Die  Cicbelose.

Erzählung  aus  der  pommerschen  Herzogszeit  von  Olto  Droß.

(Fortsetzung.)

Nachdem  von  allen  das  Gegenteil  versichert  war,
fuhr  der  Sprecher  fort:  „Nun  fragt  mich  Herr  Jakzo
soeben,  aus  welchem  Grunde  ich  den  alten  Murkopf
  überhaupt  mil  einer  Einladung  bedacht  habe.
Das  ist  nun  eine  Frage,  ihr  Herren,  die  euch  alle
in  gleicher  Weise  angehlt  und  die  ich  deshalb  vor
euch  allen  beantworien  will.  Es  ist  mir  bekannt,
daß  Herr  Dubnitz  gern  Gelegenheit  nimmt,  seine
dem  Vaterlande  feindlichen  und  verderblichen  Ansichten
  zu  Platze  zu  bringen.  Da  er  nim  leider
nicht  der  einzige  ist,  der  so  gemeingefährliche  Gesinmung
  hegt,  und  da  manchem  unter  euch  die  volle
Schädlichkeit  dieser  volksfeindlichen  und  staatsgefährlichen
  Anschauungen  nicht  bekannt  sein  mag,  so
habe  ich  durch  seine  Einladung  euch  allen  Gelegenheit
  gegeben,  von  der  haarsträubenden  Tatsache  selber
  Kenntnis  zu  nehmen,  wobei  ich  zugleich  die
wohl  nicht  unberechtigte  Hoffnung  hegte,  irgend
einen  etwa  sorglosen  Vaterlandsfreund  aufzurütieln

und  an  seine  Pflicht  zu  gemahnen.  Ihr  habt  es
num  mit  eigenen  Ohren  gehört:  Die  heimlichen

Treibereien  bestimmter  Leute  gehen  auf  nichts  mehr
oder  weniger  hinaus,  als  mit  Hilfe  der  neuen  Lehre
unser  geliebtes  Pommernland  in  die  Gewalt  der
verhaßten  Deulschen  zu  bringen.  Für  den  Polen
setzen  sie  den  Deutschen  ein.  Dieselbe  Sache  unter
anderem  Namen!  —  Und  dabei  müssen  wir  doch
der  Wahrheit  gemäß  zugestehen,  daß  es  dem  Polen
zunächst  nur  um  die  Oberhoheit  über  das  Pommernland
  zu  tun  ist,  nicht  um  den  Besitz  des  Landes
selbst.  Der  Deutsche  aber  ist  ein  armer  Schlucker,
wie  ihr  alle  wißt.  Er  schielt  mit  dem  einen  Auge
nach  Macht,  mit  dem  anderen  nach  Landbesitz.  Ihr
babt  ja  wohl  alle  vernommen,  in  wie  rücktsichtsloser
Weise  er  dort,  wo  man  ihn  duldete  oder  dulden
mußte,  diese  Landgier  zu  befriedigen  suchle.  Blickt
nur  ins  Hevellerland  und  in  das  Obotriden=  und
Wilzengebiet!  Die  fettesten  Aecker,  die  fischreichsten
Gewässer,  die  wildreichsten  Waldungen  sind  in  den
Händen  des  Deutschen.  Und  darin  gleicht  er  dem
Krähengesindel:  Haben  sich  nur  erst  einige  wenige
angesiedelt,  so  währt  es  nicht  lange  und  die  ganze
Gegend  wimmelt  von  dem  eklen  Raubgesindel.  Auch
in  unserer  nächsten  Nachbarschaft  hat  sich  nun  bereits
  so  ein  Halunke  eingenistet,  und  wie  lange

wird  es  dauern,  so  ladet  der  Herr  Bischof  zu  Wollim
  oder  unser  kurzsichtige  Herr  Fürst  ganze  Scharen
  dieses  Ungeziefers  zu  uns  ein  und  wir  —  müssen
  uns  bescheiden.  Von  meinem  Bruder  Gniefomar,
  dessen  Herrschaft,  wie  ihr  wißt,  bei  Wollin
liegt  und  der  häufiger  mit  dem  Fürsten  zusammenkommt,
  habe  ich  nämlich  erfahren,  daß  dieser  den
verderbnisvollen  Einflüsterungen  der  Hochverräter
bereits  offenes  Ohr  geliehen  hat  und  einer  Einwanderung
  der  Deutschen  mehr  fördernd  als  hindernd
  begegnen  möchte.  Ich  für  mein  Teil  verspüre
mun  nicht  die  geringste  Lust,  mich  aus  meinem  von
meinen  Bätern  ererbten  Besitztum  auf  diese  hundssötlische
  Art  verdrängen  zu  lassen.  Aber  wie  ihr,
meine  Freunde,  darüber  denkt,  hat  mir  noch  keiner
verraten.“

Nun  hielt  der  Redner  eine  Weile  inne,  um  die
Wurkung  seiner  bisher  geäußerten  Worte  abguwariel.
  Inzwischen  tat  er  einen  Trunk  aus  seiner
Kanne  und  forderle  auch  seine  Gäste  zum  Trinken
auf.

Daß  die  Edlen  aber  ganz  seiner  Melnung  waren,
  bewiesen  die  Entrüstungsrufe,  die  lber  das
verruchte  Treiben  der  Deutschen  laut  wurden.
Worte,  wie  „Tod  den  Deutschen!“,  „Ersäuft  werden
die  Hunde!“,  „Ob  deulscher  Eber  oder  polnisches
Schwein,  die  Wurst  ist  dieselbe!“  und  ähnliche
Aelußzerungen  schwirrten  die  Kreuz  und  Quer  über
den  Tisch.

Herr  Sambor  betrachtete  seine  Leutel  einige
Augenbölicke  schweigend,  worauf  er  mit  freundlichem
Lächeln  und  Zunicken  von  neuem  anhub:

„Als  ob  ich  die  vaterländische  Gesinnung  meiner
lieben  Freunde  nicht  wie  meine  eigene  kenntel  Es
wäre  ja  auch  widernatürlich,  wenn  der  pommersche
Edle  Vaterland  und  eigenen  Besitz  aus  Feigheit

oder  Sorglosigkeit  fremdem  Volke  überantworten
wollte.  Zu  meiner  aufrichtigen  Freude  sehe  ich,

daß  die  neue  Lehre  von  der  Feindesliebe  uns  Pommern
  doch  noch  nicht  bis  zu  vbölliger  Selbstentnervung
  und  Selbstschändung  zu  erniedrigen  vermocht
hat,  wenn  auch  in  den  fünfundzwanzig  Jahren,  die
seit  ihrem  Aufkommen  verflossen  sind,  viel  gegen
umsere  heiligsten  Güter  gesündigt  sein  mag.  Einen
schlagenden  Beweis  für  meine  letztere  Befürchtung
habt  ihr  ja  soeben  alle  erfahren.  Ja,  gesündigt  ist