die
Ferne,  über  das  Meer  und  hinüber  zu  den  schönen
Bergen  von  Misdroy,  behält  zwar  immer  seine
Pracht,  aber  er  gleicht  wun  doch  einem  wohlkonwpomerten
  Gemälde,  in  welchem  eine  drübergefahrene
Pfuscherhand  den  Vordergrund  versunpst  hat.  Und
gerade  der  Vordergrund  verleiht  manchen  Heringsdorfer
  Aussichten  einen  so  einzigen  und  eigenartigen
  Reiz.

Also  nur  noch  einen  Scheideblick  vom  Kulm—
Himnel  —  wie  ist  dieser  einst  so  anmutig  stille
Waldgipfel  von  dem  herandrängenden  Privatbesitz
(„Zutrite  verboten“)  eingeschnürt  worden!  —  auf
die  gefrorene  See  und  dann  zurück  nach  Swine-=münde,
  diesmal  der  größeren  Eile  halber  auf  der
Chaussee;  der  Magen  fängt  an,  ein.  Wörtchen  mitzureden
  Denn  alles,  was  Hotel  und  Kurhaus  umd
Weinstube  und  Gesellschaftshaus  heißt,  zeigt  schnöde
verrammelte  Türen  und  nur  die  niederen  Pforlen
der  schlichten  Materialisten  öffnen  sich  allenfalls  mil
durststillender  Gastlichkeit.

Nachmittags  machte  ich  der  See  noch  einen,  zweiten
  Besuch  auf  der  Westmole.  Und  siehe  da,  in
den  wenigen  Stunden  hatte  ein  wahrhaft  verblüffender
  Szenenwechsel  stattgefunden.  ganze
mächtige  Eisfläche,  welche  noch  eben  meine  Augen
so  lebhaft  beschäftigt  hatte,  war  spurlos  verschivunden,
  weggeblasen  wie  loser  Schaum,  und  wo  sie
gewesen,  da  stürzten  und  überstürzten  sich  wilde,
ppächtige,  weißmähnige  Wellen  dumpfbrausend  mit
dem  echten,  offenen  Brausen  des  freien  Meeres  in
rasender  Eile  an  den  Strand.  Die  Eismassen  aber,
welche  ihn  zuvor  umglürtet,  lagen  teils  zerrieben
und  zermahlen,  teils  aufgetürmt  und  ineinandergeschoben
  im  Sande,  und  die  Schollen,  erwiesen  sich
durchweg  als  ein  armseliger  bröckliger  und  matschiger
  Plunder,  kaum  noch  von  der  Konsistenz  eines
gediegenen  Konditoreises.

Der  alle  Meergott  braucht  nur  in  aller  Gemütsrithe
  ein  wenig  die  weißen  Locken  zu  schütteln,  um
all  die  mühselige  Kristallarbeit  der  gewerbfleißigen
Wintergnomen  vom  Nacken  zu  schütteln.  Ein  harmloses
  Halsband  mag  er  wohl  einmal  eine  Weile
dulden,  er  hütet  sich  aber  wohl,  es  zur  Fessel  werden
  zu  lassen.

Mit  dem  Eislauf  nach  Schweden  war  es  wirklich
nichts.

Die