118

lichen  Alter,  wo  hinter  der  unmittelbarsten  Gegenwart
  Vergangenheit  und  Zukunft  verschwinden;  uns
trübte  das  wenig  die  Freude  an  den  Siegen  und
dem,  was  sie  uns  brachten  In  der  Nähe  des
Gymnastums  lag  die  Post,  wo  die  neu  eingeirofse—
nen  Nachrichten  angeschlagen  wurden.  Auf  dem
Wege  zur  Schule,  in  jeder  Pause  lief  groß  und
llein  hin,  Uum  zu  sehen,  ob  nichts  Neues  vom
Kriege  gemeldet  war.  Die  Großen  lasen  vor,  und
wenn's,  wie  gewöhnlich,  eine  Siegesbolschaft  war,
dann  stürmten  wir  Kleinen  wie  besessen  zurück,  um
die  ersten  zu  sein,  die  frei  bekamen.  Denn  darin
war  unser  sonst  so  strenger  Direktor  sehr  freigebig
—  oder  tläuscht  mir  nur  die  Erinnerung  vor,  dag
wir  damals  fast  immer  ein  freies  Leben  voller
Wonne  führten?

Eines  Nachts,  es  mochte  wohl  10  oder  11  Uhr
sein,  und  wir  Kinder  schliefen  schon,  wurde  es
plötzlich  auf  den  sonst  so  stillen  Strapen  laut:  man
rannte,  rief  und  schrie.  Der  Lärm  näherte  sich,
durch  den  herzförmigen  Ausschnitt  in  den  Laden
sielen  Lichtstrahlen  in  unser  dunkles  Zimmer  und
huschten  an  der  gegenüberliegenden  Wand  entlang,
und  da  tam  auch  schon  der  Vater  aus  seiner  Schlaf—
stuve,  stieß  die  Laden  auf  und  fragte,  was  passtert
wäre.  Draußen  war  die  Straße  voller  Menschen,
die  Fackeln,  Kerzen,  Lampen,  Laternen  in  den
Händen  trugen;  alles  jubelte  „Napoleon  ist  gefangen!“
  Bekannte  riefen  meinem  Vater  zu  und  forderten
  ihn  auf,  mitzukommen.  Er  ging,  und  wir
Jungen  schliefen  mit  dem  glücklichen  Bewucstsein
ein,  daß  morgen  ein  freier  Tag  war.  Und  unsere
Hoffnung  wurde  nicht  getäuscht.  Alle  Lehrer,  selbst
der  ernste  Direktor,  waren  am  andern  Morgen  ganz
aus  dem  Häuschen.  Tränen  standen  ihm  in  den
Augen,  als  er  uns  nach  einer  kurzen  Ansprache  in
der  Aula  entließ.  Den  ganzen  Vormittag  war  die
Post  von  Neugierigen  belagert;  jeder  wartete  gespannt
  auf  nähere  Nachrichten.  Es  wurde  Mittag,
es  wurde  Nachmittag;  die  sehnlichst  erwartete  Kunde

blieb  aus.  Zweisel  wurden  laut,  die  Menge  zerstreute
  sich,  und  schließlich  stellte  sich  der  ganze
Sieg  samt  der  Gefangennahme  Napoleons  als

Scherz  einiger  Stargarder  lustiger  Zechkumpane  heraus.
  Das  Beste  war,  wir  Jungens  hatten  unsern
freien  Tag  weg.  So  genossen  wir  das  Vorrecht,
Napoleons  Gefangennahme  zweimal  zu  feiern.
Denn  Sedan  ließ  nicht  lange  auf  sich  warten.

Das  war  ein  Jubel!  Jeder  glaubte,  der  Krieg
wäre  damit  zu  Ende.  Völkerschlachten  wurden  von
der  Jugend  auf  dem  Müllerkamp  in  den  alten  Gräben,
  auf  den  Wällen  und  den  spärlichen  Resten  der
Stadtmauer  geschlagen,  und  von  nie  erhörten  Heldentaten
  wußte  jeder  zu  berichten,  wenn  nach  dem
Abendessen  die  Hände  sauber  gewaschen  waren  und
es  ans  Scharpiezupfen  ging.  In  unserer  Bekanntschaft
  gab  es  keine  Familie,  in  der  nicht  Abend  für
Abend  eine  Stunde  darauf  verwandt  wurde.  Dabei
wurden  Geschichten  erzählt  oder  auch  vaterländische
Lieder  gesungen  wie  „Ich  bin  ein  Preuße“,  „Heil

—  Unser  Dommerland

dir  im  Siegerkranz“,  „Deutschland  über  alles“  und
besonders  „Es  braust  ein  Ruf  wie  Donnerhall“.

Mein  Vater  las  damals  den  „Kladderadatsch“.
Verstanden  wir  Kinder  auch  meistens  die  treffenden
humoristisch-satirischen  Bemerkungen  nicht,  mit  denn
er  die  Ereignisse  draußen  im  Felde  begleitele,  so
waren  doch  die  oft  grotesken  Bilder  dazu  unsere
Wonne,  und  manche  haben  sich  unauslöschlich  dem
Gedächtnis  eingeprägt.  Da  war  gleich  zu  Anfang
des  Krieges  elns,  das  den  Kaiser  Napoleon  darstellte,
  wie  er  eine  große  Schüssel  dampfenden  Butes
  an  die  Lippen  setzt.  Die  Unterschrift  „Das  Ungetüm
  will  Blut  saufen“  war  lange  Zeit  auch  nach
dem  ANriege  noch  neben  „Haut  ihn,  daß  die  Lappen
  fliegen"  unser  Schlachtruf.  Auf  einem  andern
Bilde  fuhr  Napoleon  auf  einem  Beloziped  —  so
hieß  damals  noch  das  Fahrrad  —  auf  einem  Drahtseil
  über  den  Rheinfall.  Lulu,  der  rücklings  hinter
  dem  Vater  sitzt,  ruft  ihm  ängstlich  zu:  „Papachen,
  es  kippelt!“  Unvergeßlich  aber  sind  mir  die
Bilder  Bismarcks  mit  den  drei  Haaren  auf  dem
kahlen  Schädel.  Mit  dem  Füsilier  Kutschke,  in  dem
der  Kladderadatsch  damals  den  preußischen  Landwehrmann
  verkörperte,  konnte  ich  lange  Zeit  nicht
ins  reine  kommen.  Mir  war  es  unbegreiflich,  da;
Kutschke  als  Soldat  im  Felde  sein  sollte,  wo  ich
Kutschke  doch  jeden  Tag  als  meinen  Lehrer  vor  mir
auf  dem  Katheder  sah.  Da  ich  aber  meinen  Augen,
Ohren  und  gelegentlich  auch  meinem  Gefühl  in  den
oft  spielenden  und  deshalb  geklopften  Fingern  mehr
traute  als  dem  „Kladderadatsch",  so  kam  ich  allmählich
  dazu,  an  der  Existenz  des  Füstiliers  Kutschke
zu  zweifeln  und  ihn  als  eine  sagenhafte  Person  zu
betrachten.

Ein  großer  Tag  war  es  für  uns  Jungen,  als.
die  ersten  Gefangenen  durch  unser  stilles  Städtchen
kamen,  Franzosen,  Turkos  und  Zuaven.  Sie  waren
  aber  gar  nicht  niedergeschlagen  oder  gar  beträbt,
  sondern  nahmen  lachenden  Mundes  die  Crfrischungen
  und  Zigarren  in  Empfang,  die  ihnen
die  gutmütigen  Bürger  zusteckten:  ein  Franzose  saß
dabei  im  ersten  Gasthof  der  Stadt  am  Markt  auf
der  Fensterbank  und  ließ  die  Beine  nach  draußen
baumeln.

Nach  und  nach  wurden  die  Siegesnachrichien
und  das  Feiern  zur  Gewohnheit;  daher  haben  sich
mir  bemertenswerte  Einzelheiten,  die  ich  wohl  auch
später  erlebt  haben  werde,  im  Gedächtnis  verwischt.
Und  dann  —  kam  die  Uebergabe  von  Paris  und
der  Waffenstillstand.  Wann  die  Nachricht  davon  in
meine  Heimat  gelangt  ist,  weiß  ich  nicht.  Jedensalls
  schien  sie  die  Gewähr  eines  baldigen  Friedens
zu  bieten  und  sollte  daher  von  der  Bürgerschaft
ganz  besonders  gefeiert  werden.  Nun  stand  in  dem
kleinen  Nachbarstädtchen  Falkenburg  auf  dem  Schlo;
eine  alte  Kanone,  die,  Gott  weiß  wann  und  wie,
dorthin  gekommen  war.  Die  gedachten  meine  Landsleute
  sich  zum  Viltoriaschießen  zu  leihen.  Was  weiter
  geschehen,  meldete  bald  danach  der  „Kladder-